2. April 2026, 08:13

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Jagd

Jagdlobby nutzt Meinungsforschung als PR-Waffe

Jagd Österreich und die Landesjagdverbände feiern eine neue Umfrage als historischen Erfolg. Doch wer die Studie genau liest, erkennt: Das Bild hat mehr mit Marketing als mit Meinungsforschung zu tun.

Redaktion Wild beim Wild — 7. März 2026

Im Februar 2026 verbreitete der Dachverband Jagd Österreich eine Pressemitteilung, die es in sich hatte. «85 Prozent sagen Ja!», so der Slogan, der seither auf den Webseiten der Landesjagdverbände prangt, von Kärnten bis Vorarlberg.

Gemeint ist das Ergebnis einer Umfrage, die das Institut für Demoskopie & Datenanalyse (IFDD) im Dezember 2025 im Auftrag von Jagd Österreich unter wahlberechtigten Österreicherinnen und Österreichern durchführte. Die Botschaft soll klar sein: Die Bevölkerung steht hinter der Hobby-Jagd, Reformforderungen haben keinen gesellschaftlichen Rückhalt, der Status quo ist legitimiert.

Doch wer die Studie kritisch liest, stellt fest: Die Zahl sagt etwas ganz anderes, als die Jagdlobby behauptet.

Die entscheidende Frage und was sie verschweigt

Die Kernfrage der Umfrage lautete: «Unabhängig von Ihrer persönlichen Meinung zur Jagd: Gestehen Sie es anderen Menschen in Ihrem Land zu, zu jagen, wenn sie dies gemäss den geltenden Jagdgesetzen und -vorschriften tun?»

Diese Formulierung ist methodisch brisant. Sie fragt nicht, ob die Befragten Hobby-Jagd gut finden, sinnvoll halten oder beibehalten wollen, sie fragt lediglich, ob sie anderen eine gesetzlich erlaubte Tätigkeit zugestehen. Das ist eine Frage nach liberaler Toleranz, nicht nach inhaltlicher Zustimmung. Mit derselben Logik könnte man fragen: «Gestehen Sie es anderen zu, legal Alkohol zu trinken?» und 95 Prozent Zustimmung als «hohe Akzeptanz für Alkohol» verbuchen.

Die zweite Aussage, die ebenfalls 85 Prozent Zustimmung erzielte, ist ähnlich konstruiert: «Die Jagd ist etwas Positives, wenn sie verantwortungsvoll und ethisch ausgeübt wird.» Das konditionierte «wenn» ist entscheidend. Wer dieser Aussage zustimmt, sagt nicht, dass die Hobby-Jagd tatsächlich so ausgeübt wird, sondern nur, dass eine hypothetisch-ideale Hobby-Jagd positiv wäre. Auch die Zustimmung zum Trophäenandenken (84 Prozent) wurde nur unter der Bedingung erhoben, dass «die Jagd gesetzeskonform erfolgt und einen Beitrag zum Naturschutz leistet». Solche Bedingungen sind PR-Konstrukte, die reale Jagdpraxis ausblenden.

Auftraggeber, Institut und Interessenkonflikt

Die Umfrage wurde direkt von Jagd Österreich in Auftrag gegeben. Das IFDD, das die Erhebung durchführte, ist kein unabhängiges Forschungsinstitut, sondern ein kommerzieller Dienstleister, der auftragsgemäss arbeitet, also nach dem Fragenkatalog und den Auswertungspräferenzen des Auftraggebers. Das ist in der Marktforschung üblich, macht die Ergebnisse aber für politische Legitimationszwecke untauglich.

Dieselbe Problematik ist aus der Schweiz bekannt: Der Dachverband Jagd Schweiz liess beim Marktforschungsunternehmen Demoscope eine Umfrage durchführen, die zu dem Schluss kam, «die grosse Mehrheit der Schweizer Bevölkerung ist der Meinung, dass hierzulande nachhaltig und tierschutzgerecht gejagt wird». Dasselbe Institut Demoscope hatte jedoch ein Jahr zuvor, diesmal im Auftrag des Schweizer Tierschutzes (STS), ermittelt, dass 64 Prozent der Schweizer Bevölkerung die Baujagd verbieten wollen und nur 21 Prozent sie beibehalten möchten. Zwei Studien, dasselbe Institut, zwei entgegengesetzte Bilder, je nach Auftraggeber.

Der Echoraum: Wie Halbwissen zur Doktrin wird

Immer wieder werden aus dem Hobby-Jäger-Milieu Behauptungen verbreitet, die bei genauer Analyse ihren Ursprung nicht in der Wissenschaft, sondern in der Jagdliteratur und ähnlich unwissenschaftlichen Quellen haben. Das liegt vor allem an der häufig unzulänglichen Ausbildung in den Kursen zur Jägerprüfung: Diese werden überwiegend von Personen durchgeführt, die teils sektenartiges Gedankengut vertreten und keinen regulären pädagogischen Qualifikationsnachweis benötigen. Wildbiologie, Ökologie und Tierschutzrecht kommen dabei bestenfalls am Rand vor, Jagdtradition und Revier-Ideologie dominieren den Lehrplan.

Nach der Ausbildung bewegt sich die Hobby-Jägerschaft fast ausschliesslich im Echoraum der Jagdpresse, die schiefe und oft schlicht falsche Darstellungen stetig wiederholt und verstärkt. In Jagdvereinen bestätigt man sich gegenseitig in der eigenen Weltsicht, es entsteht eine abgeschottete, für neue wissenschaftliche Informationen kaum zugängliche Gemeinschaft mit ausgeprägtem Korpsgeist. Das wäre gesellschaftlich weniger problematisch, bliebe dieses Milieu unter sich.

Das Fatale ist jedoch: Lokalpresse und Politik glauben bis heute, unter dem Jägerhut stehe Sachwissen bereit, und befragen bei Naturthemen reflexartig die örtliche Hobby-Jägerschaft. Wolf, Fuchs, Reh, Waldzustand, Wildschweinbestände: Die Hobby-Jägerschaft gilt als Expertengruppe, obwohl sie Interessenpartei ist. Auf diese Weise kontaminiert die Hobby-Jägerschaft systematisch den öffentlichen Diskurs mit Halbwissen, das von Redaktionen unkritisch übernommen und weiterverbreitet wird. Genau diesen Mechanismus analysiert das Dossier «Medien und Jagdthemen» von wildbeimwild.com und liefert einen konkreten Werkzeugkasten, um ihn zu erkennen.

Was passiert, wenn man konkrete Praktiken benennt?

Der Unterschied zwischen vagen Zustimmungsfragen und konkreten Fragen zu realen Jagdpraktiken ist dramatisch. Sobald Befragte wissen, worum es bei bestimmten Methoden tatsächlich geht, kippt die Stimmung.

Laut STS-Umfrage: 64 Prozent wollen die Baujagd (bei der Hunde auf lebende Füchse in künstlichen Röhren gehetzt werden) verbieten. 43 Prozent wollen die Treibjagd vollständig verbieten, weitere 32 Prozent sie stark einschränken, zusammen 75 Prozent für ein Ende oder eine massive Beschränkung dieser Jagdform. Bereits die WaMos-2-Studie von 2012 zeigte, dass 79 Prozent der Schweizer Bevölkerung der Hobby-Jagd gegenüber Vorbehalte haben oder sie grundsätzlich ablehnen.

Der Framing-Trick: Toleranz als Akzeptanz verkaufen

Das Kernproblem liegt im bewussten Framing: Die Jagdlobby übersetzt «Toleranz gegenüber einer gesetzlich erlaubten Tätigkeit» in «gesellschaftliche Akzeptanz» und daraus wiederum in «gesellschaftlichen Auftrag». Das ist eine dreistufige rhetorische Verschiebung, die in einer öffentlichen Debatte nicht unwidersprochen bleiben darf.

Zum Vergleich: Wildtiere sind res nullius, sie gehören niemandem. Sie sind Gemeingut der gesamten Gesellschaft, nicht nur der rund 135’000 österreichischen Hobby-Jagdlizenzierten. Das Verhältnis von Hobby-Jägerschaft zu Nicht-Jagenden liegt in Österreich und der Schweiz in etwa bei 1 zu 60. Trotzdem werden die Interessen dieser kleinen Minderheit durch Lobbyarbeit, Gesetzgebung und mediale Deutungshoheit weit überproportional gewichtet.

Das «Bio-Wildbret»-Argument: Konsumlegitimation durch Etikettenschwindel

Neben der Akzeptanzumfrage spielt Jagd Österreich in seiner Öffentlichkeitsarbeit regelmässig ein zweites Legitimationsargument aus: Wildbret sei «natürlich», «regional», «nachhaltig» und quasi das bessere Bio-Fleisch. Das Argument ist wirkungsvoll und faktisch unhaltbar.

Tatsächlich ist Wildfleisch eine der am wenigsten kontrollierten Fleischkategorien Europas. Das beginnt bei der Munition: Wird Wild mit bleihaltiger Munition erlegt, was in Österreich und der Schweiz immer noch der Standard ist, können sich feinste Bleifragmente weit ins Muskelfleisch verteilen, unsichtbar und beim Zubereiten nicht entfernbar. Der mittlere Bleigehalt in Wildfleisch von Kleintieren liegt laut Studien bei rund 5,2 ppm, ungefähr 14-mal höher als in EU-Risikobewertungen angenommen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und das Schweizer Bundesamt für Lebensmittelsicherheit (BLV) raten Schwangeren, Frauen im gebärfähigen Alter und Kindern unter sieben Jahren ausdrücklich vom Verzehr ab.

Hinzu kommen Zoonoserisiken: Trichinose, Hepatitis E und Salmonellosen sind bei Wild belegt, die Fleischhygiene ausserhalb kommerzieller Schlachtbetriebe ist kaum standardisiert kontrolliert. Kadaver liegen nach der Erlegung oft stundenlang ungekühlt, Bedingungen, unter denen ein gewerblicher Metzgereibetrieb sofort gesperrt würde.

Das Argument «Wildbret ist Bio» ist rechtlich schlicht falsch: Wild aus der Hobby-Jagd darf in der EU und der Schweiz nicht als Bio-Produkt zertifiziert oder vermarktet werden, weil die Produktionsbedingungen nicht kontrollierbar sind. Die Etikettierung als «ursprünglich» und «tierfreundlich» ist daher auch in der österreichischen Akzeptanzkampagne ein bewusstes Framing-Element. Es suggeriert dem Konsumierenden ein gutes Gewissen beim Fleischkauf, während die realen gesundheitlichen und ökologischen Risiken systematisch ausgeblendet werden.

Mehr dazu auf wildbeimwild.com: Wildfleisch: natürlich, gesund oder gefährlich? · Dossier Wildfleisch in der Schweiz · Warnung vor Wildfleisch vom Hobby-Jäger

Die Umfrage, die niemand zitiert

Ein weiteres Indiz für die selektive Nutzung von Meinungsdaten: Studien, die der Jagdlobby nicht passen, werden konsequent ignoriert. Unabhängige Forschung zeigt, dass in unbejagten oder wolfsbesiedelten Gebieten Wildtierbestände stabiler und gesünder sind als in intensiv bejagten. Wissenschaftliche Belege für den angeblichen Regulierungseffekt der Hobby-Jagd auf Populationsdynamiken sind weit weniger eindeutig, als es die Hobby-Jägerschaft darstellt.

Zwei Schweizer Beispiele belegen das eindrücklich. Kanton Genf: Seit dem vollständigen Jagdverbot per Volksabstimmung 1974 hat sich die Biodiversität im Kanton nachweislich erholt. Der kantonale Fauna-Inspektor Gottlieb Dandliker dokumentierte, dass Füchse, Marder und Dachse «breit vorhanden sind, aber zu keinem Problem führen» und die Feldhasenpopulation ist heute die grösste der Schweiz, ausgerechnet ohne Hobby-Jagd. 10 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen sind ökologische Kompensationsflächen; die Biodiversität ist wissenschaftlich belegt deutlich höher als zu Jagdzeiten.

Schweizerischer Nationalpark: Seit der Gründung 1914 gilt im ältesten Nationalpark Mitteleuropas ein vollständiges Jagdverbot, und das Ergebnis nach über 100 Jahren wird wissenschaftlich begleitet. Die Tier- und Pflanzenvielfalt hat seither zugenommen: 108 Tagfalterarten wurden gezählt (mehr als die Hälfte aller Schweizer Arten), der Steinadler hat sich erholt, Rothirsche sind von selbst zurückgekehrt. Auf Wildwechseln im Nationalpark finden sich rund 30-mal mehr Baum-Keimlinge als ausserhalb, Hirsche fördern die Waldverjüngung, anstatt sie zu gefährden, wie die Jagdlobby behauptet.

Dazu kommt: Eine Studie im Fachjournal Frontiers in Ecology and the Environment zeigte, dass nicht-tödliche Massnahmen wie Herdenschutzhunde Nutztierschäden in 80 Prozent der untersuchten Fälle reduzierten, während Beutegreiferabschüsse die Schäden tendenziell sogar erhöhten. «Es ist erschreckend, wie wenig Gehör die Politik praktischen Erfahrungen und Studien schenkt, und sich stattdessen vom Druck von Einzelinteressen leiten lässt», kommentierte Experte Gabor von Bethlenfalvy vom WWF Schweiz. Solche Erkenntnisse sind in den Pressemitteilungen von jagdaffinen Verbänden naturgemäss nicht erwähnt.

Legitimation durch Selbstbefragung

Die Botschaft «85 Prozent sagen Ja» ist kein Beleg für gesellschaftliche Akzeptanz der Hobby-Jagd, sie ist das Ergebnis einer selbst in Auftrag gegebenen, methodisch optimierten PR-Massnahme mit Suggestivfragen und ausgeblendetem Kontext. Dasselbe Muster zeigt sich in der Schweiz, wo die Jagdlobby regelmässig Befragungen lanciert, die ihr eigenes Tun legitimieren sollen, während konträre Studienergebnisse desselben Instituts kaum Erwähnung finden.

Wer über Reformbedarf in der Hobby-Jagd debattieren möchte, braucht unabhängige Forschung: methodisch transparente Umfragen mit konkreten Fragen zu spezifischen Jagdpraktiken, durchgeführt ohne Beteiligung der Jagdverbände als Auftraggeber. Alles andere ist, in den Worten der IG Wild beim Wild, ungefähr so aussagekräftig wie ein toter Fisch auf dem Teller.

Mehr dazu auf wildbeimwild.com: Jagdgegner aus gutem Grund · Schweizer Bevölkerung ist schlecht informiert über die Hobby-Jagd

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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