2. April 2026, 08:15

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Rothirsch Schweiz: Zurückgekehrt und zum Abschuss degradiert

Der Rothirsch ist das grösste Wildtier der Schweiz. Nach seiner Ausrottung um 1850 hat er sich aus eigener Kraft zurückgekämpft. Doch statt sein Comeback als Erfolgsgeschichte des Artenschutzes zu feiern, betrachtet die Hobby-Jägerschaft ihn primär als Problem, das es zu «regulieren» gilt. Jährlich werden rund 8’000 Rothirsche geschossen, während sein Lebensraum systematisch eingeengt wird.

Steckbrief

Der Rothirsch (Cervus elaphus) ist das grösste freilebende Säugetier der Schweiz. Ein ausgewachsener Stier erreicht eine Schulterhöhe von 1,20 bis 1,50 Metern und wiegt zwischen 170 und 220 Kilogramm. Die Hirschkuh ist deutlich kleiner und bringt 90 bis 130 Kilogramm auf die Waage. Das Tier ist damit rund acht Mal schwerer als ein Reh. Im Sommer trägt der Rothirsch ein rotbraunes Fell, im Winter wechselt er zu einem graubraunen Haarkleid. Nur die männlichen Tiere bilden jährlich ein Geweih aus, das bis zu 1,50 Meter hoch und rund sechs Kilogramm schwer werden kann.

Biologie und Lebensweise

Der Rothirsch ist ein typischer Fernwanderer. Zwischen Sommer- und Wintereinständen legt er Distanzen von Dutzenden Kilometern zurück. Hirschkühe leben in Familienverbänden, die sich im Winter zu grösseren Rudeln zusammenschliessen. Stiere bilden ausserhalb der Brunftzeit eigene Junggesellengruppen. Die Brunft findet zwischen Mitte September und Mitte Oktober statt. Das Röhren der Hirsche ist in dieser Zeit weithin hörbar. Nach einer Tragzeit von rund 34 Wochen setzt die Hirschkuh im Juni meist ein einzelnes Kalb ab.

Ursprünglich war der Rothirsch ein Bewohner offener und halb offener Landschaften. In der Schweiz hat er sich jedoch durch den Hobby-Jagddruck und die zunehmenden menschlichen Störungen weitgehend in den Wald zurückgezogen. Forschende der ZHAW und der HAFL haben nachgewiesen, dass die Mittelland-Hirsche heute fast vollständig nachtaktiv sind (Forschungsprojekt Rothirsch Mittelland, HAFL/BAFU, 2024). Tagsüber verbergen sie sich im Dickicht, erst in der Dämmerung kommen sie zur Nahrungsaufnahme heraus. Diese erzwungene Nachtaktivität ist keine natürliche Eigenschaft, sondern eine direkte Folge der Verfolgung und Störung durch den Hobby-Jäger.

Nahrung

Der Rothirsch ist ein Mischäser. Sein Nahrungsspektrum umfasst Gräser und Kräuter (rund zwei Drittel), ergänzt durch Rinde, Nadeln, Blätter und Baumfrüchte. Im Winter, wenn die Schneedecke die Grasäsung verhindert, weicht er auf Rinde, Flechten, Moose und Nadelholztriebe aus. Ein einzelnes Tier benötigt täglich 8 bis 20 Kilogramm Futter. Dass der Rothirsch im Winter verstärkt Rinde schält und Jungbäume verbeisst, ist keine Eigenschaft der Art, sondern eine Folge der Lebensraumeinengung: Der Hobby-Jäger hat ihn in den Wald verdrängt, wo das natürliche Nahrungsangebot für einen Offenlandbewohner unzureichend ist.

Ausrottung und Rückkehr: Eine Geschichte menschlichen Versagens

Um 1850 war der Rothirsch in der Schweiz vollständig ausgerottet. Die Ursachen waren eine ungeregelte Volksjagd, die mit der Französischen Revolution zum Volksrecht erklärt worden war, in Kombination mit der grossflächigen Abholzung der Wälder, die dem Hirsch den Lebensraum raubte. Armut und Hungersnöte trieben die Bevölkerung zur massiven Übernutzung der Wildbestände. Wirksame Schutzgesetze fehlten. Es war die Hobby-Jagd in ihrer historischen Urform, die den Rothirsch aus der Schweiz tilgte.

Die Rückkehr

Erst das eidgenössische Jagdgesetz von 1875, das Jagdzeiten beschränkte und weibliche Tiere schützte, schuf die Grundlage für eine Erholung. Ab 1870 wanderten erste Rothirsche aus dem österreichischen Montafon in den Kanton Graubünden ein. 1926 wurden im Val Ferret im Wallis zwei Stiere und drei Hirschkühe angesiedelt. Seither hat sich der Rothirsch aus eigener Kraft wieder über weite Teile der Schweizer Alpen und Voralpen ausgebreitet. Seit den 1990er-Jahren besiedelt er von Frankreich aus auch Teile des Juras, und seit etwa 2005 etablieren sich lokale Populationen im Mittelland (Forschungsprojekt Rothirsch Mittelland, BAFU/Kantone, seit 2011).

Heute leben gemäss Eidgenössischer Jagdstatistik rund 40’000 Rothirsche in der Schweiz, die meisten in den Alpenkantonen Graubünden, Wallis und Tessin. Der Bestand nimmt weiter zu. Der Kanton Tessin allein schätzt seinen Bestand auf rund 7’250 Tiere (Kantonsangabe, 2026).

Diese Rückkehr ist keine Leistung der Hobby-Jägerschaft. Sie ist das Ergebnis gesetzlicher Schutzbestimmungen, natürlicher Einwanderung und der Erholung des Waldes. Der Rothirsch hat sich sein Comeback selbst erarbeitet.

Mehr dazu: Dossier: Jagd und Biodiversität

Die Bejagung: Vom Schützling zum Abschussobjekt

Der Rothirsch ist nach dem Bundesgesetz über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel (JSG, Art. 5 Abs. 1 lit. a) eine jagdbare Art. Die Kantone setzen Jagdzeiten, Abschusspläne und Jagdmethoden fest. In den meisten Kantonen dauert das Jagdjahr vom 1. April bis zum 31. März des Folgejahres. Die Jagdzeiten variieren kantonal stark. Der Rothirsch steht nicht auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Das unterscheidet ihn vom Feldhasen, der trotz Rote-Liste-Status bejagt wird.

Patentjagd vs. Revierjagd

Wie bei allen Wildarten in der Schweiz gelten auch beim Rothirsch zwei unterschiedliche Jagdsysteme. In rund 65 Prozent der Kantone herrscht die Patentjagd: Die Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger lösen eine kantonale Lizenz und jagen selbstständig, ohne an ein bestimmtes Revier gebunden zu sein und ohne Revierverantwortung zu übernehmen. In den übrigen Kantonen, darunter St. Gallen, Thurgau und die beiden Appenzell, wird die Revierjagd praktiziert: Jagdgesellschaften pachten ein Revier und übernehmen damit formell auch Hegepflichten. Beide Systeme führen beim Rothirsch zu steigenden Abschusszahlen, weil die Kantone die Abschusspläne kontinuierlich erhöhen.

Die Dimension des Abschusses

Im Jahr 2023 wurden in der Schweiz rund 76’000 Wildhuftiere erlegt, darunter schätzungsweise über 8’000 Rothirsche (Eidgenössische Jagdstatistik, Wildtier Schweiz/BAFU). Die Abschusszahlen steigen seit Jahren. Im Kanton St. Gallen allein wurden 2023 über 800 Rothirsche geschossen, der Abschussplan wurde zu 97 Prozent erfüllt (Jagdstatistik Kanton St. Gallen, 2024). Im Kanton Graubünden, dem Hauptkanton des Rothirsches, liegen die Abschüsse noch deutlich höher. Die Kantone geben regelmässig das Ziel aus, 15 bis 20 Prozent des geschätzten Bestandes jährlich abzuschiessen, um die Population zu «stabilisieren». Dass diese Abschussquoten seit Jahren steigen und der Bestand dennoch zunimmt, wirft Fragen auf, die die Hobby-Jägerschaft nicht beantworten will.

Der Trophäenkult

Der Rothirsch ist wegen seines imposanten Geweihs seit Jahrhunderten ein begehrtes Trophäentier. In der Schweiz werden nach der Hobby-Jagd in vielen Kantonen sogenannte Hegeschauen durchgeführt, an denen die erlegten Geweihe öffentlich ausgestellt und begutachtet werden. Im Kanton St. Gallen nehmen an diesen Veranstaltungen bis zu 800 Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger teil (Amt für Natur, Jagd und Fischerei St. Gallen, 2022). Der Trophäenkult macht deutlich, dass die Rothirschjagd für einen erheblichen Teil der Hobby-Jägerschaft nicht Wildtiermanagement ist, sondern Vergnügen.

Mehr dazu: Dossier: Jagdmythen

Das Waldschaden-Narrativ: Warum der Rothirsch zum Sündenbock gemacht wird

Das zentrale Argument der Hobby-Jagd-Lobby für die intensive Bejagung des Rothirsches lautet: Der Hirsch zerstört den Wald. Verbiss an Jungbäumen und das Schälen von Rinde können tatsächlich lokal erhebliche Schäden verursachen, insbesondere an Weisstanne, Eiche, Ahorn und Eibe (WSL, Waldwissen.net). Im Kanton Zürich bedrohen Schälschäden durch Rothirsche international bedeutende Eibenvorkommen am Albis (Odermatt/Wasem, WSL, 2018). Der Waldbericht 2025 von BAFU und WSL stellt fest, dass gebietsweise zu hohe Wildbestände die Naturverjüngung und das Anpassungspotenzial des Waldes an den Klimawandel beeinträchtigen.

Was das Narrativ verschweigt

Die Wald-Wild-Debatte wird in der Schweiz fast ausschliesslich aus der Perspektive der Forstwirtschaft und der Hobby-Jagd geführt. Dabei werden zentrale Zusammenhänge systematisch ausgeblendet.

Erstens: Der Rothirsch ist ein Offenlandbewohner, der durch menschliche Störung, Jagddruck und Lebensraumzerstörung in den Wald gedrängt wurde. Forschungen der WSL und der ZHAW zeigen, dass Rothirsche bei ausreichender Ruhe offene Weiden zwischen 2’000 und 2’700 Metern bevorzugen und dort auch tagsüber sichtbar sind. In der Schweiz ist der Rothirsch jedoch durch Freizeitnutzung, Siedlungsdruck und die Hobby-Jagd selbst in den Wald gezwungen worden, wo er sich von Rinde und Jungbäumen ernähren muss, weil sein natürliches Nahrungsangebot fehlt. Die Waldschäden sind nicht die Ursache, sondern das Symptom einer verfehlten Landnutzung.

Zweitens: Feldstudien der WSL im Raum Bern-Solothurn haben ergeben, dass die meisten Verbissschäden in vielen Gebieten nicht vom Rothirsch, sondern vom Reh verursacht werden (SRF Wissen, 2026). Die pauschale Zuschreibung der Waldschäden an den Rothirsch dient der Legitimation hoher Abschusszahlen.

Drittens: Die Hobby-Jagd selbst ist ein wesentlicher Stressfaktor für den Rothirsch. Studien aus dem Forschungsprojekt Rothirsch in der Ostschweiz (ZHAW/Kantone SG, AI, AR, 2014–2017) zeigen, dass Rothirsche im Winter ihren physiologischen Grundumsatz, die Herzschlagrate und die Körpertemperatur massiv senken, um Energie zu sparen. Jede Störung in dieser Phase, sei es durch Hobby-Jäger, Wintersportlerinnen oder Hunde, zwingt die Tiere zur Flucht und erhöht ihren Energieverbrauch drastisch. Die Folge: Die Tiere müssen mehr fressen, was den Verbissdruck auf den Wald erhöht. Die Hobby-Jagd verschärft damit genau das Problem, das sie zu lösen vorgibt.

Viertens: Der Schweizerische Forstverein zeigt in einem Bericht auf Basis kantonaler Daten von 2020 bis 2024, dass 46 bis 50 Prozent der beurteilten Waldfläche in der besten Stufe liegen, also keine Beeinträchtigung der natürlichen Verjüngung aufweisen. 2015 waren es noch 68 Prozent. Die Situation verschlechtert sich also, obwohl die Abschusszahlen Jahr für Jahr steigen. Das belegt, dass die Hobby-Jagd das Wald-Wild-Problem nicht löst, sondern perpetuiert.

Mehr dazu: Warum die Hobby-Jagd als Populationskontrolle scheitert

Der verdrängte natürliche Regulator: Beutegreifer statt Hobby-Jäger

Der Rothirsch hat sich über Jahrmillionen zusammen mit seinen natürlichen Beutegreifern entwickelt: Wolf, Luchs und Braunbär. In der Schweiz wurden alle drei im 19. Jahrhundert ausgerottet. Der Luchs wurde ab 1971 wieder angesiedelt und erbeutet vor allem Rehe und Gämsen. Der Wolf kehrt seit den 1990er-Jahren natürlich aus Italien und Frankreich zurück und hat sich inzwischen mit mehreren Rudeln in der Schweiz etabliert.

Die Forschung zeigt, dass der Wolf das Verhalten und die Raumnutzung des Rothirsches verändert. Eine Studie der WSL (Kupferschmid et al., Schweizerische Zeitschrift für Forstwesen, 2016) belegt, dass Wölfe als Beutegreifer sowohl direkte Effekte auf den Bestand als auch indirekte Effekte auf das Verhalten der Huftiere haben: Bei Wolfspräsenz wandern Rothirsche häufiger, bleiben kürzer an einem Ort und verteilen den Äsungsdruck gleichmässiger über die Landschaft. Die Waldverjüngung profitiert davon.

Der Schweizer Tierschutz STS hält fest, dass der Wolf als natürlicher Regulator bevorzugt kranke, alte oder geschwächte Tiere erbeutet, was zu gesünderen Wildpopulationen führt und den Wald vor Frassschäden schützt (Positionspapier STS, 2025). Die Gruppe Wolf Schweiz formuliert es pointiert: «Wer Hirsche sät, wird Wölfe ernten» (GWS-Pressemitteilung, 2021). Die hohe Schalenwilddichte in der Schweiz, die im Kanton Graubünden mehr als dreimal so hoch ist wie im Yellowstone-Nationalpark, ist der Hauptgrund für die wachsende Wolfspopulation.

Statt Beutegreifer als Teil der Lösung zu begreifen, betreibt die Schweizer Politik auf Druck der Hobby-Jagd-Lobby seit 2023 eine präventive Regulierung des Wolfsbestandes. Das revidierte Jagdgesetz ermöglicht es den Kantonen, ganze Wolfsrudel abschiessen zu lassen. Diese Politik ist ökologisch kontraproduktiv: Sie bekämpft den natürlichen Regulator, der genau jene Aufgabe übernehmen könnte, an der die Hobby-Jagd seit Jahrzehnten scheitert.

Mehr dazu: Studien über die Auswirkung der Hobby-Jagd auf Wildtiere

Der Rothirsch und die Wildtierkorridore: Ein Tier ohne Bewegungsfreiheit

Der Rothirsch ist ein Fernwanderer, der für seine saisonalen Wanderungen zwischen Sommer- und Wintereinständen auf zusammenhängende, durchlässige Landschaften angewiesen ist. Die Schweizer Landschaft ist jedoch durch Autobahnen, Eisenbahnlinien, Siedlungen und eingezäunte Agrarflächen massiv zerschnitten. Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) hat Vernetzungsachsen für Wildtiere definiert, doch noch immer sind knapp 50 Wildtierkorridore unterbrochen. Insbesondere die Autobahn A1, die das Mittelland von Ost nach West durchquert, bildet eine nahezu unüberwindbare Barriere zwischen Jura und Voralpen.

Das Forschungsprojekt Rothirsch Mittelland (HAFL/BAFU, 2024) hat gezeigt, dass sich die Rothirsche im Mittelland erstaunlich gut bewegen können, solange keine Autobahnen im Weg sind. Doch die A1 verhindert nach wie vor die Vernetzung der Populationen. Die geplanten Grünbrücken und Wildunterführungen kommen nur schleppend voran.

Die Konsequenz

Solange die Wildtierkorridore nicht funktionieren, können Rothirschpopulationen genetisch verarmen und lokal aussterben. Die Lebensraumfragmentierung ist ein strukturelles Problem, das durch Abschüsse nicht gelöst werden kann. Der Bund investiert Millionen in Wildtierkorridore und erlaubt gleichzeitig, dass die Hobby-Jagd Tausende von Rothirschen erschiesst, die diese Korridore nutzen sollten.

Was sich ändern müsste

  • Professionelles Wildtiermanagement durch staatliche Wildhüterinnen und Wildhüter: Die Regulierung des Rothirsches darf nicht der Hobby-Jägerschaft überlassen werden, deren Motivation primär Freizeitvergnügen und Trophäengewinnung ist. Professionelle Wildhüterinnen und Wildhüter, wie sie der Kanton Genf seit 1974 erfolgreich einsetzt, sind die einzige Garantie für ein wissenschaftsbasiertes, tierschutzkonformes Wildtiermanagement.
  • Förderung der Beutegreifer statt Bekämpfung: Wolf und Luchs sind die natürlichen Regulatoren des Rothirsches. Statt die Beutegreifer auf Druck der Hobby-Jagd-Lobby zu dezimieren, muss die Schweiz deren Bestand schützen und fördern. Studien der WSL zeigen, dass Beutegreifer den Verbissdruck auf den Wald verringern.
  • Lebensraumaufwertung und Ruhegebiete: Der Rothirsch muss aus dem Wald heraus in seine natürlichen Habitate zurückkehren können. Das erfordert grossflächige Wildruhegebiete, in denen menschliche Störungen untersagt sind, sowie die konsequente Offenhaltung von Waldlichtungen und alpinen Weiden, die dem Rothirsch als natürliche Äsungsflächen dienen.
  • Beschleunigte Umsetzung der Wildtierkorridore: Die knapp 50 unterbrochenen Wildtierkorridore müssen prioritär wiederhergestellt werden. Ohne Vernetzung der Populationen zwischen Jura, Mittelland und Voralpen bleibt das Rothirschmanagement Flickwerk.
  • Einschränkung der Freizeitnutzung in sensiblen Gebieten: Wintersport abseits der Pisten, Mountainbike-Strecken in Wildtiereinständen und Drohnenflüge über Wildruhegebieten erhöhen den Energieverbrauch der Rothirsche im Winter massiv und verschärfen den Verbissdruck. Verbindliche Regelungen zur Besucherlenkung müssen durchgesetzt werden.
  • Wissenschaftlich fundiertes Monitoring statt kantonalem Schätzen: Die Bestandszahlen des Rothirsches beruhen gemäss Wildtier Schweiz zum Teil auf groben Schätzungen. Ein nationales, standardisiertes Monitoring ist Voraussetzung für eine evidenzbasierte Wildtierpolitik.

Argumentarium

«Der Rothirsch zerstört den Wald und muss deshalb intensiv bejagt werden.» Der Rothirsch ist von Natur aus ein Offenlandbewohner. Dass er im Wald Schäden verursacht, liegt daran, dass ihn Hobby-Jagd, Freizeitnutzung und Siedlungsdruck in den Wald verdrängt haben. Wer das Problem lösen will, muss die Ursachen beseitigen, nicht das Symptom: Ruhegebiete schaffen, Beutegreifer fördern und den Rothirsch aus seiner erzwungenen Waldexistenz befreien. Die Hobby-Jagd selbst ist Teil des Problems, nicht der Lösung.

«Ohne Hobby-Jagd würde der Rothirschbestand explodieren.» In Ökosystemen mit intakten Beutegreiferketten regulieren sich Rothirschpopulationen selbst. Der Wolf ist der wichtigste natürliche Regulator. Eine internationale Studie (van Beeck Calkoen et al., Journal of Applied Ecology, 2024) zeigt, dass nur das gleichzeitige Vorkommen von Wolf, Luchs und Bär die Rothirschdichte statistisch signifikant senkt. Das Genfer Modell, in dem seit 1974 professionelle Wildhüterinnen und Wildhüter statt Hobby-Jäger für das Wildtiermanagement zuständig sind, zeigt, dass die Hobby-Jagd nicht notwendig ist.

«Die Hobby-Jagd ist der einzige Weg, Waldschäden zu verhindern.» Die Abschusszahlen steigen seit Jahren, und dennoch verschlechtert sich die Situation der Waldverjüngung gemäss Schweizerischem Forstverein. Die Hobby-Jagd scheitert an ihrer eigenen Aufgabe. Gleichzeitig zeigt die Forschung, dass die Hobby-Jagd durch Störung und Stresserzeugung den Verbissdruck sogar erhöht, weil gestörte Tiere mehr Energie verbrauchen und mehr fressen müssen. Ein Paradigmenwechsel hin zu Ruhegebieten, Beutegreifern und professionellem Management ist überfällig.

«Der Rothirsch hat keine natürlichen Feinde mehr und muss deshalb vom Menschen reguliert werden.» Der Rothirsch hat deshalb keine natürlichen Feinde mehr, weil der Mensch sie ausgerottet hat. Wolf und Luchs kehren zurück, doch die Hobby-Jagd-Lobby bekämpft ihre Rückkehr politisch. Wer die natürlichen Regulatoren beseitigt und dann argumentiert, man müsse deren Aufgabe übernehmen, betreibt ein selbstreferenzielles System, das nur einem Zweck dient: der Aufrechterhaltung des Jagdprivilegs.

«Die Hobby-Jagd auf den Rothirsch ist nachhaltig und gesetzeskonform.» Gesetzeskonform mag die Hobby-Jagd sein, «nachhaltig» ist sie nur im Sinne der Hobby-Jagd-Lobby: Sie hält den Bestand auf einem Niveau, das fortgesetztes Jagen erlaubt, ohne die strukturellen Probleme, Lebensraumfragmentierung, Störung, fehlende Beutegreifer, zu lösen. Eine Wildtierpolitik, die den Bestand durch Abschüsse steuert, während sie die Ursachen der Konflikte ignoriert, ist keine nachhaltige Nutzung, sondern institutionalisiertes Versagen.

Quicklinks

Beiträge auf Wild beim Wild:

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Quellenangaben

  • Eidgenössische Jagdstatistik, BAFU/Wildtier Schweiz: http://www.jagdstatistik.ch (Bestands- und Abschussdaten)
  • Pro Natura: Tier des Jahres 2017, Der Rothirsch (pronatura.ch)
  • Forschungsprojekt Rothirsch in der Ostschweiz, Kantone SG/AI/AR in Zusammenarbeit mit ZHAW, 2014–2017 (waldwissen.net)
  • Forschungsprojekt Rothirsch Mittelland, HAFL/BAFU/Kantone BE/SO/AG, seit 2011 (SRF Wissen, 2024)
  • Kupferschmid, A. D. et al. (2016): Direkte, indirekte und kombinierte Effekte von Wölfen auf die Waldverjüngung. Schweizerische Zeitschrift für Forstwesen, 167(1): 3–12
  • van Beeck Calkoen, S. T. S. et al. (2024): Einfluss von Beutegreifern auf Rothirschdichten in Europa. Journal of Applied Ecology
  • Waldbericht 2025, BAFU/WSL
  • Schweizerischer Forstverein: Bericht Wildeinfluss auf kantonaler Ebene, 2020–2024
  • Odermatt, O.; Wasem, U. (2018): Eibenbestände von Rotwild massiv geschält. Waldschutz aktuell 1/2018, WSL
  • Gruppe Wolf Schweiz: Pressemitteilung «Wer Hirsche sät, wird Wölfe ernten», 2021
  • Schweizer Tierschutz STS: Positionspapier Wolf in der Schweiz, 2025
  • Cervo Volante: Der Schweizer Rothirsch (cervovolante.com)
  • Bundesgesetz über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel (JSG, SR 922.0)

Unser Anspruch

Der Rothirsch ist das Symboltier einer gescheiterten Wildtierpolitik. Er hat seine Ausrottung überlebt, sich aus eigener Kraft in die Schweiz zurückgekämpft und besiedelt heute wieder weite Teile des Landes. Doch statt seine Rückkehr als ökologische Erfolgsgeschichte zu würdigen, wird er von der Hobby-Jägerschaft als Schadenstifter gebrandmarkt, als Trophäe begehrt und als Legitimation für steigende Abschusszahlen instrumentalisiert. Die Waldschäden, die ihm angelastet werden, sind zu einem grossen Teil die Folge einer Politik, die ihn in den Wald verdrängt, seine natürlichen Beutegreifer bekämpft und seinen Lebensraum zerschneidet. Die Konsequenz ist eindeutig: Die Schweiz braucht keinen intensiveren Abschuss, sondern ein grundlegend anderes Wildtierverständnis. Professionelles Management durch Wildhüterinnen und Wildhüter statt Hobby-Jagd. Beutegreifer statt Bleischrot. Ruhegebiete statt Hochsitze. Das Genfer Modell zeigt seit über 50 Jahren, dass das möglich ist. Dieses Dossier wird laufend aktualisiert, wenn neue Zahlen, Studien oder politische Entwicklungen es erfordern.

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