Psychologie der Hobby-Jagd im Kanton Appenzell Ausserrhoden
Appenzell Ausserrhoden ist ein hügeliger Kleinkanton in der Ostschweiz, der sich zwischen Bodensee und Alpstein erstreckt. Die Hobby-Jagd wird hier als Patentjagd ausgeübt. Das Amt für Raum und Wald, Abteilung Natur und Wildtiere, ist für die Jagdplanung zuständig. Der Kanton gliedert sich in drei Jagdbezirke: Hinterland, Mittelland und Vorderland. Seit 2016 koordinieren die Jagdverwaltungen von Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden und St. Gallen die Bestandserhebungen und die Jagdplanung für das Rotwild im gemeinsamen Wildraum.
Der Jagdplan 2025/2026 sieht den Abschuss von 602 Rehen, 71 Hirschen und 17 Gämsen vor.
Die Hochwildjagd auf Rothirsche und Gämsen dauert vom 1. bis 20. September, eine zweite Jagdperiode auf Rotwild von November bis Dezember. Der Rehbestand wird als «gesund und leicht ansteigend» beschrieben. Der Gämsbestand hingegen ist «auf tiefem Niveau stabil».
Rehkitzrettung und Rehkitztötung: Das Paradox
Seit 2024 bietet der Patentjägerverein Appenzell Ausserrhoden flächendeckend Rehkitzrettung mit Drohnen und Wärmebildkameras an. Im Frühling rücken Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger mit moderner Technologie aus, um Rehkitze vor dem Mähtod zu bewahren. Im Herbst werden dieselben Rehe dann bejagt. 602 Stück laut Jagdplan.
Psychologisch ist dieses Paradox aufschlussreich, weil es die zentrale kognitive Dissonanz der Hobby-Jagd offenlegt: Die Hobby-Jägerschaft rettet Tiere, um sie später zu töten. Die Rehkitzrettung wird als «Hege» gerahmt, als Beweis für Naturverbundenheit und Verantwortungsbewusstsein. Doch aus Sicht des Tieres ist die Logik grotesk: Überleben im Juni, sterben im Oktober. Psychologisch dient die Kitzrettung der moralischen Selbstentlastung. Sie ermöglicht es, das Töten im Herbst als Teil eines «ganzheitlichen» Engagements zu rahmen, statt als das, was es ist: eine bewaffnete Freizeitbeschäftigung.
Gämse: Schonung mit Hintertür
Der Gämsbestand in Appenzell Ausserrhoden ist «auf tiefem Niveau stabil». Der Abschussplan sieht eine «Schonung im Hinterland» und eine «Stabilisierung» im Mittel- und Vorderland vor. Dennoch werden 17 Gämsen zum Abschuss freigegeben. Psychologisch zeigt sich hier dasselbe Muster wie in Nidwalden: Schonung bedeutet nicht Jagdstopp, sondern Jagdreduktion. Selbst eine Art auf «tiefem Niveau» wird weiter bejagt, weil ein vollständiger Verzicht das Prinzip der Bejagung infrage stellen würde.
Rotwild: «Unvermindert hoch» trotz Bejagung
Der Rotwildbestand im gemeinsamen Lebensraum der Kantone Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden und St. Gallen wird als «unvermindert hoch» beschrieben. Trotz jährlicher Abschüsse, trotz einer koordinierten interkantonalen Jagdplanung und trotz Sonderjagden sinkt der Bestand nicht. Psychologisch ist das ein bekanntes Muster: Die Hobby-Jagd behauptet, Wildtiere zu regulieren, produziert aber durch Jagddruck und Populationsdynamik genau die Bestände, die sie dann als Begründung für weitere Jagd anführt.
Hegearbeit als Identitätsstiftung
Der Patentjägerverein Appenzell Ausserrhoden inszeniert sich aktiv als Naturschützer. Lebensraumaufwertungen, Heckenpflanzungen, Stacheldrahtrückbau: Die Hegearbeit wird professionell dokumentiert und kommuniziert. Der Kantonalpräsident betont die «gemeinsame Strategie aller an unserer Natur Interessierten» und hofft auf «gute Zusammenarbeit mit den Umweltschutz- und Naturschutzorganisationen».
Psychologisch ist diese Selbstdarstellung ein klassisches Reframing. Die Hobby-Jagd positioniert sich als «Partner des Naturschutzes», obwohl sie gleichzeitig 690 Wildtiere allein beim Schalenwild pro Jahr tötet. Die Hegearbeit ist real und verdienstvoll. Aber sie wird instrumentalisiert: Sie dient nicht primär dem Tier, sondern der Legitimation des Tötens. Wer Hecken pflanzt und Kitze rettet, kann sich schwer als Tierquäler adressieren lassen. Genau das ist die psychologische Funktion: Die Hege immunisiert gegen Kritik an der Hobby-Jagd.
Das Genfer Modell zeigt, dass Lebensraumaufwertung und Wildtierschutz auch ohne Hobby-Jagd möglich sind. Die Hegearbeit ist kein Argument für die Jagd, sondern ein Argument für den Naturschutz, und der braucht keine Waffen.
Mehr dazu im Dossier: Psychologie der Jagd
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