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Tierrechte

Kritik am Augsburger Taubenschutz-Modell

Biologen weisen seit Jahren darauf hin, dass Taubenschläge nur dann den Bestand senken, wenn ein grosser Teil der Stadttauben tatsächlich im Schlag brütet. Für München wurde beispielhaft vorgerechnet, dass dafür hunderte Schläge nötig wären. Sonst verpufft der Effekt, weil der Grossteil der Tiere weiter draussen brütet und nachproduziert.

Redaktion Wild beim Wild — 21. Oktober 2024

Taubenschläge werden gemäss dem Augsburger Modell regelmässig mit Futter versorgt und Eier werden gegen Attrappen ausgetauscht, um so den Taubenbestand zu regulieren.

Allerdings in den meisten Fällen ohne flankierende Massnahmen, mit mässigem Erfolg. Dies vor allem, weil private Personen grosse Mengen an Futter für die verwilderten Haustauben ausbringen, schreibt die Stadt Zürich. Tauben, die im Stadtraum gefüttert werden, lassen sich nicht so einfach an einen Taubenschlag binden.

In der Wildbiologie herrscht ein Konsens, dass bei Wildtieren bei guter Futterlage die Reproduktionshöhe, also die Anzahl Nachwuchs, steigen kann. Basel hat seine alten Taubenschläge vor Jahren geschlossen, weil sie kaum etwas genutzt hätten, sagt Mediensprecherin Anne Tschudin. «Wir konnten nur etwa zehn Prozent der Population der Tauben betreuen.» Der Nutzen sei also klein gewesen, die Kosten hingegen hoch.

Das Hauptproblem bei der Anwendung der Taubenschlag-Methode liegt dabei nicht so sehr in den Taubenschlägen selbst – diese sind gut gemeint, aber ohne grosse Wirkung –, sondern in der damit zusammenhängenden zusätzlichen Fütterung. Nach Ansicht aller Fachleute ist eine Reduktion der überhöhten Taubenbestände nur durch eine Reduktion der Futtermenge erreichbar. – Richard Köhler

Auch nicht jede Taube legt ihre Eier in Taubenschlägen ab. Es ist notwendig, dass sie an der richtigen Stelle stehen und von den Tieren akzeptiert werden. 

Tauben sind sehr standorttreu. Deshalb funktioniert das mit den betreuten Taubenschlägen (Augsburger Modell) nicht überall, auch weil man keinen geeigneten Standort oder kein Personal findet, wie zum Beispiel bei den Bahnhöfen. Deshalb kann die Empfängnisverhütung dort ein weiteres Puzzlestück sein, im Taubenmanagement.

Das Augsburger Taubenschutz-Modell hat in den letzten Jahren verschiedene Reaktionen hervorgerufen und zu zahlreichen Schliessungen bzw. einer neuen Beurteilung der Taubenschläge in vielen Städten geführt. Hier sind einige der wichtigsten Kritikpunkte:

  1. Effektivität der Massnahmen
    Kritiker zweifeln an der tatsächlichen Wirksamkeit des Modells. Es wird argumentiert, dass die eingeführten Massnahmen nicht ausreichen, um die Taubenpopulation signifikant zu reduzieren oder die Herausforderungen, die diese Vögel darstellen, nachhaltig zu lösen. In grossen Städten sei das Konzept aus praktischen Gründen untauglich, weil mit erheblichem finanziellem und personellem Aufwand Hunderte solcher Taubenschläge errichtet und betrieben werden müssten.
  2. Lebensqualität der Anwohner
    Einige Anwohner berichten von anhaltenden Problemen mit Tauben, trotz der implementierten Massnahmen. Verschmutzungen und Lärm seien nach wie vor ein grosses Problem, was die Lebensqualität beeinträchtigt.
  3. Finanzielle Aspekte
    Die Kosten für die Durchführung und Überwachung des Modells werden ebenfalls kritisiert. Es gibt Bedenken, dass die finanziellen Mittel ineffizient verwendet werden und Alternativen möglicherweise kostengünstiger und effektiver wären.
  4. Tierschutzbedenken
    Das Modell steht unter dem Verdacht, nicht ausreichend tiergerechte Lösungen anzubieten. Kritiker befürchten, dass manche Massnahmen den Tierschutzgedanken nicht ausreichend berücksichtigen und somit unverhältnismässig Leid verursachen könnten. Ist es wirklich ethisch, fair und zielführend, den Taubeneltern fortlaufend ihre Jungen zu stehlen? Tauben können nach mehrfachem Brüten und durch den Eierdiebstahl merken, dass hier etwas nicht stimmt, und suchen sich um den betreuten Taubenschlag wieder neue/alte Brutplätze. Fortpflanzung ist ein Grundbedürfnis von Tieren. Ohne Reproduktion und Aufzucht wird ihnen einer ihrer wichtigsten evolutionären Antriebe genommen, sagen Forscher der Universität Zürich. Deshalb brauchen Taubenpaare eine erfolgreiche Brut. Eine regelmässige Futterversorgung hält die Fortpflanzungsaktivität kontinuierlich aufrecht, was zu einer Erschöpfung der Elterntiere und schlussendlich zu einer Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes führt, schreibt der Tierschutz beider Basel. Bei Taubenzüchtern ist dieser Effekt wohlbekannt und wird als «zu Tode legen» bezeichnet. Konkret heisst das, dass die unnatürliche, in Überfluss zur Verfügung stehende Nahrung den Tauben schlussendlich schadet. Was ist der Unterschied zwischen dieser Methode gemäss Augsburger-Taubenschutzmodell und jenen der Züchter, die den Tauben ihre hohe Brutaktivität angezüchtet haben?
  5. Mangelnde Einbindung der Öffentlichkeit
    Ein weiterer Kritikpunkt ist die unzureichende Einbeziehung der Bürger in die Entscheidungsprozesse. Viele Menschen fühlen sich nicht ausreichend informiert oder in die Massnahmen integriert.
  6. Langfristige Strategien
    Es wird konstatiert, dass das Modell seiner Natur nach eher kurzfristige Lösungen anbietet. Langfristige Strategien, die auch die Ursachen der Taubenproblematik angehen, fehlen häufig. Man müsste rigoros gegen die unkontrollierten Taubenzüchter vorgehen, die die Ursache des ganzen Unheils sind, und sie zur Kasse bitten. Züchter sind für massenhaftes Tierleid verantwortlich und sorgen auch bei der Katzen- oder Hundezucht für überfüllte Tierheime.

Aus diesen und anderen Gründen werden von den Städten Alternativen gesucht: Medikamente zur Geburtenkontrolle, Sterilisation, Fütterungsverbote, Jagd, usw.

Das Medikament scheint uns ein probates Mittel zu sein, um der übergrossen Taubenpopulation mit all den Nebeneffekten entgegenzuwirken. Das, was wir bisher gemacht haben, die Tauben zu füttern, die Eier auszutauschen, war letztendlich nicht so erfolgreich. Martin Adamski, Umweltdezernent Bielefeld

Seit 2011 betreut der Tierpark Bern offiziell die Berner Stadttauben. Als Teil dieser Aufgabe werden regelmässig Tauben gefangen, im Tierpark tierärztlich untersucht und die männlichen Tiere sterilisiert.

Mit dem Projekt «Stadttauben Luzern» arbeitet die Stadt seit 2001 daran, dass in Luzern weniger, dafür gesündere Tauben leben. Mit Erfolg: Heute leben in Luzern circa 2’500 Tauben, 2001 gab es in der Stadt rund 7’000.

Die wichtigste Massnahme des Projektes ist, die Leute immer wieder daran zu erinnern, Tauben nicht zu füttern. Denn die Menge Futter bestimmt massgebend, wie viele Tauben in einer Stadt leben.

Im Rahmen des Projektes entstanden zwei Taubenschläge mit kontrollierten Brutbedingungen. Aus beiden Schlägen kann der Taubenwart jährlich circa 300 kg Kot entsorgen. Gefüttert wird in den Schlägen nicht.

Gerade aufgeklärte Tierschützer bestreiten nicht, dass es notwendig ist, Taubenpopulationen zu kontrollieren und zu reduzieren.

Das Augsburger Modell wird in vielen Städten als moderne Lösung für das Stadttaubenproblem verkauft. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, wie begrenzt und widersprüchlich seine Wirkung ist. Taubenschläge mit Eiertausch können nur dann wirklich Bestände senken, wenn ein grosser Teil der Population tatsächlich im Schlag brütet. In der Praxis gibt es aber meist nur wenige Schläge, während die Mehrheit der Tauben weiterhin unkontrolliert in Nischen, Dachstühlen und Fassaden brütet. Viele Kommunen beschliessen das Modell politisch, stellen aber weder genügend geeignete Standorte noch dauerhaft finanzierte Betreuung zur Verfügung. Die tägliche Arbeit bleibt an wenigen Ehrenamtlichen hängen, die die Missstände vor Ort kennen und am Ende ausbrennen, während die Stadt das Ganze als Erfolg vermarktet.

Aus tierschutzpolitischer Sicht bleibt das Augsburger Modell ein Kompromiss: Die Tiere werden aus der Innenstadt in spezialisierte «Taubenghettos» abgedrängt, ihre Fortpflanzung wird systematisch kontrolliert, Eier werden routiniert ausgetauscht. Der rechtliche und gesellschaftliche Status der Stadttauben als unerwünschte «Schädlinge» bleibt unangetastet. Kritisch wird es, wenn das Modell als Feigenblatt dient, um weiterhin Fütterungsverbote, Vergrämung und versteckte Tötungsaktionen zu legitimieren. Statt die vom Menschen geschaffene Haustierpopulation als Mitgeschöpfe mit Anspruch auf Schutz und Versorgung anzuerkennen, verschiebt man das Problem räumlich und kosmetisch. Ein wirklich zeitgemässes, jagd- und tierleidkritisches Stadttaubenkonzept müsste weitergehen: flächendeckend, transparent und wissenschaftlich begleitet, mit klarer Fütterungslenkung, Aufklärung und einer ehrlichen Übernahme der Verantwortung für die von Menschen gemachte Stadttaubenpopulation.

Insgesamt bleibt das Augsburger Taubenschutz-Modell ein umstrittenes Thema, das sowohl Befürworter als auch Gegner hat. Eine offene Diskussion über die Vor- und Nachteile sowie alternative Ansätze ist notwendig, um zum Wohle der Tiere effektive und nachhaltige Lösungen zu finden.

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