Wenn Jagdromantik die Fakten verdrängt
Der Artikel «Schrei so laut du kannst» der taz beschreibt eine sardische Treibjagd auf Wildschweine – atmosphärisch dicht, kulturell interessiert, literarisch ambitioniert. Doch er enthält eine unbelegte Kernaussage, die als Tatsache stehen bleibt: «Die Jäger erklären, dass die grosse Zahl der Wildschweine den Feldern und Weiden schadet und die Jagd dazu diene, die Bestände im Gleichgewicht zu halten. Irgendwer müsse sich ja darum kümmern.»
Diese Aussage stammt direkt aus dem Repertoire der Jagdlobby.
Sie wird im Artikel nicht eingeordnet, nicht hinterfragt, nicht widerlegt. Was die Wissenschaft dazu sagt, unterscheidet sich fundamental. Behauptung: «Jagd hält Wildschweinbestände im Gleichgewicht». Das ist wissenschaftlich nicht haltbar, im Gegenteil.
Eine Langzeitstudie von Sabrina Servanty et al. (Journal of Animal Ecology, 2009) verglich über 22 Jahre zwei Wildschweinpopulationen: eine stark bejagte im Departement Haute-Marne, eine wenig bejagte in den Pyrenäen. Ergebnis: Hoher Jagddruck erhöht die Fruchtbarkeit der Tiere signifikant, junge Bachen werden früher geschlechtsreif, die Wurfgrösse steigt. Die Hobby-Jagd stimuliert damit genau die Vermehrung, die sie angeblich kontrollieren soll.
Prof. Dr. Josef H. Reichholf, Zoologe und Ökologe, lehrte an beiden Münchner Universitäten und war Leiter der Abteilung Wirbeltiere der Zoologischen Staatssammlung München, formuliert es klar: «Jagd reguliert nicht. Sie schafft überhöhte und unterdrückte Bestände.»
In Deutschland wurden die Wildschweinabschüsse von unter 150’000 auf über 500’000 Tiere pro Jahr gesteigert, und dennoch wächst der Bestand weiter. Die Hobby-Jagd als Regulierungsinstrument ist damit empirisch widerlegt. Welche weiteren Jagdmythen einer wissenschaftlichen Prüfung nicht standhalten, dokumentiert wildbeimwild.com systematisch.
Sardinien: Was mit den Wildschweinen wirklich passiert
Auf Sardinien gibt es laut Coldiretti (2024) rund 100’000 Wildschweine. Diese Zahl wird von der Jagdlobby als Beweis für die «Notwendigkeit der Jagd» ins Feld geführt, aber sie ist auch das Ergebnis jahrzehntelanger Hobby-Jagdpraxis. Wildschweine auf Sardinien weisen, wie in vielen Teilen Italiens, genetische Spuren von Hybridisierung mit Hausschweinen auf, was ihre Fortpflanzungsrate beeinflussen kann.
Ein Managementplan der Provinz Oristano stellt zudem fest, dass Wildunfälle auf Sardinien signifikant ab September zunehmen. Genau dann, wenn die Jagdsaison mit Hunden beginnt. Der Artikel der taz erwähnt weder Hybridisierung noch die jagdbedingte Aufscheuchung der Tiere als Unfallursache.
Was der Artikel ausblendet: Tierleid als Normalzustand
Die Autorin beschreibt mehrere kritische Szenen, deutet sie aber kulturrelativistisch um: Ein Jagdhund wird von einem Wildschwein verletzt; sein Besitzer kontrolliert die Wunde, das Tier bleibt im Einsatz. Ein Fuchs wird «nebenbei» erschossen, weil er «die Jagd störe». Das erlegte Wildschwein stirbt langsam, rutscht die Strasse hinunter, sein Auge löst sich aus der Höhle.
Die Autorin Carla Farris schreibt dazu: «Ich empfinde Mitleid. Aber hier ist diese Perspektive völlig fehl am Platz.» Diese Selbstkorrektur ist bezeichnend: Das Mitgefühl mit dem Tier wird als zivilisatorisch naiv markiert, die Jagdkultur als übergeordnete Realität anerkannt. Der Artikel normalisiert so Tierleid als kulturelle Notwendigkeit, ohne dies zu reflektieren. Die Psychologie der Hobby-Jagd erklärt, warum solche Rechtfertigungsmuster funktionieren.
Fehlende Stimmen, fehlende Einordnung
Ein journalistisch ausgewogener Artikel über die Wildschweinjagd hätte einbeziehen müssen: Wildbiologinnen und Wildbiologen zur Frage der Bestandsregulierung, Tierschutzperspektiven auf die eingesetzten Jagdhunde und deren Verletzungsrisiko, Daten zur Entwicklung der sardischen Wildschweinpopulation trotz intensiver Hobby-Jagd, einen Hinweis auf den Hybridisierungsstatus der sardischen Tiere sowie eine Einordnung des «gesellschaftlichen Auftrags» der Hobby-Jagd als Interessenbehauptung, nicht als Tatsache.
Weiterführend: Dossier Jagd und Tierschutz · FAQ: Psychologie der Hobby-Jäger · Dossier Jagdmythen · Mustertexte für jagdkritische Vorstösse · Alle Dossiers
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