Mehr Hobby-Jäger, mehr Blei, mehr Schüsse: Das Tessin baut die Hobby-Jagd aus, während die Wildtiere keine Stimme haben.
Ein Blick hinter die Kulissen eines Systems, das sich «Kultur» nennt.
Im Tessiner Grossen Rat wird gerade über eine unscheinbar klingende Gesetzesänderung diskutiert: Jagdgäste aus anderen Kantonen sollen künftig einfacher ein temporäres Patent erhalten und im Tessin auf die Hobby-Jagd gehen dürfen. Gleichzeitig ringt die Kommission darum, wie lange Hobby-Jäger noch mit giftigem Blei schiessen dürfen. Wer genauer hinschaut, sieht: Es geht nicht um Tierschutz, nicht um Ökologie. Es geht um das Vergnügen einer Minderheit auf Kosten der Wildtiere.
Was geplant ist
Die Idee stammt von der UDC-Grossrätin Lara Filippini, die 2024 eine parlamentarische Initiative eingereicht hat: Wer in einem anderen Kanton bereits eine Jagdprüfung bestanden hat, soll künftig im Tessin jagen dürfen – begleitet von einem lokalen Jäger, mit einem temporären Gastpatent.
Das klingt nach einer technischen Detailregelung. In Wirklichkeit öffnet es die Tessiner Wälder und Felder für aktiven Jagdtourismus. Mehr Jäger, mehr Schüsse, mehr tote Tiere – und das in einem Kanton mit reicher Wildtierwelt und sensiblen Ökosystemen.
Gleichzeitig diskutiert die Kommission über den Abschied vom Bleischrot. Das eidgenössische Jagdgesetz, das seit dem 1. Februar 2025 in Kraft ist, sieht vor: Bleihaltige Kugelmunition (ab Kaliber 6 mm) ist bis Ende 2029 noch erlaubt, ab 1. Januar 2030 verboten. Einige Kantone wie Bern gehen weiter und verbieten Bleimunition bereits ab 2027. Das Tessin hingegen betont «zusätzliche Komplexitäten» und pocht auf möglichst lange Übergangsfristen.
Was Blei mit Wildtieren macht
Bleimunition ist seit Jahrzehnten als Umweltgift bekannt. Schrot und Kugelreste verbleiben in Böden, Gewässern und im Fleisch erlegter Tiere. Greifvögel wie Adler oder Milane, die Tierkadaver fressen, nehmen Blei auf und sterben daran. Wasservögel schlucken Bleischrot vom Gewässerboden und verenden qualvoll. Bereits 1998 hat die Schweiz deshalb Bleischrot in Feuchtgebieten verboten. Seither sind fast 30 Jahre vergangen und trotzdem soll die Hobby-Jagd noch mindestens bis 2030 und in einigen Bereichen länger mit dem Umweltgift arbeiten dürfen.
Wer würde es akzeptieren, wenn eine andere Freizeitindustrie jahrzehntelang ein nachgewiesenermassen giftiges Material in die Landschaft streuen dürfte und sich dabei auf «Tradition» beruft?
Niederjagd: Freizeit, kein Naturschutz
Die sogenannte Niederjagd – also die Jagd auf Niederwild wie Hasen, Füchse, Dachse oder Schnepfen – wird gerne als notwendiges «Wildtiermanagement» bezeichnet. Doch diese Begründung trägt nicht. Viele dieser Tierarten stehen unter erheblichem Druck durch Lebensraumverlust, Pestizide und Klimawandel. Ausgerechnet jene Tiere, die am meisten kämpfen, sollen auch noch bejagt werden, damit Hobby-Jäger am Wochenende ein «Erlebnis» haben.
Tierschutzorganisationen und Wildbiologen weisen seit Jahren darauf hin: In dicht besiedelten, intensiv genutzten Landschaften fehlt für die meisten Niederwildarten die wildbiologische Grundlage, die eine Bejagung rechtfertigen würde. Was bleibt, ist ein tierquälerisches Hobby, ausgeübt auf Kosten von Tieren, die keine Wahl haben.
«Kultur» – ein Begriff, der schützen soll
Jagdverbände sprechen gerne von «arte venatoria», der Jagd als Kunst und Kulturerbe. Dieses Wort hat eine klare Funktion: Es soll Kritik entwaffnen. Wer gegen Kultur ist, gilt als engstirnig.
Doch Kultur ist kein Freifahrtschein. Gesellschaften haben schon viele Praktiken aufgegeben, die einst als selbstverständlich galten – sobald das Bewusstsein für die Würde anderer Lebewesen gestiegen ist. Die Frage ist nicht, ob die Jagd alt ist. Die Frage ist, ob das Töten von Wildtieren zur Freizeitgestaltung heute noch ethisch vertretbar ist, in einer Zeit, in der wir wissen, dass Tiere Schmerz empfinden, Angst kennen und ein Interesse am Weiterleben haben.
Eine breite Gesellschaft, die Hunde und Katzen liebt, Wolfsschutz fordert und Bienen rettet, sollte sich diese Frage ehrlich stellen. Wer Tiere schützen will, kann das tun: mit Kamera statt Gewehr, mit Lebensraumaufwertungen statt Schrotsalven, mit Respekt statt Jagdpatent.
Was jetzt gebraucht würde
Statt Gästepatente einzuführen und Übergangsfristen für Bleimunition zu verlängern, könnte das Tessin vorangehen:
- Die Niederjagd auf ökologisch nicht begründbare Arten einstellen
- Bleimunition sofort und vollständig verbieten – nicht erst 2030
- Jagdgebiete als Ruheräume für Wildtiere ausweisen
- Öffentliche Gelder in Lebensraumschutz statt in Jagdverwaltung lenken
- Den gesellschaftlichen Dialog über die Zukunft der Hobby-Jagd ernsthaft führen
Das Tessin hat die Wahl: Es kann Wildtierschutz als Priorität setzen oder weiter eine Freizeitunkultur verwalten, die auf dem Tod von Tieren beruht.






