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Jagd

Graubünden: Tierquälerische Sonderjagd 2020

Irgendwie wird der Bevölkerung Jahr um Jahr vom Amt für Jagd und Fischerei etwas vorfabuliert.

Redaktion Wild beim Wild — 30. Oktober 2020

Obschon die manipulative Hochjagdstrecke sehr gut ausgefallen ist, gilt es einen anspruchsvollen Plan für die Sonderjagd 2020 umzusetzen.

Ohne die Sonderjagd im November und Dezember wäre eine Regulation der künstlich hochgehaltenen Hirsch- und jetzt neu auch vermehrt der Rehwildbestände undenkbar.

Sonderjagd ist, wie der Name schon sagt, eine Nachbesserung. Wird eine Nachbesserung zum Regelfall, dann stimmt etwas nicht mit der Wissenschaft, Wildbiologie, Planung sowie Ausführung und dies ist in Graubünden beim Amt für Jagd und Fischerei mit seinen Hobby-Jägern seit über 30 Jahren der Fall.

Der Abschussplan beim Hirschwild liegt dieses Jahr mit insgesamt 5’560 Hirschen gleich hoch wie im Vorjahr. In allen Regionen in Graubünden mit grossen Wald-Wild-Konflikten wurde der Anteil an weiblichen Tieren, die gemäss dem Abschussplan zu erlegen sind, von 50 auf 55 beziehungsweise 60 % gesetzt, schreibt das Departement vom Regierungsrat Mario Cavigelli.

Der anhaltend hohe Jagddruck hat den Bestand nicht auf gewünschte Höhe reguliert, sondern auf hohem Niveau hochproduktiv gehalten. Das heisst: Je mehr Rehe oder Hirsche geschossen werden, umso stärker vermehren sie sich.

IG Wild beim Wild

Der Plan der Jagdverwaltung wird nie zugunsten der Wildtiere und der normalen Bergbewohner erfüllt. Der Wald-Wild-Konflikt wird Jahr um Jahr verschärft. In den drei Wochen der Bündner Hochjagd 2020 sind im Vergleich zum Vorjahr rund 30 % mehr Hirsche und Rehe erlegt worden. Mehr dazu im Dossier Warum die Hobby-Jagd als Populationskontrolle scheitert.

Damit der abscheuliche jagdliche Auftrag vom Amt für Jagd und Fischerei erfüllt werden kann, müssen auf der Sonderjagd 2020 eine erhebliche Anzahl Hirsche und Rehe zusätzlich erlegt werden, fabuliert Dr. Adrian Arquint, Vorsteher Amt für Jagd und Fischerei in Graubünden, in dieser Medienmitteilung.

Auch der Rehbestand muss reguliert werden

«Die im Vergleich zum Vorjahr deutlich höhere Rehbockstrecke widerspiegelt allgemein einen guten bis regional zu hohen Rehbestand. In Gebieten mit grossen Wald-Wild-Konflikten ist davon auszugehen, dass das Rehwild einen entscheidenden Einfluss auf die Waldverjüngung hat. Aus diesem Grund wird in diesen Regionen die Sonderjagd auf Rehe durchgeführt, unabhängig der Rehbockstrecke der Hochjagd», sagt Adrian Arquint weiter.

Fakten statt Jägerlatein

Erst die Hobby-Jagd treibt die Tiere in den Wald hinein, wo sie dann keine für sie lebenswichtigen Gräser und Kräuter finden und ihnen nichts anderes bleibt, als an Knospen zu knabbern, monieren hingegen Tierschützer und die Wissenschaft. Durch die Sonderjagd werden die Wildtiere unnötig aufgescheucht, was ihren Nahrungsbedarf und damit die Frassschäden oft noch weiter erhöht. Gleichzeitig wird so auch deren Reproduktivität stimuliert, damit der Wald-Wild-Konflikt sich noch mehr verschärft, aber die Hobby-Jägerschaft mehr und mehr Kanonenfutter hat und somit reichlich Blutgeld in die Kassen des Kantons fliesst.

Die starke Bejagung hält den Bestand auf hohem Niveau. Sie führte in eine Sackgasse, aus der man nicht herauskommt, wenn noch tiefer hineingefahren wird. Im Gegenteil. Der Verbiss steigt weiter, weil die ihnen aufgezwungene Scheu verhindert, dass sie ihrer Natur gemäss weitgehend im Freien leben. Dürften sie dies, käme das nicht nur der Naturverjüngung im Wald ganz von selbst zugute, sondern auch die Häufigkeit der Wildunfälle würde abnehmen. Rehe, die nicht bei Nacht und Nebel über Strassen müssen, geraten auch nicht unter die Räder. Sie können lernen, sich auf den Strassenverkehr einzustellen.

Ein weiterer Vorteil käme hinzu: Die Wildtiere würden wieder sichtbar. Wären sie nicht so scheu, liesse sich viel leichter feststellen, wie gross die Bestände tatsächlich sind. Und wie verteilt. Der Verbiss ist dafür kein guter Weiser.

Stiftung Tier im Recht: Tierschutzrechtliche Fragen

Entgegen einer anderslautenden Auffassung, die bisweilen noch immer vertreten wird, ist das eidgenössische Tierschutzrecht auch im Rahmen der Jagdausübung vollumfänglich anwendbar. Die Verletzung von Tierschutzvorschriften ist somit auch während der Jagdausübung strafbar. Eine Ausnahme hiervon besteht, wenn das Bundesjagdgesetz einen Sachverhalt ausdrücklich abweichend vom Tierschutzgesetz regelt.

Das zweistufige Bündner Jagdmodell mit Hoch- und Sonderjagd wirft aus tierschutzrechtlicher Sicht Fragen auf. Während der Sonder- oder Herbstjagd auf Hirsch und Reh, deren Dauer bis weit in den Dezember hinein reicht, gelten gegenüber der Septemberjagd erheblich gelockerte Jagdbetriebsvorschriften. Damit werden in erhöhtem Masse Tierschutzverstösse in Kauf genommen.

Wildtiere sind in den Wintermonaten auf ihre Energiereserven angewiesen. Freizeitbetätigungen in Wildruhezonen und Wildschutzgebieten sind daher zu Recht untersagt. Jagdliche Tätigkeiten bedeuten durch die weit hörbaren Schüsse und die direkt gegen das jagdbare Wild selbst gerichtete Bedrohung eine besondere Belastung für dieses. Aus rechtlicher Sicht wäre in konkreten Härtefällen, beispielsweise bei extremen Witterungsverhältnissen, zu prüfen, ob sich die involvierten Hobby-Jäger einer unnötigen und somit einer Tierquälerei im Sinne des Tierschutzgesetzes strafbar machen.

Bei der Sonderjagd dürfen, anders als während der Septemberjagd, auch säugende Hirschkühe und Rehgeissen sowie deren Jungtiere geschossen werden. In der Praxis ist dies aber kaum in jedem Fall ohne Tierschutzverstoss durchführbar. Ob diese Regelung ausnahmslos eingehalten wird, ist fraglich. Aus tierschutzrechtlicher Sicht hingegen müsste im Falle eines zurückbleibenden Jungtieres der Tierquälereitatbestand der qualvollen Tötung geprüft werden, da ein Kalb oder ein Kitz ohne Mutter keine reale Überlebenschance hat.

Im umgekehrten Fall, also beim Abschuss eines Jungtieres vor seiner Mutter, besteht keine Garantie, dass auch das Alttier erlegt werden kann. Der Verlust des Nachwuchses ist für laktierende Tiere in körperlicher wie psychischer Hinsicht belastend. Die Frage der Notwendigkeit einer zusätzlichen Regulation nach der Hochjagd scheint auch in der Fachwelt der Forst- und Wildbiologie umstritten zu sein, erklärt Vanessa Gerritsen von der Stiftung Tier im Recht.

Hoher Anteil an männlichen Tieren bei der Hochjagdstrecke

Da bei der Hochjagdstrecke beim Hirschwild die Hobby-Jäger vor allem an männlichen Tieren (Trophäenjagd) interessiert waren, muss auf der Sonderjagd 2020 die Regulation der weiblichen Tiere intensiviert werden. Zudem wurden weitere Schwerpunktbejagungen in besonders betroffenen Gemeinden festgelegt.

Um eine ausreichende Regulation der Hirschbestände zu erzielen, braucht es die zusätzlichen Hobby-Jagden im November und Dezember. In allen 21 Hirschregionen werden Sonderjagden auf Hirschwild durchgeführt. Für die Sonderjagd haben sich 3’551 (Vorjahr 3’422) Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger angemeldet.

Adrian Arquint ist gegen die Schwächsten in der Gesellschaft im Krieg, seine Sprache und Taten lassen keinen Zweifel offen.

Die Sonderjagd ist immer auch ein unethisches und barbarisches Massaker an Wildtieren. Trächtige, führende Hirschkühe sowie Rehgeissen und ihre Jungen, ganze Sozialstrukturen werden wie in einem Blutrausch ohne Erbarmen von Hobby-Jägern zusammengeschossen. Führende Muttertiere vor dem Kitz wegzuschiessen, ist schäbig und gemein. Es wird niemals eine Entschuldigung geben, ein neugeborenes Leben so zu zerstören oder dass Muttertiere ihre Kälber nicht ohne Hatz und Todesangst aufziehen können. Weitere Hintergründe zu den Jagdmythen.

Die Bündner Hobby-Jagd mit den Hobby-Jägern ist schlichtweg hochgradig kriminell. Nur ist unser Rechtssystem noch nicht so weit, das im Strafrecht zu berücksichtigen.

So gibt es zum Beispiel jedes Jahr über 1’000 Anzeigen und/oder Bussen gegen Hobby-Jäger in Graubünden.

Die Menschen, viele Menschen, würden bei uns gern auch mal Wildtiere erleben, die nicht in wilder Panik davon stürmen oder nachts eine gefährliche Vollbremsung auslösen. Mit weiter verstärktem Abschiessen wird sich der Wald nicht retten lassen.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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