2. April 2026, 22:03

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Psychologie & Jagd

Psychologie der Hobby-Jagd im Kanton Neuenburg

Der Kanton Neuenburg (Neuchâtel) erstreckt sich von den Höhen des Juras bis zum Südufer des Neuenburgersees. Als frankofoner Kanton mit Patentjagd teilt er das Jagdsystem mit den meisten Westschweizer und Alpenkantonen. Die Jagd wird durch den Service de la faune, des forêts et de la nature (SFFN) verwaltet, der dem kantonalen Département du territoire et de l’environnement (DTE) angegliedert ist. Die Hochwildjagd findet im Herbst statt, die Jagdzeit ist auf wenige Wochen beschränkt.

Redaktion Wild beim Wild — 21. März 2026

Neuenburg liegt am Jurabogen, der sich von Genf bis nach Schaffhausen erstreckt und als Hauptkorridor für die Ausbreitung des Wildschweins in der Schweiz gilt.

Die Wildschweinjagd ist dementsprechend ein dominierendes Thema. Gleichzeitig ist Neuenburg ein Nachbar des Kantons Genf, der seit 1974 die Hobby-Jagd abgeschafft hat. Diese räumliche Nähe zum Genfer Modell macht Neuenburg zu einem psychologisch besonders interessanten Fall: Man kennt die Alternative, lebt neben ihr und ignoriert sie trotzdem.

Wildschwein und Jurabogen: Der Dauerbrenner

Das Wildschwein ist für die Neuenburger Jagdpolitik das zentrale Thema. Entlang des Jurabogens haben sich die Wildschweinbestände in den letzten Jahrzehnten stark ausgebreitet. Die Abschusszahlen schwanken jährlich stark, der Trend ist aber steigend. Landwirtschaftliche Schäden durch Wildschweine führen zu politischem Druck auf die Jagdverwaltung.

Psychologisch wirkt das Wildschwein auch in Neuenburg als Legitimationsinstrument: Solange die «Wildschweinplage» existiert, braucht es die Hobby-Jagd. Dass die intensive Bejagung die Populationsdynamik verstärkt, indem sie Sozialstrukturen zerstört und die Reproduktionsrate erhöht, wird im öffentlichen Diskurs nicht thematisiert. Der Jagddruck hat die Wildschweine nachtaktiv gemacht und in den Wald gedrängt, von wo aus sie dann nachts auf die Felder ausbrechen. Die Hobby-Jagd erzeugt das Verhaltensmuster, das sie dann bekämpft.

Frankofone Jagdkultur: andere Sprache, gleiche Muster

In der Westschweiz spricht man von «la chasse», nicht von «der Jagd». Die sprachliche Differenz verdeckt, dass die psychologischen Mechanismen identisch sind. Auch in Neuenburg wird die Hobby-Jagd als Tradition gerahmt, als Verbindung zur Natur, als Dienst an der Allgemeinheit. Auch hier herrscht ein Deutungsmonopol der Hobby-Jägerschaft über Wildtierfragen. Auch hier fehlt eine öffentliche Debatte über Alternativen.

Ein Unterschied zur Deutschschweiz ist der stärkere Bezug zur französischen Jagdkultur. In Frankreich ist die Jagd (la chasse) ein politisch aufgeladenes Thema, eng verbunden mit ländlicher Identität und Widerstand gegen urbane Eliten. Diese Dynamik strahlt auf die Westschweiz aus. Jagdkritik wird in Neuenburg schneller als «städtische Einmischung» oder «ideologische Bevormundung» gerahmt als in der Deutschschweiz. Die kulturelle Nähe zu Frankreich verstärkt die Abwehrreflexe.

Genf als verdrängter Nachbar

Neuenburg und Genf sind beides frankofone Kantone in der Westschweiz. Sie teilen Sprache, Kultur und zahlreiche politische Traditionen. Und dennoch: Was Genf seit 1974 vormacht, professionelles Wildtiermanagement ohne Hobby-Jagd, findet in Neuenburg keinen Widerhall. Der Kanton Genf zeigt einen stabilen Rehbestand von rund 680 Tieren (2024), reguliert durch lediglich 20 bis 36 Spezialabschüsse professioneller Wildhüter pro Jahr. Dieses Verhältnis von weniger als 5 Prozent Entnahme ist ein Bruchteil dessen, was in Kantonen mit Hobby-Jagd üblich ist.

Psychologisch ist diese Verdrängung aufschlussreich. Neuenburg könnte das Genfer Modell nicht nur kennen, sondern als frankofoner Nachbarkanton auch kulturell leicht adaptieren. Dass dies nicht geschieht, liegt nicht an sachlichen Hürden, sondern an identitätspolitischen Barrieren. Die Hobby-Jagd in Neuenburg versteht sich als eigenständige Tradition, nicht als reformbedürftiges System. Der Genfer Weg wird nicht als Vorbild, sondern als Sonderfall abgetan, als «Ausnahme, die man nicht verallgemeinern kann». Diese Einordnung ist psychologisch eine Schutzstrategie: Was als Ausnahme gerahmt wird, muss nicht als Alternative ernst genommen werden.

Patentjagd am Jura: Zwischen Wald und Wein

Die Neuenburger Patentjagd findet in einem Kanton statt, der landschaftlich zweigeteilt ist: die Höhenzüge des Juras mit dichten Wäldern und die Südhänge mit Weinbergen und Kulturland. Die Hobby-Jagd spielt sich in beiden Räumen ab, mit unterschiedlichen Zielarten. In den Wäldern werden Rehe, Gämsen und Wildschweine bejagt, am See und in den Niederungen Wasservögel und Füchse.

Psychologisch erzeugt diese räumliche Vielfalt eine breite Legitimationsbasis: Die Hobby-Jagd kann sich je nach Kontext als Waldschützerin, als Landwirtschaftshelferin oder als Bestandsregulatorin inszenieren. Diese Flexibilität der Begründung ist typisch für die Jagdpsychologie: Das Narrativ passt sich dem Kontext an, die Praxis bleibt immer dieselbe.

Neuenburg als verpasste Chance

Kein anderer Kanton hätte es so leicht, das Genfer Modell zu übernehmen, wie Neuenburg. Die sprachliche und kulturelle Nähe ist gegeben, die Behördenstrukturen sind ähnlich, die ökologischen Herausforderungen vergleichbar. Dass Neuenburg dennoch an der Hobby-Jagd festhält, ist psychologisch bezeichnend: Die Nähe zum Vorbild macht die Abwehr stärker, nicht schwächer. Je sichtbarer die Alternative, desto grösser der Druck, sich gegen sie abzugrenzen.

Neuenburg zeigt damit in verdichteter Form, was für die gesamte Jagdpsychologie gilt: Die Fakten ändern das System nicht. Nicht weil die Fakten schwach wären, sondern weil das System stärker ist als die Fakten. Öffentlicher Druck, demokratische Prozesse und kantonale Volksabstimmungen sind die einzigen Instrumente, die Systeme verändern können. Genf hat es bewiesen. Neuenburg könnte das Nächste sein.

Mehr dazu im Dossier: Psychologie der Jagd

Kantonale Psychologie-Analysen:

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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