2. April 2026, 18:08

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Faktencheck: «Die Jagd in der Schweiz schützt und nützt»

Die Broschüre von Anton Merkle, Präsident von JagdSchweiz, liest sich wie ein Werbeprospekt für die Hobby-Jagd: glatte Zahlen, grüne Dreiecke, ein lächelnder Präsident und Sätze wie «Die Jagd ist eine verantwortungsvolle Betätigung für die Natur.» Was nach PR-Hochglanz klingt, verdient einen genauen Blick, denn zwischen den Zeilen verbirgt sich ein Narrativ, das wissenschaftlichen Erkenntnissen, ökologischen Fakten und ethischen Massstäben in wesentlichen Punkten widerspricht.

Behauptung 1: «Die Regulierung von Wildbeständen ist eine staatliche Aufgabe – Hobby-Jäger leisten fachmännische Unterstützung»

JagdSchweiz suggeriert, dass die 30’000 Hobby-Jäger eine Art verlängerter Arm des Staates seien. Tatsächlich ist die Hobby-Jagd rechtlich gesehen keine Naturschutzaufgabe, sondern eine Nutzung und Regulation innerhalb eines Wildtiermanagements. Laut Bundesrecht muss kein Kanton in der Schweiz die Hobby-Jagd überhaupt vorsehen. Jeder Kanton kann frei entscheiden, ob er die Hobby-Jagd zulässt oder nicht – wie das Beispiel Genf seit 1974 beweist.

In Genf übernehmen rund zehn staatliche Wildhüter, die sich drei Vollzeitstellen teilen, das gesamte Wildtiermanagement – ohne Hobby-Jäger, ohne Patente, ohne Abschusswettbewerbe. Die Wildschäden für die Landwirtschaft sind laut dem Genfer Umwelthüter Gottlieb Dandliker «praktisch unbedeutend». Die jährlichen Kosten für das gesamte Wildtiermanagement betragen rund eine Million Franken – das entspricht einer Tasse Kaffee pro Einwohner. Seit dem Jagdverbot hat sich die Zahl überwinternder Wasservögel mehr als verzehnfacht. Gleichzeitig sind die Schadenszahlen in Genf vergleichbar mit jenen des Kantons Schaffhausen, obwohl dort regulär und tierquälerisch gejagt wird.

Behauptung 2: «Hobby-Jäger engagieren sich für Artenvielfalt und Lebensräume»

Die Broschüre behauptet, Hobby-Jäger setzten sich «hauptsächlich» für Artenvielfalt und Lebensräume ein. Die Realität in der Schweiz zeichnet ein anderes Bild. Im OECD-Umweltprüfbericht 2017 heisst es: «Im OECD-weiten Vergleich weist die Schweiz mit die höchsten Anteile an bedrohten Arten auf, auch bei den Säugetieren.» Die OECD stellte zudem fest, dass sich die Schweiz «stark auf die Festlegung von Jagdbanngebieten» verlasse, die «ursprünglich das exzessive Jagen einschränken sollten» und dass die «Qualität der Schutzgebiete mangelhaft» sei.

Der WWF bestätigt 2025: In einer internationalen Vergleichsstudie zur Bekämpfung der Biodiversitätskrise landet die Schweiz auf dem letzten Platz. Das passt nicht zu einer Lobby, die behauptet, ihre 30’000 Mitglieder seien der Motor des Naturschutzes. Die Hälfte der einst jagdbaren Tierarten befindet sich in keinem guten Erhaltungszustand oder ist ausgestorben. Geschützte Arten wie der Feldhase, das Birkhuhn oder die Waldschnepfe stehen nach wie vor auf der Liste der jagdbaren Arten.

Naturschutz bekämpfen statt fördern

Besonders aufschlussreich ist das Verhalten des JagdSchweiz-Vorstands in konkreten Naturschutzfragen. Fabio Regazzi, Vizepräsident von JagdSchweiz und Mitte-Ständerat, bekämpfte 2016 aktiv den Nationalpark Adula – das grösste Naturschutzprojekt der Schweiz seit Jahrzehnten. Der geplante Park rund um das Rheinwaldhorn in Graubünden und im Tessin hätte der Biodiversität einen enormen Schub geben können: 250 bis 300 Millionen Franken Investitionen über zehn Jahre, rund 200 Arbeitsplätze und eine zukunftsfähige Perspektive für abwandernde Berggemeinden. Stattdessen machte der Tessiner Jägerverband FCTI – dessen langjähriger Präsident Regazzi war – mit Angstpropaganda Stimmung dagegen. Die Stimmberechtigten in den betroffenen Gemeinden lehnten den Park ab. 2018 verhinderten Hobby-Jäger auch die Schaffung eines zweiten Nationalparks. Es geht nicht um den Schutz der Natur: es geht darum, das Jagdrevier zu sichern.

Derselbe Regazzi setzte sich im Nationalrat für wolfsfreie Zonen ein, bekämpfte die Biodiversitätsinitiative und versuchte, Widerhaken beim Angeln wieder salonfähig zu machen – ein Verstoss gegen das Tierschutzgesetz. Der Tessiner Staatsrat Claudio Zali beschrieb das Auftreten der Jagdlobby als Verkörperung von «Arroganz, Mangel an Rechtsbewusstsein und Egoismus».

Kritik unterdrücken statt Dialog führen

Wer das Narrativ von JagdSchweiz öffentlich hinterfragt, muss mit juristischen Konsequenzen rechnen. David Clavadetscher erstattete im Namen von JagdSchweiz Anzeige gegen die Plattform wildbeimwild.com – wegen faktenbasierter Berichterstattung und Analysen zur Hobby-Jagd. Ziel war es, kritische Stimmen «von der Bildfläche verschwinden» zu lassen. Das Strafgericht des Kantons Tessin in Bellinzona erteilte dem eine klare Abfuhr: Richter Siro Quadri stellte fest, dass die kritischen Aussagen auf wildbeimwild.com keine Lügen sind und keinen verleumderischen Charakter haben. Das Urteil ist rechtskräftig. Auch ein Zivilverfahren in Locarno wurde eingestellt – JagdSchweiz erreichte keines seiner Ziele.

Das Gericht bestätigte damit, was Beobachter seit langem kritisieren: JagdSchweiz kultiviert Einschüchterung statt Dialog. Mitglieder drohten mit «Bürgerkrieg», sollte etwa die Fuchsjagd eingestellt werden. Der Verband arbeitet mit Gewaltbildern, Angstmacherei und Jägerlatein, um demokratische Prozesse zu beeinflussen und Presse- und Meinungsfreiheit einzuschränken.

Lebensraumförderung ist Naturschutz. Aber Hobby-Jagd ist nicht automatisch Naturschutz, nur weil sie im Wald stattfindet. Wer Naturschutz behauptet, muss sich an Naturschutz-Massstäben messen lassen: Lebensräume verbessern, Störungen reduzieren, Artenvielfalt fördern, Transparenz schaffen und Wirkung belegen. Genau dort beginnt der Mythos zu bröckeln.

Behauptung 3: «44’000 Hegetage – freiwillige und unentgeltliche Leistungen»

JagdSchweiz rechnet vor: 44’000 «Arbeitstage im Revier», die bei einem Stundenlohn von 30 Franken einen Gegenwert von 10,5 Millionen Franken ergäben. Was verschwiegen wird: Diese sogenannten Hegetage dienen in erster Linie der Revierpflege für die nächste Jagdsaison – dem Anlegen von Futterstellen, dem Bau von Hochsitzen, der Instandhaltung von Jagdinfrastruktur. Die «Freiwilligenarbeit» ist also zu einem erheblichen Teil Selbstbedienung: Hobby-Jäger pflegen das Revier, in dem sie anschliessend Tiere töten.

Echte Naturschutzarbeit – etwa Biotoppflege, Renaturierungen, Artenschutzprojekte – wird in der Schweiz primär von Naturschutzorganisationen, Kantonen und der Zivilgesellschaft geleistet. Der Vergleich mit einem hypothetischen Stundenlohn verschleiert, dass professionelle Wildhüter diese Aufgaben effizienter, tierschutzgerechter und ohne Eigeninteresse an der Bejagung erledigen könnten – wie Genf seit über 50 Jahren demonstriert.

Behauptung 4: «Die Jagd ist ein gezielter Eingriff in einen bekannten Bestand»

Die Broschüre behauptet, der Hobby-Jagd gehe «eine Zählung und Planung des Wildbestandes» voraus. Die Praxis sieht anders aus. Selbst das Bundesamt für Umwelt (BAFU) lässt durch Wildtier Schweiz verlauten, dass die Jagdstatistik nur bedingt Rückschlüsse auf den Zustand der Bestände zulässt.

Die wissenschaftliche Evidenz zeigt zudem, dass intensive Bejagung das Gegenteil von Bestandskontrolle bewirkt. Servanty et al. (2009) publizierten im «Journal of Animal Ecology»: Bei hohem Jagddruck ist die Fruchtbarkeit bei Wildschweinen wesentlich höher als in wenig bejagten Gebieten. Die Geschlechtsreife tritt früher ein, bereits Frischlingsbachen werden trächtig. Die Hobby-Jagd erzeugt damit genau die Populationsexplosion, die sie vorgibt zu verhindern.

Eine Studie der Europäischen Behörde für Nahrungsmittelsicherheit (EFSA) aus 2014 bestätigt: Wildschweinbestände lassen sich allein durch jagdliche Massnahmen nicht reduzieren. Die Reproduktion von Wildschweinen ist kompensatorisch – Verluste durch die Hobby-Jagd werden durch mehr Nachwuchs ausgeglichen.

Darimont et al. (2009, PNAS) zeigten in einer Meta-Analyse: Menschliche Hobby-Jäger verändern Wildtierpopulationen schneller als jeder andere Evolutionsfaktor, der je bei Wildtieren beobachtet wurde. Die phänotypischen Veränderungsraten bei bejagten Populationen waren bis zu 300 Prozent höher als bei natürlicher Selektion.

Behauptung 5: «Wildbret im Wert von 20 Millionen Franken – biologischer als Bio-Fleisch»

Die Broschüre preist Wildfleisch als hochwertig und nachhaltig. In der Umfrage wird sogar suggeriert, Wildfleisch sei «biologischer als Bio-Fleisch». Was verschwiegen wird: Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit (BLV) stellt klar, dass Wildschwein, Reh und Hirsch «zu den am höchsten mit Blei belasteten Lebensmitteln» gehören können. Ursache ist die bleihaltige Jagdmunition, die sich beim Aufprall verformt und in winzigen Fragmenten im Fleisch verteilt.

Das BLV empfiehlt: Kinder bis zum siebten Lebensjahr, Schwangere, Stillende und Frauen mit Kinderwunsch sollten «möglichst kein Wild essen», das mit Bleimunition erlegt wurde. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnt: In Jägerhaushalten, wo bis zu 90 Portionen Wildfleisch pro Jahr verzehrt werden, «ist mit einer Gefährdung der Gesundheit insbesondere bei Ungeborenen und Kindern unter sieben Jahren zu rechnen».

Aktuelle Forschung zeigt zudem: Der mittlere Blei-Gehalt bei mit Bleimunition erlegtem Kleintier beträgt etwa 5,2 ppm – das ist rund 14-mal höher als in EU-Risikobewertungen angenommen. Dazu kommen Risiken durch Zoonosen wie Trichinose und Hepatitis E. Die französische Gesundheitsbehörde ANSES rät, den Verzehr von Wildfleisch auf maximal dreimal jährlich zu beschränken.

Aas statt Delikatesse

Was JagdSchweiz als «natürliche Ressource» verkauft, ist in der Praxis oft ein hygienisches Risiko. Schon Minuten nach dem Einschuss beginnen die Blutgerinnung und Keimvermehrung im Tierkörper. Innerhalb einer Stunde können sich eine Million Bakterien pro Gramm verschmutztem Fleisch bilden. Im Schlachthof wird Nutzvieh unter strengen Hygienevorgaben verarbeitet – bei der Hobby-Jagd fehlen diese Kontrollen weitgehend.

Die Realität im Feld: stundenlanges Trödeln beim Bergen, mangelnde Kühlung, unhygienische Ausweidung unter freiem Himmel, keine amtliche Fleischbeschau. Dazu kommen Rückstände, die kein Metzger akzeptieren würde: Pestizide, Gülle-Belastung, Schwermetalle, PFAS – alles ungeprüft. Wildtiere, die sich in intensiv genutzter Kulturlandschaft ernähren, sind nicht automatisch «Bio». Sie nehmen auf, was in dieser Landschaft liegt – und das ist oft alles andere als naturbelassen.

Das Risiko endet nicht bei Blei. Rohes oder unzureichend gegartes Wildfleisch kann Trichinellosen, Salmonellen, E. coli und das Hepatitis-E-Virus übertragen. Besonders gefährdet sind Immungeschwächte und Schwangere – bei denen eine Hepatitis-E-Infektion zu Leberentzündungen, chronischem Verlauf oder Organversagen führen kann.

«Biologischer als Bio» ist Wildfleisch mit Bleikontamination, Zoonosen-Risiko, fehlender systematischer Lebensmittelkontrolle und Aas-Charakter sicher nicht.

Behauptung 6: «Die Jagd verhindert die Ausbreitung von Tierseuchen»

Die Umfrage in der Broschüre suggeriert, Hobby-Jäger schützten die Bevölkerung vor Tierseuchen. Die Wissenschaft sagt das Gegenteil. Mehr als 18 Studien belegen, dass beispielsweise die Fuchsjagd keine Bestände reguliert und auch nicht vor Seuchen schützt. Im Gegenteil: Die Dezimierung kann soziale Strukturen in den Populationen zerstören und Krankheitsdynamiken sogar verstärken.

Das Friedrich-Löffler-Institut fordert im Falle eines Ausbruchs der Afrikanischen Schweinepest bei Wildschweinen, Treibjagden zu unterlassen. Die Zerstörung stabiler Familienverbände führt nicht nur zu einem Anstieg der Geburtenrate, sondern auch zu vermehrten Wanderungen einzelner Tiere – und damit potenziell zur schnelleren Ausbreitung von Krankheiten.

Wer Füchse schiesst, schiesst in die eigene Gesundheitsversorgung

Füchse sind keine Schädlinge, sondern Gesundheitspolizisten der Natur. Ein einziger Fuchs frisst rund 4’000 Mäuse pro Jahr. Mäuse sind Reservoirwirte für Zecken-Erreger wie Borreliose und FSME sowie für das Hantavirus. Eine Studie von Tim R. Hofmeester (Wageningen Universität, 2017, Proceedings of the Royal Society B) untersuchte 20 Waldparzellen und kam zu einem klaren Ergebnis: In Gebieten mit höherer Fuchs- und Steinmarder-Aktivität trugen Nager 10 bis 20 Prozent weniger Zeckenlarven. Die Nymphen waren in Gebieten mit geringer Beutegreifer-Aktivität 15 Prozent häufiger mit Krankheitserregern infiziert.

Die Konsequenz ist messbar: Weniger Beutegreifer durch die Hobby-Jagd bedeuten mehr Mäuse, mehr infizierte Zecken und steigende FSME- und Borreliose-Fälle beim Menschen. Die FSME-Zahlen in der Schweiz erreichten Anfang 2025 den höchsten Stand seit 2013. In Deutschland wurden 2024 mit 686 Fällen die zweithöchsten FSME-Werte überhaupt registriert. Das Hantavirus, das von Mäusen über Kotstaub übertragen wird, verursacht bis zu 2’000 Fälle pro Jahr – achtmal mehr als der Fuchsbandwurm, mit dem Hobby-Jäger ihre Fuchsjagd rechtfertigen.

Fuchsjagd verbreitet Fuchsbandwurm statt ihn zu bekämpfen

JagdSchweiz behauptet seit Jahren, die Fuchsjagd schütze vor dem Fuchsbandwurm. Eine französische Langzeitstudie bei Nancy widerlegt das eindrücklich. Über vier Jahre wurden auf rund 700 Quadratkilometern 776 Füchse zusätzlich getötet – der Jagddruck stieg um 35 Prozent. Das Ergebnis: Die Fuchspopulation ging nicht zurück, da juvenile Füchse aus Nachbargebieten einwanderten. Die Befallsrate mit Fuchsbandwurm stieg von 40 auf 55 Prozent – weil die einwandernden Jungfüchse kontaminierte Fäkalien in neue Gebiete trugen. Der Studientitel spricht für sich: «Echinococcus multilocularis management by fox culling: An inappropriate paradigm.»

In Luxemburg zeigt sich das Gegenteil: Nach dem Verbot der Fuchsjagd 2015 sank die Befallsrate von 40 Prozent auf unter 10 Prozent. Die Schweizer Tollwut wurde nicht durch die Hobby-Jagd, sondern durch Impfköder ausgerottet – seit 1998 ist die Schweiz tollwutfrei. Die Schweizerische Tollwutzentrale stellte bereits fest: Eine jägerische Reduktion der Fuchspopulation ist unmöglich.

Niederjagd als Krankheitstreiber

Die Niederjagd zerstört stabile Familiengemeinschaften bei Füchsen. Das führt dazu, dass jede Füchsin befruchtet wird und mehr Welpen pro Wurf wirft – die Population steigt, statt zu sinken. Gleichzeitig verursacht der chronisch hohe Jagddruck Dauerstress, der das Immunsystem der Wildtiere unterdrückt und sie anfälliger für Infektionen macht. Die Hobby-Jagd erzeugt damit kränkere, gestresste Populationen mit höherer Dichte – das Gegenteil dessen, was JagdSchweiz behauptet.

Die Kaskade reicht weiter: Weniger Füchse bedeuten mehr Mäuse und Ratten, und damit mehr Leptospirose (über Nagerurin in Pfützen), mehr Hantavirus, mehr Botulismus (weil fehlende Aasfresser Kadaver liegen lassen) und mehr zeckenübertragene Krankheiten. Kantone mit den höchsten Fuchsabschüssen – darunter Bern, Aargau, Graubünden und Zürich – haben keines dieser Probleme gelöst. Im Gegenteil: Sie schaffen sie mit.

Behauptung 7: «Über 80 % der Bevölkerung bestätigen, dass die Hobby-Jagd tierschutzgerecht stattfindet»

JagdSchweiz lässt alle zwei Jahre eine Bevölkerungsbefragung durch die Firma DemoScope durchführen und präsentiert die Ergebnisse als Beweis für die breite Akzeptanz der Hobby-Jagd. Was die Broschüre verschweigt: Die Umfrage basiert auf nur 1’005 Befragten. Der Auftraggeber ist JagdSchweiz selbst – also die Organisation, die ein kommerzielles Interesse an positiven Ergebnissen hat. Die Fragestellungen sind suggestiv formuliert: Wer würde etwa bei der Frage, ob sich Hobby-Jäger «für die Umwelt einsetzen», spontan widersprechen, wenn er keine Gegenperspektive kennt?

JagdSchweiz selbst räumt ein, dass die Ergebnisse «im Vergleich zu den letzten Befragungen etwas rückläufig» seien. Der Trend zeigt also nach unten – trotz massiver PR-Arbeit.

Meinungsforschung als PR-Instrument

Das Muster ist international erkennbar: Jagd Österreich jubelt über «85 Prozent Zustimmung» – doch die Kernfrage lautet lediglich: «Gestehen Sie es anderen Menschen zu, zu jagen, wenn sie dies gemäss den geltenden Jagdgesetzen tun?» Das misst liberale Toleranz gegenüber einer legalen Tätigkeit – nicht inhaltliche Zustimmung zur Hobby-Jagd. Der Trick funktioniert dreistufig: Zuerst wird «Toleranz» erhoben, dann als «gesellschaftliche Akzeptanz» umgedeutet und schliesslich als «öffentlicher Auftrag» präsentiert.

Dasselbe Institut DemoScope liefert für unterschiedliche Auftraggeber gegenteilige Ergebnisse: Für JagdSchweiz ergab die Umfrage eine «grosse Mehrheit» für die Hobby-Jagd. Für den Schweizer Tierschutz STS ergab dasselbe Institut: 64 Prozent wollen die Baujagd verbieten, nur 21 Prozent sie beibehalten. 43 Prozent wollen Treibjagden vollständig verbieten, weitere 32 Prozent sie stark einschränken – zusammen 75 Prozent. Sobald konkrete Jagdpraktiken abgefragt werden, kippt die vermeintliche Zustimmung.

Die repräsentative WaMos-2-Studie von 2012 zeigt ein noch deutlicheres Bild: 79 Prozent der Schweizer Bevölkerung haben Vorbehalte gegenüber der Hobby-Jagd oder lehnen sie grundsätzlich ab. Die «80-Prozent-Zustimmung» von JagdSchweiz ist damit nicht Ausdruck realer Unterstützung, sondern ein Produkt gezielter Fragestellung und selektiver Kommunikation.

Die Fakten hinter der Fassade

Entscheidender als Meinungsumfragen sind Fakten: Laut dem Schweizer Tierschutz STS liegt die Erfolgsquote der Nachsuche auf verletztes Wild je nach Kanton bei lediglich 35 bis 65 %. Das heisst: Rund die Hälfte der auf der Hobby-Jagd angeschossenen Tiere kann trotz Nachsuche nie von ihrem Leid erlöst werden. Im Kanton Graubünden wurden in fünf Jahren rund 3’836 Tiere nur angeschossen statt tierschutzkonform erlegt – dazu Ordnungsbussen von über 700’000 Franken für widerrechtliche Abschüsse.

Von «tierschutzgerecht» kann unter diesen Umständen keine Rede sein.

Behauptung 8: «Wildschäden sind das Resultat einer intakten Biodiversität»

Dieser Satz in der Broschüre ist besonders entlarvend. JagdSchweiz behauptet, Wildschäden seien «die Folge einer gewünschten artenreichen Fauna» – und gleichzeitig die Existenzberechtigung der Hobby-Jagd. Das ist ein Zirkelschluss: Erst wird ein Problem konstruiert, dann bietet man sich als Lösung an.

Doch die Zahlen in Genf zeigen: Die Wildschäden sind vergleichbar mit denen von Schaffhausen – einem Kanton, in dem intensiv gejagt wird. Vor dem Jagdverbot 1974 hatten Hobby-Jäger in Genf die Wildschweine seit Jahrzehnten ausgerottet. Heute leben auf einem Quadratkilometer Wald rund fünf Wildschweine – ein tiefes, stabiles Niveau, das durch professionelle Wildhüter kontrolliert wird.

Die eigentlichen Ursachen für Wildschäden – intensive Landwirtschaft, Lebensraumzerstörung, Fütterungspraktiken der Hobby-Jäger und der durch Bejagung erzeugte Populationsdruck – werden in der Broschüre konsequent ausgeblendet.

Behauptung 9: «Die Jagd ist eine verantwortungsvolle Betätigung für die Natur»

Die letzte Seite der Broschüre präsentiert einen «Jagd-Kodex» mit Verhaltensempfehlungen: «Ich vermeide unnötiges Leiden von Tieren.» «Ich arbeite für den Erhalt der Artenvielfalt mit.» «Ich jage respekt- und verantwortungsvoll.»

Die Realität: Seit Beginn der BFU-Statistik im Jahr 2000 wurden bis 2019 über 75 Menschen bei Jagdunfällen getötet. Rein rechnerisch passiert alle 29 Stunden ein Jagdunfall. Jährlich gibt es rund 300 anerkannte Unfälle mit der Hobby-Jagd – plus eine erhebliche Dunkelziffer bei Pensionierten und Begleitpersonen, die statistisch nicht erfasst werden.

Wissenschaftliche Studien dokumentieren die Auswirkungen systematisch: Wildtiere leben unter Dauerstress in einer «Landscape of Fear». Bei Wildschweinen auf Drückjagden wurden erhöhte Cortisolwerte gemessen (Güldenpfennig et al. 2021). Schneehasen, die mit Hunden bejagt wurden, wiesen einen 6,5-fach höheren Cortisolspiegel auf (Pedersen et al. 2024). Die Hobby-Jagd zerstört Familienverbände, erzwingt unnatürliche Verhaltensänderungen und löst kompensatorische Reproduktion aus.

Kriminalität im Umfeld der Hobby-Jagd

Die Kategorie «Kriminalität und Jagd» auf wildbeimwild.com dokumentiert seit Jahren Straftaten, Regelverstösse und systemische Missstände im Umfeld der Hobby-Jagd. Dazu gehören Wilderei, illegale Abschüsse geschützter Arten, Fehlabschüsse auf Haustiere und Nutztiere, Waffenmissbrauch und Drohungen gegen Andersdenkende. Im Oktober 2024 erschoss ein Walliser Hobby-Jäger einen Herdenschutzhund, den er für einen Wolf gehalten haben will – Wert: rund 8’000 Franken. Ende November 2024 wurde im Kanton Waadt ein 64-jähriger Hobby-Jäger von einem Schuss eines Kollegen getötet.

Der Schweizer Tierschutz STS fordert unter anderem ein gesamtschweizerisches Verbot der Baujagd, eine strikte Einschränkung der Treibjagd, eine Meldepflicht für Nachsuchen, das Ende der Bleimunition und die Streichung von Arten wie Feldhase, Schneehase, Birkhuhn, Schneehuhn und Waldschnepfe von der Liste der jagdbaren Arten. Keine dieser Forderungen findet sich im «Jagd-Kodex» der Broschüre – und keine wurde von JagdSchweiz unterstützt.

«Verantwortungsvoll» ist eine Hobby-Tätigkeit, die regelmässig Menschen und Tiere tötet, geschützte Arten bejagt und sich jeder unabhängigen Kontrolle entzieht, sicher nicht.

Behauptung 10: «JagdSchweiz arbeitet mit WWF, Pro Natura und BirdLife zusammen»

Die Broschüre listet zahlreiche «zielverwandte Organisationen» auf, darunter WWF, Pro Natura und BirdLife Schweiz. Was suggeriert wird: Die Hobby-Jagd sei breit abgestützt und von Naturschutzorganisationen akzeptiert.

Was tatsächlich passiert: Der institutionelle Dialog dient laut Broschüre dazu, «sinnlose Jagdeinschränkungen und masslose Überregulierungen zu verhindern». Die Zusammenarbeit ist also kein Bekenntnis zum Naturschutz, sondern ein strategisches Lobbying-Instrument. Es geht nicht darum, gemeinsam Biodiversität zu fördern – es geht darum, Einschränkungen der Hobby-Jagd abzuwehren.

Dialog gescheitert

Auffällig ist, wer in der Partnerliste der Broschüre fehlt: Der Schweizer Tierschutz STS – die grösste und älteste Tierschutzorganisation des Landes – hat jeden Dialog mit JagdSchweiz eingestellt. Der STS fordert ein Verbot der Baujagd, eine strikte Einschränkung der Treibjagd, ein Ende der Bleimunition und die Streichung bedrohter Arten von der Jagdliste. JagdSchweiz bekämpft jede einzelne dieser Forderungen.

Auch der Stakeholder-Prozess zur Revision des Jagdgesetzes scheiterte: Im Oktober 2022 stiegen der Bauernverband, der Alpwirtschaftliche Verein und der SAB aus den gemeinsamen Verhandlungen aus. Die «konstruktive Zusammenarbeit», die JagdSchweiz in der Broschüre preist, zerbricht regelmässig an der Realität – weil die Jagdlobby Kompromisse als Bedrohung ihres Hobbys betrachtet und Naturschutzforderungen systematisch torpediert.

Die Partnerliste in der Broschüre ist keine Koalition Gleichgesinnter. Sie ist eine Aufzählung von Organisationen, mit denen JagdSchweiz gelegentlich in einem Raum sitzt und die in zentralen Fragen fundamental andere Positionen vertreten.

Werbebroschüre statt Faktengrundlage

Die JagdSchweiz-Broschüre ist kein wissenschaftliches Dokument, sondern ein PR-Instrument. Sie verschweigt systematisch die Schattenseiten der Hobby-Jagd: das Tierleid durch Fehlschüsse, die Gesundheitsrisiken durch Bleimunition, die kompensatorische Reproduktion, die Jagdunfälle, den katastrophalen Zustand der Biodiversität in der Schweiz und die Existenz funktionierender Alternativen wie im Kanton Genf.

Wer die Frage «Schützt und nützt die Hobby-Jagd?» ehrlich beantworten will, muss über die Hochglanzbilder hinausschauen und die wissenschaftliche Evidenz zur Kenntnis nehmen.