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Psychologie & Jagd

Was internationale Psychologiestudien über Hobby-Jäger sagen

Was treibt Menschen dazu, in einer Gesellschaft mit gefüllten Kühlschränken und gesetzlich verankertem Tierschutz regelmässig in den Wald zu gehen und Tiere zu töten? Die Antwort der Jagdlobby lautet: Naturverbundenheit, Tradition, Verantwortung. Die Antwort der unabhängigen Psychologieforschung ist eine andere.

Redaktion Wild beim Wild — 18. März 2026

In Befragungsstudien nennen Hobby-Jäger konsistent vier Hauptmotive: Naturerlebnis, Tradition, Fleischgewinnung und Wildtiermanagement.

Mehrere Studien und eine Analyse von Hinrichs et al. (2021) in Human Dimensions of Wildlife untersuchten diese Selbstauskünfte über mehrere tausend Befragte in den USA und bestätigten die Rangfolge. Auf den ersten Blick klingt das harmlos.

Das Problem liegt in der Methode: Selbstauskunft misst, was Menschen bereit sind zuzugeben, nicht ihre tatsächlichen oder unbewussten Motive. Wer primär Naturerlebnis sucht, braucht keine Waffe. Wer Wildtiermanagement betreiben will, könnte professionelle Wildhüterinnen und Wildhüter finanzieren. Und wer in der Schweiz Fleisch braucht, findet es im nächsten Supermarkt, ohne Bleischrot und Stresshormone. Aussagekräftiger ist deshalb die Forschung, die nicht nach Motiven fragt, sondern nach Persönlichkeitsmerkmalen.

Dark Triad: Der unbequemste Befund der Jagdpsychologie

Die präzisesten Erkenntnisse liefert die Persönlichkeitsforschung. Kavanagh et al. (2013) untersuchten den Zusammenhang zwischen den sogenannten «Dark Triad»-Persönlichkeitsmerkmalen und dem Verhalten gegenüber Tieren, mit Ergebnissen, die Beattie (2019), Trophy Hunting: A Psychological Perspective, Routledge, als robustesten Erklärungsrahmen für Trophäenjagd-Motivation wertet. Narzissmus: Das eigene Bedürfnis nach Dominanz und Bewunderung überwiegt das Wohlergehen anderer Lebewesen. Machiavellismus: Tiere und Natur werden als Mittel zur Erreichung persönlicher Ziele instrumentalisiert, Prestige, sozialer Status, politischer Einfluss. Subklinische Psychopathie: verminderte emotionale Reaktion auf Schmerz und Tod bei anderen Lebewesen sowie erhöhte Bereitschaft zum absichtlichen Töten ohne Notwendigkeit.

Personen mit hohen Werten in allen drei Merkmalen zeigen signifikant weniger Empathie gegenüber Tieren und begehen häufiger Tierquälerei, und das nicht nur in Extremfällen, sondern als statistisch messbarer Unterschied zur Allgemeinbevölkerung. In Beatties Analyse erweisen sich die Dark-Triad-Merkmale als stärkster Erklärungsrahmen für Trophäenjagd-Motivation, stärker als soziale oder kulturelle Faktoren.

Wie diese Mechanismen im Kanton Schwyz in reale Politik übersetzt werden: Psychologie der Hobby-Jagd im Kanton Schwyz

Deutschsprachige Evidenz: Die Dissertation von Ursula Grohs

Dass diese internationalen Befunde keine rein angelsächsische Angelegenheit sind, zeigt die bislang einzige systematische Untersuchung im deutschsprachigen Raum. Die Dissertation «Psychologisch-soziologische Unterschiede zwischen Hobbyjägern und Nichtjägern» von Ursula Grohs kam zu einem Ergebnis, das die Dark-Triad-Forschung auf einer anderen methodischen Ebene stützt: Hobby-Jäger schätzen sich selbst signifikant aggressiver ein als Nichtjäger, lösen Konflikte häufiger über Dominanz und Kontrolle und zeigen ein messbar anderes Verhältnis zu Gewalt.

Die Arbeit ist methodisch solide, wurde aber seit Jahren nicht repliziert. Dass ausgerechnet im deutschsprachigen Raum, wo weit über eine halbe Million in der Schweiz, Deutschland und Österreich einen Jagdschein besitzen und legal Schusswaffen führen, keine Folgeforschung existiert, ist eine wissenschaftliche Leerstelle mit gesellschaftlicher Tragweite.

Hobby-Jäger und Nichtjäger unterscheiden sich nicht in ihrer Naturverbundenheit.

Grohs‘ Befunde decken sich mit dem, was Kavanagh et al. auf der Persönlichkeitsebene und Beattie auf der Motivationsebene beschreiben: Die Bereitschaft, Tiere freiwillig und ohne Notwendigkeit zu töten, korreliert mit Persönlichkeitsmustern, die in anderen Kontexten als Risikofaktoren gelten.

Weitere Hintergründe: Psychologie & Jagd.

Toxische Männlichkeit und Beutegreiferbekämpfung

Ein vieldiskutierter Essay von Jeff Loewen (2025) vertieft den Dark-Triad-Befund und verbindet ihn mit einem politisch relevanten Muster: Trophäenjäger instrumentalisieren Narrative über «Wildtiermanagement» und «Herdenschutz», um Wölfe, Bären und Luchse zu beseitigen, nicht primär aus Angst vor Nutztierrissen, sondern um mehr konventionelle Trophäentiere für sich verfügbar zu machen.

Das erklärt strukturell, warum die Jagdlobby in der Schweiz, Österreich und Deutschland so koordiniert und emotional gegen Beutegreifer vorgeht. Wenn ein natürlicher Prädator die «Regulierungsfunktion» übernimmt, die die Hobby-Jägerschaft als ihre Kernkompetenz beansprucht, verliert die Hobby-Jagd ihre wichtigste Legitimationsgrundlage und damit auch ein zentrales Identitätsfundament. Der Wolf wird so nicht als ökologischer Akteur wahrgenommen, sondern als Konkurrent.

Mehr dazu im Dossier: Der Wolf in Europa: Warum die Hobby-Jagd keine Lösung ist

Moral Disengagement: Wie man Töten zur Normalität macht

Albert Banduras Theorie des «Moral Disengagement» beschreibt, wie Menschen Handlungen begehen können, die ihren eigenen Wertvorstellungen widersprechen, ohne Schuldgefühle zu empfinden. Studien zur Jagdmotivation zeigen, dass nahezu alle von Bandura beschriebenen Mechanismen in der Hobby-Jagd systematisch eingesetzt werden: «Entnahme» statt «Töten» als euphemistische Sprache distanziert vom realen Akt. «Bestandsregulierung» als moralische Rechtfertigung deutet die Tötung zur Naturschutzleistung um. «Problemwolf» und «Schadwild» schreiben dem Tier Schuld zu, die seinen Tod notwendig erscheinen lässt. Und «das Amt hat es angeordnet» verlagert die Verantwortung ins System und macht die individuelle Entscheidung unsichtbar.

Dieser Befund ist deshalb so bedeutsam, weil er zeigt: Das moralische Problem liegt nicht bei einzelnen «schlechten» Hobby-Jägern, sondern im System der Hobby-Jagd selbst, das diese Mechanismen institutionalisiert und reproduziert.

Vertiefung: Warum wir über die Psychologie der Hobby-Jagd neu sprechen müssen

Die Gegenstudie: Lobbyfinanzierte Wissenschaft

Als Reaktion auf den wachsenden Legitimationsdruck lanciert die Jagdlobby eigene «Forschung». Die österreichische Plattform jagdfakten.at bewirbt eine Studie von Prof. Dietmar Heubrock, laut der Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger «psychisch stabiler, weniger depressiv und konfliktfähiger» seien als die Allgemeinbevölkerung.

Die methodischen Einschränkungen dieser Studie sind erheblich: Sie basiert auf Selbstauskunft, dem unzuverlässigsten Instrument der Persönlichkeitsforschung. Sie wurde von jagdnahen Stellen kommuniziert und finanziert. Und sie ist nicht in einem unabhängigen Peer-Review-Journal für Persönlichkeitspsychologie erschienen.

Sie ist damit ein Lehrbuchbeispiel für interessengeleitete Forschung und belegt gleichzeitig, wie sehr die Jagdlobby den Druck der unabhängigen Psychologiewissenschaft spürt. Auch FACE (der europäische Jagdlobbyverband) startete zuletzt eine Datenkampagne unter dem Titel «Why do people become hunters? New data challenges common stereotypes», eine direkte Reaktion auf den wachsenden Forschungsbestand, der das Selbstbild der Hobby-Jagd untergräbt.

Die Forschungslücke im deutschsprachigen Raum

Im deutschsprachigen Raum existieren kaum unabhängige, replizierte Studien zur Jagdpsychologie. Das ist kein Zufall: Jagdverbände haben Einfluss auf kantonale und nationale Forschungsförderung, und kritische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler meiden ein Feld, das mit politischem Gegenwind rechnen muss.

Das ist gesellschaftspolitisch brisant: Allein in der Schweiz tragen rund 30’000 legal bewaffnete Privatpersonen regelmässig Waffen in die Natur und töten jährlich über 120’000 Wildtiere. Dass die Psychologie dieser Praxis nicht systematisch erforscht wird, ist keine wissenschaftliche Zufälligkeit, sondern das Ergebnis struktureller Einflussnahme.

Was es braucht: unabhängige, öffentlich finanzierte Längsschnittstudien zu Persönlichkeitsprofilen, Motivationsstrukturen und Verhaltensmustern von Hobby-Jägern im deutschsprachigen Raum, ohne Selbstselektionsbias, ohne Lobbyfinanzierung.

Verwandt: Zwischen Tradition und Töten: Die Psychologie der Hobby-Jäger | Jagd im Kopf: Was Gewalt mit dem Gehirn macht

Niederlande als Vorbild: Wenn Psychologie zur Praxis wird

Was in der Schweiz als politisch undenkbar gilt, ist in den Niederlanden längst Realität. Mit dem «E-Screener» führte das niederländische Justiz- und Sicherheitsministerium 2019 einen verpflichtenden Psycho-Test für alle Waffenbesitzer und Jagdscheininhaber ein, ausgelöst durch einen Amoklauf eines Mannes, dem die Polizei laut Oberstem Gerichtshof den Waffenschein aufgrund psychischer Probleme niemals hätte ausstellen dürfen. Das Resultat: Jeder fünfte Hobby-Jäger fällt durch. Die Reaktion der Jagdlobby war bezeichnend: Der niederländische Jagdverband forderte sofort die Abschaffung des Tests und empfahl seinen Mitgliedern, den Termin zu verschieben, um nicht mitten in der Jagdsaison den Schein zu verlieren.

Was die Forschung für die politische Debatte bedeutet

Solange die Psychologie der Hobby-Jagd unsichtbar bleibt, dreht sich die politische Debatte im Kreis: Man diskutiert Abschusszahlen, Schadensschwellen und Jagdzeiten, nicht die Grundfrage, warum eine Demokratie Freizeitgewalt an Tieren staatlich organisiert und subventioniert.

Die Konsequenzen aus dem internationalen Forschungsstand sind klar: Eine psychologische Eignungsprüfung als obligatorischer Bestandteil des Jagdscheins, die Niederlande zeigen, dass das funktioniert. Unabhängige Forschungsförderung zu Jagdmotivation, die nicht von Jagdverbänden mitfinanziert oder kontrolliert wird. Und die Entkopplung von Hobby-Jagd und Wildtiermanagement: Professionelle Wildhüterinnen und Wildhüter ohne Freizeitinteressen müssen hoheitliche Aufgaben übernehmen, transparent, kontrolliert, evidenzbasiert.

Die Psychologie liefert keine Überraschungen für alle, die die Hobby-Jagd schon länger kritisch beobachten. Aber sie liefert etwas Wichtigeres: Sprache, Konzepte und Evidenz, um das Selbstbild der Jagdlobby dort zu treffen, wo es verwundbar ist, an seiner wissenschaftlichen Grundlage.

Hinweise auf weitere Studien oder Forschungsergebnisse nimmt die Redaktion gerne entgegen. Schreib uns: info@wildbeimwild.com

Mehr dazu im Dossier: Psychologie der Jagd

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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