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Jagd

Sonderjagden und die Grenzen der Hobby-Jagd

Die Jagdsaison 2025 bringt eine deutliche Zunahme an Sonderjagden in mehreren Schweizer Kantonen. Während Behörden die Hobby-Jagd als nötig erachten, um angeblich „zu hohe“ Wildbestände zu regulieren und den Wald zu schützen, kritisiert die IG Wild beim Wild das Vorgehen scharf.

Redaktion Wild beim Wild — 7. November 2025

Die offizielle Jagdpolitik ignoriert immer noch natürliche Regulatoren wie den Wolf, folgt wirtschaftlichen Interessen und gefährdet dabei die Biodiversität sowie die Gesundheit von Konsumenten.

Im Kanton Graubünden wurden während der Hochjagd 2025 3’432 Rothirsche und 2’502 Rehe geschossen, ein Ergebnis leicht oberhalb des 20‑Jahres‑Durchschnitts. Der Kanton bezeichnet das Ergebnis als Erfolg; dennoch sieht er sich gezwungen, im November und Dezember die alljährliche bestialische und tierquälerische Sonderjagd auszurufen.

Ziele der Sonderjagd

Für die Sonderjagd 2025 plant die Bündner Jagdbehörde, 1’711 weibliche Rothirsche und ihre Kälber, 281 Rehe und 10 Gämse zu töten. Die Abschusszahlen für Hirsche liegen unter dem Vorjahr, weil die Hirschpopulation seit 2020 leicht zurückgeht; bei den Rehen soll jedoch mehr als 2024 geschossen werden, da während der Hochjagd zu viele Böcke erlegt wurden. Für Wildschweine gibt es gar keine Obergrenzen,sie dürfen wegen angeblicher Schäden an Landwirtschaft und Wald ganzjährig bejagt werden. Wildschweine sind die Gärtner der Wälder, dort bejagt man sie, damit sie auf den Landwirtschaftlichen Flächen Schäden verursachen können.

Offiziell dient diese „Bewirtschaftung“ der Waldverjüngung; die Waldgesellschaften sollen vor Verbiss durch zu viele Huftiere geschützt werden. Kritiker bemängeln jedoch, dass die Behörden trotz teils rückläufiger Populationen weiterhin hohe Quoten fordern und die Jagdsaison mit Sonderjagden verlängern. Das Bild erinnert an eine Forstwirtschaft, die den Wald als Holzplantage behandelt und natürliche Prozesse ausblendet.

Gesetze, die Sonderjagden erleichtern

Seit Dezember 2023 erlaubt das revidierte Schweizer Jagdgesetz eine proaktive Regulierung von Wolfspopulationen: Kantone dürfen zwischen dem 1. September und dem 31. Januar bis zu zwei Drittel der Wolfswelpen in einem Rudel massakrieren, sofern der Bund zustimmt und Herdenschutzmassnahmen eingeführt sind. 2024/25 wurden so bereits über 100 Wölfe massakriert; allein in Graubünden fielen 47 Wölfe dem Massaker zum Opfer. Auch in Naturschutzgebieten und Jagdbanngebieten soll die Hobby-Jagd auf Wölfe künftig erlaubt sein, wie der Ständerat im September 2025 forderte.

Gleichzeitig trat am 1. Februar 2025 ein neues Jagdgesetz in Kraft, das, nach massiver Kritik von Tierschutzorganisationen, den Einsatz von bleihaltiger Kugelmunition verbietet. Für Kaliber über 6 mm gilt eine Übergangsfrist bis 2029. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit bestätigt, dass Blei sich in Wildfleisch anreichert und besonders für Kinder und Schwangere gefährlich ist.

Kritik an der Jagd

Viele Kantone rechtfertigen die Sonderjagden mit „überhöhten Wildbeständen“, doch dieses Problem ist oft hausgemacht. Die Jagdstruktur begünstigt männliche Trophäenträger, während Weibchen und Jungtiere geschont werden. Dadurch steigt die Geburtenrate, und es entsteht ein Ungleichgewicht zwischen Geschlechtern, welches wiederum höhere Abschussquoten rechtfertigen soll. Dass die „regulierten“ Bestände dennoch wachsen, zeigt, dass die Hobby-Jagd ihre eigenen Probleme erzeugt, ein klassischer Teufelskreis.

In Graubünden werden trotz der Rekordabschüsse der Hochjagd die Abschusspläne nicht erfüllt. Hobbyjäger haben Mühe, die jagdlichen Vorgaben zu erfüllen und greifen jetzt auf Sonderjagden zurück. Der Kanton veröffentlichte Ende Oktober eine Telefonansage, in der erklärt wird, dass die Sonderjagd am 8. und 9. November in Regionen wie Mesolcina‑Calanca, Davos und Bergün‑Filisur stattfindet. Dies belegt, dass sich die Jagdsaison immer weiter ausdehnt, zum Nachteil der Wildtiere, die sich kaum erholen können.

Wölfe als natürliche Regulatoren

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Wölfe die effektivsten Regulatoren von Huftierbeständen sind. In Deutschland analysierte eine Studie über 3’000 Wolfslosungen; über 96 % der Beutereste stammten von Rehen, Rothirschen und Wildschweinen, während Nutztiere unter 1 % ausmachten. Eine Studie aus den USA belegte, dass die Rückkehr von Wölfen in Wisconsin Wildunfälle um 24 % reduzierte. Etwa 6 % dieses Rückgangs war auf die Verringerung der Hirschzahlen zurückzuführen; der Grossteil entstand, weil die Tiere Strassen mieden und ein „Landschaft der Furcht“ entstand. Wölfe tragen also nicht nur zur Reduktion von Wildschäden wie Schutzwald bei, sondern erhöhen auch die Sicherheit der Bevölkerung.

Indem Wölfe vor allem alte, schwache oder kranke Tiere erbeuten, verbessern sie die genetische Fitness der Wildbestände. Beim Menschen dagegen hinterlässt die Hobby-Jagd keine natürliche Selektion, sondern fördert Fehlentwicklungen, etwa durch Abschuss von kapitalkräftigen Männchen, die die besten Gene tragen. Dennoch wollen viele Kantone Wölfe „regulieren“ oder sogar ganze Rudel auslöschen. Das EU-Parlament hat im Mai 2025 die Wolfspopulation europaweit von „streng geschützt“ auf „geschützt“ heruntergestuft; diese Neubewertung bietet Mitgliedstaaten mehr Freiheit zur Jagd. Umweltorganisationen kritisierten diesen Beschluss als „Angriff auf die Natur“ und warnten, dass er der bisherigen Erholung der Art schade. Trotz der Herabstufung muss der günstige Erhaltungszustand erhalten bleiben.

Bleimunition – ein Gesundheitsrisiko

Die Verwendung von bleihaltiger Munition hat gravierende Folgen für Mensch und Natur. Die deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung warnt, dass Blei in der Blutbildung und im Nervensystem Schäden verursacht und sich vor allem in den Knochen ansammelt; Kinder und Ungeborene sind besonders gefährdet. Tests der Schweizer Tierschutzorganisation STS ergaben, dass fünf von 13 Wildfleischproben bleikontaminiert waren; zwei davon überschritten die Grenzwerte für inländisches Fleisch um das Zwei‑ bis Vierfache. Trotz dieser Erkenntnisse gibt es in der Schweiz erst seit 2025 ein Bleiverbot für Kugelmunition und selbst dieses lässt bis 2029 Ausnahmen zu.

Mehrwert:

Nicht nur Konsumenten sind betroffen: Bleifragmente im Wildkörper werden von Aasfressern wie Füchsen oder Greifvögeln aufgenommen und führen zu Vergiftungen. Darüber hinaus gelangt Blei über den Boden und das Wasser in den Nahrungskreislauf. Mit der Einführung bleifreier Munition gibt es praktikable Alternativen; viele Hobby-Jäger weigern sich jedoch, umzusteigen, weil sie die Bleimunition für „effektiver“ halten. Das entspricht weder dem heutigen Stand der Technik noch einem verantwortungsvollen Umgang mit Natur und Gesundheit.

Störende Jagd und Freizeitlärm

Jagddruck und Freizeitlärm haben erhebliche Auswirkungen auf Wildtiere. Eine Studie des U.S. Forest Service aus dem Jahr 2024 zeigte, dass Wildtiere bei Lärm durch menschliche Aktivitäten 3,1‑ bis 4,7‑mal häufiger flüchteten und im Anschluss länger wachsam waren; nach einer Woche Aufenthalt in einem lärmbelasteten Gebiet war die Tierdichte im Vergleich zur Kontrollfläche um 1,5‑mal geringer. Intensive Jagd verlängert diese Störung in die Winterzeit und entzieht den Tieren wichtige Erholungsphasen. Damit steht sie im Konflikt mit dem in der Bundesverfassung verankerten Grundsatz, Tieren Leid und Stress zu ersparen.

Alternativen zur Jagdpolitik: Waldökologie und Herdenschutz

Die Vorstellung, nur intensive Hobby-Jagd könne den Wald schützen, blendet die Rolle natürlicher Prädatoren aus. Wölfe und Luchse regulieren nicht nur Wilddichten, sondern verändern auch das Verhalten der Beutetiere: Rehe und Hirsche meiden Risikozonen und erlauben jungen Bäumen das Wachsen. Aus den Erfahrungen in Nordamerika und Europa wissen wir, dass die Rückkehr grosser Beutegreifer zu einer „trophischen Kaskade“ führen kann, die die Vegetation erholt und Biodiversität fördert.

Herdenschutz statt Wolfsjagd

Die zunehmenden Wolfsabschüsse basieren meist auf Konflikten mit Nutztieren. Doch die Statistik zeigt: Im Jahr 2025 fielen in der Schweiz 832 Nutztiere dem Wolf zum Opfer. 37 weniger als im Vorjahr. Gleichzeitig wurden 101 Wölfe getötet, was den Bestand von 300 kaum veränderte. Moderne Herdenschutzmassnahmen (z. B. Elektrozäune, Herdenschutzhunde) haben entscheidend dazu beigetragen, die Schäden zu reduzieren, noch vor dem proaktiven Massaker. Organisationen wie der Schweizer Schafzuchtverband fordern trotzdem noch mehr Abschüsse, obschon das Problem vorrangig durch fehlenden Herdenschutz entsteht.

Waldökologische Jagd oder Jagdfreie Zonen?

Eine ökologisch orientierte Waldpolitik sollte die Hobby-Jagd auf das Mindestmass beschränken, zugunsten natürlicher Prozesse. Einige Kantone experimentieren mit jagdfreien Zonen, in denen sich Wildtierpopulationen ohne menschliche Eingriffe entwickeln. In diesen Gebieten zeigen sich intakte Sozialstrukturen, geringere Geburtenraten und weniger Waldschäden. Wird gleichzeitig die Forstwirtschaft naturnah betrieben, entwickeln sich stabile Wald‑Wild‑Systeme, ein Ansatz, den die IG Wild beim Wild seit Jahren fordert.

Die Sonderjagden 2025 offenbaren, wie weit die offizielle Jagdpolitik von einer ökologischen und ethischen Tierhaltung entfernt ist. Trotz sinkender Bestände durch aktive Mithilfe der Beutegreifer werden Abschusspläne erhöht, die Jagdsaison verlängert und sogar Wölfe in Schutzgebieten geschossen. Jegliche Munition der Hobby-Jäger vergiftet Fleisch und Umwelt; Lärm und Jagddruck stören Wildtiere nachhaltig. Die Daten zeigen, dass Wölfe und andere Prädatoren Wildbestände effektiver regulieren und menschliche Konflikte verringern, während Herdenschutzmassnahmen Nutztierverluste minimieren.

Eine zukunftsorientierte Wildtierpolitik sollte daher auf natürliche Regulatoren setzen, Bleimunition sofort verbieten, Sonderjagden stoppen und die Waldwirtschaft so gestalten, dass Biodiversität und Tierwohl Vorrang vor Trophäenjagd und ökonomischen Interessen haben. Nur so können wir Mensch, Natur und Tiere langfristig schützen.

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