2. April 2026, 14:04

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Psychologie & Jagd

Psychologie der Hobby-Jagd im Kanton Thurgau

Der Kanton Thurgau ist ein flacher, landwirtschaftlich geprägter Revierjagdkanton in der Ostschweiz. Hier wird nicht in alpinen Höhen gejagt, sondern auf Maisfeldern und an Waldkanten. Die Hobby-Jagd ist weniger von alpiner Romantik geprägt als von einem pragmatischen Narzissmus: Man versteht sich als Dienstleister der Landwirtschaft und erwartet dafür Anerkennung.

Redaktion Wild beim Wild — 21. März 2026

Im Kanton Thurgau gilt die Revierjagd.

Die Gemeinden verpachten Jagdreviere für jeweils acht Jahre an Jagdgesellschaften. Jagdbare Arten sind unter anderem Rehe, Wildschweine, Füchse und Dachse. Die Jagdverwaltung liegt beim kantonalen Amt für Jagd und Fischerei. Das Hauptthema im Thurgau ist das Wildschwein, das sich im Mittelland stark ausgebreitet hat und Schäden in der Landwirtschaft verursacht. Für das Jagdjahr 2024 liegen offizielle Zahlen vor: 2’333 Rehe, 639 Wildschweine, 729 Füchse, 134 Dachse, 146 Enten. 

Nachtjagdverbot: Gelassenheit als Systemanpassung

Während der Kanton Schaffhausen das bundesweite Nachtjagdverbot im Wald als Angriff auf die Hobby-Jagd empfand, reagierte der Thurgau gelassen. Der Grund ist bezeichnend: Im Thurgau werden Wildschweine stärker auf Feldern bejagt, wo das Verbot nicht gilt. Amtsleiter Roman Kistler betonte, dass «viele Wildschweine auf Feldern bejagt werden, wo das Jagdverbot nicht gilt» und die Nachtabschüsse im Wald durch «alternative Methoden» wie Pirsch- oder Bewegungsjagd kompensiert werden könnten. Jagdpräsident Frank Gertsch ergänzte, dass ihn «das Verbot persönlich kaum betrifft, da seine Jagd bereits vermehrt ausserhalb des Waldes stattfindet».

Psychologisch offenbart diese Gelassenheit eine Anpassungsfähigkeit, die das System nicht schwächt, sondern stabilisiert. Statt sich gegen die Einschränkung zu wehren, umgeht man sie pragmatisch. Das Signal lautet: Wir lassen uns nicht aufhalten, wir verlagern einfach. Diese Flexibilität zeigt, dass die Hobby-Jagd nicht an bestimmte Methoden gebunden ist, sondern an das Ergebnis: Töten, egal wo und wie. Die «Alternative» zur Nachtjagd im Wald ist nicht weniger Hobby-Jagd, sondern mehr Hobby-Jagd auf dem Feld.

Wildschwein: Das perfekte Feindbild

Das Wildschwein ist im Thurgau das zentrale Legitimationsinstrument der Hobby-Jagd. Es verursacht Schäden in der Landwirtschaft, ist nachtaktiv, schwer zu bejagen und vermehrt sich trotz intensiver Bejagung. Damit bietet es die perfekte Grundlage für das Narrativ der «Notwendigkeit»: Ohne Hobby-Jagd würden die Wildschweine die Felder verwüsten, so die Botschaft.

Psychologisch funktioniert das Wildschwein als Sündenbock und Legitimationsquelle zugleich. Die Schäden sind real. Aber die Schlussfolgerung, dass nur die Hobby-Jagd sie verhindern könne, ist falsch. Erstens führt die intensive Bejagung von Wildschweinen zu erhöhter Reproduktion: Wird die Leitbache geschossen, pflanzen sich alle weiblichen Tiere der Rotte fort, statt nur die ranghohe Fähe. Die Hobby-Jagd verschlimmert also das Problem, das sie zu lösen behauptet. Zweitens gibt es alternative Methoden der Schadensverhütung: Elektrozäune, akustische Vergrämung, Flächenmanagement. Diese werden aber nicht verfolgt, weil sie die Hobby-Jagd als Instrument überflüssig machen würden.

Revierjagd: Acht Jahre Herrschaft

Die Revierjagd im Thurgau funktioniert nach dem üblichen Pachtmodell: Jagdgesellschaften pachten Reviere für acht Jahre. In dieser Zeit haben sie die Jagdhoheit über das Gebiet. Sie melden am Ende der Saison ihre Abschüsse, und die Anzahl der Abschüsse beeinflusst den Pachtzins.

Psychologisch erzeugt die achtjährige Pacht ein Besitzgefühl, das über das Jagdrecht hinausgeht. Die Jagdgesellschaft betrachtet «ihr» Revier als Territorium. Die Tiere darin werden zu «ihrem» Wild. Diese Eigentumslogik widerspricht dem Grundsatz, dass Wildtiere in der Schweiz niemandem gehören. Psychologisch ist das ein zentraler Widerspruch: Die Rechtsordnung sagt, Wildtiere sind herrenlos. Die Revierpraxis sagt, sie gehören dem Pächter. Dieses implizite Besitzdenken erklärt, warum Jagdgesellschaften auf Kritik so empfindlich reagieren: Sie erleben sie als Eingriff in «ihren» Bereich.

Baujagdverbot: Ein Fortschritt mit Grenzen

Der Thurgau war 2017 der erste Kanton der Schweiz, der die Baujagd verboten hat. Die Baujagd, bei der Hunde in Fuchs- oder Dachsbauten geschickt werden und unterirdische Kämpfe entstehen, ist eine der umstrittensten Jagdmethoden. Dass der Thurgau hier vorangegangen ist, verdient Anerkennung.

Psychologisch zeigt das Baujagdverbot jedoch auch die Grenzen der Reformfähigkeit. Es betrifft eine Methode, die öffentlich besonders schwer zu verteidigen ist, weil die Grausamkeit offensichtlich ist. Andere problematische Methoden, etwa die Bewegungsjagd auf Rehe mit Schrotschüssen oder die Fuchsjagd, bleiben unangetastet. Das System reformiert sich dort, wo der öffentliche Druck am grössten ist, und bewahrt sich dort, wo er geringer ist. Das ist nicht Selbstreflexion, sondern Schadensminimierung.

Thurgau als Pragmatismus-Modell

Der Thurgau unterscheidet sich von den Alpenkantonen durch seinen Pragmatismus. Die Hobby-Jagd wird hier weniger als Tradition oder Identität gerahmt, sondern als nützliche Dienstleistung. Man jagt nicht, weil man es schon immer getan hat, sondern weil jemand die Wildschweine von den Feldern fernhalten muss. Diese Rahmung ist psychologisch wirksam, weil sie die ethische Grundfrage umgeht: Nicht das Töten steht im Zentrum, sondern der «Dienst».

Dieser Dienstleistungsrahmen hat eine narzisstische Struktur. Nicht im klinischen Sinn, sondern im psychologischen: Die Hobby-Jägerschaft im Thurgau definiert sich als unverzichtbar. Nicht die Leidenschaft steht im Vordergrund wie in den Alpenkantonen, nicht die Tradition wie im Jura – sondern die Unersetzlichkeit. «Ohne uns würden die Felder verwüstet.» Diese Selbstwahrnehmung als systemrelevante Instanz erzeugt eine besondere Immunität gegen Kritik: Wer einen Dienstleister kritisiert, kritisiert den Dienst selbst und stellt sich damit gegen die Landwirtschaft, gegen die Bauern, gegen die Region. Der pragmatische Narzissmus tarnt sich als Bescheidenheit, ist aber eine Anspruchshaltung: Anerkennung wird nicht erbeten, sondern vorausgesetzt.

Das Genfer Modell zeigt, dass auch der «Dienst» an der Landwirtschaft von professionellen Wildhüterinnen und Wildhütern erbracht werden kann. Der Unterschied: Professionelle handeln im öffentlichen Auftrag, ohne persönliches Vergnügen am Töten. Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger handeln aus persönlicher Motivation und legitimieren diese als «Dienst». Im Thurgau wird dieser Unterschied besonders sichtbar, weil die «Dienstleistung» so deutlich im Vordergrund steht.

Mehr dazu im Dossier: Psychologie der Jagd

Kantonale Psychologie-Analysen:

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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