2. April 2026, 17:00

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Was die Hobby-Jagd die Schweiz wirklich kostet: Die Rechnung, die niemand vorlegt

Die Hobby-Jägerschaft behauptet gerne, sie finanziere sich selbst: Patentgebühren, Wildschadenbeiträge und ehrenamtliches Engagement würden den Staat nichts kosten. Dieses Narrativ hält keiner Überprüfung stand. Die externen Kosten der Milizjagd, Wildunfälle, Verwaltungsaufwand, Jagdunfälle, Biodiversitätsverluste durch Jagddruck, Waldschäden durch Verdrängung der Tiere, Polizeieinsätze und Gerichtskosten, werden nie vollständig bilanziert. Der Kanton Genf zeigt seit 1974, wie es anders geht: Professionelles Wildtiermanagement durch ausgebildete Wildhüterinnen und Wildhüter, drei Vollzeitstellen, Kosten: rund eine Million Franken pro Jahr inklusive Wildschäden. Das entspricht einer Tasse Kaffee pro Einwohnerin und Einwohner. Dieses Dossier legt die versteckten Kosten der Hobby-Jagd offen und stellt sie dem Genfer Modell gegenüber.

Wildunfälle: 20’000 pro Jahr, 76 Millionen Franken Versicherungskosten

In der Schweiz ereignen sich jährlich rund 20’000 Wildunfälle (Schweizer Tierschutz). Im Schnitt stirbt pro Stunde ein Reh unter den Rädern eines Autos. In rund 100 Fällen pro Jahr gibt es Verletzte. Der Jagddruck erhöht die Fluchtdistanz und die Bewegungsaktivität der Wildtiere, insbesondere während der Jagdsaison. Aufgescheuchte Tiere überqueren Strassen häufiger und unvorhersehbarer. Der kausale Zusammenhang zwischen Jagddruck und Wildunfallhäufigkeit ist wissenschaftlich dokumentiert.

Die Rechnung für die Allgemeinheit

Gemäss der Versicherung Axa kostet ein Wildunfall-Schadenfall im Schnitt rund 3’800 Franken, 800 Franken mehr als vor zehn Jahren (SRF, Oktober 2025). Bei 20’000 Wildunfällen pro Jahr ergibt das geschätzte Versicherungskosten von rund 76 Millionen Franken jährlich. Diese Kosten tragen die Autofahrerinnen und Autofahrer über ihre Kaskoversicherungsprämien. Die Teilkaskoversicherung deckt die direkte Kollision, die Vollkasko auch Ausweichmanöver. Hinzu kommen Polizeieinsätze, Kadaverentsorgung, Strassenreinigung und Nachsuche durch die Wildhut, alles Kosten, die der Allgemeinheit aufgebürdet werden.

Diese 76 Millionen Franken erscheinen in keiner Jagdbilanz. Sie werden nie dem Jagdsystem zugerechnet, obwohl der Jagddruck die Wildunfälle nachweislich verschärft: Aufgescheuchte Tiere fliehen unkontrolliert über Strassen. In Genf, wo seit 1974 keine Hobby-Jagd stattfindet, verhalten sich die Wildtiere ruhiger und vorhersehbarer.

Die Zahlen: 585’000 Hektaren Schutzwald

Gemäss dem Projekt SilvaProtect-CH des BAFU erfüllen rund 585’000 Hektaren oder 49 Prozent aller Schweizer Wälder die Kriterien für einen Schutzwald. Sie schützen Siedlungen, Strassen und Bahnlinien vor Lawinen, Steinschlag, Erdrutschen und Hochwasser. Der volkswirtschaftliche Wert dieser Schutzwirkung wird auf rund 4 Milliarden Franken pro Jahr geschätzt.

Bund, Kantone und Nutzniesser (Gemeinden, Bahnbetreiber) investieren jährlich rund 150 Millionen Franken in die Schutzwaldpflege: rund 60 Millionen vom Bund, rund 90 Millionen von Kantonen und Nutzniessern (Waldwissen.net/BAFU). Die Schutzwaldpflege ist rund zehnmal günstiger als technische Verbauungen (Lawinenverbauungen, Steinschlagnetze). Für die Programmperiode 2025 bis 2028 hat der Bundesrat 451 Millionen Franken für den Bereich Wald beantragt (Botschaft Programmvereinbarungen 2025-2028).

Schutzwald pro Kanton

KantonSchutzwald (ha)Anteil am WaldGeschätzter Pflegebedarf/Jahr
Graubünden122’33461%~61 Mio. Fr.
Tessin114’59690%~57 Mio. Fr.
Bern88’89050%~44 Mio. Fr.
Wallis82’16287%~41 Mio. Fr.
St. Gallen37’34764%~19 Mio. Fr.
Waadt24’16926%~12 Mio. Fr.
Freiburg17’58841%~9 Mio. Fr.
Schwyz16’34662%~8 Mio. Fr.
Uri11’58368%~6 Mio. Fr.
Jura10’75630%~5 Mio. Fr.
Glarus10’13055%~5 Mio. Fr.
Obwalden10’02151%~5 Mio. Fr.
Luzern7’97819%~4 Mio. Fr.
Schweiz total585’00049%~150 Mio. Fr.
Quelle: BAFU SilvaProtect-CH. Pflegebedarf berechnet auf Basis von 12’500 Fr./ha bei minimalem Pflegerhythmus von 25 Jahren (Kanton Obwalden/BAFU).

Verbisssituation: Verschlechterung trotz Hobby-Jagd

Der Waldbericht 2025 (BAFU/WSL) dokumentiert: Der Anteil der Schutzwaldfläche mit sehr wenig Verjüngung (unter 5 Prozent Verjüngungsdeckungsgrad) ist auf 30 Prozent gestiegen. Die Alpensüdseite (Tessin) ist mit 41 Prozent am stärksten betroffen, gefolgt von den Alpen mit 34 Prozent. Der Anteil an Schutzwald mit tragbarem Wildeinfluss ist gemäss dem Schweizerischen Forstverein von mehr als zwei Dritteln im Jahr 2015 auf weniger als die Hälfte gesunken. Besonders betroffen sind Weisstanne und Laubhölzer.

Die Hobby-Jagd hat diese Verschlechterung nicht verhindert, obwohl jährlich Zehntausende Rehe, Hirsche und Gämsen erlegt werden. Im Tessin werden jährlich rund 3’000 Hirsche und Gämsen geschossen, fast die Hälfte aller Huftiere im Kanton. Trotzdem verschlimmert sich die Verbisssituation. Die Erklärung: Die Hobby-Jagd produziert durch kompensatorische Reproduktion mehr Geburten, als sie Tiere entnimmt, und der Jagddruck drängt die Tiere in den Schutzwald, wo sie mehr Schaden anrichten (vgl. Schutzwald-Analyse auf wildbeimwild.com).

Wallis: 82’000 Hektaren, 87 Prozent Schutzwald

Der Kanton Wallis hat 82’162 Hektaren Schutzwald, das sind 87 Prozent der gesamten Waldfläche, der zweithöchste Anteil aller Kantone nach dem Tessin (90 Prozent). Bei durchschnittlichen Nettokosten von 12’500 Franken pro Hektar (minimaler Pflegerhythmus alle 25 Jahre, gemäss BAFU) ergibt das einen theoretischen jährlichen Pflegebedarf von rund 41 Millionen Franken. Über eine vierjährige Programmperiode sind das über 160 Millionen Franken. Diese Kosten trägt die Allgemeinheit. Gleichzeitig gibt der Kanton Wallis jährlich Hunderttausende für Wolfsabschüsse aus (geschätzt 0,8 bis 1 Million Franken im Winter 2024/25), obwohl der Wolf als natürlicher Regulator den Verbissdruck im Schutzwald nachweislich senkt (vgl. Wolfspolitik auf wildbeimwild.com).

Die versteckte Subvention: Wer zahlt für den Verbiss?

Die 150 Millionen Franken jährlich für Schutzwaldpflege sind eine notwendige Investition in den Naturgefahrenschutz. Aber ein erheblicher Teil dieser Kosten entfällt auf Massnahmen, die direkt mit dem Verbissdruck zusammenhängen: Jungwaldpflege, Verbissschutz (Zäune, Einzelschutz), Aufforstung und Bestandesumwandlung. Diese Kosten werden nie dem Jagdsystem zugerechnet, obwohl der Jagddruck den Verbiss nachweislich verschlimmert. Die Kantone finanzieren die Folgen der Hobby-Jagd mit Steuergeldern und deklarieren sie als Naturgefahrenschutz. Eine Vollkostenrechnung müsste diese Kosten dem Milizjagdsystem zurechnen.

Jagdunfälle und Sicherheitskosten

In der Schweiz kommt es regelmässig zu Jagdunfällen, einige davon tödlich. Die Kosten für Rettungseinsätze, Spitalaufenthalte, Ermittlungen und Gerichtsverfahren trägt die Allgemeinheit. Dazu kommen Sachschäden durch Querschläger und Einschränkungen der Freizeitnutzung in Wald und Feld während der Jagdsaison, ein Aspekt, der volkswirtschaftlich nie bewertet wird.

Schutzwald und Verbiss: 150 Millionen Franken pro Jahr

Die Hobby-Jagd behauptet, sie verhindere Wildschäden im Wald. Zahlreiche Studien widerlegen das: Der Jagddruck drängt Rehe und Hirsche in den Wald und in die Nacht, was den Verbiss an Jungbäumen erhöht statt senkt. Der Rothirsch war ursprünglich ein Tier der offenen Landschaften. Dass er heute massiv im Bergwald vorkommt, ist nicht Natur, sondern Ergebnis des Jagddrucks (vgl. Schutzwald: Hobby-Jagd schafft Probleme, die sie vorgibt zu lösen). Wo Beutegreifer wie Luchs und Wolf vorhanden sind, nimmt der Verbiss ab, weil die Wildtiere sich natürlich verteilen und ihr Verhalten ändern (Landscape of Fear).

Gemäss dem Projekt SilvaProtect-CH des BAFU erfüllen rund 585’000 Hektaren oder 49 Prozent aller Schweizer Wälder die Kriterien für einen Schutzwald. Der volkswirtschaftliche Wert dieser Schutzwirkung wird auf rund 4 Milliarden Franken pro Jahr geschätzt. Bund, Kantone und Nutzniesser investieren jährlich rund 150 Millionen Franken in die Schutzwaldpflege (Waldwissen.net/BAFU). Diese Kosten werden nie dem Jagdsystem zugerechnet, obwohl der Jagddruck den Verbiss nachweislich verschlimmert.

Der Waldbericht 2025 (BAFU/WSL) dokumentiert: 30 Prozent der Schutzwaldfläche haben sehr wenig Verjüngung. Die Alpensüdseite (Tessin) ist mit 41 Prozent am stärksten betroffen. Im Kanton Wallis entfallen auf 82’162 Hektaren Schutzwald (87 Prozent der Waldfläche) geschätzte Pflegekosten von rund 41 Millionen Franken pro Jahr (vgl. Schutzwald-Analyse).

Jagdunfälle: 300 pro Jahr, 3,6 Millionen Franken SUVA-Kosten

Die BFU-Statistik dokumentiert seit dem Jahr 2000 über 75 Todesfälle durch Jagdunfälle bis 2019. Rein rechnerisch passiert alle 29 Stunden ein Jagdunfall, und ungefähr alle dreieinhalb Monate kommt ein Mensch ums Leben.

SUVA-Daten: Was die Versicherten zahlen

Eine Auswertung der SUVA-Daten für 2006 bis 2015 zeigt jährlich rund 300 anerkannte Unfälle bei der Tätigkeit Hobby-Jagd, mit etwa 2 Todesfällen pro Jahr, rund 2 neuen Invalidenrenten pro Jahr und jährlichen Kosten von rund 3,6 Millionen Franken. Neuere Auswertungen für 2016 bis 2020 bestätigen das Bild: weiterhin rund 300 Unfälle pro Jahr. Diese Kosten fliessen direkt in die Nichtberufsunfall-Prämien (NBU), die alle Arbeitnehmenden über ihre Lohnabzüge bezahlen. Die Hobby-Jagd ist damit ein Freizeitrisiko, das von der gesamten arbeitenden Bevölkerung mitfinanziert wird.

Was die SUVA-Statistiken nicht erfassen, ist entscheidend: Die Daten beziehen sich ausschliesslich auf obligatorisch unfallversicherte Erwerbstätige. Pensionierte Hobby-Jäger, die grösste Altersgruppe (ab dem 45. Lebensjahr steigt die Unfallrate dramatisch), fehlen vollständig. Ebenso Kinder, Spaziergänger, Reiterinnen und Mountainbiker, die durch Querschläger oder Verwechslungen zu Schaden kommen. Die tatsächlichen Kosten liegen deutlich über den 3,6 Millionen (vgl. Statistik tödlicher Jagdunfälle).

Prämienbelastung für die Allgemeinheit

Die SUVA funktioniert nach dem Gegenseitigkeitsprinzip: Die Prämien decken die Kosten der Unfälle. Jagdunfälle werden als Nichtberufsunfälle (NBU) eingestuft. Die NBU-Prämie wird zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer aufgeteilt. Das bedeutet: Jeder Arbeitnehmende in der Schweiz finanziert über seine NBU-Prämie die Jagdunfälle der Hobby-Jägerschaft mit. Die 3,6 Millionen Franken jährlich (SUVA-Daten) sind dabei nur die Untergrenze, weil die grösste Risikogruppe (Pensionierte) gar nicht erfasst wird. Hinzu kommen Rettungseinsätze (Helikopter, Ambulanz), Spitalaufenthalte, Ermittlungen und Gerichtsverfahren, die ebenfalls von der Allgemeinheit getragen werden.

Dazu kommen Sachschäden durch Querschläger und Einschränkungen der Freizeitnutzung in Wald und Feld während der Jagdsaison, ein volkswirtschaftlicher Aspekt, der nie bewertet wird. Im Kanton Graubünden wurden in nur fünf Jahren rund 3’836 Tiere lediglich angeschossen, was Ordnungsbussen von über 700’000 Franken nach sich zog (vgl. Dossier Jagdunfälle).

Wolfsregulierung: Millionenkosten für ein Alibi

Im Winter 2024/25 kostete die Wolfsregulierung im Wallis geschätzte 0,8 bis 1 Million Franken Steuergelder, rund 35’000 Franken pro erlegtem Wolf. Diese Regulierung wird nicht von der Hobby-Jägerschaft bezahlt, sondern von der Allgemeinheit. Gleichzeitig zeigen die Zahlen, dass die Zahl der Wolfsrisse bei gleichzeitig zunehmendem Bestand rückgängig ist und 80 Prozent der Risse in ungeschützten Herden stattfinden. Die Kosten wären durch konsequenten Herdenschutz deutlich tiefer.

Mehr dazu: Dossier: Jagdmythen

Nationalpark Engadin: 100 Jahre Beweis ohne Hobby-Jagd

Der Schweizerische Nationalpark im Engadin ist seit 1914 jagdfrei, seit über 100 Jahren. Die Ergebnisse widerlegen jedes Argument der Hobby-Jagd-Lobby: Der Gämsenbestand ist seit 1920 konstant bei rund 1’350 Tieren. Der Fuchs wird nicht bejagt, es gibt keine Ausrottung von Beutetieren. Die Artenvielfalt hat sich verdoppelt. Der Nationalpark beweist, dass natürliche Selbstregulation auch im Schweizer Hochgebirge funktioniert, seit über einem Jahrhundert, ohne einen einzigen Hobby-Jäger (Faktencheck Regierungsrat Zürich).

Fuchsjagd: 18 Studien, ein Ergebnis

Mindestens 18 wildbiologische Studien über einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren kommen zum gleichen Ergebnis: Die Fuchsjagd reguliert nicht und taugt nicht zur Seuchenbekämpfung. Im Kanton Zürich werden jährlich rund 2’000 gesunde Füchse erschossen, rund 200 pro Monat. Gleichzeitig nimmt die Fuchspopulation nicht ab, weil die Bejagung die Reproduktionsrate erhöht. Ein Fuchs erbeutet im Berner Mittelland rund 11 Rehkitze zwischen Mai und Juli, ist also ein natürlicher Regulator. Die systematische Tötung der Füchse durch Hobby-Jäger destabilisiert dieses natürliche Gleichgewicht und begünstigt die Ausbreitung von Krankheiten wie Borreliose (6’000 bis 12’000 Fälle pro Jahr gemäss BAG) und FSME (100 bis 250 Fälle pro Jahr) (vgl. Fakten statt Jägerlatein und Studien auf wildbeimwild.com).

Kanton Zürich: Die defizitäre Jagdverwaltung

Die Jagdverwaltung des Kantons Zürich schreibt rote Zahlen: Jährlicher Aufwand rund 1,6 Millionen Franken, Einnahmen aus Pachtzins und Jagdpass nur rund 1,0 Millionen Franken. Das Defizit von 600’000 Franken trägt der Steuerzahler. Hinzu kommt die Sanierung von Jagdschiessanlagen, die Dutzende Millionen kosten kann. Im Kanton Zürich jagen rund 1’500 Hobby-Jäger in 172 Revieren, beaufsichtigt von nur einem einzigen Wildhüter mit eidgenössischem Fähigkeitsausweis (Stand 2017). Die Behauptung, ein professionelles Wildhütermodell würde «20 bis 30 Millionen Franken» kosten, wurde vom Regierungsrat nie belegt. Die Zahl stammt aus der Hobby-Jagd-Lobby und wurde im Faktencheck widerlegt. Zum Vergleich: Die Waadt ist mit 3’212 km² fast doppelt so gross wie Zürich (1’729 km²), hat aber über 50 Prozent weniger Hobby-Jäger und vergleichbare Wildschäden.

Graubünden: Über 1’000 Anzeigen pro Jahr

Im Kanton Graubünden, der grössten Hobby-Jägerschaft der Schweiz, wurden zwischen 2012 und 2016 jährlich über 1’000 Anzeigen und Bussen gegen Hobby-Jäger ausgesprochen (2016: 1’201, 2015: 1’298, 2014: 1’102). Allein 2015 mussten die Wildhüter 1’232 Nachsuchen durchführen, weil Hobby-Jäger Tiere nur angeschossen hatten. Die Erfolgsquote lag bei 57 Prozent, das heisst: 43 Prozent der angeschossenen Tiere wurden nie gefunden und verendeten qualvoll. In fünf Jahren wurden in Graubünden rund 3’836 Tiere lediglich angeschossen, was Ordnungsbussen von über 700’000 Franken nach sich zog. Diese Zahlen werden von der Hobby-Jagd-Lobby nie kommuniziert (vgl. Dossier Jagdunfälle und Initiative Wildhüter statt Jäger).

Politische Kosten: Wie die Hobby-Jagdlobby Naturschutz blockiert

Die Kosten der Hobby-Jagd sind nicht nur finanzieller Natur. Die Hobby-Jagdlobby, angeführt von JagdSchweiz und den kantonalen Hobby-Jägerverbänden, bekämpft seit Jahrzehnten systematisch Naturschutzanliegen auf allen politischen Ebenen. Hobby-Jäger in der Politik stimmen mehrheitlich gegen Biodiversität, gegen Nationalparks und gegen den Schutz bedrohter Arten. Die politischen Kosten dieser Blockadepolitik sind enorm, aber sie erscheinen in keiner Rechnung.

Abstimmungsniederlagen durch die Hobby-Jagdlobby

Jagdgesetz 2020: 51,9 Prozent Nein. Am 27. September 2020 lehnte die Schweizer Stimmbevölkerung die Revision des eidgenössischen Jagdgesetzes mit 51,9 Prozent ab (SRF). Die Vorlage hätte den Wolfsschutz gelockert und den Kantonen erlaubt, geschützte Tierarten präventiv abzuschiessen. Die Hobby-Jagdlobby hatte das Gesetz massgeblich mitgestaltet, die Stimmbevölkerung schoss es ab. Das knappe Nein war eine Niederlage für den Bundesrat und die bürgerlichen Parteien, die eng mit der Hobby-Jagdlobby verflochten sind (UVEK).

Biodiversitätsinitiative 2024: 63 Prozent Nein. Am 22. September 2024 wurde die Biodiversitätsinitiative mit 63 Prozent Nein abgelehnt (SBV). Die Hobby-Jagdlobby, gemeinsam mit dem Bauernverband und der FDP, bekämpfte die Initiative aktiv (SRF). Das Ergebnis: Die Schweiz hat weiterhin keine ausreichende Verfassungsgrundlage für den Schutz der biologischen Vielfalt.

Nationalpark Parc Adula 2016: Von Hobby-Jägern torpediert. Ende November 2016 scheiterte der zweite Schweizer Nationalpark, der Parc Adula rund um das Rheinwaldhorn, in den Gemeinden der Kantone Graubünden und Tessin. Der Tessiner Jägerverband FCTI führte eine aggressive Kampagne mit Angst- und Lügenpropaganda gegen den Park (SRF). Die Hobby-Jäger fürchteten um ihre Jagdreviere. Das Resultat: Die Schweiz hat nach über 100 Jahren noch immer nur einen einzigen Nationalpark, einen der kleinsten Europas.

Tessiner Jägerverband FCTI: 30 Jahre gegen die Natur

Der Tessiner Jägerverband FCTI ist ein Paradebeispiel für die politische Blockadepolitik der Hobby-Jagdlobby. In den letzten 30 Jahren hat der FCTI systematisch Naturschutzanliegen bekämpft: 2018 bekämpfte der FCTI die Schaffung eines zweiten Nationalparks. 2021 bekämpfte der FCTI erfolglos den Schutz des gefährdeten Schneehuhns im Kanton Tessin. Der FCTI bekämpfte die Biodiversitätsinitiative. In der Legislaturperiode 2015 bis 2019 politisierten der ehemalige Jagdpräsident des FCTI und andere Hobby-Jäger im Schweizerischen Parlament mehrheitlich gegen die Umwelt. 2023 wurde eine Motion von Nationalrätin Martina Munz für ein Verbot bleihaltiger Munition mit 99 zu 94 Stimmen abgelehnt, unter aktivem Widerstand des ehemaligen FCTI-Jagdpräsidenten. 2025 erhielt derselbe Ex-Jagdpräsident mit seiner Motion für wolfsfreie Zonen eine Abfuhr im Parlament (wildbeimwild.com).

JagdSchweiz: Juristisch gescheitert

JagdSchweiz, der Dachverband der Schweizer Hobby-Jägerschaft, hat auch auf dem juristischen Weg versucht, kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen. Am 17. Juli 2020 sprach das Strafgericht des Kantons Tessin in Bellinzona wildbeimwild.com in allen Punkten frei. Die zitierten Aussagen über JagdSchweiz, etwa über die Förderung von Tierquälerei und eine Gewaltkultur, seien keine Verleumdung. David Clavadetscher (JagdSchweiz/Sandona GmbH) konnte keine sachdienlichen Beweise liefern. Ein Zivilverfahren in Locarno wurde sistiert. JagdSchweiz hat auf ganzer Linie verloren (wildbeimwild.com).

Was die Blockade kostet

Die volkswirtschaftlichen Kosten dieser jahrzehntelangen Blockadepolitik lassen sich nicht beziffern, aber sie sind real: keine ausreichende Verfassungsgrundlage für Biodiversität, kein zweiter Nationalpark, verzögerter Artenschutz, geschwächter Wolfsschutz, verzögertes Bleiverbot in der Munition. Jede verlorene Abstimmung, jedes verzögerte Schutzgesetz bedeutet Verluste an Biodiversität, die sich nicht wiedergutmachen lassen. Die Hobby-Jagdlobby schützt nicht die Natur. Sie schützt ein Hobby auf Kosten der Natur.

Was eine ehrliche Bilanz zeigen würde

Keine Schweizer Behörde hat je eine Vollkostenrechnung der Milizjagd vorgelegt. Eine solche Bilanz müsste mindestens folgende Positionen enthalten: Direkte kantonale Verwaltungskosten für das Jagdsystem. Wildunfallkosten während und nach der Jagdsaison. Waldschadenkosten durch jagdbedingten Verdrängungseffekt. Kosten für Polizei, Rettung und Justiz bei Jagdunfällen. Kosten für Nachsuchen angeschossener Tiere. Kosten für Wolfs- und Beutegreifer-Regulierung. Biodiversitätsverluste durch Bejagung gefährdeter Arten (Feldhasen, Waldschnepfen, Alpenschneehühner). Volkswirtschaftliche Einschränkungen der Freizeitnutzung während der Jagdsaison. Politische Kosten der Blockadepolitik gegen Biodiversität, Nationalparks und Artenschutz. Diesen Kosten müssten die tatsächlichen Einnahmen aus Patenten und Pachten gegenübergestellt werden. Das Ergebnis wäre für die Hobby-Jagd-Lobby verheerend.

Was sich ändern müsste

  • Vollkostenrechnung der Milizjagd: Jeder Kanton soll verpflichtet werden, eine transparente Gesamtbilanz des Jagdsystems vorzulegen, inklusive aller externen Kosten. Nur so kann eine faktenbasierte Debatte über Alternativen geführt werden.
  • Genfer Modell als Referenz: Das Genfer Modell beweist, dass professionelles Wildtiermanagement ohne Hobby-Jägerschaft nicht nur funktioniert, sondern auch bezahlbar ist. Eine Tasse Kaffee pro Einwohnerin und Einwohner. Andere Kantone müssen sich daran messen lassen.
  • Verursacherprinzip für Jagdschäden: Kosten, die durch Jagddruck entstehen (Wildunfälle, Waldschäden durch Verdrängung, Nachsuchen), müssen dem Jagdsystem zugerechnet werden, nicht der Allgemeinheit.
  • Professionalisierung statt Miliz: Das Schweizer Milizjagdsystem ist ein Anachronismus. Professionelle Wildhüterinnen und Wildhüter sind besser ausgebildet, arbeiten ganzjährig, handeln nach wissenschaftlichen Kriterien und sind gegenüber der Öffentlichkeit rechenschaftspflichtig.
  • Herdenschutz statt Wolfsabschuss: Die Millionenkosten für Wolfsregulierung könnten in Herdenschutz investiert werden, der nachweislich wirksamer und langfristig günstiger ist.

Argumentarium

«Die Hobby-Jägerschaft finanziert sich selbst.» Patentgebühren decken nur einen Bruchteil der Gesamtkosten. Die externen Kosten, Wildunfälle, Waldschäden, Verwaltung, Polizei, Justiz, Biodiversitätsverluste, werden nie bilanziert und gehen vollständig zu Lasten der Allgemeinheit. Eine Vollkostenrechnung würde zeigen, dass die Milizjagd den Steuerzahler deutlich mehr kostet als professionelles Wildtiermanagement.

«Das Genfer Modell ist zu teuer.» Eine Million Franken pro Jahr, eine Tasse Kaffee pro Einwohner. Zum Vergleich: Die Wolfsregulierung im Wallis allein kostete 2024/25 ähnlich viel. Die Wildschäden in Genf sind vergleichbar mit jenen in Kantonen gleicher Grösse, in denen die Hobby-Jagd erlaubt ist. Das Genfer Modell ist nicht zu teuer. Es ist transparenter als die Milizjagd.

«Das Genfer Modell funktioniert nur in einem urbanen Kanton.» Genf hat Rebberge, Ackerflächen und ländliche Gebiete wie andere Kantone auch. Genf hat einen internationalen Flughafen, der zusätzliche Massnahmen zur Flugsicherheit erfordert. Wenn das Modell dort funktioniert, gibt es kein strukturelles Argument dagegen, dass es anderswo ebenso funktioniert. Während der Jagdsaison suchen übrigens viele Wildtiere aus den umliegenden Kantonen und Frankreich Zuflucht in Genf. Ein lebendiger Beweis, dass Wildtiere Jagdgebiete meiden.

«Ohne Hobby-Jagd explodieren die Wildschäden.» 50 Jahre Genf beweisen das Gegenteil: stabile Wildtierbestpopulationen, kontrollierte Wildschäden, höhere Biodiversität. Die Hobby-Jagd provoziert vielfach Wildschäden, weil der Jagddruck die Tiere in den Wald drängt und den Verbiss erhöht. Wo Beutegreifer vorhanden sind, nimmt der Verbiss ab.

«Die Hobby-Jägerschaft leistet Frondienst für die Allgemeinheit.» Dieses Narrativ unterstellt, die Hobby-Jägerschaft handle uneigennützig. Tatsächlich handelt es sich um ein Hobby, das auf dem Töten von Tieren beruht. Die gesellschaftlichen Kosten dieses Hobbys, von Jagdunfällen über Tierschutzprobleme bis zu Biodiversitätsverlusten, werden von der Allgemeinheit getragen. Professionelle Wildhüterinnen und Wildhüter leisten tatsächlich einen Dienst an der Öffentlichkeit, Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger leisten einen Dienst an ihrem Hobby.

Quicklinks

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Die Effizienz des Genfer Modells zeigt sich im direkten Vergleich: Ein professioneller Wildhüter in Genf braucht für einen sanitarischen Abschuss eines Wildschweins durchschnittlich 8 Stunden und maximal 2 Patronen. Ein Hobby-Jäger im Kanton Zürich braucht für denselben Abschuss 60 bis 80 Stunden und bis zu 15 Patronen (Faktencheck Regierungsrat Zürich). Das ist keine Effizienzsteigerung, das ist ein Systemwechsel: Fachpersonen statt Freizeitschützen.

Feldhase: Der lebende Beweis

Der Feldhase ist der lebende Beweis für die Überlegenheit des Genfer Modells. Im Kanton Genf, wo seit 1974 keine Hobby-Jagd stattfindet, beträgt die Feldhasendichte 17,7 Tiere pro 100 Hektaren (2016), die höchste der ganzen Schweiz. Im Kanton Zürich, wo jährlich rund 2’000 Füchse und zahlreiche andere Tiere durch Hobby-Jäger erlegt werden, liegt die Feldhasendichte bei 1,0 pro 100 Hektaren. Der Feldhase ist in Zürich als «verwundbar» auf der Roten Liste. In Genf gedeiht er. Genf beherbergt zudem eine der letzten Rebhuhnpopulationen der Schweiz (vgl. Fakten statt Jägerlatein).

Quellenangaben

  • SUVA: Unfallstatistik UVG, 300 Jagdunfälle/Jahr, 3,6 Mio. Fr. Kosten (suva.ch)
  • BFU: Über 75 Todesfälle durch Jagdunfälle 2000-2019
  • SRF/Axa: Wildunfallkosten durchschnittlich 3’800 Fr. pro Schadenfall (srf.ch, Oktober 2025)
  • Schweizer Tierschutz: 20’000 Wildunfälle pro Jahr in der Schweiz
  • BAFU SilvaProtect-CH: Schutzwaldfläche pro Kanton, 585’000 ha Schutzwald (bafu.admin.ch)
  • Waldwissen.net/BAFU: 150 Mio. Fr. jährlich für Schutzwaldpflege (waldwissen.net)
  • Bundesrat: Botschaft Verpflichtungskredite Umwelt 2025-2028, 451 Mio. Fr. Wald (admin.ch)
  • BAFU/WSL: Waldbericht 2025, 30% Schutzwald mit sehr wenig Verjüngung
  • Kanton Obwalden: Nettokosten Schutzwaldpflege 12’500 Fr./ha (ow.ch)
  • Kanton Genf, Wildtierinspektor Gottlieb Dandliker: Kosten und Funktionsweise des Genfer Wildtiermanagements
  • IG Wild beim Wild: Jagdstatistik 2022, Vergleich Genf vs. Schaffhausen
  • IG Wild beim Wild: Die Schweiz jagt, aber warum eigentlich noch? (2025)
  • Tierpartei Schweiz: Schutz von Wildtieren, externe Kosten der Milizjagd
  • IG Wild beim Wild: Argumentarium für professionelle Wildhüter
  • Berner Jagdvorschriften: Patentabgaben, Wildschadenzuschläge, Hegebeiträge
  • Fondation Franz Weber: Genfer Modell, Referendum JSG 2020
  • BAFU: Wildunfallstatistik Schweiz
  • Bundesgesetz über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel (JSG, SR 922.0)
  • Kanton Wallis: Wolfsregulierung 2024/25, Kostenschätzung 0,8–1 Mio. Fr.
  • SRF: Jagdgesetz abgelehnt, 27.9.2020, 51,9% Nein (srf.ch)
  • UVEK: Abstimmung Jagdgesetz 2020 (uvek.admin.ch)
  • SBV: Biodiversitätsinitiative abgelehnt, 22.9.2024, 63% Nein (sbv-usp.ch)
  • SRF: Parc Adula, Skepsis im Bleniotal, 2016 (srf.ch)
  • wildbeimwild.com: Tessiner Jägerverband FCTI feiert 30 Jahre Unfug (wildbeimwild.com)
  • wildbeimwild.com: Erfolg – JagdSchweiz verliert, Freispruch Strafgericht Bellinzona 17.7.2020 (wildbeimwild.com)

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Die Hobby-Jägerschaft behauptet, sie koste den Staat nichts. Das ist eine Lüge durch Unterlassung: Die externen Kosten werden nie erhoben, nie bilanziert und nie öffentlich gemacht. Das Genfer Modell zeigt, dass es anders geht: transparent, professionell und bezahlbar. Eine Tasse Kaffee pro Einwohner für ein System, das nachweislich funktioniert, die Biodiversität fördert und keine Hobby-Jägerschaft braucht. Dieses Dossier fordert, was längst überfällig ist: eine ehrliche Rechnung. Wer Kosten verschweigt, hat etwas zu verbergen. Dieses Dossier wird laufend aktualisiert.

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