4. April 2026, 05:57

Geben Sie oben einen Suchbegriff ein und drücken Sie Enter, um die Suche zu starten. Drücken Sie Esc, um den Vorgang abzubrechen.

Jagd

Wissenschaft warnt, Politik schiesst

Im Wallis sorgt ein neues Gämsjagdmodell für scharfe Kritik von Wildtierfachleuten. Obwohl eine vom Kanton selbst in Auftrag gegebene Studie ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis als entscheidend für stabile Gämsbestände bezeichnet, erlaubt die aktuelle Regelung deutlich mehr Abschüsse von Böcken – entgegen wissenschaftlicher Empfehlungen.

Redaktion Wild beim Wild — 16. September 2025

Bereits 2016 liess der Kantonale Walliser Jägerverband (KWJV) eine umfassende Studie zu den Gämsbeständen erarbeiten.

Die Wildbiologen Dr. Christine Miller und Dr. Luca Corlatti kommen darin zu dem Schluss, dass in den Walliser Beständen ein deutlicher Überhang an Geissen gegenüber Böcken besteht. Dieses Ungleichgewicht könne sich negativ auf Fortpflanzung, Sozialstruktur und Gesundheit der Tiere auswirken.

Die landwirtschaftliche Faustregel, dass ein Stier 30 Kühe decken kann, greift in der Natur der Gämsen nicht. Doch genau nach dieser Logik ist das aktuelle Walliser Gämsjagdmodell gestrickt.

Die Studie empfiehlt deshalb explizit, den Abschuss weiblicher Tiere zu erhöhen und Böcken Zeit zu geben, in die sozial wichtige Altersklasse über elf Jahre hineinwachsen zu können. Nur so liessen sich stabile Bestände sichern, schreibt pomona.ch am 14.9.2025.

Neuer Jagdplan geht in entgegengesetzte Richtung

Trotz dieser Warnungen verdoppelt das neue Jagdmodell das Kontingent für erwachsene Böcke. Laut Dienststelle für Jagd und Blödsinn Wallis soll zwar der Schutz der weiblichen Gämsen «vermehrt» werden, doch gleichzeitig bleiben wichtige Altersklassen bei den Geissen ungeschützt: 3½-jährige Tiere dürfen nach wie vor erlegt werden – just ein Jahr bevor sie erstmals Nachwuchs bekommen.

Fachleute warnen, dass das Fehlen älterer Böcke zu mehr Brunftkämpfen, gestörten Rangordnungen und stressbedingter Schwächung der Tiere führt. Das könne höhere Wintersterblichkeit bei Böcken und Geissen ebenso wie schlechtere Überlebenschancen für Kitze nach sich ziehen.

Ein verschobenes Geschlechterverhältnis hat weitreichende Konsequenzen: verspätete Brunft, mehr Nachbrunften, erhöhter Parasitendruck, später gesetzte und damit schwächere Kitze – ein Teufelskreis, der die Population destabilisiert.

Politik unter Druck

Das Muster ist nicht neu: Schon bei der Wolfsjagd folgte die Walliser Politik dem Druck bestimmter Interessengruppen und ignorierte wissenschaftliche Warnungen vor einer Destabilisierung der Populationen. Kritiker sehen darin ein generelles Problem – kurzfristige Interessen würden vor nachhaltiger Wildtierpolitik stehen.

Der Konflikt um die Gämsjagd im Wallis zeigt exemplarisch, wie wissenschaftliche Erkenntnisse und politische Entscheidungen auseinanderdriften können. Ob die Populationen langfristig stabil bleiben, hängt nun davon ab, ob die Verantwortlichen bereit sind, Empfehlungen aus der Forschung ernst zu nehmen – oder weiterhin Jagdpolitik gegen den Rat ihrer eigenen Expertinnen betreiben.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

Unterstütze unsere Arbeit

Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.

Jetzt spenden