Im November 2025 erschoss ein Hobby-Jäger in Reutlingen ebenfalls seine Familie.
Solche Fälle tauchen in keiner offiziellen Jagdunfall-Statistik auf, weil sie als Straftaten geführt werden und nicht als Jagdunfälle. Weder Jagdverbände noch Behörden noch das Statistische Bundesamt führen eine vollständige Übersicht darüber, wie viele Menschen durch Jagdwaffen verletzt oder getötet werden. Diese statistische Blindstelle ist selbst ein politisches Problem: Wo Daten fehlen, fehlt auch Druck für Konsequenzen.
Das Alter als unterschätztes Sicherheitsrisiko
Die grösste Altersgruppe unter den Hobby-Jägern in Deutschland ist heute 50+. In dieser Gruppe nehmen altersbedingte Einschränkungen wie nachlassende Sehfähigkeit, verlangsamte Reaktionszeiten, Konzentrationsschwächen und kognitive Defizite statistisch deutlich zu. Das Durchschnittsalter der deutschen Hobby-Jäger lag 2022 gemäss Deutschem Jagdverband bereits bei 56 Jahren, während aktuell rund 467’682 Jagdscheininhaber in Deutschland registriert sind. Zum Vergleich: Bei Soldaten und Polizisten existieren klare Altersgrenzen für den Umgang mit Dienstwaffen. Für Hobby-Jäger gilt das bis heute nicht.
Jagdunfall-Chroniken dokumentieren immer wieder ältere Täter: Ein 83-jähriger Jäger verletzte in Lippstadt 2023 einen Jagdkollegen mit einem Querschläger schwer am Kopf, ein 81-Jähriger starb 2017 bei einer Treibjagd im Harz unter ungeklärten Umständen, ein 86-Jähriger erschoss 2017 seine Frau und sich selbst. Diese Meldungen sind keine Ausreisser. Sie folgen einem Muster.
Das niederländische Modell als Massstab
Die Niederlande haben konsequent reagiert: Das Justiz- und Sicherheitsministerium führte den sogenannten «E-Screener» ein, einen digitalen psychologischen Test mit 100 Ja-Nein-Fragen, den alle Jagdschein- und Waffenscheininhaber absolvieren müssen. Die über 60-Jährigen und unter 25-Jährigen wurden dabei prioritär getestet. Das Ergebnis war eindeutig: Bereits im ersten Monat nach Einführung nahm die Polizei einer «relativ hohen Anzahl» von Hobby-Jägern Jagdschein und Waffen ab. PETA dokumentiert, dass rund 25 Prozent der getesteten Hobby-Jäger ihren Jagdschein verloren. Das zeigt: Ein erheblicher Anteil aktiver Hobby-Jäger hätte die Waffen nie behalten dürfen.
Die IG Wild beim Wild fordert deshalb jährliche medizinisch-psychologische Eignungsgutachten nach diesem Vorbild sowie eine verbindliche Altersobergrenze für Hobby-Jäger. Wer mit tödlichen Waffen im öffentlichen Raum hantiert, muss laufend nachweisen, dass er dazu körperlich und psychisch in der Lage ist. Das ist keine Diskriminierung. Das ist Minimalstandard.
«Legal» ist kein Freifahrtschein
Das deutsche Waffenrecht sieht Zuverlässigkeitsprüfungen vor, doch diese Prüfungen sind zumeist einmalig und verwalten keine dynamische Risikoentwicklung. Was formal als «zuverlässig» gilt, deckt sich nicht zwingend mit der tatsächlichen psychischen oder physischen Verfassung im Alltag. Aus der waffenrechtlichen Erlaubnis folgt keine dauerhafte Unbedenklichkeit. Sie ist ein Ausgangsbefund, kein Dauerbescheid.
Weder schleichende kognitive Veränderungen noch eskalierender Beziehungskonflikt noch beginnende Suizidalität werden durch eine einmalige Überprüfung erfasst. Solange das System so bleibt, bleibt es auch für die nächste Tragödie blind.
Was im Gehirn von Gewalttätern anders ist
Neuropsychologen bestätigen: Die Amygdala, auch Mandelkern genannt, ist jene Hirnregion, die Emotionen bewertet, Gefahren erkennt und innerhalb von Millisekunden eine Einschätzung liefert, ob eine Situation Mitgefühl, Rückzug oder Alarm erfordert. Bei Menschen mit einer Neigung zu proaktiver Gewalt, also geplanter, nicht impulsiver Gewalt, reagiert die Amygdala häufig unterdurchschnittlich stark. Das Leid anderer lässt diese Personen tendenziell kalt. Ein verringertes Vermögen, emotional am Leid anderer teilzunehmen, gilt als eines der Hauptkennzeichen psychopathisch veranlagter Persönlichkeiten.
Neuroimaging-Studien mit funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) zeigen bei psychopathischen Personen durchgehend ein reduziertes Amygdala-Volumen und abnormale Aktivierungsmuster. Diese Anomalien führen zu eingeschränkter emotionaler Reaktionsfähigkeit, beeinträchtigter Empathie und einer verminderten Fähigkeit, Angst oder Schuldgefühle zu empfinden. Ist der Mandelkern funktional gestört oder zurückgebildet, entfallen damit auch basale Hemmschwellen, unter anderem das Ekelgefühl angesichts von Verletzung und Tod.
Wer regelmässig tötet und das als Freizeitvergnügen rahmt, trainiert genau jene Gleichgültigkeit, die die Neurowissenschaft als Risikosignal beschreibt. Die Frage, die sich die Gesellschaft stellen muss, lautet nicht: «Wie böse muss jemand sein, um zu einer Gefahr zu werden?», sondern: «Welche Praxis normalisiert Gewalt so weit, dass die neurobiologischen Hemmschwellen systematisch abgesenkt werden?»
Speziesismus als Fundament der Hobby-Jagd
Hinter jedem Jagdschein steht auch eine ethische Grundentscheidung: dass das Leben nichtmenschlicher Tiere weniger zählt. Die IG Wild beim Wild nennt das beim Namen: Hobby-Jagd beruht auf Speziesismus, auf der systematischen Abwertung nichtmenschlicher Tiere allein aufgrund ihrer Artzugehörigkeit. Speziesismus ist mit Rassismus oder Sexismus strukturell vergleichbar und weder kulturell noch ethisch dauerhaft zu rechtfertigen. Tradition ersetzt keine moralische Prüfung.
Gerade weil die Hobby-Jagd ein Feld ist, das von beschönigenden Erzählungen, Halbwahrheiten und gezielter Desinformation durchzogen ist, braucht es Transparenz, überprüfbare Fakten und eine offene gesellschaftliche Debatte. Wo Gewalt normalisiert wird, dienen Narrative der Rechtfertigung. Die regelmässigen Meldungen über Jagdunfälle, tödliche Fehlhandlungen und den Missbrauch von Jagdwaffen machen deutlich: Eine Praxis, die auf freiwilligem Töten basiert und zugleich erhebliche Risiken für Menschen und Tiere erzeugt, verliert ihre gesellschaftliche Legitimation.






