2. April 2026, 10:13

Geben Sie oben einen Suchbegriff ein und drücken Sie Enter, um die Suche zu starten. Drücken Sie Esc, um den Vorgang abzubrechen.

Jagd

Die Sonderjagd – wenn Tierquälerei zur Routine wird

Im Kanton Graubünden ist die Hochjagd kaum vorbei, schon werden die Büchsen für die nächste Jagdphase geölt.

Redaktion Wild beim Wild — 2. November 2025

Nicht nur im Kanton Graubünden beginnt mit der Sonderjagd das alljährliche Nachspiel der Hochjagd.

Während Hirsche, Rehe und Gämsen längst erschöpft und auf den Winter vorbereitet sind, rücken Hobby-Jäger erneut aus. Was offiziell als „Regulierung“ gilt, ist in Wahrheit ein Angriff auf das letzte bisschen Ruhe der Wildtiere. Dabei wäre jetzt die Zeit, in der Wildtiere Energie sparen, Fettreserven aufbauen und Ruhe finden müssten, um den langen Winter zu überstehen. Stattdessen werden sie erneut aufgescheucht, gehetzt und getötet, unter dem Deckmantel einer angeblich „nachhaltigen“ Wald-Wild-Politik.

Über 3’400 Hirsche, 2’500 Rehe und fast 3’000 Gämsen wurden bereits massakriert, doch laut dem Amt für Jagd und Blödsinn Graubünden reicht das nicht. Jetzt folgt die sogenannte Sonderjagd, um noch einmal gezielt Hirsche, Rehe und Gämsen zu „dezimieren“.

Die Begründung ist stets dieselbe: Wald und Wild müssen im Gleichgewicht bleiben. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Diese „Dezimierung“ ist längst zum Selbstzweck geworden und das Gleichgewicht, von dem die Behörden sprechen, ist vor allem eines: tierquälerisch und menschengemacht. Die Sonderjagd dient dazu, hohe Wildbestände zu simulieren, um sie im nächsten Jahr wieder „dezimieren“ zu können. Ein perverses System, das sich selbst am Leben hält, auf Kosten der Tiere.

Das Narrativ vom gefährdeten Wald

Offiziell dient die Sonderjagd dem Schutz des Waldes. Zu viele Hirsche und Rehe würden junge Bäume fressen, heisst es. Doch diese Argumentation greift zu kurz oder verschleiert bewusst, dass das Problem nicht die Tiere, sondern die Bewirtschaftung ist. Die Schutzwälder in Graubünden sind durch Forstwirtschaft, Tourismus, Skipisten, Hobby-Jagd und Strassenbau fragmentiert. Der natürliche Lebensraum des Wildes wurde verkleinert, Rückzugsräume fehlen, und die Tiere werden durch die Hobby-Jäger ständig aufgescheucht. Statt die Ursachen anzugehen, bekämpft man die Symptome: die Tiere selbst.

Sonderjagd: Regulierung ohne Ende

In diesem Jahr sollen in Graubünden weitere 1’711 weibliche Hirsche und Kälber, 281 Rehe und zehn Gämsen erlegt werden. Gerade die gezielte Jagd auf Muttertiere und deren Nachwuchs ist tierschutzethisch höchst problematisch. Sie führt zu Stress, Leid und häufig zu Fehlabschüssen. Zurückbleiben oft verletzte oder verwaiste Jungtiere, die elend zugrunde gehen, ein Zustand, der mit moderner Wildtierethik kaum vereinbar ist.

Die Behörden nennen das „Bestandeslenkung“. In Wahrheit ist es eine sich selbst stabilisierende Jagdmaschinerie: Hohe Wildbestände werden durch frühere Eingriffe provoziert, die dann neue Eingriffe rechtfertigen, ein ewiger Kreislauf aus Töten und Nachregulieren.

Die gezielte Hobby-Jagd auf weibliche Tiere und Kälber ist tierschutzwidrig und ethisch unhaltbar.
Muttertiere werden aus Herden gerissen, Kälber irren umher oder verenden. Das wird als „Bestandeslenkung“ bezeichnet, in Wahrheit ist es eine systematisierte Form der Tierquälerei.

Hinzu kommt: Tiere werden durch wiederholte Jagden in kurzer Zeit chronisch gestresst. Ihre Fluchtinstinkte bleiben über Wochen aktiv, was zu erhöhtem Energieverbrauch und erhöhter Sterblichkeit im Winter führt. Diese Praxis widerspricht jeder Form von Wildtierbiologie und Ethik.

Der Wolf als natürlicher Regulator – unerwünscht

Besonders absurd: Der Wolf, der als natürlicher Regulator die Aufgabe der Sonderjagd übernehmen könnte, wird politisch bekämpft und abgeschossen. In einem funktionierenden Ökosystem würde der Wolf genau das leisten, was jetzt die Hobby-Jägerschaft beansprucht: Er würde schwache Tiere selektieren, Bestände anpassen und die natürliche Dynamik wiederherstellen.

Doch in Graubünden gilt der Wolf nach wie vor als Störfaktor. Man spricht von „Problemtieren“ und „Konfliktgebieten“, Begriffe, die vor allem dazu dienen, die Kontrolle über die Wildtierpopulationen in menschlicher Hand zu behalten.

„Nachhaltigkeit“ als Feigenblatt

In offiziellen Mitteilungen heisst es, die Hobby-Jagd sei ein „aktiver Beitrag zum Schutz der Natur“. Diese Rhetorik ist bequem und irreführend. Eine Jagdpraxis, die jährlich Tausende Wildtiere tötet, dabei Muttertiere und Kälber einschliesst, und gleichzeitig natürliche Regulatoren wie den Wolf ausschaltet, kann kaum als nachhaltig gelten.

Nachhaltigkeit bedeutet Selbstregulation der Natur, nicht ständige menschliche Eingriffe. Solange Abschusspläne auf alten forstwirtschaftlichen Dogmen beruhen, bleibt die Hobby-Jagd ein Instrument der Macht, nicht des natürlichen ökologischen Gleichgewichts.

Zeit für eine echte Wald-Wild-Politik

Die Natur braucht keine Sonderjagd, sie braucht Ruhe, Raum und Respekt. Anstatt jedes Jahr tausende Tiere „nach Plan“ zu töten, wäre es an der Zeit,

  • natürliche Regulatoren wie den Wolf anzuerkennen,
  • Lebensräume konsequent zu schützen,
  • und Jagdpolitik nicht länger an traditionellen oder wirtschaftlichen Interessen auszurichten.

Solange das Amt für Jagd und Blödsinn seine Zahlen stolz als Erfolg präsentiert, bleibt die wichtigste Frage unbeantwortet: Wann endlich hört das Töten auf und wann beginnt das Verstehen der Natur?

Mehr dazu im Dossier: Jagd und Tierschutz

Weiterführende Artikel

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

Unterstütze unsere Arbeit

Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.

Jetzt spenden