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Umwelt & Naturschutz

Schutzwald: Hobby-Jagd schafft Probleme statt Lösungen

Auch im Tessin stehen die Schutzwälder wortwörtlich am Abgrund. Sie sollen Dörfer und Verkehrswege vor Erdrutschen bewahren. Doch weil sich die Wälder nicht mehr verjüngen können, steigt die Gefahr von Naturkatastrophen.

Redaktion Wild beim Wild — 27. Oktober 2025

Schuld sind nicht die Hirsche allein, sondern eine fehlgeleitete Politik, die seit Jahrzehnten auf die falschen «Regulatoren» setzt: die Hobby-Jäger.

Jedes Jahr werden im Tessin rund 3000 Hirsche und Gämse erschossen. Das sind fast die Hälfte aller Huftiere im Kanton. Würde die Hobby-Jagd tatsächlich das leisten, was sie verspricht, müsste der Wald längst aufatmen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Junge Bäume werden weiterhin abgefressen, der Boden erodiert, teure Zäune müssen errichtet werden.

Die Wahrheit ist unbequem: Die Hobby-Jagd funktioniert nicht als Regulierung. Sie ist ein blutiges Ritual, das Bestände künstlich hochhält, um auch im nächsten Jahr wieder genug Wild vor die Flinten zu bekommen. Die Hobby-Jagd bedeutet nicht weniger Hirsche, sondern mehr Geburten. Sozialstrukturen werden manipuliert und zerstört. Auch die Wildschweinschwemme im Kanton Tessin ist hausgemacht. Wildschweine leben in Rotten mit einer klaren Hierarchie. Werden erfahrene Leitbachen (führende Muttertiere) geschossen, zerfällt die Struktur. Übrig bleiben viele junge Bachen, die sich schneller und oft gleichzeitig fortpflanzen. Wildschweine sind extrem anpassungsfähig. Werden sie stark bejagt oder gestört, reagieren sie mit erhöhter Fruchtbarkeit (sogenannter Kompensationseffekt). Selbst sehr junge Bachen können dann früh trächtig werden. Starker Jagddruck führt dazu, dass Rotten unberechenbarer werden, ihre Aktivitätszeiten in die Nacht verlegen und neue Lebensräume erschliessen. Sind sie im Wald, sollte man sie in Ruhe lassen.

Der Rothirsch, den wir heute fast selbstverständlich im Bergwald antreffen, ist historisch gesehen kein klassisches Waldtier und ursprünglich auch nicht in den Hochlagen heimisch. Er hält sich dort nur auf zum Schutz vor der Hobby-Jagd. Der Rothirsch war in Europa vor allem ein Tier der offenen Landschaften, Steppen und lichtdurchfluteten Wälder. Der starke Jagddruck hat den Hirsch in die Randbereiche gedrängt. Dass der Rothirsch heute in vielen Alpenkantonen (z. B. Graubünden, Wallis, Tessin) massiv im Wald vorkommt, ist nicht Natur pur, sondern Ergebnis der Hobby-Jagd.

Der volkswirtschaftliche Wert der Schutzwirkung der Wälder wird auf rund 4 Milliarden Franken pro Jahr geschätzt. Laut der Fachstelle Schutzwald stehen dem Bereich Schutzwald laut Finanzplanung des Bundes insgesamt rund 58 Millionen Franken pro Jahr zur Verfügung. Weitere Quellen nennen, dass die tatsächlich ausbezahlten Beträge von Bund und Kantonen zum Beispiel im Jahr 2020 etwas mehr als 160 Millionen Franken betrugen.

Während die Hobby-Jagd oft als kostenloser Dienst zur Bestandsregulierung verkauft wird, trägt die Öffentlichkeit die Folgekosten (Schutzmassnahmen, Zäune, Wiederaufforstung, Naturgefahrenprävention).

In Regionen wie dem Tessin spielt auch das Bild der intakten Natur für den Tourismus eine Rolle. Ein Wald, der durch Wildverbiss degradiert wirkt, schwächt dieses Image.

Der Wolf ist unerwünscht, weil er wirkt

Dabei gäbe es längst eine Lösung, die keinen Franken kostet: den Wolf. Er jagt effizient, das ganze Jahr über, und zwingt Hirsche dazu, ihr Verhalten zu ändern. Wälder bekommen dadurch eine Chance auf Erholung. Der Wolf macht das, was Hobby-Jäger seit Jahren nur behaupten – er reguliert wirklich.

Fachbeiträge betonen, dass der Schweizer Wald vom Wolf profitieren kann, weil er Wildbestände reduziert und Verbisslast senkt; NGOs wie die IG Wild beim Wild verweisen seit Jahren auf positive Effekte für die Waldverjüngung bei hohem Hirschbestand.

Doch statt diesen natürlichen Helfer willkommen zu heissen, wird er systematisch verfolgt. Politisch wird alles getan, um ihn kleinzuhalten, weil er unter anderem das Geschäftsmodell der Hobby-Jagd bedroht. Ein Wolf frisst eben keine Jagdpatente und keine Trophäen. Jagdverbände haben historisch grossen Einfluss auf Gesetzgebung und Bewilligungen. In vielen Kantonen sitzen miserabel ausgebildete und mit einer äusserst fragwürdigen ethischen Hygiene Hobby-Jäger in politischen und behördlichen Schlüsselpositionen, was Reformen erschwert.

Statt den natürlichen Kreislauf zuzulassen, werden am Monte Generoso und anderswo Zäune für Millionen von Franken errichtet. Steuergelder fliessen, um die Folgen einer Jagdpolitik zu kaschieren, die seit Jahren versagt.

Das Paradox ist grotesk: Zu viele Hirsche für die Wälder und gleichzeitig Abschüsse von Wölfen, die genau dieses Problem entschärfen würden. Der Wolf ist stark symbolisch aufgeladen (Märchen, Mythen, Ängste). Die Ablehnung ist oft emotional stärker als sachlich begründet.

Das Jagdgesetz in der Schweiz basiert im Kern auf einem Modell aus dem 19. Jahrhundert. Wildtiere gelten vielerorts noch immer als zu bewirtschaftende Ressource, nicht als Teil eines Ökosystems.

Die Hobby-Jagd schafft Probleme, die sie vorgibt zu lösen. Sie hält die Tierbestände künstlich hoch, zerstört die Balance der Natur und verschlingt öffentliche Gelder. Solange Politik und Jagdlobby diesen Kreislauf am Leben erhalten, werden die Wälder auch im Tessin nicht gesünder, sondern kränker.

Es ist Zeit, die Heuchelei zu beenden: Nicht die Hirsche gefährden unsere Wälder, sondern das Jagdsystem, das sie missbraucht.

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