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Wildtiere

Wolfsobergrenze: Bundesrat folgt Regazzi

Der Bundesrat unterstützt eine Motion von Fabio Regazzi, die eine feste Obergrenze für den Wolfsbestand in der Schweiz verankern will. Was technokratisch klingt – «Grenzen bei der Entwicklung der Wolfspopulation» –, bedeutet in der Praxis: Ist eine politisch definierte Zahl erreicht, werden Wölfe nicht mehr wegen konkreter Probleme reguliert, sondern weil sie «zu viele» sind.

Redaktion Wild beim Wild — 25. Februar 2026

Die Schweiz würde damit einen weiteren Schritt weg von einem wissenschaftlich begründeten Schutzkonzept hin zu einer symbolpolitischen Bestandsbewirtschaftung eines streng geschützten Rudeltiers vollziehen.

Die Motion von Fabio Regazzi (Die Mitte/TI) fordert, dass Bund und Kantone für die Schweiz beziehungsweise für einzelne Regionen Zielwerte für den Wolfsbestand festlegen, eine Obergrenze, ab der «überzählige» Tiere entfernt werden.

Kernpunkte: Politisch definierte Obergrenzen für die Anzahl Wölfe und Rudel je Region. Regulierung soll möglich sein, sobald diese Schwellenwerte überschritten sind, unabhängig von konkreten Schadensereignissen. Anlehnung an das Steinbock-Modell: Bestände werden in regelmässigen Intervallen «nach Plan» reduziert.

Damit verschiebt Regazzi die Logik der Wolfspolitik: weg von der Frage, ob im Einzelfall Herdenschutz versagt, ob Risse dokumentiert sind oder ob ein Tier auffällig ist, hin zur schlichten Behauptung, es gebe «zu viele» Wölfe.

Bundesrat als Verstärker, nicht als Korrektiv

Statt diese politisierte Bestandsdeckelung zu bremsen, empfiehlt der Bundesrat die Motion zur Annahme. In seiner Stellungnahme verweist er auf den wachsenden Wolfsbestand, rund 180 Tiere und etwa 17 Rudel, und den Druck aus Kantonen und Landwirtschaft.

Bemerkenswert ist, was im Argumentarium fehlt: Kein Hinweis darauf, dass die Schweiz völkerrechtlich zum Schutz grosser Beutegreifer verpflichtet ist. Keine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Frage, wie eine politisch definierte «Idealzahl» für ein wanderndes, genetisch austauschabhängiges Rudeltier überhaupt seriös festgelegt werden soll. Kein Eingeständnis, dass ein Teil der Konflikte hausgemacht ist, durch mangelhaften Herdenschutz, falsche Fütterung von Wildtieren und eine Hobby-Jagd, die Ökosysteme laufend unter Stress setzt.

Der Bundesrat legitimiert damit die Erzählung, der Wolf sei vor allem ein Mengenproblem, nicht ein Management- und Konfliktkulturproblem.

Von der Schutzart zum Bestandsziel: Der Paradigmenwechsel

Bislang galt: Der Wolf ist geschützt, Regulierung ist im Ausnahmefall möglich, etwa bei wiederholten, trotz Herdenschutz auftretenden Rissen oder bei klar definierten «auffälligen» Tieren.

Mit einer Obergrenze kehrt sich dieses Verhältnis um: Die Regulierung wird zum Normalfall, sobald die politische Zahl erreicht ist. Der Schutz reduziert sich faktisch auf das, was nach den Abschüssen noch übrig bleibt.

Erfahrungen aus Norwegen und Schweden zeigen, wohin das führt: Mini-Populationen, die genetisch kaum überlebensfähig sind, hoch umstrittene Jagdquoten, laufende Prozesse und Gerichtsentscheide, die Wolfsabschüsse stoppen.

Statt aus diesen Fehlern zu lernen, übernimmt die Schweiz nun die Logik, nicht die Lehren.

Wissenschaftliche Zweifel und praktische Probleme

Selbst aus wildtierbiologischer Sicht ist die Obergrenzen-Idee fragwürdig: Populationswachstum flacht mit der Zeit von selbst ab, weil Lebensräume besetzt und Beutetierbestände begrenzend wirken. Abschüsse können kompensatorische Effekte auslösen: Wölfe vermehren sich schneller, neue Tiere wandern nach, Rudelstrukturen werden destabilisiert.

Der Biologe Simon Aeschbacher weist darauf hin, dass der aktuelle Bestandsverlauf von Wölfen in der Schweiz nicht einfach mit Abschüssen erklärt werden kann, natürliche Faktoren spielen eine grosse Rolle.

Auch die Gruppe Wolf Schweiz (GWS) kritisiert die politische Obergrenze als praktisch und rechtlich kaum umsetzbar: Schon heute werden viele freigegebene Abschüsse gar nicht realisiert, weil die Tiere nicht gefunden werden oder weil die rechtlichen Hürden doch höher sind, als die politische Rhetorik suggeriert.

Ablenkung vom eigentlichen Problem: Herdenschutz und Hobby-Jagd

Die Obergrenzen-Debatte verschiebt den Fokus weg von den eigentlichen Stellschrauben: flächendeckender, professioneller Herdenschutz mit klaren Standards und Kontrollen; Reduktion von Störungen durch Hobby-Jagd, Freizeitaktivitäten und Tourismus in sensiblen Gebieten; klare Regeln gegen das Anfüttern von Wildtieren und gegen Praktiken, die Beutetiere unnötig anfällig für Übergriffe machen.

Statt diese Hausaufgaben konsequent zu erledigen, wird der Wolf zum Sündenbock stilisiert und seine Zahl zur vermeintlich objektiven Steuerungsgrösse erklärt.

Mehr Hintergründe zur Rolle des Wolfs im Ökosystem und zur Politik der «proaktiven Regulierung» finden sich in unserem Dossier «Wolf in der Schweiz: Fakten, Politik und die Grenzen der Jagd» auf wildbeimwild.com.

Was die Obergrenze politisch bedeutet

Die Motion Regazzi kommt nicht im luftleeren Raum: Der Nationalrat hat sich bereits für die Schaffung von «wolfsfreien Zonen» ausgesprochen, der Ständerat hat die entsprechende Motion jedoch wieder versenkt und nur eine Prüfung solcher Gebiete verlangt.

Die Obergrenze ist deshalb Teil einer schrittweisen Normalisierung von Wolfsabschüssen in der Schweiz. Ein Signal an Kantone, dass politischer Druck sich auszahlt: Wer laut genug ruft, bekommt Abschusskontingente. Und ein Präjudiz für andere Arten: Was heute beim Wolf möglich ist, kann morgen bei Luchs, Biber oder anderen Wildtieren eingefordert werden.

Die Schweiz riskiert damit, ihren Ruf als Land des vorsorgenden Natur- und Artenschutzes ausgerechnet bei einem Leitbildtier der europäischen Biodiversität zu verspielen.

Eine Obergrenze ist keine Lösung, sondern ein Symptom

Eine politisch definierte Obergrenze für Wölfe löst kein einziges der realen Konfliktfelder: Sie verbessert keinen Zaun, ersetzt keinen fehlenden Herdenschutzhund, entschärft keine Spannungen zwischen Hobby-Jägerschaft, Landwirtschaft und Tourismus.

Sie schafft aber ein neues Problem: Ein geschütztes Wildtier wird zur verhandelbaren Grösse, die je nach Stimmungslage zurechtgestutzt werden kann.

Wenn die Schweiz den Anspruch ernst nimmt, Wissenschaft und Tierschutz zum Massstab ihrer Umweltpolitik zu machen, braucht es nicht weniger Wölfe, sondern weniger Symbolpolitik und eine ehrliche Debatte darüber, wie viel Wildnis wir in einem dicht genutzten Land überhaupt zulassen wollen.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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