2. April 2026, 07:29

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Neozoen und die Jagd in der Schweiz: Wenn der Mensch das Problem schafft und die Flinte als Lösung verkauft

Waschbär, Marderhund, Nilgans, Nutria: Der Mensch hat sie nach Europa gebracht, als Pelztiere gezüchtet, als Ziervögel gehalten oder schlicht freigelassen. Jetzt, da sie sich ausbreiten, werden sie als «invasive Arten» stigmatisiert und der Hobby-Jägerschaft als willkommene Zielscheibe überlassen. Die EU-Unionsliste von 2016 zählt 49 Arten auf, deren Ausbreitung eingedämmt werden soll. Doch die Bilanz ist verheerend: In Deutschland wurden im Jagdjahr 2024/25 über 282’000 Waschbären erlegt, 1’100 Prozent mehr als vor 20 Jahren. Die Population wächst trotzdem. Eine Springer-Studie belegt, dass die Bejagung des Waschbären seit 1954 dessen Ausbreitung nicht einmal verlangsamt hat. Die Hobby-Jagd als Instrument gegen Neozoen ist gescheitert. Dieses Dossier zeigt, warum das so ist, was die Schweiz betrifft und welche Alternativen es gibt.

Was sind Neozoen?

Definition und Abgrenzung

Als Neozoen (griechisch: «neue Tiere») gelten Tierarten, die nach 1492 durch direkten oder indirekten menschlichen Einfluss in Gebiete gelangt sind, in denen sie natürlicherweise nicht vorkamen. In Deutschland haben sich rund 264 Neozoen-Arten dauerhaft etabliert. Die meisten sind ökologisch unauffällig. Nur ein kleiner Teil gilt als «invasiv», das heisst, sie breiten sich aggressiv aus und können einheimische Arten verdrängen oder schädigen. Die EU-Kommission hat 2016 eine Unionsliste erstellt, die mittlerweile 49 Arten umfasst, darunter Waschbär, Marderhund, Nilgans, Nutria, Bisam, Grauhörnchen und Schwarzkopfruderente.

Keine Neozoen: Natürliche Rückkehrer

Entscheidend ist die Abgrenzung: Arten, die von selbst in ihr ehemaliges Verbreitungsgebiet zurückkehren, sind keine Neozoen. Wolf, Luchs, Braunbär, Fischotter und Goldschakal sind natürliche Rückkehrer oder natürliche Arealerweiterer und geniessen gesetzlichen Schutz. Der Goldschakal, der seit 2011 in der Schweiz nachgewiesen wird, stammt ursprünglich aus Indien und dem Nahen Osten und wanderte über den Balkan ein. Er ist in der Schweiz eine geschützte Art. Dass Jagdverbände auch ihn gerne auf die Abschussliste setzen würden, zeigt, wie beliebig das Etikett «fremd» verwendet wird.

Die Lage in der Schweiz

Rechtslage und jagdbare Neozoen

Das Schweizer Jagdgesetz (JSG) regelt den Umgang mit gebietsfremden Arten: Sie dürfen nicht ausgesetzt werden und sollen aus der freien Wildbahn entfernt werden. Waschbär und Marderhund sind in der Schweiz ganzjährig jagdbar als Neozoen. Die Haltung und Einfuhr bestimmter Arten wie Grauhörnchen und Schwarzkopfruderente sind verboten. Der Kanton Aargau listet unter den invasiven Neozoen unter anderem Marderhund, Bisamratte, Waschbär, Nilgans, Kanadagans, Rostgans und Schmuckschildkröte auf. In der Praxis sind die Bestände der meisten Neozoen in der Schweiz noch klein: Waschbären werden vereinzelt per Fotofalle nachgewiesen, Marderhunde sind in der Nordschweiz selten. Die grosse Ausnahme ist die Nilgans, die seit 2003 alljährlich an Schweizer Gewässern brütet.

Wer hat die Tiere hierhergebracht?

Die Antwort ist in jedem Fall dieselbe: der Mensch. Waschbären stammen aus Nordamerika und wurden ab den 1930er-Jahren als Pelztiere in Europa gezüchtet. Sie entkamen aus Pelzfarmen oder wurden absichtlich ausgesetzt. Marderhunde wurden aus Ostasien importiert und in der Sowjetunion für die Pelzgewinnung freigelassen, von wo sie sich nach Westen ausbreiteten. Nilgänse waren Ziervögel in Parks, die sich aus Gefangenschaft befreiten. Nutrias wurden ebenfalls für die Pelzindustrie importiert. Dass die Tiere jetzt als «Schädlinge» gelten und mit der Flinte «reguliert» werden sollen, ist zynisch: Der Mensch hat das Problem verursacht, und die Tiere zahlen den Preis.

Mehr dazu: Dossier: Der Waschbär in der Schweiz

Warum die Hobby-Jagd als Neozoen-Management scheitert

Die Zahlen sprechen für sich

Deutschland ist das beste Beispiel für das Scheitern der jagdlichen «Regulierung» von Neozoen. Im Jagdjahr 2003/04 wurden 21’149 Waschbären erlegt. Im Jagdjahr 2024/25 waren es 282’000. Das ist eine Steigerung um über 1’100 Prozent. Doch die Population wächst weiter: Geschätzt 1,6 bis 2 Millionen Waschbären leben inzwischen in Deutschland. Eine Springer-Studie dokumentiert, dass die Bejagung seit 1954 «keinen nachhaltig reduktiven Effekt» hatte und «die Bestandszunahme wahrscheinlich nicht einmal verlangsamt» wurde. Durch Abschuss freigewordene Reviere werden rasch neu besiedelt.

Kompensatorische Fortpflanzung

Waschbären reagieren auf Jagddruck mit erhöhter Fortpflanzung. In bejagten Populationen ist der Anteil sich fortpflanzender Weibchen höher als in unbejagten Populationen. Je mehr Tiere getötet werden, desto mehr Jungtiere kommen zur Welt. Die Verluste werden nicht nur ausgeglichen, sondern überkompensiert. Der Wildbiologe Ulf Hohmann bringt es auf den Punkt: Er kenne keinen einzigen Wissenschaftler oder Jagdexperten, der ernsthaft glaube, den Waschbären mit jagdlichen Mitteln regulieren zu können. Dieses Phänomen ist auch bei Wildschweinen und Füchsen wissenschaftlich beschrieben.

Das Versagen ist systemisch

Die Hobby-Jagd versagt bei Neozoen aus denselben Gründen, aus denen sie bei einheimischen Arten versagt: Sie kann Populationen nicht flächendeckend reduzieren, sie schafft durch das Töten revierloser Tiere eine Sogwirkung, und sie bietet der Hobby-Jägerschaft vor allem eines: ein Alibi, um das ganze Jahr über zu schiessen. Der Deutsche Jagdverband fordert ganzjährige Jagd ohne Schonzeiten, ohne Bejagungsverbote in Schutzgebieten und ohne Einschränkungen der Fallenjagd. Das NABU-Positionspapier stellt dem entgegen: Nicht-jagdliche Methoden sollten Vorrang haben. Die Jagd dient hier nicht dem Artenschutz, sondern der Legitimation eines Hobbys.

Mehr dazu: Warum die Hobby-Jagd als Populationskontrolle scheitert

Alternativen: Was tatsächlich wirkt

Kastration statt Abschuss

Die Stadt Kassel hat 2025 auf Initiative des Bundesverbands der Wildtierhilfen ein Pilotprojekt gestartet: Waschbären werden eingefangen, kastriert und wieder freigelassen. Kastrierte Männchen verteidigen weiter ihr Revier, verhindern die Zuwanderung neuer Tiere und pflanzen sich nicht fort. Erfahrungen aus Brandenburg bestätigen: In nicht bejagten Populationen mit stabilen Sozialstrukturen ist die Fortpflanzungsrate niedriger als in intensiv bejagten Populationen. In Norditalien wurde das Verfahren bei Nutrias erfolgreich angewendet.

Prävention: Ursachen bekämpfen

Die wirksamste Massnahme gegen Neozoen ist die Prävention: Pelzfarmen verbieten, die Haltung exotischer Tiere regulieren, Zäune und technische Schutzvorrichtungen installieren. Die Schweiz hat die Haltung und Einfuhr bestimmter invasiver Arten bereits verboten. Was fehlt, ist ein konsequentes Verbot aller Pelzfarmen in Europa und eine strengere Kontrolle des Handels mit exotischen Tieren.

Habitatschutz statt Artenverfolgung

Der NABU und Wildtierschutz Deutschland betonen: Der wirksamste Schutz einheimischer Arten vor Neozoen besteht darin, ihre Lebensräume zu stärken. Zäune um Laich- und Brutgewässer, Schutzmassnahmen an Horstbäumen und Nistkästen mindern die Verluste durch Prädation gezielter als jede Flinte. Eine flächendeckende Bejagung in der Agrarlandschaft allein ist nicht geeignet, um den Bruterfolg von Bodenbrütern langfristig zu steigern.

Die Instrumentalisierung: Neozoen als Jagd-Alibi

Ganzjahresjagd als Ziel

Für die Hobby-Jägerschaft sind Neozoen ein Geschenk: Sie legitimieren ganzjährige Jagd, Fallenjagd, Nachtjagd und die Aufweichung von Schonzeiten und Schutzgebieten. Der Deutsche Jagdverband fordert explizit, Waschbär, Marderhund, Nilgans und Nutria in allen Bundesländern ohne Einschränkung jagdbar zu machen. Eine CDU-Politikerin forderte 2025 sogar ein «Kopfgeld» pro erlegtem Waschbären. Dass die Jagdverbände gleichzeitig gefährdete einheimische Arten wie Feldhase, Waldschnepfe und Alpenschneehuhn weiterhin bejagen lassen, entlarvt das Artenschutz-Argument als Fassade.

Doppelmoral beim Artenschutz

Die gleiche Hobby-Jägerschaft, die Waschbären zum Schutz einheimischer Arten töten will, erlegt in der Schweiz jährlich Tausende Füchse, Dachse, Marder und Rabenvögel, die allesamt einheimisch und ökologisch unverzichtbar sind. In Deutschland werden Rebhühner und Feldhasen weiterhin bejagt, obwohl ihre Bestände um über 90 Prozent eingebrochen sind. Das Neozoen-Management der Hobby-Jägerschaft ist kein Artenschutz, sondern ein Vorwand, um das Töten zu maximieren.

Was sich ändern müsste

  • Prävention statt Verfolgung: Pelzfarmen EU-weit verbieten, Handel mit exotischen Tieren strenger regulieren, Freilassung unter Strafe stellen. Das Problem an der Wurzel packen, statt die Symptome zu bekämpfen.
  • Kastrationsprogramme statt Massenabschuss: Das Kasseler Modell und die Erfahrungen aus Norditalien zeigen, dass Kastration wirksamer ist als Abschuss. Kastrierte Revierinhaber stabilisieren die Population und verhindern Zuwanderung.
  • Habitatschutz für bedrohte einheimische Arten: Zäune um Laich- und Brutgewässer, Schutzvorrichtungen an Nistkästen und Horstbäumen, Revitalisierung von Feuchtgebieten. Lebensräume stärken statt Sündenböcke jagen.
  • Wissenschaftsbasiertes Management statt Jagdlobby-Politik: Die Entscheidung, ob und wie eine Neozoen-Art gemanagt wird, muss auf wissenschaftlichen Daten beruhen, nicht auf dem Wunsch der Hobby-Jägerschaft nach ganzjährigen Jagdmöglichkeiten.
  • Natürliche Rückkehrer konsequent schützen: Goldschakal, Fischotter, Wolf und andere natürliche Arealerweiterer dürfen nicht als Neozoen umdeklariert werden, um ihren Schutz auszuhöhlen.

Argumentarium

«Neozoen müssen bejagt werden, um einheimische Arten zu schützen.» Die Zahlen beweisen das Gegenteil: In Deutschland hat die Bejagung des Waschbären seit 1954 dessen Ausbreitung nicht aufgehalten. Über 282’000 Abschüsse im Jagdjahr 2024/25, die Population wächst trotzdem. Eine Springer-Studie bestätigt: Die Bejagung hatte «keinen nachhaltig reduktiven Effekt». Nicht-jagdliche Methoden wie Kastration, Habitatschutz und technische Prävention sind nachweislich wirksamer.

«Der Waschbär bedroht die heimische Artenvielfalt.» Der Waschbär kann lokal Vogelgelege und Amphibien schädigen. Doch die Hauptursachen des Artensterbens sind Lebensraumverlust, Pestizide und Intensivlandwirtschaft, nicht Neozoen. Die Fixierung auf den Waschbären als Hauptproblem blendet die strukturellen Ursachen aus und liefert der Hobby-Jägerschaft einen bequemen Sündenbock.

«Die Jagd ist das wirksamste Instrument gegen invasive Arten.» Das behauptet der Deutsche Jagdverband, doch seine eigenen Streckenstatistiken beweisen das Gegenteil. Der NABU empfiehlt ausdrücklich nicht-jagdliche Methoden und kritisiert, dass die Entnahme auch durch tierschutzwidrige Fallen geschehe. Kastrationsprogramme, Habitatschutz und Ursachenbekämpfung sind wirksamer, nachhaltiger und ethisch vertretbar.

«Die Schweiz muss jetzt handeln, bevor es zu spät ist.» In der Schweiz sind die meisten Neozoen-Bestände noch sehr klein. Das ist ein Argument für Prävention, nicht für Panik und Flinteneinsatz. Wer Pelzfarmen verbietet, den Handel mit exotischen Tieren reguliert und Lebensräume stärkt, braucht keine ganzjährige Jagd auf Waschbären.

«Ohne Jagd breiten sich Neozoen unkontrolliert aus.» Genf zeigt seit 1974, dass professionelles Wildtiermanagement ohne Hobby-Jägerschaft funktioniert. Auch das Management invasiver Arten kann von ausgebildeten Wildhüterinnen und Wildhütern übernommen werden, gezielt, wissenschaftlich begleitet und ohne die Kollateralschäden der Freizeitjagd.

Quicklinks

Beiträge auf Wild beim Wild

Verwandte Dossiers

Quellenangaben

  • Springer Nature: Hohmann, F. et al. (2023): Der Nordamerikanische Waschbär in Deutschland – Hintergrund, Konfliktfelder & Managementmassnahmen
  • Deutscher Jagdverband: Jagdstrecke Waschbär 2024/25 (282’000 Tiere)
  • PETA Deutschland (2025): Waschbär-Abschüsse auf Rekordniveau. Massentötungen als Regulierungskonzept gescheitert
  • BVB / Freie Wähler Brandenburg (2022): Waschbären kastrieren bessere Lösung als nur abschiessen
  • NABU: Positionspapier invasive Arten, nicht-jagdliche Methoden bevorzugen
  • Wildtierschutz Deutschland: Faktencheck invasive Arten (Robel et al.)
  • EU-Kommission: Unionsliste invasive gebietsfremde Arten (VO 1143/2014, aktualisiert)
  • Kanton St. Gallen, Amt für Natur, Jagd und Fischerei: Neozoen-Information
  • Kanton Aargau: Invasive Tiere (Neozoen), Artenliste
  • Schweizerische Vogelwarte Sempach: Neozoen-Einstufung
  • Bundesgesetz über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel (JSG, SR 922.0)
  • Kassel 2025: Pilotprojekt Kastration Waschbär, Bundesverband der Wildtierhilfen

Unser Anspruch

Der Mensch hat Waschbären, Marderhunde und Nilgänse nach Europa gebracht. Die Pelzindustrie hat sie gezüchtet, die Jagdlobby nutzt sie jetzt als Rechtfertigung für ganzjährige Jagd. Die Tiere selbst haben nichts falsch gemacht. Sie überleben, wo der Mensch sie hingebracht hat. Die Antwort darauf darf nicht die Flinte sein, sondern Verantwortung: Ursachen beseitigen, Lebensräume stärken, wissenschaftsbasiert handeln. Genf zeigt, dass Wildtiermanagement ohne Hobby-Jägerschaft funktioniert, auch bei Neozoen. Dieses Dossier wird laufend aktualisiert.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.