Ein Verwaltungsgericht hat die für dieses Jahr vorgesehenen 206 Abschüsse jetzt gestoppt.
Seither ringt Slowenien offiziell um den „richtigen Umgang mit Braunbären“, inoffiziell aber vor allem darum, wie viel Hobby-Jagd sich politisch noch als Schutzmassnahme verkaufen lässt.
Ausgangspunkt des aktuellen Konflikts ist der Entscheid des Verwaltungsgerichts, das die Abschussverfügung bis Ende 2026 ausser Kraft gesetzt hat. Geklagt hatte die Umweltorganisation Alpe Adria Green. Sie kritisiert, dass die offizielle Populationsschätzung auf genetischem Monitoring beruht, das die Zahl der Tiere eher zu hoch ausweise. Von rund 954 Bären zu sprechen, sei wissenschaftlich nicht sauber, zumal die geplanten 206 Abschüsse damit bis zu 22 Prozent des Bestandes betreffen würden.
Anstatt dieser Kritik nachzugehen und das Monitoring zu verbessern, wird nun in der Öffentlichkeit der Eindruck einer „ausser Kontrolle geratenen“ Population geschürt. Das Muster ist bekannt: Erst werden Wildtiere als Erfolgsgeschichte des Managements gefeiert, dann werden dieselben Tiere zum Sicherheitsproblem stilisiert, um Abschusspläne durchzusetzen.
Fütterung, Müll, Siedlungen: Das Problem sind die Menschen, nicht die Bären
Slowenien wird in Fachkreisen regelmässig als Beispiel für ein „gelungenes Bärenmanagement“ genannt. Eine Studie zur grenzüberschreitenden Braunbärenpopulation in Kroatien und Slowenien zeigt jedoch, wie stark dieses Management von politischen und jagdlichen Interessen geprägt ist.
Die Praxis, Bären gezielt zu füttern, ist ein Teil des Problems. Was offiziell heisst, die Tiere von Dörfern fernhalten zu wollen, führt real dazu, dass sich Bären an leicht zugängliche Nahrung gewöhnen, sich schneller fortpflanzen und die Population künstlich in die Höhe getrieben wird.
Gleichzeitig dringt der Mensch immer tiefer in Lebensräume vor, zerschneidet Wälder mit Strassen und siedelt sich dort an, wo früher Wildtiere weitgehend ungestört waren. In vielen Dörfern liegen offene Müllcontainer, Komposthaufen und ungesicherte Hühnerställe herum, eine Einladung für jeden Allesfresser. Wenn Bären dann im Siedlungsraum auftauchen, wird so getan, als ob das Tier „seine Scheu verloren“ hätte und plötzlich gefährlich geworden sei.
Tatsächlich folgen die Bären nur der Spur unserer eigenen Bequemlichkeit.
Angstkampagne statt nüchterner Risikoanalyse
In Rakitna, einem Dorf unweit von Ljubljana, häufen sich gemäss Berichten Bärensichtungen im Siedlungsraum, Bären kippen Abfallcontainer um und suchen nach Futter.
Ein Soziologieprofessor, der als Erstunterzeichner einer Petition auftritt, erklärt, die Tiere hätten „die Angst vor dem Menschen verloren“. Die Petition fordert die Regierung auf, den Empfehlungen jagdnaher Experten zu folgen und den Jahresabschuss von 206 Bären durchzusetzen. Bereits mehr als 4’000 Personen haben unterschrieben.
Dabei geht im medialen Lärm fast unter, dass Umweltorganisationen darauf hinweisen, dass tödliche Angriffe extrem selten sind.
Die reale Gefahr wird also systematisch überhöht, die statistische Realität kleingerechnet. Wer mit Angst arbeitet, erzielt politische Wirkung. Verantwortungsvoll wäre es dagegen, mit Zahlen, Kontext und Fakten zu arbeiten.
EU weitet das Jagdfenster: Vom Schutzstatus zur Abschussquote
Slowenien ist mit seinem Bärenkonflikt nicht allein. In der Slowakei hat die Regierung im Frühling beschlossen, bis zu 350 Braunbären zu schiessen, offiziell um „die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten“. Von rund 1’300 Tieren im Land sollen damit mehr als ein Viertel fallen.
Naturschutzorganisationen werfen Bratislava vor, damit direkt gegen die EU-Habitatrichtlinie zu verstossen, die Braunbären als streng geschützte Art aufführt. Die EU-Kommission prüft die Rechtmässigkeit der Massentötung.
Im gesamten Alpen- und Karpatenraum wiederholt sich das gleiche Drehbuch:
- Beutegreifer werden mit EU-Geld wieder angesiedelt oder geschützt.
- Steigende Bestände werden politisch als Erfolg verkauft.
- Sobald Nutzungskonflikte zunehmen, rücken Jagdverbände und Landlobby an, um grosszügige Abschusskontingente einzufordern.
Aus einer Schutzgeschichte wird eine Abschussgeschichte.
Die Schweiz schaut zu und baut am nächsten Konflikt
Die Schweiz kennt das Thema vor allem aus der Distanz. SRF berichtete 2024 über den ersten Bären, der in diesem Jahr in eine Fotofalle getappt ist, und gab gleich eine Art Verhaltenskodex für die Begegnung mit dem „Rückkehrer“ heraus.
Gleichzeitig wurde in einer TV-Reportage darauf hingewiesen, dass die Aussetzung slowenischer Bären im italienischen Trentino mittelbar zu Einwanderungen in die Schweiz führen wird.
Die Botschaft, die bei vielen Zuschauern hängen bleibt, lautet: Der Bär ist weniger ein faszinierendes Wildtier als ein potenzielles Risiko, das man am besten „im Griff“ haben sollte. Wer so in die Debatte einsteigt, landet schnell bei der Forderung nach Abschüssen, sobald es zu ersten Konflikten mit Nutztieren oder der Landwirtschaft kommt.
Statt aus den Fehlern Sloweniens zu lernen, wird der gleiche Diskurs vorbereitet: zuerst Faszination, dann Problemstempel, zuletzt Patronen.
Die Hobby-Jagd als Scheinlösung: Wer schiesst, muss weniger denken
Aus Sicht des Tierschutzes sind pauschale Abschusspläne das bequemste und zugleich schlechteste Instrument im Umgang mit grossen Beutegreifern. Sie suggerieren Handlungsfähigkeit, ohne die eigentlichen Ursachen anzugehen: mangelhafte Abfallbewirtschaftung, fehlender Herdenschutz, touristische Vermarktung von Bärengebieten ohne Aufklärung, politisch gewollte Fütterung und ein Wildtierrecht, das Jagdinteressen systematisch bevorzugt.
Die slowenische Bärenpolitik zeigt exemplarisch, wie sehr „Management“ zu einem Codewort für Jagdverwertung geworden ist. Wenn jedes Jahr hohe Quoten freigegeben werden, ist dies ein politisches Geschenk an eine gut organisierte Jagdlobby. Der Sicherheitsdiskurs dient dann vor allem als moralische Absolution für ein Hobby mit tödlichem Ausgang für die Tiere.
Gleichzeitig blendet die Debatte aus, dass Abschüsse das Verhalten der Population verändern können. Werden vor allem scheue, vorsichtige Tiere entfernt, bleiben eher die neugierigen und konfliktbereiten Individuen übrig. So können Abschüsse langfristig sogar dazu beitragen, dass Konflikte zunehmen.
Was echte Koexistenz wäre
Eine ernst gemeinte Koexistenzpolitik mit Braunbären würde in Slowenien, aber auch in den Alpen insgesamt, völlig anders aussehen. Sie würde mindestens folgende Punkte in den Mittelpunkt stellen:
- keine Fütterung, weder offiziell noch „inoffiziell“ über Jagdeinrichtungen
- konsequente Sicherung von Abfall, Kompost und Nutztieren in bekannten Bärengebieten
- transparente, unabhängige Populationsschätzung mit Zugang zu Rohdaten für die Wissenschaft
- grosszügige, unbürokratische Entschädigung bei nachweislichen Schäden
- obligatorische Schulung für Gemeinden, Tourismus und Landwirtschaft im Umgang mit Bären
- ein klares Primat nicht-tödlicher Massnahmen, mit streng definierten Ausnahmen für wirklich individuelle Problembären
Es gibt keinen vernünftigen Grund, weshalb Slowenien ausgerechnet eine der stabilsten Bärenpopulationen Europas mit einer Massentötung schwächen sollte, nur um kurzfristig eine politisch erzeugte Angst zu beruhigen.
Der Bär ist nicht das Problem
Slowenien ringt nicht in erster Linie um den richtigen Umgang mit Braunbären. Das Land ringt um den richtigen Umgang mit eigenen politischen Interessen, mit einer mächtigen Jagdlobby und mit der Frage, welchen Wert Wildtiere jenseits von Trophäen, Fleisch und Schlagzeilen haben dürfen.
Solange Abschüsse als primäres Steuerungsinstrument gelten, wird der Bär zum Sündenbock für eine Politik, die ihre eigenen Fehler im Umgang mit Natur und Raumplanung nicht anerkennen will.
Wer wirklich Koexistenz will, schützt nicht die Freiheit zu schiessen, sondern die Fähigkeit einer Gesellschaft, mit einem grossen Wildtier respektvoll, sachlich und ohne Panikmache zu leben.






