Warum die Hobby-Jagd in der Schweiz kein Naturschutz ist
Im Morgengrauen, wenn der Nebel über die Alpenwälder zieht, steht der Schweizer Hobby-Jäger auf der Lauer, Symbol einer angeblich uralten Tradition, die Natur schützen und Bestände regulieren soll. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Diese Geschichte ist ein Märchen. Die heutige Jagdpraxis in der Schweiz hat mit Naturschutz wenig zu tun.
Rund 30’000 Hobby-Jäger sind in der Schweiz aktiv.
Jährlich töten sie über 130’000 Wildtiere. Rehe, Gämsen, Hirsche, Wildschweine, Vögel oder Füchse.
Die heutigen Wildbestände sind ein Resultat menschlicher Eingriffe. Die Hobby-Jagd löst keine Probleme, sie schafft sie.
Das System der „Bestandsregulierung“ ist in Wahrheit ein Kreislauf von Eingriff, Überpopulation und erneutem Eingriff. Jagdstrategien sorgen dafür, dass immer genügend Wild für die Abschusspläne vorhanden bleibt. Das hat mit natürlichem Gleichgewicht wenig zu tun.
In der Realität ist die Hobby-Jagd ein millionenschweres Hobby, das jährlich zehntausende Tiere das Leben kostet, meist nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Lust am Töten. Die Wälder werden gezielt so „bewirtschaftet“, dass ausreichend Wild vorhanden bleibt, um den Nachschub an Trophäen zu sichern. Der angebliche „Abschussplan“ dient dabei eher der Interessenpflege als dem ökologischen Gleichgewicht.
Hobby-Jäger behaupten, sie müssten eingreifen, weil natürliche Feinde fehlen. Doch diese Feinde fehlen oft wegen der Jagd. Füchse, Luchse, Greifvögel und Wölfe werden vielerorts weiterhin verfolgt oder behindert, obwohl sie essenziell für ein funktionierendes Ökosystem wären. Stattdessen schafft der Mensch ein künstliches Ungleichgewicht, das er dann mit der Flinte „reguliert“.
Rehe und Hirsche werden zum Sündenbock erklärt, weil sie junge Bäume verbissen, ein Problem, das vor allem in übernutzten Monokulturen entsteht, nicht in intakten Mischwäldern. Und Wildschweine? Sie profitieren von menschlichen Abfällen, Maisfeldern und milden Wintern, Bedingungen, die der Mensch selbst geschaffen hat.
Wenn die Natur sich selbst regulieren darf
Im Schweizerischen Nationalpark zeigt sich, wie sich Wildtierpopulationen entwickeln, wenn der Mensch nicht eingreift. Reh und Hirsch oder Gamsbestände stabilisieren sich nach einigen Jahren von selbst, der Wald regeneriert sich, und die Artenvielfalt nimmt zu.
Das bestätigt internationale Forschung, etwa aus dem Bayerischen Wald oder Slowenien: In jagdfreien Gebieten regulieren sich Wildpopulationen durch natürliche Mechanismen: Nahrung, Krankheiten, Beutegreifer.
Der Wolf als unbequemer Konkurrent
Seit der Rückkehr des Wolfs in die Schweiz ist klar: Das traditionelle Jagdsystem gerät ins Wanken. 2024 wurden laut BAFU Dutzende Wölfe präventiv abgeschossen, teils ganze Rudel, oft ohne nachweisbare Schäden.
Wo Beutegreifer zugelassen sind, stabilisieren sich Wilddichten und Ökosysteme, die Natur findet ihr Gleichgewicht. Doch anstatt diesen Prozess zuzulassen, bekämpft man den Wolf, um die eigene „Regulierungsrolle“ zu bewahren.
Tierleid hinter dem Begriff „Waidgerechtigkeit“
Viele Tiere flüchten verletzt, sterben später an Blutverlust oder Stress. Die Hobby-Jagd ist kein sauberer, schneller Tod. Viele Tiere flüchten verletzt, sterben erst Stunden später an Blutverlust, inneren Verletzungen oder Stress. Auch Muttertiere werden oft geschossen, während ihre Jungtiere elendig verhungern. Diese Realität findet selten Platz in der Öffentlichkeitsarbeit der Jägerschaft, die lieber mit Begriffen wie „Hege“, „Waidgerechtigkeit“ und „Tierschutz“ hantiert, Worte, die über das eigentliche Leid hinwegtäuschen sollen.
„Waidgerechtigkeit“ klingt edel, ist aber oft ein moralischer Deckmantel für systematisches Tierleid.
Die Jagdlobby hat in der Schweiz grossen Einfluss. In vielen Kantonen sitzen miserabel ausgebildete Hobby-Jäger in den Jagdkommissionen, beraten Behörden und gestalten Gesetze mit.
Das zeigte sich 2020 deutlich bei der gescheiterten Revision des Jagdgesetzes. Das Volk sagte Nein zur Lockerung der Abschussregeln für Wölfe und Co. ein Signal für mehr Tier- und Naturschutz.
Trotzdem haben mehrere Kantone seither ihre Bestimmungen gelockert und es werden „präventive“ Wolfsabschüsse genehmigt, noch bevor Schäden entstanden sind.
Immer mehr Menschen erkennen, dass die Hobby-Jagd kein Naturerbe, sondern ein Anachronismus ist. Wissenschaftlich fundierte Wildtiermanagement-Modelle zeigen längst Alternativen: natürliche Regulation durch Beutegreifer, gezielte Schutzmassnahmen für Lebensräume und nicht-tödliche Methoden zur Schadensprävention.
Naturschutz bedeutet, Leben zu erhalten, nicht, es zu beenden. Wer wirklich für die Natur kämpft, zieht keine Grenze zwischen „nützlich“ und „schädlich“.
Jagdfreie Zukunft: keine Utopie, sondern Notwendigkeit
Die Fakten sind eindeutig:
- Jagdfreie Gebiete funktionieren.
- Die Natur kann sich selbst regulieren.
- Tierleid ist vermeidbar.
Die Schweiz könnte eine Vorreiterrolle übernehmen, mit echten Wildruhezonen, wissenschaftlich fundiertem Wildtiermanagement und weniger Jagddruck. Denn echter Naturschutz bedeutet nicht, Leben zu beenden, sondern Lebensräume zu erhalten.
Wildtiere brauchen Ruhe, nicht Kugeln.
Die Hobby-Jagd in der Schweiz ist kein Beitrag zum Gleichgewicht der Natur, sondern ein Relikt aus einer Zeit, in der der Mensch glaubte, nur mit dem Gewehr könne er Ordnung schaffen. Doch die Natur war schon lange vor uns im Gleichgewicht und wird es wieder sein, wenn wir endlich aufhören, uns als ihre Richter aufzuspielen.
Heute wissen wir es besser. Ein modernes, ethisches Wildtiermanagement setzt auf Wissenschaft, nicht auf Tradition. Die Natur braucht keine Hobby-Jäger, sie braucht Respekt, Rückzug und Vertrauen.
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