2. April 2026, 14:08

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Hochjagd Schweiz: Traditionsritual und Stresstest

Jeden Herbst verwandelt die Hochjagd ganze Regionen in temporäre Schiessgebiete. Während Wochen ziehen Hobby-Jäger mit Gewehr und Abschussplan durch die Wälder, während Wildtiere, Wandernde und Anwohnende denselben Raum nutzen. Die Behörden sprechen von «Bestandesregulation» und «Tradition», doch Meldungen über angeschossene Tiere, widerrechtliche Abschüsse, Unfälle und rücksichtsloses Verhalten nehmen zu. Allein im Kanton Graubünden werden jährlich rund 10’000 Tiere während der Hochjagd geschossen, 9 Prozent der Abschüsse erfolgen widerrechtlich, jeder zehnte Hirsch wird nur angeschossen. Dieses Dossier zeigt mit Zahlen, Rechtsgrundlagen und konkreten Fällen, warum die Hochjagd kein harmloses Brauchtum ist, sondern ein Stresstest für Tierschutz, Sicherheit und Glaubwürdigkeit der Schweizer Jagdpolitik.

Was dich hier erwartet

  • System Hochjagd. Wie die Hochjagd in der Schweiz aufgebaut ist, welche Wildarten betroffen sind und welche Rolle Patent- und Revierjagdsysteme spielen.
  • Bündner Brennpunkt. Warum gerade die Bündner Hochjagd exemplarisch zeigt, wie aus einem «Traditionsanlass» eine Gefahrenzone wird, was die offiziellen Zahlen über Fehlabschüsse und Bussen sagen und warum der Jagdinspektor selbst vor einer «besorgniserregenden Entwicklung» warnt.
  • Sonderjagd als Dauerlösung. Was passiert, wenn Abschusspläne nicht erfüllt werden, wie sich die Sonderjagd vom Notfallinstrument zur Routine entwickelt hat und warum sie aus Tierschutzsicht besonders problematisch ist.
  • Tierschutz und Fehlerquote. Warum Wildtiere auf der Hochjagd ohne Betäubung sterben, was die Nachsuchestatistiken zeigen und wie sich die Hochjagd vom Schweizer Tierschutzrecht unterscheidet.
  • Sicherheitsrisiko Hochjagd. Wenn Schüsse in Siedlungsnähe fallen, Warnhinweise fehlen und der öffentliche Raum zur temporären Schusszone wird.
  • Gewaltkultur und Psychologie. Was das Verhalten von Hobby-Jägern während der Hochjagd über Gewaltakzeptanz, Gruppendruck und Selbstbild verrät.
  • Politik und Recht. Wie Jagdgesetz, Vollzugspraxis und Lobbydruck Reformen blockieren und warum der Nationalpark das Gegenbeispiel liefert.
  • Was sich ändern müsste. Konkrete politische Forderungen: professionelle Wildhut statt Hobby-Jagd, jagdfreie Ruhezonen, Verbot belastender Jagdformen und Beutegreifer als natürliche Regulatoren. Argumentarium. Antworten auf die wichtigsten Rechtfertigungen der Hochjagd.
  • Quicklinks. Alle relevanten Beiträge, Studien und Dossiers auf einen Blick.

Hochjagd: Was sie ist und was sie aus Tiersicht bedeutet

Die «Hohe Jagd» stammt historisch aus einem Adelsprivileg: Sie bezeichnete die Jagd auf prestigeträchtiges Hochwild wie Rot- und Damhirsche, Gämsen und Steinwild. In der Schweiz ist die Hochjagd bis heute der zentrale Jagdblock im Herbst. Je nach Kanton umfasst sie mehrere Wochen im September, in denen vor allem Hirsche, Rehe und Gämsen intensiv bejagt werden. Jagdzeiten, Abschusspläne und Jagdgebiete werden von den Kantonen festgelegt, die praktische Ausführung liegt weitgehend in den Händen von Hobby-Jägern mit Jagdpatent und teilweise Revierrechten.

Offiziell soll die Hochjagd Wildbestände regulieren, Verbissschäden im Wald begrenzen und «Balance» schaffen. Aus Tierschutzsicht bedeutet sie vor allem eines: dichter Jagddruck in kurzer Zeit, Flucht, Stress, Todesangst und ein hohes Risiko für Fehl- und Streifschüsse. Anders als Schlachttiere, die vor dem Töten betäubt werden müssen (Art. 21 Abs. 1 TSchG), sterben Wildtiere auf der Hochjagd in der Regel ohne Betäubung: auf der Flucht, verletzt, im Gefälle, teilweise erst nach langen Nachsuchen. Art. 178a Abs. 1 lit. a der Tierschutzverordnung (TSchV) nimmt die Hobby-Jagd von der Betäubungspflicht aus. Das moderne Tierschutzverständnis der Schweiz steht damit im offenen Widerspruch zu einer Praxis, die Gewalt als saisonalen «Naturbrauch» inszeniert.

Die Dimensionen sind erheblich: Im Jagdjahr 2023/24 wurden in der gesamten Schweiz 65’811 Huftiere (Rehe, Rothirsche, Gämsen) geschossen, dazu über 1’200 geschützte Steinböcke auf der Hochjagd. Auf der Niederjagd fielen weitere 23’565 Tiere, davon fast 20’000 Rotfüchse. Das sind keine Einzelfälle, sondern die Bilanz eines Massensystems.

Mehr dazu: Tierschutz versus Jagdpraktiken in der Schweiz und Jagd in der Schweiz: Faktencheck, Jagdarten, Kritik

Bündner Hochjagd: Wenn Tradition zur Gefahrenzone wird

Kaum ein Kanton zeigt die Schattenseiten der Hochjagd so deutlich wie Graubünden. Im Januar 2025 warnte Jagdinspektor Adrian Arquint im Magazin «Bündner Jäger» vor einer «besorgniserregenden Entwicklung»: In der Jagdsaison 2024 kam es zu negativen Vorfällen im Kontext des Verhaltens einzelner Hobby-Jäger und teilweise ganzer Jagdgruppen, gegenüber anderen Hobby-Jägern, Nichtjagenden, dem Wild und der Wildhut. Abteilungsleiter Lukas Walser bestätigte gegenüber SRF, dass «vor allem rund um Chur deutlich mehr Vorfälle registriert» wurden: Schüsse in Siedlungsnähe, Konflikte zwischen Hobby-Jägern, Beschädigung fremder Hochsitze.

Die offiziellen Zahlen zeichnen ein strukturelles Bild. Während der Hochjagd werden im Kanton Graubünden jedes Jahr rund 10’000 Hirsche, Gämsen, Rehe und Wildschweine erlegt. Rund 9 Prozent dieser Abschüsse erfolgen widerrechtlich. Bei der Hochjagd 2022 meldete das Amt für Jagd und Fischerei 790 Fehlabschüsse bei rund 9’200 erlegten Tieren, ein Anteil, der laut Wildhüter Stefan Rauch «jedes Jahr ungefähr gleich» ist. Jeder zehnte Hirsch wird dabei lediglich angeschossen statt sauber erlegt. In den fünf Jahren vor 2016 bezahlten Hobby-Jäger Ordnungsbussen von über 700’000 Franken wegen Fehlabschüssen. Im Jahr 2014 wurden allein 1’007 Ordnungsbussen ausgesprochen und 95 Anzeigen an die Kreisämter erstattet, praktisch jeder fünfte der 5’804 aktiven Hobby-Jäger war in dem Jahr ein Delinquent.

Die Konsequenzen für Regelverstösse sind gering: Ordnungsbussen von bis zu 500 Franken, in der Praxis ein symbolischer Betrag. Kein Jagdpatent wird dauerhaft entzogen, kein systematisches Eignungsverfahren wird eingeleitet. Das Signal ist klar: Die Hobby-Jagd toleriert Rechtsbrüche als einkalkuliertes Systemrisiko.

Mehr dazu: Bündner Hochjagd unter Druck: Kontrolle und Konsequenzen für Hobby-Jäger und Die schwarze Liste von Jagd Schweiz

Sonderjagd: Wenn Tierquälerei zur Routine wird

Die Hochjagd endet auf dem Papier mit dem letzten Jagdtag. In der Realität wird sie vielerorts durch Sonder- und Nachjagden verlängert. Wenn Abschusspläne in der Hochjagd nicht erfüllt werden, ordnen Kantone zusätzliche Jagden im Spätjahr an, um «Bestände zu korrigieren». Besonders im Fokus steht dabei Kahlwild: Hirschkühe und Jungtiere, oft in steilen Lagen, bei Schnee, Nebel und schlechter Sicht, mit entsprechend hoher Fehlabschussgefahr.

Die Zahlen belegen, dass die Sonderjagd längst kein Ausnahmeinstrument mehr ist. Im Kanton Bern wurden 2023 insgesamt 1’047 Rothirsche geschossen, ein Drittel des geschätzten Bestandes. Davon fielen 133 Hirschkühe und Jungtiere allein in der Sonderjagd, die vom 24. November bis 6. Dezember in den Wildräumen des Berner Oberlands stattfand. Offiziell heisst das «Regulationsauftrag erfüllt». Aus Tierschutzsicht ist es ein Jagdregime, das Schritt für Schritt die Schwelle senkt, wie tief in Wildtierpopulationen eingegriffen werden darf.

In Graubünden wurden während der Hochjagd 2025 3’432 Rothirsche und 2’502 Rehe geschossen, ein Ergebnis oberhalb des 20-Jahres-Durchschnitts. Der Kanton bezeichnete es als Erfolg. Dennoch rief er im November und Dezember die Sonderjagd aus: 1’711 weibliche Rothirsche und ihre Kälber, 281 Rehe und 10 Gämse sollten zusätzlich getötet werden. Für Wildschweine gibt es gar keine Obergrenzen, sie dürfen ganzjährig bejagt werden.

Besonders problematisch ist das «Widerspruchsmodell» der Jagdplanung: Was auf der Hochjagd im September verboten, unethisch und strafbar ist, nämlich der Abschuss von Jung- und Muttertieren, ist auf der Sonderjagd wenige Wochen später ausdrücklich erwünscht. Trächtige Hirschkühe werden geschossen, Föten ersticken im Mutterleib, Kälber irren umher oder verhungern. Drück- und Treibjagden im Spätjahr verursachen massiven Stress, hohes Verletzungsrisiko und Flucht über grosse Distanzen, genau in der Zeit, in der Wildtiere ihre Energiereserven für den Winter brauchen. Was als Nachspiel der Hochjagd etikettiert wird, ist faktisch ein zweites Jagdprogramm mit drastischen Folgen für Tierwohl und Winterüberleben.

Mehr dazu: Die Sonderjagd in Bern: Vom Notfall zur Dauerlösung und Sonderjagden und die Grenzen der Hobby-Jagd

Hochjagd als Sicherheitsrisiko: Wenn der Wald zur Schusszone wird

Die Hochjagd findet längst nicht in menschenleeren Wildnissen statt. Wandernde, Biker, Familien und Einheimische nutzen dieselben Wege und Hänge, auf denen Hobby-Jäger mit scharfer Munition unterwegs sind. Wenn Schüsse in unmittelbarer Nähe von Wegen fallen, Warnhinweise fehlen oder ignoriert werden, wird der öffentliche Raum temporär zur Gefahrenzone. Die Verantwortung tragen nicht Spaziergängerinnen, sondern ein System, das tödliche Gewalt unter Freizeitbedingungen zulässt.

Dokumentierte Fälle aus der schwarzen Liste von Jagd Schweiz zeigen, dass Hobby-Jäger regelmässig auf falsche Ziele schiessen: Esel statt Rehe, Katzen statt Füchse, Schafe statt Wildschweine. In einem Milizsystem mit alternder Jägerschaft, leistungsorientierten Abschussplänen und Gruppendruck steigt das Risiko falscher Entscheidungen und Fehlschüsse. In der Schweiz gibt es jedes Jahr menschliche Verletzte und Todesopfer durch die Risikogruppe Hobby-Jäger. Dass ausgerechnet dieser Rahmen als «Traditionspflege» geschützt wird, wirkt aus Sicht des öffentlichen Sicherheitsdenkens wie ein Anachronismus.

Die Bündner Behörden selbst bestätigen das Problem: Lukas Walser vom Amt für Jagd und Fischerei räumte gegenüber SRF ein, dass bei einigen Hobby-Jägern «der eigene Jagderfolg stärker ins Zentrum rücke und das Bewusstsein für das Umfeld in den Hintergrund trete». Jagdinspektor Arquint mahnte, ohne «Eigenverantwortung und Sensibilität» stehe «die Glaubwürdigkeit der Jagd» auf dem Spiel.

Mehr dazu: Hobby-Jagd im Faktencheck: Schnelle Lizenz zum Töten statt Wissen und Jagd und Waffen: Risiken, Unfälle und die Gefahren bewaffneter Hobby-Jäger

Tierschutz versus Hochjagd: Stress, Todesangst und Fehlerquote

Das Schweizer Tierschutzgesetz (Art. 4 Abs. 2 TSchG) verlangt, dass niemand einem Tier ungerechtfertigt Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen darf. Art. 26 Abs. 1 lit. a TSchG stellt Tierquälerei unter Strafe. Die Stiftung für das Tier im Recht (TIR) kritisiert seit Jahren, dass Treib-, Drück-, Bau- und Bewegungsjagden Wildtiere massivem Stress und einem hohen Risiko für Fehlschüsse aussetzen. In der Hochjagd kumulieren diese Probleme: hoher Jagddruck in kurzer Zeit, wilde Fluchtbewegungen, Schüsse auf Distanz in unübersichtlichem Gelände und Nachsuchen, die zu spät oder gar nicht stattfinden.

Die Nachsuchestatistiken bestätigen, wie wenig kontrolliert die Hochjagd tatsächlich ist. In Graubünden wird rund 1’100 Mal pro Jahr eine Nachsuche benötigt. Davon ist nur etwa die Hälfte erfolgreich. Zwischen 2012 und 2016 wurden im Kanton 56’403 Hirsche, Rehe, Gämsen und Wildschweine erlegt, in fünf Jahren bis zu 1’000 Tiere als Fehlabschüsse klassifiziert. Studien zu Streifschüssen dokumentieren Hunderte Wildtiere mit Schussverletzungen, die als Fallwild aufgefunden werden, und das ist nur die sichtbare Spitze. Analysen gehen davon aus, dass ein signifikanter Anteil der beschossenen Tiere zunächst nur verletzt wird und erst Tage später gefunden oder irgendwo im Gelände verendet.

Während Schlachttiere im Betrieb fixiert und betäubt werden müssen, werden Wildtiere auf der Hochjagd unter maximaler Stressbelastung erlegt. Sie fliehen in Todesangst, werden häufig verletzt und sterben nicht selten ausserhalb des Sichtfeldes der Schützen. Aus Sicht der Tierethik ist schwer zu begründen, warum ein Tierschutzstaat solche Praktiken als Freizeitbeschäftigung zulässt, statt sie auf das absolut Notwendige unter professioneller Kontrolle zu reduzieren.

Mehr dazu: Jagd und Tierschutz: Was die Praxis mit Wildtieren macht

Gewaltkultur Hochjagd: Was das Verhalten der Hobby-Jäger zeigt

Wer regelmässig Tiere tötet, übt Gewalt aus, rechtlich legitimiert, aber dennoch Gewalt. Die Hochjagd ist die verdichtete Form dieser Gewaltkultur: Gruppen von Hobby-Jägern, die Abschusszahlen erreichen wollen, sich gegenseitig antreiben, Trophäen und «Erfolge» vergleichen und in einem Milieu agieren, in dem Lügen und Übertreibung Teil der Folklore sind. Im Jahresbericht des Bündner Amts für Lebensmittelsicherheit und Tiergesundheit wurde festgehalten, dass bis zu 30 Prozent der Wildtierkörper von Hobby-Jägern falsch beurteilt wurden: ein Hinweis darauf, dass bei der Beurteilung der Fleischqualität systematisch geschummelt wird.

Wenn Jagdbehörden von «rücksichtslosen Konflikten» unter Hobby-Jägern, Beschädigungen von Hochsitzen und einer Häufung von Bussen berichten, zeigt das, dass es nicht um wenige schwarze Schafe, sondern um ein strukturelles Klima geht. Die Hochjagd erzeugt einen Verdichtungseffekt: In drei Wochen werden Tausende Hobby-Jäger gleichzeitig in ein begrenztes Gebiet entlassen, unter Leistungsdruck, mit Jagdfieber und Trophäenambitionen. Psychologisch verschiebt diese Konstellation Grenzen. Wer Gewalt als Freizeitinhalt erlebt, sie als «Hege» etikettiert und in Erlegerbildern, Erzählungen und Jagdmagazinen ständig glorifiziert sieht, gewöhnt sich an eine Normalität des Tötens.

Die Hochjagd steht sinnbildlich für das Leistungsnarrativ der Hobby-Jagd: Präsenz im Gelände, Erfüllung von Vorgaben, Status in der Gruppe. Eine psychologische Analyse beschreibt die Hobby-Jagd als institutionalisierte Form von Gewalt, bei der der Tod von Wildtieren zum sozialen Kitt einer Szene geworden ist. Die Frage, ob eine solche Kultur in einer modernen Gesellschaft noch gesellschaftlich legitimiert werden soll, ist längst überfällig.

Mehr dazu: Psychologie der Jagd im Kanton Graubünden und Dossier Psychologie der Jagd

Politik und Recht: Jagdgesetz, Lobby und Blockaden

Das Bundesgesetz über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel (JSG, SR 922.0) legt Rahmenbedingungen fest: welche Arten geschützt sind, welche gejagt werden dürfen und welche Ziele die Jagd verfolgen soll. Die konkrete Ausgestaltung, Jagdsystem, Jagdzeiten, Hochjagdregelung und Einsatz von Sonderjagden sind Sache der Kantone. Offiziell sollen diese Tierschutz, Sicherheit, Ökologie und gesellschaftliche Anliegen austarieren.

In der Praxis sind Jagdverwaltungen und politische Gremien vielerorts stark von Hobby-Jägern geprägt. Die institutionelle Nähe zwischen Jagdverwaltung, Jägerschaft und landwirtschaftlichen Interessen erschwert eine unabhängige Kontrolle. Tierschutzforderungen nach jagdfreien Ruhezonen, Einschränkungen besonders belastender Jagdarten oder einer Verlagerung von Aufgaben zur professionellen Wildhut treffen auf harten Widerstand.

Exemplarisch zeigt sich die Blockade in Graubünden. 2019 wurde eine Volksinitiative zur Abschaffung der Sonderjagd mit über 10’000 Unterschriften eingereicht. Regierungsrat Mario Cavigelli (CVP) hatte nicht publik gemacht, dass das Bundesamt für Umwelt (BAFU) befand, die Initiative verstosse nicht gegen übergeordnetes Recht und es durchaus Alternativen gebe. Der 120-köpfige Grosse Rat empfahl die Initiative mit 96:1 Stimme zur Ablehnung, auf Basis unvollständiger Information. IG Wild beim Wild erstattete Strafanzeige. Solange das Jagdrecht vor allem als Instrument zur Sicherung der Hobby-Jagd verstanden wird, bleibt die Hochjagd ein Symbol politischer Blockade.

Ein oft verdrängter Gegenbeleg liegt mitten im Kanton: Der Schweizerische Nationalpark zeigt seit über hundert Jahren, dass Huftierbestände ohne Hobby-Jagd in natürlichen Bandbreiten schwanken, gesteuert durch Klima, Nahrung, Krankheiten und Beutegreifer. Wer ernsthaft regulieren will, muss nicht mehr Hobby-Jäger in den Wald schicken, sondern Lebensräume verbessern und Beutegreifer als natürliche Regulatoren akzeptieren. In Graubünden selbst hat die Rückkehr des Wolfs in einzelnen Gebieten bereits dazu beigetragen, die Rehpopulation zu senken und die Sonderjagd zu reduzieren. Der Forstverband begrüsst diese Entwicklung. Auch der Luchs hat in Regionen wie Toggenburg, Uri, Berner Oberland oder Solothurn die Rehbestände nachweislich gesenkt.

Mehr dazu: Hobby-Jäger in Graubünden haben versagt und Kanton Genf: Das Gegenmodell ohne Hobby-Jagd

Was sich ändern müsste

  • Reduktion der Hobby-Jagd zugunsten professioneller Wildhut: Wo Bestände tatsächlich reguliert werden müssen, stehen Wildhüter mit eidgenössischem Fachausweis, klaren Standards und Kontrolle im Vordergrund statt Freizeitjäger mit Eigeninteressen. Der Kanton Genf praktiziert dieses Modell seit 1974 erfolgreich. Mustervorstoss: Wildhüter statt Hobby-Jäger
  • Jagdfreie Ruhezonen und längere jagdfreie Zeiten: Wildtiere brauchen grossflächige Rückzugsgebiete ohne Jagddruck, damit sie natürliche Verhaltensweisen zeigen und Stress abbauen können. Die Hochjagd darf nicht länger als Legitimation für eine fast saisonübergreifende Jagdkette dienen. Mustervorstoss: Wildtierkorridore und Ruhezonen
  • Verbot besonders belastender Jagdformen: Treib- und Bewegungsjagden in unübersichtlichem Gelände, bei Schnee oder in unmittelbarer Nähe von Siedlungen und Wegen müssen verboten werden. Wer Hobby-Jagd mit Tierschutz vereinbaren will, muss die extremen Praktiken zuerst beenden.
  • Strengere Zugangshürden und Eignungsprüfungen für Jagdpatente: Die Häufung von Bussen (über 1’000 jährlich allein in Graubünden), Unfällen und Vorfällen zeigt, dass das heutige System ungeeignete Personen nicht zuverlässig fernhält. Mustervorstoss: Transparente Jagdstatistik
  • Beutegreifer als natürliche Regulatoren akzeptieren: Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Wölfe die effektivsten Regulatoren von Huftierbeständen sind. Die zunehmenden Wolfsabschüsse konterkarieren diese natürliche Lösung. Kantone müssen Beutegreifer in ihre Wildtiermanagement-Strategien integrieren statt sie zu bekämpfen.

Argumentarium

«Ohne Hochjagd explodieren die Bestände.» Das Jagdgesetz formuliert Bestandesregulierung als Ziel, doch hohe Bestände sind oft Resultat menschlicher Eingriffe: Fütterungen, Landwirtschaft, Abschuss von Beutegreifern, jagdbedingter Stress und Verschiebung der Tiere in Nachtaktivität. Graubünden selbst zeigt, dass trotz Jahrzehnten intensiver Bejagung die Hirschbestände von 9’000 auf über 15’400 angewachsen sind. In den Gebieten, wo der Wolf zurückgekehrt ist, sinken die Bestände hingegen von selbst. Eine ökologische Strategie würde zuerst Lebensräume verbessern und natürliche Regulation durch Beutegreifer zulassen.

«Es sind nur Einzelfälle, die meisten Hobby-Jäger sind korrekt.» Die Bündner Zahlen sprechen gegen das Einzelfallnarrativ: 790 Fehlabschüsse bei 9’200 erlegten Tieren in einer einzigen Jagdsaison (2022), 9 Prozent widerrechtliche Abschüsse, Ordnungsbussen von über 700’000 Franken in fünf Jahren, jährlich über 1’000 Anzeigen und Bussen. Wiederkehrende Berichte über Unfälle, Regelverstösse und Sonderjagden als Dauerinstrument zeigen strukturelle Defizite, keine Ausrutscher.

«Die Hochjagd ist gelebte Kultur.» Viele historische Praktiken, vom Bärenhetzen bis zum Stierkampf, gelten heute als inakzeptabel, obwohl sie einst als Kultur galten. Kultur ist kein moralischer Freipass. Eine «Tradition», die auf Todesangst, Verletzungen und Sicherheitsrisiken basiert, muss sich an heutigen Tierschutz- und Ethikstandards messen.

«Die Jagd schützt den Wald, ohne sie geht es nicht.» Tierschutz- und Naturschutzexpertinnen betonen, dass Hobby-Jagd allenfalls eines von mehreren Instrumenten sein kann. Entscheidend sind Waldumbau, Schutzflächen, Beutegreifer und eine Landwirtschaftspolitik, die natürliche Prozesse zulässt. Der Schweizerische Nationalpark zeigt seit über hundert Jahren, dass Huftierbestände ohne Hobby-Jagd in natürlichen Bandbreiten schwanken. Eine Jagdpraxis, die Beutegreifer bekämpft und Hochjagd als Hauptwerkzeug nutzt, stabilisiert vor allem sich selbst.

«Strengere Regeln gefährden die Akzeptanz der Jägerschaft.» Die Frage ist, wessen Akzeptanz entscheidend ist: die einer schrumpfenden Hobby-Jagd-Minderheit (0,3 Prozent der Schweizer Bevölkerung sind Jagdpatent-Inhaber) oder die der breiten Bevölkerung, die Wildtiere zunehmend als fühlende Individuen betrachtet. Wer gesellschaftliche Legitimation will, muss sich an gesellschaftlichen Standards orientieren.

«Die Sonderjagd ist ein Notfallinstrument.» In Graubünden wird die Sonderjagd seit 1989 jedes Jahr durchgeführt. Im Kanton Bern ist sie seit Jahren fest eingeplanter Bestandteil der Rotwildbewirtschaftung. Was dreissig Jahre in Folge stattfindet, ist kein Notfall, sondern ein Systemfehler, der verschleiert, dass die Hochjagd allein die politisch gewollten Abschusszahlen nicht erfüllen kann.

Quicklinks

Beiträge auf Wild beim Wild:

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Unser Anspruch

Die Hochjagd ist ein Brennglas dafür, wie die Schweiz mit Wildtieren umgeht: als zu regulierende Bestände, als Jagdobjekte und als Kollateralschaden einer Freizeitkultur. Dieses Dossier dokumentiert, warum ein Jagdmodell, das auf Todesangst, Fehlerquoten und Sonderjagden basiert, nicht zu einem Tierschutzstaat des 21. Jahrhunderts passt, und welche Alternativen es gibt. Das Dossier wird laufend aktualisiert, wenn neue Daten, Urteile oder politische Entwicklungen es erfordern.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.