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Jagd

Deutschland: Wolfswelpen im Visier der Politik

Deutschland steuert auf eine Symbolentscheidung zu, die weit über jagdliche Detailfragen hinausgeht. Am 14. Januar 2026 warnt der Deutsche Tierschutzbund vor einem Kurs, der den Wolf nicht nur ins Jagdrecht holen, sondern ausgerechnet die gezielte Tötung von Wolfswelpen ermöglichen soll. Der Verband spricht von Angstrhetorik, Anstandslosigkeit und einer Politik, die „lauter als Fakten“ agiert.

Redaktion Wild beim Wild — 15. Januar 2026

Wer das Thema nur als ländlichen Kulturkampf liest, übersieht das Muster.

In der Schweiz erleben wir seit Jahren, wie Abschüsse als vermeintliche Problemlösung verkauft werden, obwohl sie Rudel destabilisieren, Konflikte verschärfen und das eigentliche Versagen verdecken: mangelnde Prävention, ungenügender Herdenschutz, politisches Wegducken. Genau diese Dynamik droht nun auch in Deutschland institutionell normalisiert zu werden.

Was die Bundesregierung plant, und warum es so brisant ist

Der Bundestag befasst sich mit einem Gesetzentwurf, der den Wolf wieder «jagdbar» machen soll, indem er als jagdbare Tierart ins Bundesjagdgesetz aufgenommen wird. Damit wird ein gefährlicher Rahmen gesetzt: Aus einer geschützten Art wird ein Objekt jagdlicher Verfügbarkeit, inklusive Jagdzeiten und Abschusslogik.

Zur Begründung führt die Bundesregierung Konflikte mit der Weidetierhaltung an und nennt für 2024 rund 1’100 Übergriffe mit etwa 4’300 gerissenen oder verletzten Nutztieren. Zudem werden hohe Ausgaben für Herdenschutz und Entschädigungen angeführt. Diese Zahlen mögen aufrütteln, ersetzen aber keine saubere Analyse. Denn sie beantworten nicht die zentrale Frage: Welche Massnahmen senken Risse verlässlich, ohne das Ökosystem zu beschädigen und ohne eine Jagdspirale in Gang zu setzen?

Der Tierschutzbund hält dagegen: Wölfe seien gründlich erforscht, ökologisch relevant und ihre Rückkehr ein Erfolg jahrzehntelanger Schutzarbeit. Statt Lösungen zu stärken, werde politisch eskaliert.

Die heikelste Verschiebung: Jagdzeit dort, wo Welpen abhängig sind

Besonders alarmierend ist der Punkt, den der Deutsche Tierschutzbund konkret benennt: Während in einem früheren Entwurf noch Herbst und Winter als Jagdzeit vorgesehen waren, erlaubt die neue Vorlage explizit eine Bejagung zwischen Juli und Oktober.

Das ist die Phase, in der Welpen noch abhängig sind. Der Tierschutzbund beschreibt, dass Welpen meist Anfang Mai geboren werden, im Sommer noch gesäugt werden und vom Rudel versorgt sind. Genau in dieser Zeit sollen Abschüsse möglich werden. Wer das als «Management» etikettiert, versucht, ein ethisches Problem sprachlich zu entschärfen.

Der Verband verweist zudem auf den Jagdverband, der junge Tiere «entnehmen» wolle, also töten. Das ist nicht nur ein Framing-Problem. Es ist der Versuch, das Töten von Jungtieren als routinierte Bewirtschaftung zu normalisieren.

Für eine Hobby-Jägerschaft, die sich so oft ihrer sogenannten Waidgerechtigkeit rühmt, ist dieses Vorhaben besonders anstandslos. (Deutscher Tierschutzbund)

Das juristische Fenster: Berner Konvention und EU-Umstufung als Hebel

Politisch möglich wird diese Debatte, weil der Schutzstatus des Wolfs in der Berner Konvention zum 7. März 2025 von «besonders geschützt» auf «geschützt» herabgestuft wurde. Der Bundestagstext verknüpft das mit einer EU-Änderung (Richtlinie (EU) 2025/1237 vom 17. Juni 2025), die den Wolf innerhalb der FFH-Systematik umgruppiert.

Wichtig ist: Eine Umstufung bedeutet nicht automatisch, dass Welpenjagd ethisch oder fachlich vertretbar wäre. Sie schafft vor allem politischen Spielraum. Und dieser Spielraum wird jetzt maximal ausgereizt.

Warum das auch die Schweiz betrifft

Wer in der Schweiz hinschaut, erkennt die Blaupause: Es beginnt mit «Regulierung», wird zu Dauerbeschuss, endet in einer Verwaltungspraxis, die Fakten selektiv nutzt und Verantwortung nach unten delegiert. Wir haben diese Eskalation bereits dokumentiert, inklusive der Debatte um Wolfswelpen, Rechtsfragen und die politische Erzählung vom «alternativlosen Abschuss».

Die Lehre daraus ist unbequem: Abschüsse liefern kurzfristige Schlagzeilen und die Illusion von Kontrolle. Prävention liefert langfristige Wirkung, aber wenig politische Ernte. Genau deshalb ist die Welpenfrage so zentral. Wenn eine Gesellschaft akzeptiert, dass Jungtiere in ihrer Abhängigkeitsphase «entnommen» werden dürfen, verschiebt sich die moralische Messlatte dauerhaft.

Was jetzt nötig wäre: Verantwortung statt Sündenbock

Ein ernsthafter Umgang mit Wolfskonflikten beginnt nicht beim Jagdrecht, sondern bei konsequenter Prävention, klaren Standards für Herdenschutz, transparenter Datenauswertung und unabhängiger Wirkungskontrolle. Der Tierschutzbund nennt als Alternative ausdrücklich «erprobte Lösungen» für ein langfristig gutes Zusammenleben. Genau dort müsste Politik investieren, statt den einfachsten Weg zu wählen: mehr Gewehre, mehr Jagdzeiten, mehr Abschüsse.

Die entscheidende Frage ist damit nicht, ob der Wolf «zu viel» ist. Die Frage ist, wie viel Faktenverachtung und ethische Verrohung eine moderne Gesellschaft in ihrer Wildtierpolitik zulässt, nur um kurzfristig Ruhe im politischen Raum zu kaufen.

Mitmach-Aktion: Fordert bei Eurer Gemeinde aufgrund der katastrophalen Politik von Bundesrat Albert Rösti (SVP) ein Erlassgesuch für die Bundes- und Kantonssteuern aufgrund des neulich bewilligten Abschusses von Wölfen in der Schweiz. Den Musterbrief könnt ihr hier downloaden: https://wildbeimwild.com/ein-appell-fuer-eine-veraenderung-in-der-schweiz/

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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