Warum werden Füchse in der Schweiz gejagt?
Hobby-Jäger begründen die Fuchsjagd in der Schweiz vor allem mit zwei Argumenten: der Eindämmung des Fuchsbandwurms und dem Schutz von Bodenbrütern.
Beide Argumente halten einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand.
Trotzdem werden in der Schweiz jährlich rund 20’000 bis 22’000 Rotfüchse geschossen. Dieser Artikel erklärt, warum die Fuchsjagd als Wildtiermanagement-Instrument weitgehend wirkungslos ist und welche Alternativen existieren.
Wie viele Füchse werden jährlich in der Schweiz getötet?
Laut Eidgenössischer Jagdstatistik werden jährlich rund 20’000 bis 22’000 Rotfüchse durch die Hobby-Jagd erlegt. Im Kanton Bern allein wurden 2024 rund 3’180 Füchse geschossen. Zum Vergleich: Die geschätzte Gesamtpopulation des Rotfuchses in der Schweiz liegt je nach Jahreszeit und Region bei rund 40’000 bis 60’000 Individuen. Das bedeutet, dass jährlich ein erheblicher Anteil der Population durch die Hobby-Jagd getötet wird.
Hinzu kommen rund 7’000 Füchse, die jährlich im Strassenverkehr sterben. Die Fuchspopulation kompensiert diese hohe Sterblichkeit jedoch durch eine erhöhte Reproduktionsrate: Je intensiver Füchse bejagt werden, desto früher und häufiger pflanzen sie sich fort. Dieser Effekt ist als kompensatorische Reproduktion bekannt und wissenschaftlich gut dokumentiert.
Das Fuchsbandwurm-Argument: Was stimmt und was nicht?
Der Fuchsbandwurm (Echinococcus multilocularis) ist ein echter Parasit, der beim Menschen die gefährliche alveoläre Echinokokkose verursachen kann. Er kommt in der Schweiz vor. Soweit die Fakten. Die Schlussfolgerung der Jagdlobby – dass Fuchsjagd die Ausbreitung des Fuchsbandwurms eindämmt – ist jedoch wissenschaftlich nicht haltbar.
Dezimierung führt nicht zur Seuchensprävention: Studien zeigen, dass die Prävalenz des Fuchsbandwurms in Fuchspopulationen nicht signifikant sinkt, wenn die Population intensiv bejagt wird. Im Gegenteil: Durch erhöhten Reproduktionsdruck sind bejagte Populationen oft jünger – und junge Füchse haben eine höhere Infektionsrate. Sobald ein Fuchsrevier durch Abschüsse ausgedünnt wird, wandern Füchse aus angrenzenden Gebieten ein.
Das Erfolgsmodell in der Fuchsbandwurm-Diskussion ist nicht die Jagd, sondern die orale Impfung. Die schweizweite Tollwutimpfung von Füchsen mittels ausgelegter Köder hat die Tollwut in der Schweiz praktisch eliminiert – ohne einen einzigen Schuss. Das Tollwutimpfprogramm der Schweiz, das von 1978 bis in die 2000er Jahre lief, ist eines der erfolgreichsten Beispiele für nicht-letales Wildtiermanagement in Europa. Es zeigt, dass das Seuchenspräventionsargument für Jagd schlicht nicht zutrifft – Impfung ist effektiver. Mehr zu Wildtierkrankheiten und Jagd im Dossier zu Jagd und Wildtierkrankheiten.
Das Bodenbrüter-Argument: Faktencheck
Das zweite Hauptargument für die Fuchsjagd ist der «Schutz von Bodenbrütern» wie Rebhuhn, Feldlerche, Kiebitz und anderen Vogelarten, die am Boden nisten. Der wissenschaftliche Befund dazu ist eindeutig: Der Rückgang von Bodenbrütern in der Schweiz und in ganz Europa ist primär auf Lebensraumverlust und intensive Landwirtschaft zurückzuführen – nicht auf den Fuchs.
Pestizide vernichten die Insekten, von denen Bodenbrüter ihre Küken ernähren. Monokulturen eliminieren die Vielfalt der Feldränder, Hecken und Brachen, die Bodenbrüter als Nistplätze brauchen. Frühmähtermine in der industriellen Landwirtschaft vernichten Gelege direkt. SRF berichtete 2024 explizit, dass die Fuchsjagd «zur Regulation nicht zielführend» sei. Studien aus Deutschland, Grossbritannien und Frankreich belegen, dass intensive Fuchsjagd in Gebieten mit guten Lebensräumen die Bodenbrüter-Populationen kaum beeinflusst, während Lebensraumverbesserungen zu deutlichen Bestandserholungen führen.
Das Rebhuhn-Beispiel ist besonders illustrativ: In der Schweiz ist das Rebhuhn nahezu ausgestorben – nicht wegen Füchsen, sondern wegen der Intensivlandwirtschaft. Unser Dossier zum Rebhuhn dokumentiert dies ausführlich.
Kompensatorische Reproduktion: Warum Fuchsjagd die Population nicht reduziert
Ein zentrales populationsbiologisches Konzept, das in der Jagddebatte oft ignoriert wird, ist die kompensatorische Reproduktion. Füchse passen ihre Reproduktionsrate an die Sterblichkeitsrate an: In intensiv bejagten Gebieten bringen Füchsinnen früher und zahlreichere Junge zur Welt. Die Wurfgrössen sind grösser, wenn die Population stark dezimiert wurde. Nachbargruppen wandern in die entstehenden Lücken ein.
Das Resultat: Auch wenn jährlich 20’000 bis 22’000 Füchse in der Schweiz geschossen werden, erholt sich die Population innerhalb weniger Monate. Langfristige Populationsreduktionen durch Jagd sind beim Fuchs nur durch extrem intensive und flächendeckende Bejagung möglich – und auch dann nur temporär. Das belegen Studien der Universität Bern und internationaler Populationsbiologen.
Kurz: Die Fuchsjagd in der Schweiz tötet jährlich Zehntausende von Tieren, ohne die Fuchspopulation nachhaltig zu verkleinern, ohne Seuchen wirksam einzudämmen und ohne Bodenbrüter wirksam zu schützen. Sie ist primär eine Freizeitbeschäftigung – untermauert von Mythen. Mehr zu diesen Mythen im Dossier zu Jagdmythen.
Luxemburg als Vergleich: Was passiert ohne Fuchsjagd?
Luxemburg hat die Fuchsjagd im Jahr 2015 verboten. Was folgte? Entgegen den Befürchtungen der Jagdlobby explodierten die Fuchspopulationen nicht. Die Fuchsbandwurm-Prävalenz stieg nicht dramatisch an. Und der Zustand der Bodenbrüter verschlechterte sich nicht messbar durch das Jagdverbot.
Das Luxemburger Beispiel ist international bedeutsam, weil es das erste Langzeitexperiment in einem mitteleuropäischen Land mit vollständigem Fuchsjagdverbot darstellt. Die Fachbehörden in Luxemburg und internationale Beobachter kamen zum Schluss, dass die Fuchspopulation sich selbst reguliert – durch intraspezifische Konkurrenz, Ressourcenverfügbarkeit und natürliche Mortalität. Die Schweiz könnte von diesem Modell lernen.
Die Baujagd auf Füchse: Besonders umstrittene Methode
Eine besonders problematische Form der Fuchsjagd ist die Baujagd, bei der Jagdhunde in unterirdische Fuchsbauten geschickt werden, um den Fuchs herauszudrängen. Diese Methode ist in mehreren Kantonen bereits verboten oder stark eingeschränkt: Zürich (verboten seit 2023), Bern (weitgehendes Verbot seit 2024), Waadt (verboten seit 2021) und Thurgau (stark eingeschränkt seit 2017).
Der Schweizer Tierschutz STS hat in einem juristischen Gutachten festgestellt, dass die Baujagd tierschutzrechtlich den Tatbestand der Tierquälerei erfüllen kann. Für Jagdhunde bedeutet die Baujagd ein erhebliches Verletzungsrisiko und traumatischen Stress. Mehr dazu im Dossier zur Baujagd.
Fuchs als Teil des Ökosystems
Der Rotfuchs ist ein wichtiger Bestandteil des Schweizer Ökosystems. Er reguliert Mäusepopulationen – eine Funktion, die besonders für die Landwirtschaft wichtig ist. Ein einziger Fuchs kann pro Jahr mehrere tausend Wühlmäuse fressen. Ohne Füchse würden Mäusepopulationen explodieren und erhebliche Schäden in Äckern und Wiesen verursachen. Füchse sind zudem Samenverbreiter: Sie fressen Früchte und scheiden die Samen an anderen Orten aus, was zur Ausbreitung bestimmter Pflanzenarten beiträgt.
Was JagdSchweiz sagt – und was die Wissenschaft sagt
JagdSchweiz, der Dachverband der Schweizer Hobby-Jäger, hält an der Fuchsjagd als «notwendige Regulation» fest. In Verbandspublikationen werden die Argumente Fuchsbandwurm und Bodenbrüterschutz wiederholt – trotz gegenteiliger wissenschaftlicher Evidenz. Das ist ein klassisches Muster der Jagdlobby: Mythen werden als Fakten präsentiert, um eine Freizeitbeschäftigung zu legitimieren, die ohne diese Rechtfertigung schwer zu verteidigen wäre.
Unabhängige Wissenschaftler, Veterinärämter und Tierschutzorganisationen kommen zu anderen Schlüssen. Unser Dossier zu Jagdmythen und der Faktencheck zur JagdSchweiz-Broschüre liefern die Details.
Fazit: Die Fuchsjagd ist vor allem eine Freizeitbeschäftigung
Jährlich 20’000 bis 22’000 getötete Füchse in der Schweiz – ohne Wirkung auf die Fuchsbandwurm-Prävalenz, ohne nachgewiesenen Nutzen für Bodenbrüter, ohne nachhaltige Reduktion der Fuchspopulation. Die Fuchsjagd ist das beste Beispiel dafür, wie in der Schweiz eine Freizeitbeschäftigung durch wissenschaftlich nicht haltbare Mythen legitimiert wird. Das Luxemburger Modell zeigt: Es geht auch ohne. Und das Tollwutimpfprogramm zeigt, dass wirksame Seuchenprävention ohne Schuss funktioniert.
Weiterführende Inhalte auf wildbeimwild.com:
- Dossier: Baujagd
- Dossier: Jagdmythen – was Hobby-Jäger behaupten und was die Wissenschaft sagt
- Dossier: Jagd und Wildtierkrankheiten
- Dossier: Der Fuchs in der Schweiz
- Dossier: Faktencheck JagdSchweiz-Broschüre
Mehr Hintergründe zur aktuellen Jagdpolitik in der Schweiz findest du in unserem Dossier auf wildbeimwild.com.
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