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Jagd

Forstwirtschaft, Hobby-Jagd und Wildtiere im Konflikt

Natur funktioniert, das muss nicht erst wissenschaftlich bewiesen werden, sie funktionierte schon vor unserer menschlichen Existenz, nun aber in unserer von Forst und Jagd viel zitierten Kulturlandschaft ist alles “leer gefressen”.

Redaktion Wild beim Wild — 22. März 2024

Rehe fressen den Wald auf, Wölfe fressen das Wild auf

Die Forstwirtschaft behauptet, die Rehe fressen den Wald auf, und die Jagdlobby behauptet, die Wölfe fressen das Wild auf.

Waldverjüngung ist das Schlagwort moderner Forstwirtschaft. So war in einer Ausgabe von forsterklaert.de kürzlich zu lesen: «Wald entsteht nicht nur aus menschlicher Hand, sondern auch aus ganz natürlicher Entwicklung. Wenn Bäume ihre Samen abwerfen und daraus kleine Bäume wachsen, sprechen Förster:innen von Naturverjüngung.» Erschreckend eigentlich, dass uns Menschen die Natur soweit abhanden gekommen ist und das natürlichste der Natur, die Reproduktion, als neue wissenschaftliche Erkenntnisse verkauft wird.

Wie unfassbar weit weg ist damit die Vorstellung des dringend benötigten Rewildings, der Renaturierung also, der Idee der Natur einfach nur den Raum und die Zeit zu geben sich selbst und von allein zu regenerieren. Damit gesunde und resistente Mischwälder mit grosser Artenvielfalt und bester Voraussetzung auch für eine tierische Artenvielfalt, diese müssen wir einfach nur zuzulassen.

Das Dreieck Pflanzen, Pflanzenfresser und Beutegreifer ist Natur, funktioniert selbstverständlich schon seit Jahrmillionen, aber wir leben ja jetzt in einer «Kulturlandschaft», wie es von den Forst- und Jagdlobbyisten dargestellt wird.

Der Forst-Jagd-Konflikt

Unter Kulturlandschaft versteht man die in ihrer Ausgestaltung vom Menschen geprägte Landschaft. Die Kulturlandschaft hat sich nach Auffassung der entsprechenden Glaubensgemeinschaften seit Jahrtausenden aus der Naturlandschaft entwickelt. In dieser müsse der Mensch heute Wildtiere und Pflanzen managen. Die Pflanzenwelt von der Forstlobby, «Bäume wachsen ja nicht von allein», aber selbstverständlich auch die Welt der Wildtiere, diese von der Hobby-Jägerschaft. Schliesslich ist der Mensch derjenige, der über allem steht, der sich also einfach das Recht dazu nimmt, so die verbreitete Meinung.

Der sogenannte Forst-Jagd-Konflikt hat in Mitteleuropa schon eine sehr lange Tradition. Er besteht in seinem Kern aus dem Spannungsdreieck Grundeigentümer, Hobby-Jäger und Behörde, alle verfolgen unterschiedliche Interessen, was der Natur natürlich nicht hilft. Wald oder Wild? Selbstverständlich beides, aber um das richtige Verhältnis wird seit Jahrzehnten heftig gerungen. Nun aber erhöht der Klimawandel und das grösste Artensterben den Lösungsdruck.

Seit gut 30 Jahren wächst die Anzahl der Hobby-Jäger und mit ihnen exorbitant auch die Anzahl der erlegten Tiere, immer mehr Hobby-Jäger schiessen seit Jahrzehnten immer mehr Wild, wie die eigenen amtlichen Jagdstrecken des DJV seit Jahrzehnten schon bezeugen. Obgleich das Managen seit vielen Jahrzehnten also überhaupt nicht funktioniert, die Waldschadensberichte stets ein verheerendes Zeugnis der menschengeschaffenen Holzplantagen ausstellen, obgleich dort der «Verbiss» nicht mal erwähnt wird, wird mit dem Finger auf Rehe und Hirsche gezeigt. «Diese fressen den Wald leer», heisst es bei den Schiessenden, glaubt man also den Waldbesitzern und den einschlägigen Jagdmagazinen.

In den letzten fünf Jahren starker Trockenheit und grösster Waldbrände in Fläche und Anzahl waren deutschlandweit 2022 unglaubliche 2’397 Waldbrände zu verzeichnen, ein deutlich überdurchschnittliches Waldbrandjahr im Vergleich zum mehrjährigen Mittel der Jahre 1993 bis 2021 (1’029 Waldbrände).

Monokulturen als Ursache

Im Angesicht grösster vernichteter Naturflächen, hat ein grosser Anteil der Forstverantwortlichen nun erkannt, dass die menschengeschaffenen Monokulturen der Grund für die völlig kaputten weiten «Wälder» sind, damit einhergehend auch für das noch nie dagewesene grösste Artensterben und den Klimawandel mit verantwortlich sind.

Stürme, die extreme Dürre und der Borkenkäferbefall, hat den Wäldern in Deutschland in den vergangenen Jahren immens zugesetzt. So verschwinden jährlich fast fünf Prozent der gesamten Waldflächen, teilte das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) zu der satellitengestützten Auswertung mit. Innerhalb dessen, also der schrumpfender Waldflächen, dann aber immer grösserer Wildbestände (gemäss Jagdstrecken-Nachweis, denn Jagdstrecken sind auch immer ein Indikator für die Wildtierbestände), entfernen wir uns immer weiter von natürlichen und ausgewogenen Verhältnissen.

Der dringend erforderliche «Waldumbau», hin zu den naturnahen Mischwäldern ist jetzt seit einiger Zeit gewollt und beschlossen. Ist das aber nicht ein deutliches Eingeständnis bisher mit der menschengeschaffenen Scheinwelt völlig versagt zu haben? Jetzt soll es zumindest hier im Ansatz tatsächlich Mutter Natur richten dürfen, eben nicht der Mensch, dass tatsächlich auch in unserer «Kulturlandschaft»?

Als sich die Rotbuche nach der letzte Eiszeit, vor etwa 6’000 Jahren, wieder erfolgreich in Mitteleuropa durchsetzte, waren weite Teile des späteren Deutschlands seit Jahrtausenden bereits flächendeckend durch Rothirsch und Reh, aber auch mit weiteren Pflanzenfressern wie Wisent, Wildpferd und Elch besetzt. Dass diese grossen Pflanzenfresser und wahren Landschaftsgärtner von vielen Förstern heute als Konkurrenten der Waldentwicklung angesehen werden, kann also nicht an unseren heimischen Pflanzenfressern liegen.

Wolf als Sündenbock der Jagdlobby

Die Beutegreifer wiederum sind die Konkurrenten der jagdlichen Seite und so ist es nicht wirklich verwunderlich, dass nun tatsächlich auch der Wolf verantwortlich gemacht wird für die aktuell kleineren Jagdstrecken einiger Regionen, in denen aber zuvor die Schiesspläne mehr Pflanzenfresser für den Waldumbau zu liquidieren vorgaben. Jeder Naturfotograf hat es schon mit eigenen Augen gesehen, dass dort wo Wölfe leben, eben auch das Schalenwild Zuhause ist. Eigentlich ergibt sich das schon aus der Logik, denn warum sollten sich Wölfe im wildleeren Raum ansiedeln? Nein, der Wolf soll bejagt werden dürfen, das hat zwei handfeste Gründe.

Deutschland ist weltweit zweitgrösster Konsument hinter den USA von Jagdreisen. Die Gier auf die Trophäe Wolf ist gross, die Anbieter und Kunden zahlreich. In Ländern wie Russland, Ungarn, Schweden, Türkei und Lettland kann der Wolf für ca. 1’800 € Reisekosten und nochmal ca. 1’400 € Abschussgebühr erlegt werden, damit werden jagdliche «Kindheitsträume» einiger Hobby-Jäger möglich gemacht, wie einschlägige Foren bezeugen.

Auch die Steuerung der Populationsdynamik über Schiessplan und Strecke ist durch die Präsenz des Wolfes sehr schwierig bis unmöglich.

In jüngster Zeit hört man vorwurfsvoll Aussagen wie diese: «Wenn der Wolf bei uns im Bereich präsent ist, geht kaum noch was. Bei einer Drückjagd standen wir mit 20 Schützen nach dem Treiben vor einem Frischling, dafür wurden fünf verschiedene Wölfe gesichtet und fotografiert. Muffelwild ist komplett weg(gefressen).»

In dem Jagdmagazin hiess es kürzlich klagend bzw. anklagend: «Die Wildbestände seien dramatisch zurückgegangen. Nach Verbandsangaben gab es eine grossangelegte Jagd etwa in der Uckermark (Revier Vietmannsdorf), bei der 50 Hobby-Jäger ohne Beute zurückgekommen seien.»

436’000 Hobby-Jäger gegen 1’400 Wölfe

Einige machen dafür den Waldumbau verantwortlich. Deshalb wurde regional durch erhöhte Abschusszahlen der Druck auf das Wild weiter deutlich erhöht, was dazu geführt hat, dass der Bestand in den Revieren dramatisch abgesenkt worden ist, jedenfalls in den Bereichen, die der Landesforst bewirtschaftet. Andere Hobby-Jäger wiederum, die auch zukünftig noch Wild schiessen wollen und nicht auf ihren Schiessspass verzichten wollen, beklagen, dass der Wolf das Wild auffrisst, ähnlich dem Argument der Forstlobby, in deren Augen Rehe die Wälder auffressen. Rehe fressen den Wald auf, Wölfe fressen das Wild auf.

Aber warum eigentlich beklagt ein Naturschützer wie mancher Hobby-Jäger sich gern nennt, dass die Jagdstrecken kleiner werden? Warum wurde jahrelange mit dem Finger auf die von der Unteren Jagdbehörde angewiesene und in der Pflicht des Hobby-Jägers zu erfüllende Abschussquoten klagend verwiesen? Jetzt zu den Zeiten in denen das der Wolf, dazu noch auf natürliche und deutliche bessere selektive Art erledigt, aber beklagt, dass es nichts mehr zu schiessen gibt. Und wenn es tatsächlich nichts mehr zu schiessen gäbe, gibt es doch auch keinen «Verbiss» mehr, dann wäre doch die Welt beider Interessenvertreter wie angeblich gewollt. So einfach geht der Traditionsstreit aber nicht zu Ende. Die Forstleute wollen den maximalen Ertrag und die Hobby-Jäger morgen auch noch Wildtiere erschiessen.

Schon immer arbeiteten die Interessen von Forst und Hobby-Jagd gegeneinander. Heute aber, im Vorhaben endlich alte Fehler zu korrigieren und den Wald umzubauen, Mischwälder zu schaffen, wird der Wolf dessen beschuldigt das Wild aufzufressen. 1’400 Wölfe in Deutschland gegenüber 436’000 Hobby-Jägern mit gigantischen und von Jahr zu Jahr wachsenden Jagdstrecken. Nur ein Beispiel: Früher in den 90ern erlegten 300’000 Hobby-Jäger ca. 120’000 Wildschweine, letztes Jahr erlegten ca. 403’000 Hobby-Jäger 830’000 Wildschweine, der Wolf etwa nur 3’500 Wildschweine. Mit fast allen anderen ca. 40 bejagbaren Wildtierarten verhält es sich ähnlich.

Sämtliche Argumentationsketten laufen immer nur darauf hinaus den Wolf schiessen zu dürfen, ihn neben vielen auch von der Jagdgesellschaft zum Schiessspass eingeschleppten Wildtierarten wie Damwild, Sikawild oder Mufflons auch als Trophäe an die Wand zu bringen und die Populationsdynamik für sich arbeiten zu lassen. Wenn wir nicht sehr zeitnah den alten Wald-Wild-Konflikt zum Wohle der dringend benötigten lebendigen Natur lösen, werden sich unser aller Lebensumstände weiter drastisch und immer schneller verschlechtern. Die Chance zur Veränderung haben wir alle, wir dürfen diese nur nicht in den Händen derer belassen, die nur ihrem privaten Spass oder ihrem kommerziellen Interesse frönen.

Quelle: Guido Meyer

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