2. April 2026, 05:19

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Wald-Wild-Konflikt in der Schweiz: Warum das Verbiss-Narrativ die Hobby-Jagd nicht rechtfertigt

Der sogenannte Wald-Wild-Konflikt ist das wirkungsvollste Rechtfertigungsnarrativ der Hobby-Jägerschaft in der Schweiz. Die Argumentation folgt einem einfachen Schema: Wildtiere verbeissen junge Bäume, der Wald kann sich nicht verjüngen, also muss gejagt werden. Dieses Dossier zeigt, warum diese Gleichung nicht aufgeht, welche Faktoren das Verbiss-Narrativ ausblendet und warum die Hobby-Jagd das Problem nicht löst, sondern mitverursacht.

Der Waldbericht 2025, herausgegeben vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) und der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), dokumentiert zwar reale Verbissprobleme in bestimmten Regionen. Gleichzeitig zeigen die Daten: Der Wald steht primär unter Klimastress, nicht unter Wildtierstress. Und die entscheidende Frage ist nicht, ob Wildtiere Bäume verbeissen, sondern warum die jahrzehntelange Bejagung durch rund 30’000 Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger in der Schweiz dieses Problem nicht gelöst hat.

Sachstand: Was die Daten tatsächlich zeigen

Waldbericht 2025 und Landesforstinventar

Der Waldbericht 2025 von BAFU und WSL liefert die aktuellste nationale Bestandsaufnahme. Er bestätigt, dass gebietsweise zu hohe Wildbestände die Naturverjüngung und das natürliche Anpassungspotenzial des Waldes beeinträchtigen. Gleichzeitig macht der Bericht unmissverständlich klar: Die grössten Belastungen für den Schweizer Wald sind Extremereignisse wie Hitze, Trockenheit, Stürme, Schadorganismen und hohe Stickstoffeinträge.

Die WSL-Forscherin Andrea Kupferschmid und Kolleginnen zeigen in einer schweizweiten Übersicht, dass Forstfachleute auf rund 68 Prozent der beurteilten Waldfläche den Wildeinfluss als gering oder unbedeutend einstufen. 27 Prozent liegen in einer mittleren Kategorie, nur 5 Prozent werden als waldbaulich untragbar beurteilt. Die Erzählung eines flächendeckenden Verbiss-Kollapses ist durch diese Daten nicht gedeckt.

Der Schweizerische Forstverein kommt in seinem Bericht auf Basis kantonaler Daten von 2020 bis 2024 zu einem differenzierteren, aber besorgniserregenden Befund: Der Anteil der Waldfläche mit tragbarem Wildeinfluss ist von mehr als zwei Dritteln im Jahr 2015 auf weniger als die Hälfte gesunken. Besonders betroffen sind Weisstanne und Laubhölzer. Wichtig ist jedoch: Der Forstverein selbst warnt vor einem Interpretationsproblem, weil die kantonalen Stufen uneinheitlich definiert sind und Aussagen zur tatsächlichen Tragweite oft unscharf bleiben.

Schutzwald unter Druck

In den Schutzwäldern, die rund die Hälfte des Schweizer Waldes ausmachen und Menschen sowie Infrastrukturen vor Naturgefahren schützen, hat sich die Situation verschärft. Der Anteil an Schutzwald mit sehr wenig Verjüngung (unter 5 Prozent Verjüngungsdeckungsgrad) ist laut Waldbericht 2025 auf 30 Prozent der Schutzwaldfläche gestiegen. Die regionalen Unterschiede sind markant: im Jura und Mittelland rund 12 Prozent, in den Voralpen 19 Prozent, in den Alpen 34 Prozent und auf der Alpensüdseite 41 Prozent.

Der Waldbericht nennt als Ursachen zu wenig Licht in dichter werdenden Beständen und unverändert hohen Verbiss durch Rehe, Hirsche und Gämsen. Beides sind Faktoren, die auch mit waldbaulichen Eingriffen und Lebensraumverbesserung adressiert werden könnten, nicht nur mit Abschüssen.

Was das Verbiss-Narrativ ausblendet

Es ist kein Wald-Wild-Konflikt, sondern ein Mensch-Mensch-Konflikt

WSL-Forscherin Andrea Kupferschmid bringt es im Interview auf den Punkt: Es handle sich im Prinzip nicht um einen Konflikt zwischen Wald und Wild, sondern um einen Konflikt zwischen Menschen, die im Waldbereich arbeiten, und Menschen, die jagen oder als Wildhüterinnen und Wildhüter tätig sind. Reh, Rothirsch und Gämse haben keinen Konflikt mit dem Wald. Verbiss ist ein natürlicher Prozess, der seit Jahrtausenden Teil der Walddynamik ist. Das Problem entsteht erst, wenn der Mensch an den Wald wirtschaftliche Erwartungen stellt: Holzertrag, bestimmte Baumartenzusammensetzung, schnelle Wiederbewaldung.

Störung durch den Menschen treibt Wild in den Wald

Die Forschungslage zeigt eindeutig, dass menschliche Störungen ein zentraler Treiber des Verbisses sind. Rothirsche und Gämsen würden bevorzugt auf offenem Land äsen, werden aber durch Freizeitaktivitäten, Verkehr und Zersiedelung zunehmend in den Wald verdrängt. Dort verbeissen sie Bäume, weil weniger Nahrung verfügbar ist. Ein Berner Wildhüter beschreibt das Problem im Klartext: In der Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft seien selbst nachts noch Jogger oder Biker mit der Stirnlampe unterwegs. Das Wild verharrt im Wald und ernährt sich vom Austrieb junger Bäume.

Die am häufigsten angewandte Jagdmethode, die Ansitzjagd, verschärft diesen Effekt. Bei durchschnittlich zehn Ansitzen für einen Schuss wird das Wild in dauerndem Stress gehalten, was den Biorhythmus stört und die Tiere tiefer in den Wald treibt. Studien aus Jagdgebieten zeigen, dass Konzepte mit kurzen, intensiven Jagdzeiten deutlich bessere Ergebnisse für die Waldverjüngung erzielen als die in der Schweiz vorherrschende Dauerbejagung.

Waldbauliche Versäumnisse

Der Verbiss allein erklärt das Verjüngungsdefizit nicht. Kahlschlagflächen, durch schwere Maschinen verdichtete Böden, fehlende Lichtsteuerung und Fichtenmonokulturen schaffen Bedingungen, unter denen selbst ohne Wildeinfluss eine natürliche Verjüngung scheitern kann. Die Forschungsanstalt für Waldökologie in Baden-Württemberg stellt klar: Um die Verjüngungsziele zu erreichen, ist die alleinige Betrachtung der Jagd in den meisten Fällen nicht ausreichend. Die Art des Waldbaus bestimmt die Nahrungsverfügbarkeit für Pflanzenfresser und ist eine wichtige Stellschraube für die Wildschadensanfälligkeit.

Klimawandel als Hauptstressor

Der Waldbericht 2025 lässt keinen Zweifel: Die grösste Herausforderung für den Schweizer Wald ist die Anpassung an den Klimawandel. Häufigere Trockenheiten, Stürme, Waldbrände und Schadorganismen haben den Wald in den letzten zehn Jahren massiv geschwächt. Im Jura wird der Zustand bereits als «kritisch» eingestuft. Wer das Verbiss-Problem isoliert betrachtet und als Hauptrechtfertigung für Hobby-Jagd instrumentalisiert, lenkt von den strukturellen Ursachen ab.

Rechtslage in der Schweiz

Bundesgesetz über die Jagd (JSG) und Waldgesetz (WaG)

Im Bundesgesetz über den Wald (WaG) und im Bundesgesetz über die Jagd (JSG) ist festgelegt, dass der Wildbestand so zu regulieren sei, dass die natürliche Waldverjüngung mit standortgerechten Baumarten ohne Schutzmassnahmen (Einzelschutz, Zäune etc.) sichergestellt ist. Ist dies nicht der Fall, so ist gemäss Waldverordnung (WaV) ein Konzept zur Verhütung von Wildschäden zu erstellen.

Diese gesetzliche Vorgabe besteht seit Jahrzehnten. Dass sie in vielen Gebieten bis heute nicht erfüllt ist, obwohl die Hobby-Jagd in 25 von 26 Kantonen aktiv ausgeübt wird, ist das stärkste Argument gegen die Behauptung, Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger würden den Wald schützen. In Kantonen mit Patentjagd, wo 65 Prozent der Schweizer Kantone ihre Jagd ohne Revierverantwortung organisieren, fehlt zudem jede strukturelle Verpflichtung der Hobby-Jägerschaft, den Wald als Lebensraum zu erhalten.

Postulat Reichmuth 23.3129

Im Juni 2023 nahm der Ständerat das Postulat von Othmar Reichmuth (Mitte, SZ) an. Es fordert den Bund auf zu prüfen, wie er im Bereich Wald-Wild mehr Verantwortung übernehmen kann, wie der Wildeinfluss auf ein tragbares Mass reduziert und ein nationales Controlling mit klaren Zielwerten eingeführt werden kann. Bezeichnend ist, dass JagdSchweiz die Ablehnung des Postulats empfahl und argumentierte, die Problematik des Klimawandels dürfe nicht den freilebenden Wildtieren zugeschoben werden. Dieses Argument offenbart ein Muster: Die Hobby-Jagd-Lobby weist die Verantwortung für den Verbiss systematisch von sich, obwohl die Regulierung des Wildbestandes die erklärte Kernaufgabe der Jagd sein soll.

Vollzugshilfe Wald und Wild (BAFU 2010)

Die Vollzugshilfe des BAFU definiert Schadens- und Konzeptschwellen und beschreibt die Vorgehensweise bei Wald-Wild-Problemen. Sie betont ausdrücklich, dass die Wild- und Waldbewirtschaftung eine Koexistenz von Wald und Wild ermöglichen muss. Der Wildeinfluss ist ein Faktor unter vielen, nicht selten jedoch ein entscheidender. Die Vollzugshilfe benennt auch nicht-jagdliche Massnahmen: Waldrandpflege, Freihalteflächen, ökologische Ausgleichsflächen, Wildtierbrücken und Wildruhezonen.

Die Rolle von Beutegreifern: Luchs und Wolf als natürliche Regulatoren

Wissenschaftliche Evidenz

Die Rückkehr von Wolf und Luchs in die Schweiz liefert empirische Daten zu natürlicher Populationsregulation. Eine WSL-Studie von Kupferschmid und Bollmann (2016) zeigt, dass die Gleichung «Wolf = weniger Wild = weniger Verbiss» nur bedingt zutrifft, aber ein differenzierteres Bild ergibt: Wölfe verändern das Raumnutzungsverhalten der Huftiere stark. In der Calanda-Region, wo das erste Schweizer Wolfsrudel entstand, ging der Verbiss an Tanne, Ahorn und Vogelbeere im Kerngebiet des Rudels deutlich zurück.

Beim Luchs ist der Effekt wissenschaftlich noch klarer belegt. Die Masterarbeit von Jasmin Schnyder (Universität für Bodenkultur Wien, in Zusammenarbeit mit dem Kanton St. Gallen) zeigt, dass die Weisstannen nach der Luchsumsiedlung im Kerngebiet signifikant weniger verbissen wurden. Martin Kreiliger, Forstingenieur aus Disentis, bestätigt aus dreissig Berufsjahren: In Wäldern mit Anwesenheit von Wolf oder Luchs verbessere sich die Verjüngungssituation deutlich.

Eine internationale Studie (Journal of Applied Ecology, 2023, 492 Standorte in 28 Ländern) relativiert allerdings die Erwartungen: In Europas Kulturlandschaften bestimmen menschliche Jagd und Landnutzung die Bestandsdichte von Rothirschen deutlich stärker als Beutegreifer. Nur dort, wo Wolf, Luchs und Bär gemeinsam vorkommen und der menschliche Einfluss gering ist, sinkt die Hirschdichte messbar.

Die paradoxe Logik der Jagdlobby

Die Hobby-Jagd-Lobby befindet sich in einem argumentativen Widerspruch: Einerseits begründet sie die Notwendigkeit der Hobby-Jagd mit der Verbiss-Problematik. Andererseits bekämpft sie die Rückkehr natürlicher Beutegreifer, die nachweislich den Verbissdruck reduzieren. Die revidierte Jagdverordnung erlaubt sogar die Regulation des Luchses, wenn dieser die Beutetierbestände so reduziert, dass die «Bejagungsmöglichkeiten der Kantone übermässig eingeschränkt» werden. Das bedeutet im Klartext: Der Luchs darf reguliert werden, wenn er der Hobby-Jägerschaft zu viel Wild wegnimmt. Die Interessen der Waldverjüngung spielen in dieser Logik keine Rolle.

Das Genfer Modell und der Schweizerische Nationalpark

Kanton Genf: 50 Jahre ohne Hobby-Jagd

Im Kanton Genf wurde die Hobby-Jagd (Milizjagd) 1974 per Volksabstimmung abgeschafft. Seitdem wird das Wildtiermanagement ausschliesslich von professionellen Wildhüterinnen und Wildhütern durchgeführt. Die Ergebnisse für die Waldverjüngung widerlegen das Verbiss-Narrativ der Hobby-Jagd-Lobby:

Die Rehpopulation hat sich bei 10 bis 15 Tieren pro Quadratkilometer Wald stabilisiert. Faunainspektor Gottlieb Dandliker stellt klar: Das Reh bedroht den Wald nicht. In den vorherrschenden Eichenwäldern seien wenige Schäden zu verzeichnen. Auffallend ist, dass praktisch keine Forstschäden gemeldet werden. Die Schadenszahlen im Kanton Genf sind vergleichbar mit denjenigen von Schaffhausen, obwohl in Schaffhausen die Hobby-Jagd erlaubt ist.

Die Kosten für das professionelle Wildtiermanagement betragen rund eine Million Franken pro Jahr. Das entspricht einer Tasse Kaffee pro Einwohner. Zum Vergleich: In anderen Kantonen müssen tausende von Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jägern mit Patentverkauf, Jagdaufsicht, Nachsuchewesen, Schadenregulierung, Abschussplanung und Verwaltungsapparat bewirtschaftet werden, und die externen Kosten durch Verbissdruck, Wildunfälle und Biodiversitätsverluste werden nicht eingerechnet.

Einen differenzierten Punkt liefert allerdings die Analyse des Genfer Modells: Erhebliche Waldschäden durch Schalenwild erzwangen die Erstellung eines Wald-Wild-Konzeptes gemäss der BAFU-Vollzugshilfe. Als Gegenmassnahmen wurden der Bau von Wildzäunen verstärkt sowie mit zielgerichteten Abschüssen beim Rehwild begonnen. Das Genfer Modell ist also kein Modell ohne jegliche Regulierung, sondern ein Modell ohne Hobby-Jagd: professionelle Eingriffe statt bewaffnetes Freizeitvergnügen.

Mehr dazu: Dossier: Genf und das Jagdverbot

Schweizerischer Nationalpark

Im Schweizerischen Nationalpark herrscht seit 1914 Jagdverbot. WSL-Studien zum Thema Wildverbiss ergaben, dass Hirsche zur Verjüngung des Waldes und zur Artenvielfalt beitragen: Auf Wildwechseln wachsen um ein Vielfaches mehr Baum-Keimlinge. Dies zeigt, dass Verbiss nicht per se ein Waldproblem ist, sondern Teil einer natürlichen Dynamik, die der Wald seit Jahrtausenden kennt.

Warum die Hobby-Jagd das Verbiss-Problem nicht löst

Die Zahlen sprechen für sich

In der Schweiz jagen rund 30’000 Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger. Trotzdem hat sich die Verbiss-Situation in vielen Gebieten über Jahrzehnte nicht verbessert und an gewissen Orten sogar verschlimmert. Der Anteil der Waldfläche mit tragbarem Wildeinfluss ist zwischen 2015 und 2024 von über zwei Dritteln auf weniger als die Hälfte gesunken. Diese Verschlechterung fand statt, während die Hobby-Jagd ununterbrochen ausgeübt wurde.

Strukturelle Gründe für das Scheitern

Die Hobby-Jagd versagt bei der Verbissreduktion aus mehreren systemischen Gründen:

Erstens: Die Patentjagd, die in 65 Prozent der Schweizer Kantone praktiziert wird, schafft keine Revierverantwortung. Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger kaufen ein Patent und jagen nach persönlichem Interesse, nicht nach forstlichen Erfordernissen. Es gibt keinen strukturellen Anreiz, den Wildbestand dort zu senken, wo der Wald es am dringendsten braucht.

Zweitens: Die vorherrschende Ansitzjagd erzeugt Dauerstörung mit geringer Effizienz. Der permanente Jagddruck treibt das Wild tiefer in den Wald und erhöht den Verbiss an der Verjüngung.

Drittens: Die Trophäenorientierung vieler Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger steht im Widerspruch zur waldfreundlichen Jagd. Wo starke männliche Tiere geschont und weibliche Tiere gezielt geschossen werden sollen, kollidieren Jagdinteressen mit forstlichen Notwendigkeiten.

Viertens: Die Hobby-Jagd schafft ein ökonomisches Interesse an hohen Wildbeständen. Wo viel Wild ist, macht das Jagen mehr Spass und sind Patenteinnahmen höher. Die Reduktion des Wildbestandes auf ein waldbaulich tragbares Niveau widerspricht dem Eigeninteresse der Hobby-Jägerschaft.

Der «Frondienst»-Mythos

Die Hobby-Jagd-Lobby bezeichnet ihre Tätigkeit regelmässig als «Frondienst» für die Allgemeinheit. Die Realität sieht anders aus: Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger bezahlen für ihre Patente, um einem Hobby nachzugehen, das ihnen persönliche Befriedigung verschafft. Ein Frondienst, für dessen Ausübung man ein Patent kaufen muss, bei dem man Trophäen sammeln darf und dessen Ergebnisse nach Jahrzehnten nicht die gesetzlichen Anforderungen erfüllen, verdient diese Bezeichnung nicht.

Alternativen zur Hobby-Jagd

Professionelles Wildtiermanagement

Der Kanton Genf zeigt seit 50 Jahren, dass professionelle Wildhüterinnen und Wildhüter die Wildregulation effizienter, kostengünstiger und tierschutzgerechter durchführen als die Hobby-Jagd. Die Kosten von rund einer Million Franken pro Jahr sind ein Bruchteil der versteckten Gesamtkosten des Hobby-Jagd-Systems in anderen Kantonen.

Waldbauliche Massnahmen

Die Forschung zeigt klar: Waldverjüngung ist nicht nur eine Frage der Wilddichte, sondern auch des Waldbaus. Lichtsteuerung durch gezielte Durchforstung, Förderung von Mischbeständen, Anlegen von Äsungsflächen ausserhalb des Waldes und Vermeidung von Bodenverdichtung sind Stellschrauben, die unabhängig von der Jagdform wirken.

Wildruhezonen und Lebensraumverbesserung

Wildruhezonen reduzieren den Stress für Wildtiere und damit deren Rückzug in die Waldverjüngung. Die BAFU-Vollzugshilfe nennt sie als zentrales Instrument. In der Praxis werden sie jedoch häufig gegen den Widerstand der Hobby-Jägerschaft durchgesetzt, die Einschränkungen ihres Jagdgebiets fürchtet.

Natürliche Regulation durch Beutegreifer

Die Rückkehr von Wolf und Luchs bietet eine langfristige, natürliche Lösung für die Verbiss-Problematik. Die wissenschaftliche Evidenz zeigt, dass Beutegreifer den Verbiss lokal und regional reduzieren, indem sie sowohl die Wildbestände als auch das Raumnutzungsverhalten der Huftiere verändern. Diese Lösung wird von der Hobby-Jagd-Lobby aktiv bekämpft.

Argumentarium

«Ohne Hobby-Jagd wächst kein Wald mehr nach.»

Falsch. Der Kanton Genf, der Schweizerische Nationalpark und der Nationalpark Gran Paradiso (Italien, jagdfrei seit 1922) zeigen, dass Wälder sich ohne Hobby-Jagd verjüngen. In Genf sind die Forstschäden vergleichbar mit Kantonen, in denen die Hobby-Jagd erlaubt ist. Die WSL-Daten zeigen zudem, dass auf rund 68 Prozent der Schweizer Waldfläche der Wildeinfluss gering bis unbedeutend ist. Im Schweizerischen Nationalpark wurde sogar nachgewiesen, dass auf Wildwechseln mehr Keimlinge wachsen als auf ungestörten Flächen.

Gegenargument der Hobby-Jagd-Lobby: «Genf ist zu klein und zu urban, das Modell ist nicht übertragbar.» Einordnung: Genf ist dicht besiedelt, hat intensiven Weinbau, einen internationalen Flughafen und direkten Grenzverkehr. Wenn professionelles Wildtiermanagement in diesem Kontext funktioniert, spricht kein strukturelles Argument dagegen, dass es in grösseren, weniger dicht besiedelten Kantonen ebenso funktionieren würde.

«Die Hobby-Jagd reguliert den Wildbestand auf ein waldverträgliches Niveau.»

Die Daten widerlegen dies. Trotz ununterbrochener Hobby-Jagd in 25 Kantonen ist der Anteil der Waldfläche mit tragbarem Wildeinfluss in den letzten zehn Jahren massiv gesunken. In den Kantonen Glarus, Graubünden und Wallis sind selbst Fichten teilweise hoch verbissen. Die Hobby-Jagd hat in Jahrzehnten den gesetzlich vorgeschriebenen Zustand, die natürliche Waldverjüngung ohne Schutzmassnahmen sicherzustellen, nicht erreicht.

Gegenargument der Hobby-Jagd-Lobby: «Es wird zu wenig gejagt, nicht zu viel.» Einordnung: Wenn 30’000 Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger in Jahrzehnten die gesetzliche Vorgabe nicht erfüllen können, ist das kein Argument für mehr Hobby-Jagd, sondern für ein anderes System.

«Verbiss ist das Hauptproblem des Schweizer Waldes.»

Nein. Der Waldbericht 2025 identifiziert den Klimawandel als grösste Herausforderung. Hitze, Trockenheit, Stürme, Schadorganismen und Stickstoffeinträge belasten den Wald weit stärker als der Wildverbiss. Verbiss ist ein regionaler Faktor, der lokal erheblich sein kann, aber nicht das dominierende Problem des Schweizer Waldes darstellt.

Gegenargument der Hobby-Jagd-Lobby: «Gerade wegen des Klimawandels brauchen wir klimaresistente Baumarten, die aber besonders verbissanfällig sind.» Einordnung: Richtig ist, dass Weisstanne und Laubbäume für den Waldumbau wichtig und verbissanfällig sind. Falsch ist die Schlussfolgerung, dass Hobby-Jagd die Lösung sei. Die Daten zeigen, dass die Hobby-Jagd genau dieses Problem über Jahrzehnte nicht gelöst hat. Waldbauliche Massnahmen und professionelles Wildtiermanagement sind die effektiveren Instrumente.

«Ohne Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger gefährdet der Verbiss den Schutzwald.»

Der Schutzwald ist tatsächlich unter Druck: 30 Prozent der Schutzwaldfläche weisen sehr wenig Verjüngung auf. Aber der Waldbericht nennt als Ursachen nicht nur Verbiss, sondern auch zu wenig Licht in verdichteten Beständen, also ein waldbauliches Problem. Zudem zeigt die aktuelle Situation, dass der Schutzwald sich unter dem Regime der Hobby-Jagd verschlechtert hat, nicht verbessert. Die logische Konsequenz ist nicht mehr Hobby-Jagd, sondern professionelles Management.

Gegenargument der Hobby-Jagd-Lobby: «Wildhüter allein können die Abschusszahlen nicht erreichen.» Einordnung: In Genf betreuen rund zwölf professionelle Umwelthüter das Wildtiermanagement für einen Kanton mit 500’000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Die Kosten sind dokumentiert und transparent. Die Hobby-Jagd-Lobby hat nie eine vergleichbare Vollkostenrechnung für ihr eigenes System vorgelegt.

«Die Hobby-Jagd ist ein Frondienst für die Allgemeinheit.»

Diese Behauptung ist durch nichts belegt. Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger bezahlen für Patente, die ihnen ein Freizeitvergnügen ermöglichen. Sie tragen keine Revierverantwortung (Patentjagd), ihre Tätigkeit hat den gesetzlichen Auftrag der Waldverjüngung nachweislich nicht erfüllt, und die externen Kosten ihres Hobbys (Wildunfälle, Biodiversitätsverluste, Verwaltungsaufwand, Bleimunition) werden der Allgemeinheit aufgebürdet. Ein professionelles Wildhüter-System nach dem Genfer Modell wäre effizienter, transparenter und kostengünstiger.

Quicklinks

Verwandte Dossiers

Weitere Ressourcen

Quellenangaben

  • BAFU / WSL (2025): Waldbericht 2025. Bundesamt für Umwelt und Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft.
  • BAFU (2010): Vollzugshilfe Wald und Wild. Das integrale Management von Reh, Gämse, Rothirsch und ihrem Lebensraum. Umwelt-Vollzug Nr. 1012.
  • Kupferschmid, A. D.; Frei, M. (2025): Auswertung kantonaler Daten zum Wildeinfluss auf die Waldverjüngung 2020–2024. Schweizerische Zeitschrift für Forstwesen.
  • Kupferschmid, A. D.; Abegg, M. (2025): Zeitreihenanalysen zu Verbiss im Verjüngungskontext des Schweizerischen Landesforstinventars. WSL.
  • Kupferschmid, A. D.; Bollmann, K. (2016): Direkte, indirekte und kombinierte Effekte von Wölfen auf die Waldverjüngung. Schweizerische Zeitschrift für Forstwesen 167(1): 3–12.
  • Kupferschmid, A. D. (2024): Methodischer Vergleich und Zeitreihenanalysen zu Verbiss im Verjüngungskontext des LFI: Schlussbericht. WSL.
  • Schnyder, J. (2016): Einfluss des Luchses auf Verbiss und Waldverjüngung im Kanton St. Gallen. Masterarbeit, Universität für Bodenkultur Wien.
  • Gehring, E. et al. (2025): Einfluss des Wildverbisses auf die Waldverjüngung. Schweizerische Zeitschrift für Forstwesen.
  • Schweizerischer Forstverein (2025): Wildeinfluss auf Waldverjüngung nimmt in der Schweiz weiter zu. Schweiz. Z. Forstwes. 176(3): 132–135.
  • Universität Freiburg et al. (2023): Determinants of red deer density across Europe. Journal of Applied Ecology. 492 Standorte in 28 Ländern.
  • Postulat Reichmuth 23.3129: «Zukunftsfähige Wälder sind nur mit gesetzeskonformem Wildverbiss möglich!» Angenommen im Ständerat am 8. Juni 2023.
  • Dandliker, G. (2013): Jagdverbot: wissenschaftlich möglich und praktisch bewiesen. Vortrag an der Universität Basel, 15. Oktober 2013.
  • Reimoser, F.; Stock, R. et al. (2022): Does Ungulate Herbivory Translate into Diversity of Woody Plants? A Long-Term Study in a Montane Forest Ecosystem in Austria.
  • Gordon, I. J.; Prins, H. H. T. (2008): The Ecology of Browsing and Grazing. Ecological Studies Nr. 195. Springer.
  • Pro Natura: «Den Wolf als Chance begreifen». Pro Natura Magazin.
  • Bebi, P. et al. (2023): Fachpublikation zur Wald-Wild-Problematik.
  • Positionspapier GWG/SFV/BWB/WaldSchweiz (2024): Zu starker Wildeinfluss gefährdet Waldleistungen.
  • Bundesgesetz über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel (JSG), SR 922.0.
  • Bundesgesetz über den Wald (WaG), SR 921.0.
  • Waldverordnung (WaV), SR 921.01.
  • Tierschutzgesetz (TSchG), SR 455.

Unser Anspruch

Das Verbiss-Narrativ ist das Herz der Hobby-Jagd-Rechtfertigung: Ohne uns geht der Wald zugrunde. Die Daten erzählen eine andere Geschichte. 30’000 Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger haben den gesetzlichen Auftrag, die Waldverjüngung ohne Schutzmassnahmen sicherzustellen, über Jahrzehnte nicht erfüllt. Zwischen 2015 und 2024 hat sich die Situation sogar verschlechtert. Im selben Zeitraum zeigt der Kanton Genf seit 50 Jahren, dass professionelles Wildtiermanagement effizienter, kostengünstiger und tierschutzgerechter ist.

Die WSL-Forscherin Andrea Kupferschmid sagt es klar: Es ist kein Konflikt zwischen Wald und Wild. Es ist ein Konflikt zwischen Menschen. Und es ist ein Konflikt, den die Hobby-Jagd trotz aller Selbstdarstellung als «Frondienst» nicht löst, sondern durch Dauerstörung, fehlende Revierverantwortung und Trophäenorientierung systematisch mitverursacht.

Die Alternativen liegen auf dem Tisch: professionelles Wildtiermanagement nach dem Genfer Modell, waldbauliche Massnahmen, Wildruhezonen und die Rückkehr natürlicher Beutegreifer. Alle diese Instrumente sind wissenschaftlich belegt und praktisch erprobt. Dass sie nicht flächendeckend umgesetzt werden, liegt nicht an fehlender Evidenz, sondern am politischen Einfluss der Jagdlobby.

Dieses Dossier wird laufend aktualisiert, wenn neue Zahlen, Studien oder politische Entwicklungen es erfordern.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.