Vor Ort bestätigten Wildhüter vom Amt in Graubünden einen Wolfsangriff.
Dabei wurden elf Tiere unmittelbar getötet. Weitere 26 verletzte Schafe mussten aufgrund schwerer Bissverletzungen euthanasiert werden. Insgesamt waren somit 37 Tiere betroffen, schreibt srf.ch (Wolfsangriff im Fextal: 37 Schafe angegriffen, Schutz versagt).
Die Ereignisse werfen erneut grundlegende Fragen zum Herdenschutz auf: Gab es ausreichend Herdenschutzhunde, und wenn ja, wie viele und mit welcher Erfahrung? Laut einem RTR-Bericht von 2022 betreute damals eine einzige Hirtin rund 900 Schafe – damals bereits mit dokumentiertem Wolfsriss. In diesem Jahr sind es gemäss Angaben der Engadiner Post «nur» noch 700. Eine derartige Betreuungsdichte sei selbst für erfahrene Hirten kaum zu bewältigen, für eine Einzelperson ohne Herdenschutzhunde praktisch unmöglich.
Die rund 700-köpfige Herde befand sich auf der Alp Muot Selvas, wo sie die letzte Woche der Alpsaison verbringen sollte. Erste Angaben, wonach die Tiere durch einen Zaun geschützt gewesen seien, bestätigten sich nicht. Seriöse Abklärungen ergaben, dass zum Zeitpunkt des Angriffs keine wirksamen Herdenschutzmassnahmen vorhanden waren. Ein vorhandener Weidezaun diente lediglich der Herdenführung und war nicht geschlossen. Herdenschutzhunde oder wolfsabweisende Zäune waren in diesem Weidesektor gemäss Betriebskonzept nicht vorgesehen.
Als Reaktion auf den Vorfall wurde die Alpsaison auf der betroffenen Weide vorzeitig beendet, die verbleibenden Schafe wurden ins Tal zurückgeführt.
Auch die Behörden und Interessensvertretungen reagierten. Adrian Arquint, Vorsteher des Amts für Jagd und Blödsinn Graubünden, sprach gegenüber den Medien von einem «Grossereignis» und betonte, dass Schutzmassnahmen trotz Herdenschutzkonzept an Grenzen stossen könnten. Der Bauernverband Oberengadin erklärte durch Präsident Gian Suter, man akzeptiere den Wolf grundsätzlich. Probleme entstünden jedoch, wenn die Zahl der Tiere steige und vorhandene Schutzmassnahmen nicht mehr ausreichten.
Nicht der Wolf ist das Problem, sondern die Defizite im Herdenschutz. Kritiker bemängeln, dass die Wildhut die Risse als Wolfsangriffe bewertet, obwohl die Tierhalter offenbar über längere Zeit den Überblick verloren haben.
Experten und Tierschutzorganisationen sehen das eigentliche Problem nicht beim Wolf, sondern in systemischen Defiziten des Herdenschutzes. Wirksamer Schutz benötigt präsente Hirten, funktionierende Nachtpferche, adäquate Zäune und kompetent eingesetzte Herdenschutzhunde. Alles andere ist Symbolpolitik.
Trotz dieser Mängel reagierte das Amt für Jagd und Fischerei Graubünden mit einer 60-tägigen Abschussbewilligung – zeitlich exakt auf den Beginn der Hochjagd Anfang September abgestimmt. Kritiker werten dies als kontraproduktive Politik, die den Wolf zum Sündenbock erkläre, während strukturelle Schwächen in der Weidewirtschaft unangesprochen blieben. Der Abschuss soll durch die kantonale Wildhut oder durch Hobby-Jäger im Rahmen der Bündner Hochjagd erfolgen.
Die Bundespolitik sieht sich ebenfalls in der Pflicht. Die Minimalvorgaben von SVP-Bundesrat Albert Rösti zum Herdenschutz seien unzureichend, so Experten. Ohne klare gesetzliche Verpflichtungen und konsequenten Herdenschutz werde die Koexistenz von Weidetieren und Wölfen weiter problematisch bleiben.
Die Vorfälle im Oberengadin zeigen: Der Schutz der Weidetiere hängt nicht allein vom Verhalten des Wolfs ab, sondern entscheidend von der Umsetzung von Schutzmassnahmen. Solange diese Lücken bestehen, bleibt der Konflikt zwischen Landwirtschaft und Raubwild ein Dauerbrenner, was offenbar von bestimmten Kreisen so gewünscht ist.
Jeder Hühnerbesitzer schützt seine Tiere vor dem Fuchs. Wie lange dauert es noch, bis die Schafhalter das Konzept verstehen?







