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Jagd

Rothirsche in Deutschland: Krank geschossen statt gehegt

Hessen hat ein Inzuchtproblem. Es geht um den Rothirsch, der in den Wäldern der Gebrüder Grimm noch immer vergleichsweise zahlreich lebt. Doch hinter der vermeintlich heilen Wildtiermärchenwelt ist die Lage heute noch dramatischer als 2019: Wildbiologen der Justus-Liebig-Universität Giessen haben gezeigt, dass die voneinander getrennten Populationen genetisch verarmen und sich erste sichtbare Zeichen einer Inzuchtdepression häufen.

Redaktion Wild beim Wild — 23. November 2025

Bereits 2019 kam die Genetikstudie von Gerald Reiner und Heiko Willems zum Schluss, dass in keiner einzigen Rotwildpopulation Hessens die genetische Vielfalt ausreicht, um die Art Cervus elaphus an künftige Umweltveränderungen anzupassen.

Der langfristige Fortbestand des Rothirsches als gesunde Wildtierart steht damit auf dem Spiel.

Was vor einigen Jahren wie ein Alarmruf einzelner Forschender klang, ist heute bittere Realität im Wald. In Hessen wurden bereits mehrere Rotwildkälber mit stark verkürztem Unterkiefer dokumentiert, eine Fehlbildung, die typischerweise bei Inzucht auftritt. Mindestens sechs solcher Fälle sind inzwischen offiziell bekannt geworden.

Im Juni 2023 wurde im Rotwildgebiet Burgwald-Kellerwald ein schwer krankes Kalb gefunden, das kaum laufen konnte und praktisch keine Hufschalen ausgebildet hatte. Die Untersuchung durch den Arbeitskreis Wildbiologie der Universität Giessen ergab: Das Tier hatte Defektgene von eng verwandten Eltern geerbt, der hohe Inzuchtgrad führte direkt zu den Missbildungen und massiven Leiden.

Diese extremen Einzelfälle sind nur die Spitze eines Eisbergs. Die eigentlichen Folgen der Inzuchtdepression betreffen Fruchtbarkeit, Vitalität, Anpassungsvermögen und Immunabwehr der Tiere und bleiben in der freien Wildbahn meist unsichtbar.

Rotwildbezirke: gesetzlich verordnete Inselpopulationen

Die Ursachen sind seit Jahren bekannt. Hessen ist eines von mehreren Bundesländern, in denen Rothirsche nur in sogenannten Rotwildbezirken leben dürfen. Ausserhalb dieser Gebiete müssen sie per Gesetz abgeschossen werden. Mit dieser Politik zerschneidet nicht mehr nur die Verkehrsinfrastruktur, sondern vor allem der Gesetzgeber selbst die Rotwildlebensräume.

Zwischen den rund 20 hessischen Rotwildgebieten findet nach Einschätzung der Forschenden kaum noch genetischer Austausch statt, vor allem wandernde Hirsche erreichen neue Gebiete kaum. Autobahnen, Siedlungen und die jagdrechtlich verordnete Ausrottung ausserhalb der Bezirke verhindern natürliche Wanderungen und erzwingen kleine, isolierte Inselpopulationen.

Genau diese künstliche Verinselung widerspricht jedem ernst gemeinten Biodiversitäts- und Tierschutzgedanken. Wenn der Staat Wildtiere absichtlich in genetische Sackgassen treibt, sind Missbildungen, Schmerzen und ein schleichender Zusammenbruch der Bestände keine Panne, sondern einkalkulierte Folge einer falschen Jagdpolitik.

Baden-Württemberg: Vier Prozent Lebensraum für ein Wappentier

Doch nicht nur Hessen macht den Rothirsch krank. In Baden-Württemberg darf das grösste heimische Landsäugetier bis heute nur in fünf gesetzlich festgelegten Rotwildgebieten leben, zusammen weniger als vier Prozent der Landesfläche. Auf den übrigen 96 Prozent gilt seit 1958 ein faktisches Ausrottungsgebot: Jeder Rothirsch muss geschossen werden.

Auch dort zeigen genetische Untersuchungen der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) Freiburg, dass die genetische Vielfalt in den einzelnen Rotwildgebieten inzwischen zu gering ist, um dauerhaft gesunde Bestände zu sichern. Die FVA fordert ausdrücklich Massnahmen, die den genetischen Austausch zwischen den isolierten Teilpopulationen verbessern.

Die Landesregierung hält dennoch am System der Rotwildgebiete fest. Sie will die genetische Verarmung vor allem über Management innerhalb der bestehenden Grenzen bekämpfen, statt dem Rotwild wieder mehr natürlichen Lebensraum und Wanderkorridore zuzugestehen.

Immerhin hat Landwirtschaftsminister Peter Hauk im März 2025 angekündigt, das Abschussgebot für junge Hirsche ausserhalb der Rotwildgebiete auszusetzen. Künftig sollen wandernde Junghirsche nicht mehr automatisch getötet werden. Jagdverbände und Naturschützer sehen darin einen überfälligen ersten Schritt. Zugleich ist klar: Solange 96 Prozent der Landesfläche für den Rothirsch juristisch zur No-Go-Area erklärt bleiben, ist das Problem der genetischen Verarmung nicht gelöst.

Beginn eines Aussterbeprozesses

Die Deutsche Wildtier Stiftung warnt inzwischen offen davor, dass die genetische Verinselung der Rotwildbestände bereits als Beginn eines Aussterbeprozesses gewertet werden muss. Genau deshalb hat sie den Rothirsch zum Tier des Jahres 2026 gewählt, um auf eine Art aufmerksam zu machen, die vielerorts als vermeintlich häufig gilt, in Wahrheit aber an den Rand gedrängt und genetisch ausgehöhlt wird.

Damit rückt der Rothirsch in das Zentrum einer symbolischen Debatte: Er steht exemplarisch für eine Wildtierpolitik, die Jagdinteressen, forstliche Ziele und Verkehrsinfrastruktur über die Bedürfnisse wandernder Wildtiere stellt. Wer Rotwild auf ein paar Prozent der Landesfläche einsperrt und jeden Schritt darüber hinaus mit der Büchse beantwortet, zerstört nicht nur die genetische Grundlage der Art, sondern verhöhnt jeden Anspruch auf Hege und Tierschutz.

Was sich ändern muss

Die Lösung ist seit Jahren bekannt und wird von Wissenschaft, Tierschutzorganisationen und sogar Teilen der Jägerschaft gefordert:

  • Aufhebung der starren Rotwildbezirke und Ende des Ausrottungsgebotes ausserhalb dieser Zonen
  • Schutz wandernder Hirsche statt Abschuss, gerade in den Korridoren zwischen heutigen „Inseln“
  • Wiedervernetzung der Lebensräume durch Grünbrücken, Wildtierkorridore und grossräumig ruhebewahrende Gebiete
  • Jagdmodelle, die sich an Tierschutz, Ökologie und Biodiversität orientieren, nicht an der Beutezahl der Hobby-Jäger

Der Verlust genetischer Vielfalt ist irreversibel. Jeder weitere Jahrgang von Rothirschen, der unter den Bedingungen von Inselpopulationen und Abschussgeboten heranwächst, treibt die Inzuchtdepression weiter voran. Die Politik entscheidet damit ganz konkret darüber, ob der «König der Wälder» in Mitteleuropa eine Zukunft als frei lebende, gesunde Wildtierart hat oder als degenerierter Restbestand in Jagdgattern endet.

Die falsche Jagdpolitik macht den Rothirsch krank. Und sie verstösst gegen das, was eine zivilisierte Gesellschaft Wanderwildarten wie dem Rothirsch schuldet: Respekt vor ihrer Eigenständigkeit, ihrem Bedürfnis nach Bewegung und ihrer Rolle in naturnahen Ökosystemen.

Es ist längst Zeit, nicht nur das Rotwild, sondern die Hobby-Jagdpolitik zu behandeln.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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