Intervalljagd im Kanton Bern
Die Berner Intervalljagd-Debatte zeigt exemplarisch, wie ein längst überholtes Jagdsystem versucht, sich mit kosmetischen Korrekturen zu retten und wie reflexartig die Hobby-Jägerschaft jede minimale Einschränkung ihrer Schiessfreiheit bekämpft.
Die Intervalljagd bedeutet, dass die Hobby-Jagd auf Rotwild zeitlich stärker strukturiert wird, mit Phasen der Beunruhigung und Phasen der Beruhigung, statt eines möglichst langen, durchgehenden Schiessbetriebs.
In Graubünden wird dieses Modell von Behörden seit Jahren als «Erfolgsrezept» für Bestandsregulierung und Jagdorganisation verkauft, obwohl die wissenschaftliche Evidenz für einen klaren Vorteil gegenüber der klassischen Hochwildjagd dünn bleibt, da unter anderem der Einfluss der Beutegreifer zu wenig berücksichtigt wird.
Im Kanton Bern soll ein Teil dieser Logik nun übernommen werden: Der Rotwildbestand gilt lokal als zu hoch, Waldbesitzende sprechen von erheblichen Verbissschäden, und die Politik fordert «effizientere» Regulierung. Jagdinspektorin Nicole Imesch versucht, diesen Spagat zu organisieren: weniger Trophäenkult, mehr «Bestandssenkung», mehr Abschuss von weiblichen Tieren und Jungtieren.
Der Aufstand der Berner Hobby-Jägerschaft
Kaum werden die Jagdregeln leicht verschärft oder präzisiert, formieren sich Teile der organisierten Hobby-Jägerschaft gegen die eigene Jagdverwaltung. Offiziell kritisieren sie die Intervalljagd als «unnötig kompliziert» und praxistauglich nur für bestimmte Regionen, inoffiziell stören sie sich vor allem daran, dass ihnen der Durchmarsch zum Hirschstier mit grossem Geweih erschwert wird.
Bereits das neue Berner Jagdregime, das weibliche Tiere klar in den Fokus rückt, hat bei manchen Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jägern dazu geführt, dass sie lieber zu Hause bleiben, wenn keine Trophäen winken. Wenn die Hobby-Jägerschaft geordnete Abschusspläne und zeitliche Struktur schon als «Bürokratie» und «Gängelung» bekämpft, entlarvt das eine alte Wahrheit: Die viel beschworene «Hege» endet oft dort, wo der persönliche Jagdspass eingeschränkt wird.
Nicole Imesch zwischen Wissenschaft und Jagdlobby
Nicole Imesch ist Biologin, Wildtiermanagerin und Berner Hobby-Jägerin, mit langjähriger Erfahrung beim Bundesamt für Umwelt und im Bereich Wald-Wild-Management. Sie kennt die Konflikte zwischen Forstwirtschaft, Landwirtschaft, Wildtierbiologie und Hobby-Jagdlobby aus erster Hand und hat sich in der Vergangenheit etwa zur Regulierung von Beutegreifern differenziert geäussert.
Gerade diese Doppelrolle macht die aktuelle Kampagne der Hobby-Jägerverbände gegen sie so aufschlussreich: Kaum vertritt eine Jagdinspektorin eine minimal konsequentere Linie in der Rotwildregulierung oder beim Luchs, wird sie öffentlich infrage gestellt und persönlich attackiert. Dass ein SVP-Nationalrat ihr gleich die Eignung für das Amt absprechen will, nachdem der Kanton einen rechtswidrigen Luchsabschuss verweigert, ist ein Musterbeispiel für politischen Druck auf Fachleute, die geltendes Recht und Mindeststandards im Wildtierschutz anwenden.
Strukturelles Problem: Ein System reguliert sich selbst
Die aktuelle Debatte offenbart ein strukturelles Problem: Die gleichen Kreise, die jahrzehntelang die jagdlichen Rahmenbedingungen geprägt haben, wehren sich nun gegen jede Reform, die auch nur ansatzweise ökologische Ziele über jagdliche Tradition stellt. Die Intervalljagd wird von den Verbänden nicht deshalb bekämpft, weil sie wildtierbiologisch schädlich wäre, sondern weil sie Kontrolle, Planbarkeit und Transparenz in einen Bereich bringt, der bisher stark von jagdlichen Eigeninteressen dominiert war.
Wer ernsthaft Wald und Biodiversität schützen will, kommt nicht darum herum, die Hobby-Jagd aus ihrer privilegierten Selbstverwaltung zu lösen und klare, von unabhängiger Wissenschaft bestimmte Zielvorgaben zu definieren. Solange die Hobby-Jägerschaft Abschusspläne, Jagdregime und Kontrollmechanismen weitgehend mitbestimmt, bleiben Rotwildbestände, Verbissprobleme und Konflikte mit Beutegreifern ein zentrales Geschäftsmodell dieser Kreise: nicht ein zu lösendes Problem.
Warum die Intervalljagd-Debatte mehr ist als Technik
Die Auseinandersetzung um die Intervalljagd im Kanton Bern ist keine Detailfrage jagdlicher Technik, sondern ein Symptom eines tiefen Interessenkonflikts. Einerseits stehen Waldbiodiversität, Klimastabilität und der Schutz von Wildtieren als Mitgeschöpfen, andererseits ein Hobby, das nach möglichst viel «Beute» und möglichst wenig Einschränkungen strebt.
Solange Rotwild primär als «zu regulierender Bestand» verstanden wird und Beutegreifer wie der Luchs unter massivem politischen Druck stehen, bleibt die Hobby-Jagd ein Instrument zur Verteidigung wirtschaftlicher und kultureller Ansprüche, nicht ein Werkzeug moderner, wissenschaftlich begründeter Wildtierpolitik. Die Diskussion im Kanton Bern zeigt, wie nötig eine grundsätzliche Neuausrichtung ist: weg von jagdlicher Besitzlogik, hin zu verbindlichen Zielen für Wald, Wildtiere und Gesellschaft, und einer Behörde, die diesen Auftrag ohne Drohkulisse der Jagdlobby erfüllen kann.
Unterstütze unsere Arbeit
Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.
Jetzt spenden →