In der öffentlichen Kommunikation stellen sich Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger immer häufiger als primäre Opfer von «Hass und Hetze im Netz» dar.
Verbände, Jagdmagazine und Lobbyorganisationen der Hobby-Jagd betonen Drohungen, Beleidigungen und angebliche Gewaltfantasien gegenüber der Szene und fordern mehr Schutz und Respekt.
Diese Opfererzählung funktioniert medienwirksam, weil sie an ein reales Problem anknüpft: Hass im Netz nimmt zu, betrifft viele Berufsgruppen und erzeugt ein Klima der Einschüchterung. Doch wer genauer hinschaut, erkennt schnell, dass die Geschichte von den ausschliesslich bedrohten Hobby-Jägern nur einen Teil der Realität abbildet. Gerade im hoch aufgeladenen Konfliktfeld Hobby-Jagd, Tier- und Naturschutz sind es nämlich nicht nur Hobby-Jäger, die Anfeindungen erleben, sondern genauso deren Kritiker.
Auf wildbeimwild.com gibt es seit Jahren Berichte zu Skandalen der Hobby-Jagd, Missständen und Konflikten zwischen Hobby-Jagd und moderner Wildtierpolitik.
Hate-Speech: Ein gesellschaftliches Problem – nicht nur bei der Hobby-Jagd
Hassrede und digitale Gewalt sind längst ein strukturelles Problem moderner Demokratien. Betroffen sind Politiker, Journalisten, Wissenschaftler, Aktivisten, aber auch Menschen, die sich zu Tieren, Klima- oder Naturschutz äussern. Der Ton in Kommentarspalten und sozialen Netzwerken wird rauer, die Hemmschwelle für Beleidigungen und Drohungen sinkt.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen scharfer, auch polemischer Kritik und strafbarer Hassrede. Wer die Hobby-Jagd als veraltet, grausam oder ethisch nicht vertretbar bezeichnet, nutzt sein Recht auf Meinungsäusserung, selbst wenn Hobby-Jäger sich davon angegriffen fühlen. Problematisch wird es dort, wo Menschen gezielt entwürdigt, entmenschlicht oder mit Gewalt bedroht werden.
Für die Debatte rund um Hobby-Jagd und Wildtierpolitik bedeutet das: Eine harte Auseinandersetzung über Abschüsse, Trophäenjagd, den Umgang mit Wölfen oder die Rolle der Hobby-Jagd im 21. Jahrhundert ist legitim und notwendig. Strafbar können jedoch Drohungen, persönliche Beleidigungen oder das gezielte Veröffentlichen privater Daten werden.
Dokumentierte Hetze aus Hobby-Jägerkreisen gegen Kritiker und Tierschutz
Parallel zur öffentlich gepflegten Opferrolle existiert eine andere Realität: Jagdkritiker, Tierschützer und Wolfsschutz-Initiativen werden in Teilen der Hobby-Jägerszene seit Jahren als Feindbild aufgebaut. In Kommentarspalten, geschlossenen Gruppen und auf jagdnahen Plattformen der Hobby-Jagd finden sich regelmässig Diffamierungen, Sexismus und Gewaltfantasien.
Tierschutzorganisationen dokumentieren seit Längerem Fälle, in denen Aktivisten als «Psychopathen», «Ökofaschisten» oder «Fanatiker» beschimpft werden. Bürger, die den Abschuss eines Wolfs kritisieren, werden als «Stadtneurotiker» oder «realitätsfremde Gutmenschen» abgekanzelt. Nicht selten tauchen Formulierungen auf, die von «Blei» für Wolfsschützer sprechen, oder man fantasiert öffentlich über angebliche «Unfälle» bei Nacht im Wald.
Solche Kommentare sind keine harmlose Stammtisch-Polemik mehr, wenn konkrete Personen angesprochen, identifizierbar gemacht und mit Gewalt in Verbindung gebracht werden. Sie erzeugen ein Klima der Angst und sollen Widerspruch gegen die Praxis der Hobby-Jagd einschüchtern. Gerade Frauen, die sich für Tiere und den Schutz grosser Beutegreifer einsetzen, berichten über sexualisierte Beleidigungen und entwürdigende Sprüche aus Hobby-Jägerkreisen.
Meinung, Hass, Strafbarkeit: Wo verläuft die Grenze?
Damit die Debatte nicht im gegenseitigen Opferwettbewerb versinkt, lohnt sich ein nüchterner Blick auf die rechtlichen Grenzen. In der Schweiz, in Deutschland und in Österreich gelten ähnliche Grundsätze.
Meinungsfreiheit schützt auch harte und zugespitzte Kritik, etwa an Hobby-Jagdverbänden, politischer Lobbyarbeit oder einzelnen Praktiken der Hobby-Jagd. Nicht geschützt sind Beleidigung, üble Nachrede und Verleumdung, also Angriffe auf die Ehre und die persönliche Integrität einer Person. Ebenfalls strafbar sind Bedrohungen, die Androhung von Gewalt, Aufrufe zu Straftaten sowie systematische Nachstellungen und das Veröffentlichen persönlicher Daten mit Einschüchterungsabsicht. Entscheidend ist oft der Kontext: Handelt es sich um eine allgemeine Kritik an einer Praxis oder um einen gezielten Angriff auf eine identifizierbare Person?
Für die Debatte rund um die Hobby-Jagd heisst das: Sowohl Hobby-Jäger als auch Jagdgegner können Opfer strafbarer digitaler Gewalt werden, und beide Seiten können Täter sein. Wer glaubwürdig gegen Hass im Netz auftreten will, muss deshalb bereit sein, auch problematisches Verhalten in den eigenen Reihen klar zu benennen.
Doppelte Standards: Empörung nach aussen – Schweigen nach innen
Verbände und Lobbygruppen der Hobby-Jagd sind schnell dabei, Hass und Hetze gegen Hobby-Jäger zu skandalisieren. Pressemitteilungen, Interviews und Kampagnen betonen, wie bedroht und diffamiert sich die Hobby-Jägerschaft fühle. Was in dieser Kommunikation jedoch oft fehlt, ist eine ebenso klare Positionierung gegenüber der eigenen Szene.
Wo bleibt die deutliche Distanzierung von frauenfeindlichen, rassistischen oder gewaltverherrlichenden Kommentaren aus Hobby-Jägerkreisen? Wie konsequent werden Mitglieder zur Verantwortung gezogen, die sich in sozialen Medien zu «Spassschüssen» auf Wolfsschützer oder brutalen «Erziehungsmethoden» für Tierschützer hinreissen lassen? Und wie glaubwürdig ist eine Moralpredigt gegen «Hass», wenn Tiere systematisch entwertet und Schutzorganisationen als Feindbild aufgebaut werden?
Solange Verbände nur dann laut werden, wenn es um Angriffe auf Hobby-Jäger geht, und gleichzeitig bei entgleisten Äusserungen aus den eigenen Reihen wegschauen, bleibt der Ruf nach Respekt und Deeskalation unglaubwürdig. Das Problem ist dann nicht der Hass an sich, sondern nur, wer davon betroffen ist.
Kriminalität der Hobby-Jäger: Vom Jagdvergehen zum Gewaltproblem
Während Verbände der Hobby-Jagd lautstark über verletzte Gefühle und harte Worte im Internet klagen, füllt die reale Kriminalität aus Hobby-Jägerkreisen seit Jahren ganze Aktenberge. Immer wieder werden Hobby-Jäger wegen illegaler Abschüsse, verbotener Technik, Tierquälerei oder grober Verstösse verurteilt. In mehreren Fällen endeten Einsätze der Hobby-Jäger nicht nur für Wildtiere tödlich, sondern auch für Menschen.
Die IG Wild beim Wild dokumentiert solche Fälle laufend in der Kategorie «Kriminalität & Jagd»: von illegalen nächtlichen Schiessereien und Wilderei über Drahtschlingen und verbotene Fallen bis hin zu Hobby-Jägern, denen Waffenschein und Jagdpass entzogen werden.
Diese Fälle sind keine bedauerlichen Einzelfälle, sondern ein Muster: Immer wieder tauchen verbotene Waffen, Nachtsichtgeräte und Fallen auf, immer wieder werden Wildtiere ausserhalb der Jagdzeiten getötet, immer wieder zeigen Gerichtsentscheide massive Wissens- und Charakterdefizite in der Szene der Hobby-Jäger. Dazu kommen dokumentierte Verbindungen zwischen Hobby-Jagd und Gewalt gegen Menschen, häuslicher Gewalt oder psychischen Problemen, die bei Waffenträgern besonders schwer wiegen.
Wer in der Öffentlichkeit vor allem über «Hass im Netz» klagt, aber über diese Form von realer Kriminalität und Gewalt schweigt, verkehrt die Verhältnisse. Die eigentliche Gefahr geht nicht von kritischen Kommentaren im Internet aus, sondern von bewaffneten Hobby-Jägern, die gegen Gesetze verstossen, Wildtiere illegal töten und immer wieder Menschen gefährden und töten. Ein seriöser Umgang mit Sicherheit, Rechtsstaat und Gewalt beginnt damit, die eigene Kriminalitätsbilanz offen zu benennen und nicht nur empfindlich auf Kritik zu reagieren.
Was Betroffene machen können: Strategien gegen digitale Gewalt
Menschen, die sich kritisch mit Hobby-Jagd, Trophäenkultur oder Wolfspolitik auseinandersetzen, sollten sich mit digitaler Gewalt nicht abfinden. Es gibt konkrete Schritte, die Betroffene ergreifen können.
Beweise sichern: Beleidigende oder drohende Kommentare konsequent dokumentieren, mit Screenshots inklusive sichtbarer URL, Datum und Uhrzeit, Profilname und Kontext. Meldefunktionen der Plattformen nutzen: Facebook, Instagram, X oder YouTube bieten Kategorien für Hate-Speech, Gewaltandrohung, Belästigung und Mobbing. Konsequentes Melden kann dazu führen, dass Beiträge gelöscht und Accounts eingeschränkt werden. Bei klaren Drohungen, hartnäckiger Belästigung oder systematischen Kampagnen gegen einzelne Personen kann zudem eine Strafanzeige sinnvoll sein. Eine vorgängige Beratung bei Beratungsstellen oder spezialisierten Anwälten hilft, Chancen und Risiken realistisch einzuschätzen.
Wichtig ist auch, sich nicht isolieren zu lassen. Der Austausch mit Tierschutzorganisationen, Medienprojekten wie wildbeimwild.com oder anderen Initiativen gegen digitale Gewalt stärkt und erhöht den Druck auf Plattformen und Verbände, Verantwortung zu übernehmen.
Konsequente Gewaltkritik statt selektiver Empörung
Hass und Hetze im Netz sind ein reales Problem, auch für Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger. Wer aber lautstark Respekt und Schutz für die eigene Gruppe einfordert, darf nicht schweigen, wenn aus der eigenen Szene Beleidigungen, sexistische Ausfälle und Gewaltfantasien gegenüber Tierschützern, Wolfsschützerinnen oder kritischen Bürgern kommen.
Glaubwürdige Gewaltkritik beginnt vor der eigenen Haustür. Wer bei Wolfsschützern von «Hass» spricht, bei eigenen Gewaltfantasien aber von «Jägerhumor» oder «überspitzter Rhetorik» redet, verspielt jede moralische Autorität. Eine moderne, demokratisch eingebettete Wildtierpolitik braucht keine Opferlegenden, sondern Ehrlichkeit über bestehende Machtverhältnisse, Verantwortung für den eigenen Sprachgebrauch und klare Grenzen gegenüber jeder Form von Entmenschlichung, egal von welcher Seite sie kommt.






