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Jagd

Kinder, Jagd und Gewaltsozialisation

Kinder lernen nicht nur aus Worten, sondern vor allem aus dem, was Erwachsene vorleben. Wer Kinder in die Hobby-Jagd hineinzieht, vermittelt ihnen deshalb weit mehr als «Naturnähe». Er prägt ihr Bild von Leben, Tod und Mitgefühl.

Redaktion Wild beim Wild — 14. Dezember 2025

Ein Kind, das mit auf den Hochsitz genommen wird, sieht: Da ist ein lebendes Tier, neugierig, aufmerksam, nichts von Natur aus «Böses».

Im nächsten Moment fällt ein Schuss, das Tier bricht zusammen, die Erwachsenen nicken zufrieden, beglückwünschen sich, machen vielleicht noch ein Foto. Für das Kind ist die Botschaft klar: Es ist in Ordnung, wehrlose Tiere zu töten, solange eine Autorität sagt, dass es richtig ist.

Wer sich freiwillig und mit Freude an einer Tätigkeit beteiligt, bei der wehrlose Tiere getötet werden, zeigt mindestens eine hohe Bereitschaft, tierisches Leiden moralisch zu relativieren. Die Hobby-Jagd ist eine Praxis, die Menschen beibringt, Gewalt gegen Tiere zu normalisieren und oft sogar positiv zu bewerten. Ohne eine gewisse Abstumpfung gegenüber Leid könnten die meisten Menschen die Hobby-Jagd nicht über längere Zeit ausüben.

Hobby-Jäger betonen gerne, wie sehr sie die Natur lieben. Doch was man liebt, tötet man nicht. In der Psychologie spricht man von kognitiver Dissonanz, wenn Verhalten und Selbstbild nicht zusammenpassen. Wer sich als Naturfreund sieht und gleichzeitig freiwillig Tiere erschiesst, steht genau vor diesem Konflikt und muss ihn innerlich irgendwie auflösen. Der Psychologe Leon Festinger hat beschrieben, wie Menschen Widersprüche zwischen Werten und Handlungen kaum aushalten und deshalb ihr Denken an das Verhalten anpassen. Im Kontext Jagd heisst das: Statt das Töten zu hinterfragen, wird es als «Hege», «Notwendigkeit» oder «Naturschutz» umgedeutet. Die Gewalt bleibt real, sie wird nur sprachlich entschärft.

Jagd ist nicht nur ein Hobby, sondern ein Weltbild. Es teilt die Welt in oben und unten, in Schützen und Beschossene. Wer sich selbst ganz selbstverständlich an die Spitze dieser Hierarchie setzt, tut sich leichter, das Leiden derer darunter kleinzureden.

Speziesismus, also die Abwertung anderer Tierarten gegenüber dem Menschen. ist psychologisch eng mit anderen Vorurteilen verbunden. Wer Ungleichheit zwischen Menschengruppen gutheisst, billigt oft auch eine harte, ausbeuterische Haltung gegenüber Tieren.

Studien zum Jagdtourismus und zur Trophäenjagd beschreiben, wie Jagdszenen so inszeniert werden, dass moralische Bedenken verdrängt und als «ethische Jagd» neu etikettiert werden. Wer behauptet, er töte «aus Liebe zum Wild», betreibt eine psychologische Gratwanderung. Die Gewalt wird in ein rührseliges Narrativ verpackt, bis am Ende das Opfer fast dankbar wirken soll, dass es erschossen werden durfte.

Die Hobby-Jagd wird so zu einer Schule der Abstumpfung. Blut, tote Körper, heraushängende Zungen, aufgeschlitzte Bäuche werden als «ganz normal» verkauft. Man spricht von «Aufbrechen» statt von Zerreissen, von «Strecke legen» statt von Kadavern. Die Sprache schützt die Erwachsenen, aber sie formt auch die Wahrnehmung der Kinder. Gewalt erscheint nicht mehr als etwas Schockierendes, sondern als Routine, als Brauchtum, als Anlass für Stolz.

Die Hobby-Jagd ist objektiv gewaltsam, und es gibt längst nicht-tödliche Alternativen.

Problematisch ist dabei nicht nur das einzelne Jagderlebnis, sondern die Botschaft dahinter: Empathie ist verhandelbar. Das Mitgefühl mit dem Tier wird relativiert, sobald Tradition, Hobby oder ein angeblicher «Hegeauftrag» ins Spiel kommen. Wer sich vor dem toten Reh ekelt oder traurig ist, gilt schnell als empfindlich. Kinder lernen, diese Gefühle zu unterdrücken, statt sie ernst zu nehmen.

Besonders heikel ist es, wenn Kinder selbst zum Abdrücken ermutigt werden. Der erste Fuchs, das erste Reh als «Erfolgserlebnis» markiert, verknüpft Macht über ein Lebewesen mit Anerkennung und Zugehörigkeit zur Gruppe. Dabei bräuchten Kinder genau das Gegenteil: Erwachsene, die ihnen zeigen, dass Stärke nichts mit Töten zu tun hat, sondern mit Verantwortung, Rücksicht und der Fähigkeit, Leid zu verhindern. Wer Kinder mit auf die Hobby-Jagd nimmt, bringt ihnen nicht «Naturliebe» bei, sondern gewöhnt sie daran, dass das Leiden anderer Lebewesen nebensächlich ist, solange es Tradition heisst oder rechtlich erlaubt ist. In der Jagdausbildung lernen Menschen, wie man sauber trifft. Was fehlt, ist oft die Frage, ob man überhaupt schiessen darf, wenn es Alternativen gibt.

Naturschutzpädagogik, die ihren Namen verdient, führt Kinder an Wildtiere heran, ohne sie zur Zielscheibe zu machen. Sie erklärt Konflikte und sucht Lösungen, bei denen niemand sterben muss. Wer Kinder ernst nimmt, konfrontiert sie nicht frühzeitig mit blutigen Ritualen, sondern schützt ihre natürliche Empathie.

Denn Kinder kommen nicht als Hobby-Jäger zur Welt. Sie kommen als fühlende Wesen zur Welt, die intuitiv spüren, dass der Tod eines Tieres etwas Trauriges ist. Eine Gesellschaft, die diese Intuition bewahren will, sollte sehr genau hinschauen, welche Rolle die Hobby-Jagd in der Erziehung überhaupt noch spielen darf.

Mehr dazu im Dossier: Psychologie der Jagd

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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