2. April 2026, 14:45

Geben Sie oben einen Suchbegriff ein und drücken Sie Enter, um die Suche zu starten. Drücken Sie Esc, um den Vorgang abzubrechen.

Jagd in der Schweiz: Zahlen, Systeme und Mythen

Rund 30’000 Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger sind in der Schweiz aktiv. Sie erlegen jährlich rund 76 000 Wildhuftiere sowie knapp 22’000 Beutegreifer – Rotfüchse, Dachse, Marder. Die Jagd wird dabei als Naturschutz vermarktet: als selbstloser Dienst an Wildtieren und Landschaft, als unverzichtbares Regulierungsinstrument, als Brücke zwischen Mensch und Natur.

Was bei näherer Betrachtung sichtbar wird, ist etwas anderes. Rund 65 Prozent der Jagdausübenden in der Schweiz tun das in Kantonen mit Patentjagd – Kantonen, in denen es kein dauerhaftes Revier, keine klar zugewiesene Fläche und keine institutionell verankerte Verantwortung für Lebensräume oder Wildtiere gibt. Sie bezahlen für ein zeitlich befristetes Recht, in einem weiten Gebiet Wildtiere abzuschiessen. Danach verfällt das Recht. Wer im nächsten Jahr dasselbe Patent löst, ist für denselben Lebensraum ebenso wenig verantwortlich wie im Jahr davor.

Dieses Strukturproblem ist der Kern des Jagd-Narrativs in der Schweiz: Die Mehrheit der Jagdausübenden hat keine institutionelle Grundlage für jene Verantwortung, die sie öffentlich beansprucht. Verhaltensbiologische Studien zeigen, dass Wildtiere auf Jagddruck mit chronischem Stress, Rückzug und erhöhter Reproduktionsrate reagieren – nicht mit Dankbarkeit. Populationsökologen belegen, dass Abschüsse keine stabile Bestandsregulierung erzeugen, sondern kompensatorische Dynamiken auslösen. Und der Kanton Genf zeigt seit 1974, dass Wildtiervielfalt, Biodiversität und gesellschaftliche Akzeptanz ohne Hobby-Jagd nicht abnehmen – sondern wachsen.

Dieses Dossier stellt das Jagd-Narrativ systematisch infrage. Im Zentrum stehen nicht moralische Urteile, sondern überprüfbare Fakten: Zahlen, Zuständigkeiten, Verantwortung und Wirkung. Ergänzend dazu bieten unsere kantonalen Analysen eine vertiefte Einordnung: Bern, Graubünden, Zürich und Genf usw.

Was dich hier erwartet

  • Abschaffung der strukturellen Verantwortungslosigkeit im Patentjagdsystem: Wer das Recht erhält, Wildtiere in einem grossen Gebiet zu töten, muss für dieses Gebiet auch dauerhaft Verantwortung tragen. Das bedeutet entweder die Überführung der Patentjagd in ein Reviersystem mit klarer Flächen- und Zeitverantwortung oder die schrittweise Ablösung durch professionelle Wildhüterstrukturen nach Genfer Vorbild. Mustervorstoss: Wildhüter statt Hobby-Jäger
  • Kantonale Pilotprojekte nach Genfer Modell: Kantone, die das Wildhütermodell ernsthaft prüfen wollen, brauchen bundesrechtlichen Spielraum und finanzielle Unterstützung für eine Evaluationsphase. Das Genfer Modell ist 50 Jahre alt, seine Übertragbarkeit auf andere Kantone ist keine hypothetische Frage, sondern eine planbare politische Entscheidung.
  • Transparente, ökologisch begründete Abschusskontingente: Kontingente müssen auf wissenschaftlich validierten Bestandserhebungen basieren, mit klaren ökologischen Zielwerten verknüpft sein, öffentlich zugänglich dokumentiert werden und einer unabhängigen Kontrolle unterliegen. Politisch ausgehandelte Abschusszahlen ohne biologische Grundlage sind keine Regulierung. Mustervorstoss: Transparente Jagdstatistik
  • Vollständige Kostenrechnung der Hobby-Jagd: Eine transparente Aufstellung aller direkten und indirekten Kosten des Hobby-Jagdsystems und ihr Vergleich mit den Kosten eines Wildhütermodells. Ohne diese Rechnung ist die politische Debatte um den «Wert» der Hobby-Jagd für die Gemeinschaft nicht ernsthaft führbar.
  • Entkoppelung von Naturschutz und Jagdberechtigung: Naturschutzarbeit soll als eigenständige, anerkannte und geförderte Leistung organisiert werden. Wer Natur schützen will, braucht keine Jagdberechtigung. Wer jagen will, darf sich nicht automatisch als Naturschützer legitimieren.
  • Bundesrechtlicher Rahmen für professionelles Wildtiermanagement: Das Bundesgesetz über die Jagd muss professionelles Wildtiermanagement ohne Milizjagd als gleichwertige Alternative anerkennen und Kantonen, die diesen Weg gehen, den entsprechenden rechtlichen Rahmen bieten. Was in Genf 50 Jahre funktioniert, darf bundesrechtlich nicht länger als Ausnahme behandelt werden.
  • Argumentarium: Antworten auf die häufigsten Einwände zum Thema.
  • Quicklinks: Alle relevanten Beiträge, Studien und Dossiers.

Zwei Systeme, eine Legitimation: Patentjagd und Revierjagd im Vergleich

Die Schweiz kennt zwei grundlegend verschiedene Jagdsysteme, deren Unterschied für die Beurteilung des Jagd-Narrativs zentral ist. In Revierjagd-Kantonen – darunter Zürich, Aargau, Luzern, St. Gallen, Schaffhausen, Solothurn, Thurgau, Basel-Stadt und Basel-Landschaft – sind Jagdberechtigungen an konkrete, geografisch abgegrenzte Reviere geknüpft. Wer jagt, pachtet ein bestimmtes Gebiet für mehrere Jahre und ist für diesen Lebensraum formal zuständig. Diese systemische Verknüpfung von Fläche, Zuständigkeit und zeitlicher Kontinuität schafft zumindest die formale Möglichkeit dauerhafter Verantwortung.

In Patentjagd-Kantonen – darunter Bern, Wallis, Graubünden, Waadt, Freiburg, Glarus, Jura, Neuenburg, beide Appenzell, Nidwalden, Obwalden, Schwyz, Tessin, Uri und Zug – funktioniert das System grundsätzlich anders: Das Patent erlaubt die Jagd auf dem ganzen Kantonsgebiet (ausser eidgenössischen und kantonalen Schutzgebieten), für eine beschränkte Zeit, ohne dauerhaft zugewiesenen Lebensraum. Wer ein Patent löst, hat Zugriff auf eine grosse Fläche, ohne für irgendeinen Teil davon dauerhaft verantwortlich zu sein. Nach Ablauf der Saison verfällt das Recht. Eine institutionell verankerte Lebensraumverantwortung entsteht dabei nicht.

Die Verteilung ist statistisch eindeutig: Rund 65 Prozent der Jagdausübenden in der Schweiz sind in Patentjagd-Kantonen aktiv – also in einem System ohne dauerhafte Revierverantwortung. Entscheidend ist nicht, dass Revierjagd automatisch Naturschutz bedeutet. Entscheidend ist, dass Verantwortung in der Patentjagd strukturell gar nicht möglich ist. Die öffentliche Legitimation der Hobby-Jagd als «Dienst an der Natur» beruft sich auf Verantwortung, die das System für die Mehrheit seiner Ausübenden nicht vorsieht.

Mehr dazu: BAFU: Jagd und Jagdsysteme und Jagdmythen: 12 Behauptungen, die du kritisch prüfen solltest

Frondienst oder Nutzungsrecht: Was Hobby-Jäger wirklich bekommen

Der Begriff «Frondienst» taucht in der jagdpolitischen Debatte regelmässig auf. Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger stellen ihre Tätigkeit gerne als selbstlosen Dienst an der Allgemeinheit dar, als unentgeltliche Leistung für Natur und Gesellschaft. Eine lexikalische und systemische Analyse zeigt: Der Begriff ist im Kontext der Hobby-Jagd historisch falsch verwendet und verschleiert reale Macht-, Nutzungs- und Anreizstrukturen.

Frondienst bezeichnete historisch eine unentgeltliche, verpflichtende Arbeitsleistung für die Gemeinschaft oder den Staat, ohne individuelle Gegenleistung. Der Kern des Begriffs ist Selbstlosigkeit. Im Jagdsystem der Schweiz existiert eine klare und exklusive Gegenleistung: Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger bezahlen für Patente oder Reviere und erhalten dafür ein exklusives Recht – den Zugriff auf Wildtiere inklusive Abschuss. Dieses Recht ist der zentrale Anreiz des Systems. Ohne Schussrecht gäbe es weder Jagdpatente noch Jagdpachten. Damit fällt das entscheidende Kriterium für Frondienst weg: Jagd ist kein unentgeltlicher Dienst, sondern ein vertraglich geregeltes Nutzungsrecht. Wer bezahlt, erwartet etwas im Gegenzug – und das ist klar definiert.

Besonders deutlich zeigt sich dieser Widerspruch in Patentjagd-Kantonen: Dort existiert keine dauerhafte Revierbindung, keine langfristige Flächenverantwortung und keine institutionell verankerte Lebensraumarbeit. Was bleibt, ist das Nutzungsrecht auf Zeit. Der Abschuss ist kein Nebeneffekt, sondern der Kern der Tätigkeit. Naturschutz ist messbar: Er zeigt sich in betreuten Flächen, konkreten Massnahmen, Zeiträumen und überprüfbaren Wirkungen. Organisationen der Landschaftspflege, des Schutzwaldmanagements oder der Biodiversitätsförderung arbeiten ohne Waffen, ohne Trophäenlogik und ohne Abschussquoten. Der Verweis auf «Frondienst» dient im Jagdkontext primär der moralischen Aufwertung eines Nutzungsrechts – nicht seiner sachlichen Beschreibung.

Mehr dazu: Initiative fordert «Wildhüter statt Jäger» und Psychologie der Jagd

Warum Wildtiere keine Hobby-Jäger mögen: verhaltensbiologische Evidenz

Die Aussage, Wildtiere würden von der Hobby-Jagd profitieren oder diese zumindest akzeptieren, hält einer verhaltensbiologischen Betrachtung nicht stand. In Anwesenheit von Hobby-Jägern schalten Wildtiere in einen wachsameren Verhaltensmodus – das hat Forschung bei Elchen in Kanada und Schalenwild in Europa konsistent gezeigt. «Menschen werden als Gefahr gesehen», erklärt Prof. Ilse Storch, Leiterin des Lehrstuhls Wildtierökologie und Wildtiermanagement der Universität Freiburg. Das ist keine Gewöhnung, keine Akzeptanz – es ist eine biologisch begründete Stressreaktion auf eine tödliche Bedrohung.

Unter Jagddruck passen Wildtiere ihr Raumnutzungsverhalten tiefgreifend an. Rehe und Hirsche verlassen offene Flächen und leben verstärkt im Schutz des Waldes. Aktivitätsphasen verschieben sich in die störungsarme Nacht. Diese Verdrängungseffekte führen zu schlechteren Nahrungsbedingungen, erhöhter Konzentration auf kleinerer Fläche – und damit zu mehr Verbiss an Waldbäumen, nicht weniger. Was die Jagdlobby als «Waldschutz» beschreibt, produziert also teils genau jenen Verbissdruck, den sie angeblich bekämpft: weil Drückjagden und Treibjagden Wildtiere in Panik in jene Rückzugsräume hetzen, in denen sie dann die verfügbare Vegetation unter erhöhtem Stress abfressen.

Wissenschaftliche Stressmessungen belegen, was verhaltensbiologische Studien nahelegen. Eine 14-jährige Untersuchung von Blutproben erlegten und verendeten Schalenwildes auf Kortisolkonzentration zeigt: Tiere, die vor ihrem Tod gejagt, beunruhigt oder angefahren wurden, weisen drastisch höhere Stresshormonspiegel auf als solche, die ungestört verendet sind. Bei Rotwild aus Drückjagden ist dieser Unterschied besonders deutlich messbar. Jagd ist damit aus biologischer Sicht keine neutrale Aktivität, sondern ein dauerhafter Stressor mit messbaren physiologischen Folgen. Ein zentrales Argument der Jägerschaft, Wildtiere würden sich an Jagd gewöhnen, widerspricht dem klar: Wildtiere können sich an ungefährliche Störungen habituieren, nicht jedoch an tödliche Bedrohungen, die selektiven Überlebensdruck erzeugen.

Mehr dazu: Studien über die Auswirkung der Jagd auf Wildtiere und Wildtiere, Todesangst und fehlende Betäubung

Abschuss als Regulierung: Warum das Argument biologisch nicht trägt

Eines der zentralen Rechtfertigungsargumente der Hobby-Jagd lautet, Abschüsse seien notwendig, um Wildtierbestände zu regulieren. Dieses Argument klingt intuitiv plausibel, hält jedoch einer populationsökologischen Analyse nicht stand. Der Zoologe und Ökologe Prof. Dr. Josef H. Reichholf, ehemaliger Leiter der Abteilung Wirbeltiere der Zoologischen Staatssammlung München, fasst es präzise: «Jagd reguliert nicht. Sie schafft überhöhte und unterdrückte Bestände.»

Die Begründung liegt in der kompensatorischen Populationsdynamik. Wildtierpopulationen reagieren auf Verluste nicht passiv, sondern mit biologischen Gegenmechanismen: erhöhte Reproduktionsraten, frühere Geschlechtsreife, grössere Würfe. Studien zeigen eindeutig, dass Wildschweine, Rehe und andere Wildtiere unter Jagddruck ihre Fortpflanzungsrate erhöhen – je stärker sie gejagt werden, desto mehr Nachwuchs erzeugen sie. Auf wildbeimwild.com heisst es dazu treffend: «Die Hobby-Jagd ist in ihrer derzeitigen Form kein effektives Instrument zur Bestandsregulation, sondern eine periodische Wildernte, die den Bestand häufig sogar stabilisiert oder vergrössert – mit dem Nebeneffekt, dass den Hobby-Jägern nie das Wild ausgeht.»

Hinzu kommt das Selektionsproblem: In der Praxis werden nicht zufällige Individuen entnommen, sondern bestimmte Alters- oder Geschlechtsklassen – bevorzugt die erfahrensten, sichtbaren und stärksten Tiere. Der Abschuss von Leittieren und dominanten Individuen destabilisiert Sozialstrukturen bei Hirschartigen, Wildschweinen und Füchsen. Die Folge sind ungeordnete Gruppen, vermehrte Wanderbewegungen und oft steigende statt sinkende Schäden. Biologisch betrachtet wirkt der Abschuss häufig destabilisierend, nicht regulierend. Und Regulierung setzt klare ökologische Zielwerte voraus – die in der Schweizer Jagdpraxis oft fehlen oder politisch statt biologisch definiert werden. Begriffe wie «tragbarer Bestand» oder «angepasste Wilddichte» bleiben vage und dienen häufig der nachträglichen Legitimation bereits festgelegter Abschusszahlen.

Mehr dazu: Warum die Hobby-Jagd als Populationskontrolle scheitert und Jagdmythen: 12 Behauptungen, die du kritisch prüfen solltest

76’000 Wildhuftiere: Was die Jagdstatistik 2024 wirklich zeigt

Im Jagdjahr 2023 erlegten rund 30’000 Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger in der Schweiz rund 76 000 Wildhuftiere sowie knapp 22’000 sogenannte Beutegreifer – Rotfüchse, Dachse, Baummarder und Steinmarder. Sowohl die Zahl der Jagdausübenden als auch die Zahl der erlegten Wildhuftiere ist in den letzten Jahren in etwa stabil geblieben. Das ist eine relevante Information: Stabilität ist kein Zeichen für Naturschutzwirkung, sondern für eine Nutzungspraxis, die ihren eigenen Fortbestand sicherstellt.

Im Kanton Bern – einem der grössten Patentjagd-Kantone – entspricht der aktuelle Abschusswert von 4’789 Rehen in der Saison 2024/2025 dem Tiefstwert seit Beginn der Datenerfassung. Die Anzahl gelöster Grundpatente liegt ebenfalls auf einem Tiefstwert: 2’124 Patente – was zeigt, dass weniger Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger aktiv sind, nicht dass der Druck auf Wildtierpopulationen nachgelassen hätte. Im Kanton St. Gallen – einem Revierjagd-Kanton – wurden 2024 knapp 5’000 Rehe, Hirsche, Gämsen und Wildschweine erlegt; die Jagdbehörde nennt das «dank grossem Einsatz der Jägerinnen und Jäger». Die Formulierung ist aufschlussreich: Abschüsse als Einsatz, Tiere als zu erreichendes Ziel, kein Wort über Lebensraumarbeit oder Naturschutzwirkung.

Was die Jagdstatistik also wirklich zeigt, ist die Dimension des Eingriffs: 76’000 Wildhuftiere in einem Jahr, 22’000 Beutefreifer, Tausende Einzeltiere pro Kanton. Das ist kein Randphänomen und kein «notwendiger Eingriff», der im Mass der Natur verschwindet. Es ist eine grossflächige, jährlich wiederholte Entnahme aus Wildtierpopulationen, die auf politisch festgelegten Kontingenten basiert, nicht auf ökologischen Zielwerten, die wissenschaftlich begründet und öffentlich kontrolliert werden. Was in keiner Jagdstatistik steht: wie viele Tiere dabei angeschossen und nicht sofort getötet wurden, wie viele Nachsuchen erfolglos blieben, und wie viele Tiere im Gefolge von Treibjagden auf Strassen starben.

Mehr dazu: Jagd in der Schweiz: Faktencheck, Jagdarten, Kritik und Schweiz: Statistik tödlicher Jagdunfälle

Genf: Erfolg ohne Hobby-Jagd

Der Kanton Genf hat 1974 in einer Volksabstimmung entschieden, die Milizjagd auf Säugetiere und Vögel abzuschaffen. Seither liegt das Recht, Wildtiere zu schiessen, beim Staat: Abschüsse erfolgen durch kantonal angestellte Wildhüter im Rahmen eines behördlich verantworteten Wildtiermanagements. Das Jagdverbot hindert ein paar Hundert von 500’000 Genferinnen und Genfern an der Ausübung ihres Hobbys im eigenen Kanton. Die Vorteile für die grosse Mehrheit sind nach über 50 Jahren dokumentiert.

Faunainspektor Gottlieb Dandliker beschreibt die Wirkung auf die Tierwelt: Die Vogelpopulation, die in Genf ursprünglich nur wenige Hundert Individuen umfasste, hat sich auf 30 000 Wintergäste gesteigert. Im ganzen Kanton ist ein Netzwerk unterschiedlicher Lebensräume entstanden, in dem eine Vielzahl von teils seltenen Tieren und Pflanzen Heimat gefunden hat. Eine Langzeitstudie belegt eine starke Zunahme der Biodiversität. Wildtiere nutzen Genf als Rückzugsraum aus umliegenden Jagdgebieten. Für die Bevölkerung bedeutet das häufigere, stressärmere Naturbeobachtungen und eine höhere gesellschaftliche Akzeptanz von Wildtieren im Siedlungsraum.

Das Genfer Modell widerlegt die Behauptung, eine bewaffnete Miliz sei Voraussetzung für Regulierung oder Sicherheit. Eingriffe erfolgen gezielt, nachvollziehbar und ohne Trophäen- oder Pachtlogik. Sie sind an klare Kriterien wie Schadensprävention, Verkehrssicherheit und Tierschutz geknüpft – und werden von staatlich angestelltem Fachpersonal mit Nachtsicht- und Wärmebildtechnik umgesetzt, was Fehlschüsse und Unfälle minimiert. Genf ist kein theoretischer Gegenentwurf. Es ist gelebte Praxis seit 50 Jahren – und damit das stärkste empirische Argument, das in der Schweizer Jagddebatte existiert.

Mehr dazu: Jagd im Kanton Genf: Jagdverbot, Psychologie und Gewaltwahrnehmung und Natur ohne Jagd: Jagdverbot im Kanton Genf seit 1974

Das Wildhüter-Modell: Was professionelle Strukturen bedeuten

Das Wildhütermodell nach Genfer Vorbild trennt Wildtierregulierung konsequent vom Freizeitbereich. Wildhüterinnen und Wildhüter sind staatlich angestellt, fachlich ausgebildet und gegenüber der Gemeinschaft rechenschaftspflichtig. Ihre Eingriffe sind an nachvollziehbare Kriterien gebunden – Schadensprävention, Verkehrssicherheit, Tierschutz, Biodiversitätsziele – und werden transparent dokumentiert. Das ist das Gegenteil eines Systems, in dem Abschusszahlen durch Patentverkäufe und Jagdpachten finanziert werden und damit strukturell an wirtschaftlichen Anreizen hängen.

Ein konkreter Vorschlag für einen Systemwechsel – von Kantonsparlamenten bis zur Bundesebene – ist im Mustertext für jagdkritische Vorstösse detailliert ausgearbeitet. Zentral dabei: Die Kosten des Wildtiermanagements und der Schadensprävention müssen nachvollziehbar ausgewiesen und mit der heutigen Situation – Hobby-Jagd plus Wildschadenentschädigungen plus Jagdunfall-Versicherungskosten – verglichen werden. Wer das ernst nimmt, wird feststellen, dass professionelle Strukturen nicht teurer sein müssen als das fragmentierte, schlecht kontrollierbare Milizjagd-System.

Was ein Systemwechsel nicht bedeutet: komplettes Wildtierlaissez-faire. Auch mit Wildhüterstrukturen gibt es gezielte Eingriffe dort, wo sie ökologisch und gesellschaftlich begründet sind. Was er bedeutet: dass diese Eingriffe von Fachpersonal vorgenommen werden, das keine Trophäeninteressen, keine Pachtinvestitionen zu rechtfertigen und keinen jagdkulturellen Erwartungen zu entsprechen hat. Das ist kein radikaler Bruch, sondern die logische Konsequenz einer Wildtierpolitik, die ihren eigenen Ansprüchen – Naturschutz, Tierwohl, gesellschaftliche Verantwortung – gerecht werden will.

Mehr dazu: Initiative fordert «Wildhüter statt Jäger» und Mustertexte für jagdkritische Vorstösse in Kantonsparlamenten

Was sich ändern müsste

  • Erstens: Abschaffung der strukturellen Verantwortungslosigkeit im Patentjagdsystem. Wer das Recht erhält, Wildtiere in einem grossen Gebiet zu töten, muss für dieses Gebiet auch dauerhaft Verantwortung tragen. Das bedeutet entweder die Überführung der Patentjagd in ein Reviersystem mit klarer Flächen- und Zeitverantwortung oder die schrittweise Ablösung durch professionelle Wildhüterstrukturen nach Genfer Vorbild.
  • Zweitens: Kantonale Pilotprojekte nach Genfer Modell. Kantone, die das Wildhütermodell ernsthaft prüfen wollen, brauchen bundesrechtlichen Spielraum und finanzielle Unterstützung für eine Evaluationsphase. Das Genfer Modell ist 50 Jahre alt – seine Übertragbarkeit auf andere Kantone ist keine hypothetische Frage, sondern eine planbare politische Entscheidung.
  • Drittens: Transparente, ökologisch begründete Abschusskontingente. Kontingente müssen auf wissenschaftlich validierten Bestandserhebungen basieren, mit klaren ökologischen Zielwerten verknüpft sein, öffentlich zugänglich dokumentiert werden und einer unabhängigen Kontrolle unterliegen. Politisch ausgehandelte Abschusszahlen ohne biologische Grundlage sind keine Regulierung.
  • Viertens: Vollständige Kostenrechnung der Hobby-Jagd. Eine transparente Aufstellung aller direkten und indirekten Kosten des Hobby-Jagdsystems – Wildschadenentschädigungen, Jagdunfall-Versicherungskosten, Kosten durch Jagddruck-induzierte Wildunfälle, staatliche Kontrollkosten – und ihr Vergleich mit den Kosten eines Wildhütermodells. Ohne diese Rechnung ist die politische Debatte um den «Wert» der Hobby-Jagd für die Gemeinschaft nicht ernsthaft führbar.
  • Fünftens: Entkoppelung von Naturschutz und Jagdberechtigung. Naturschutzarbeit – Biotoppflege, Amphibienschutz, Brutstättenbetreuung, Wildtiermonitoring – soll als eigenständige, anerkannte und geförderte Leistung organisiert werden. Wer Natur schützen will, braucht keine Jagdberechtigung. Wer jagen will, darf sich nicht automatisch als Naturschützer legitimieren.
  • Sechstens: Bundesrechtlicher Rahmen für professionelles Wildtiermanagement. Das Bundesgesetz über die Jagd muss professionelles Wildtiermanagement ohne Milizjagd als gleichwertige Alternative anerkennen und Kantonen, die diesen Weg gehen, den entsprechenden rechtlichen Rahmen bieten. Was in Genf 50 Jahre funktioniert, darf bundesrechtlich nicht länger als Ausnahme behandelt werden.

Argumentarium

«Hobby-Jägerinnen und ‑Jäger leisten einen unverzichtbaren Naturschutz-Frondienst.» Frondienst ist historisch unentgeltliche Pflichtarbeit ohne individuelle Gegenleistung. Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger erwerben ein exklusives, bezahltes Recht auf Abschuss von Wildtieren. Das ist ein Nutzungsrecht, kein Frondienst. Der Begriff dient der moralischen Aufwertung einer Freizeitaktivität, nicht ihrer sachlichen Beschreibung.

«Ohne Hobby-Jagd würden Wildtierbestände explodieren.» Die Populationsökologie zeigt das Gegenteil: Intensive Bejagung löst kompensatorische Reproduktionserhöhungen aus. Reichholf: «Jagd reguliert nicht. Sie schafft überhöhte und unterdrückte Bestände.» Genf hat seit 1974 keine Milizjagd – und keine explodierenden Bestände. Wildtierpopulationen regulieren sich über Nahrungsverfügbarkeit, Lebensraumkapazität, Klimabedingungen und soziale Strukturen – nicht über Abschusskontingente.

«Hobby-Patentjägerinnen und Patentjäger kennen ihren Lebensraum gut und tragen Verantwortung.» Ein zeitlich befristetes Patent ohne geografische Bindung schafft keine institutionelle Verantwortung. Wer in dieser Saison im Wallis jagt und im nächsten Jahr kein Patent löst, trägt keine rechtlich oder faktisch durchsetzbare Verantwortung für den Lebensraum. Guter Wille und informelle Kenntnisse ersetzen keine strukturelle Zuständigkeit.

«Das Genfer Modell ist nicht übertragbar – Genf ist zu klein und zu urban.» Genf ist der flächenmässig kleinste Kanton der Schweiz, grenzt an Frankreich und hat eine hohe Bevölkerungsdichte. Wenn das Wildhütermodell ausgerechnet dort seit 50 Jahren funktioniert – mit steigender Biodiversität, stabilen Wildtierpopulationen und gesellschaftlicher Akzeptanz –, dann ist «nicht übertragbar» kein inhaltliches Argument, sondern eine politische Schutzbehauptung.

«Wer Natur schützen will, muss vor Ort sein – Hobby-Jägerinnen und Jäger sind das.» Vor-Ort-Präsenz ist notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für Naturschutz. Sie wird nur dann zu Naturschutz, wenn sie an klare Ziele, überprüfbare Massnahmen und Verantwortung geknüpft ist. Das ist in der Milizjagd strukturell nicht gegeben – insbesondere nicht in der Patentjagd. Professionelle Wildhüterinnen und Wildhüter sind ebenso «vor Ort» – mit höherer Fachkompetenz, klarer Zuständigkeit und ohne Abschussinteressen.

«Die Hobby-Jagd finanziert sich selbst – ein Wildhütermodell würde den Steuerzahler belasten.» Diese Berechnung ignoriert alle externen Kosten des Hobby-Jagdsystems: Wildschadenentschädigungen, Jagdunfall-Versicherungsleistungen, staatliche Kontrollkosten, Kosten durch Verbissdruck infolge von Jagd-druck-induzierter Wildtierkonzentration. Eine ehrliche Gesamtrechnung steht aus und die Jagdlobby hat kein Interesse daran, dass sie gemacht wird.

Beiträge auf Wild beim Wild:

Verwandte Dossiers:

Unser Anspruch

Die Jagd in der Schweiz ist kein Naturschutzsystem. Sie ist ein historisch gewachsenes Nutzungsmodell, das mit Verantwortungsrhetorik operiert, wo institutionelle Verantwortung strukturell fehlt – besonders in der Patentjagd, die 65 Prozent aller Jagdausübenden umfasst. Die verhaltensbiologische Forschung zeigt, dass Wildtiere unter Jagddruck leiden. Die Populationsökologie zeigt, dass Abschüsse keine stabile Regulierung erzeugen, sondern kompensatorische Dynamiken auslösen. Der Kanton Genf zeigt seit 1974, dass Wildtiervielfalt, gesellschaftliche Akzeptanz und professionelle Regulierung ohne Milizjagd nicht ab-, sondern zunehmen.

Die Konsequenz ist logisch: Wer Gesellschaft Naturschutz will, muss ihn institutionell organisieren. Das bedeutet professionelle Zuständigkeiten, klare Ziele, transparente Kontrolle und wissenschaftliche Evaluation. Ein Systemwechsel in Richtung Wildhüterstrukturen ist keine Radikalität, sondern eine Anpassung an den Stand von Wissenschaft und Ethik und ein Gebot der Fairness gegenüber jenen, die keinen Abschuss wollen und trotzdem von einer bewaffneten Freizeitlobby als Bürde der Allgemeinheit mitgetragen werden. Dieses Dossier wird laufend aktualisiert, wenn neue Zahlen, Studien oder politische Entwicklungen es erfordern.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.