2. April 2026, 07:09

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Genf und das Jagdverbot

Seit dem 19. Mai 1974 kennt der Kanton Genf keine Milizjagd mehr. Rund zwei Drittel der Stimmenden sagten damals Ja zum von Tierschützern geforderten Verbot. Was die Jagdwelt als Schock erlebte, ist heute die wichtigste empirische Widerlegung der Kernthese der Hobby-Jagd-Lobby: Ohne Hobby-Jäger kollabiert die Natur. Das Gegenteil ist wahr. Und Genf beweist es seit 50 Jahren.

Juristisch und ökologisch ist das Genfer Modell das präziseste Argument, das die jagdkritische Bewegung hat. Kein Gedankenexperiment, keine Studie aus dem Labor, sondern gelebte Realität in einem dicht besiedelten Kanton mit 500’000 Einwohnern, internationalem Flughafen, intensiver Landwirtschaft und direkter Grenze zu Frankreich und dem Kanton Waadt, wo weiterhin intensiv gejagt wird. Wenn dieses Modell funktioniert, und es funktioniert, dann ist die Frage nicht mehr ob, sondern wann.

Was dich hier erwartet

  • Das Modell: Wildhüter statt Milizjagd: Wie Genf Wildtiere mit einem Dutzend professioneller Umwelthüter für eine Million Franken pro Jahr reguliert und warum das günstiger ist als das Milizjagd-System.
  • Was die Natur in 50 Jahren getan hat: Wie sich Wildtierpopulationen seit 1974 entwickelt haben: 30’000 Wintergäste, grösste Feldhasendichte der Schweiz, letzte Rebhuhnpopulation des Landes.
  • Tierschutz als Systemmerkmal: Warum 99,5 Prozent der geschossenen Tiere sofort tot sind, warum es keine Treibjagden gibt und was an der Grenze zu Frankreich täglich sichtbar wird.
  • Wilderei als Spiegel der Nachbarschaft: Was der Kontrast zwischen Genf und den Nachbarkantonen über zwei grundverschiedene Haltungen gegenüber Wildtieren zeigt.
  • Die politische Reaktion: Totschweigen als Strategie: Warum 90 Prozent der Genfer gegen eine Wiedereinführung der Hobby-Jagd sind und warum das Modell in der nationalen Jagdpolitik trotzdem ignoriert wird.
  • 10 Prozent ökologische Fläche als Pionierleistung: Wie Genf Lebensräume für Rebhühner, Greifvögel und Beutegreifer schafft, ohne Füchse, Marder oder Dachse zu regulieren.
  • Was sich ändern müsste: Konkrete politische Forderungen, um das Genfer Modell auf andere Kantone zu übertragen.
  • Argumentarium: Antworten auf die häufigsten Einwände gegen das Genfer Modell.
  • Quicklinks: Alle relevanten Beiträge, Dossiers und Quellen.

Das Modell: Wildhüter statt Milizjagd

Der Kanton Genf reguliert seine Wildtierpopulationen mit einem Dutzend professioneller Umwelthüter, die sich knapp drei Vollzeitstellen teilen. Die Kosten: rund 600’000 Franken pro Jahr für Personal. Hinzu kommen 250’000 Franken für Prävention und 350’000 Franken für Wildschadenvergütung, mehrheitlich verursacht durch Tauben, nicht durch Grosswild. Das Gesamtbudget für das Wildtiermanagement: rund eine Million Franken pro Jahr, was einer Tasse Kaffee pro Einwohner entspricht.

Zum Vergleich: In anderen Kantonen müssen Tausende von Hobby-Jägern mit Patentverkauf, Jagdaufsicht, Nachsuchewesen, Schadenregulierung, Abschussplanung und Verwaltungsapparat bewirtschaftet werden, und die externen Kosten durch Verbissdruck, Wildunfälle und Biodiversitätsverluste werden dabei gar nicht eingerechnet. Wildtierinspektor Gottlieb Dandliker bringt es auf den Punkt: «Das Jagdverbot für Hobby-Jäger in Genf ist die billigste Alternative für den Kanton und eindeutig auf lange Sicht finanziell tragbar.»

Mehr dazu: Initiative fordert «Wildhüter statt Jäger» und Das Wildhütermodell: Professionelles Wildtiermanagement mit Ehrenkodex

Was die Natur in 50 Jahren getan hat

Vor dem Jagdverbot 1974 waren Wildschweine im Kanton Genf von Hobby-Jägern seit Jahrzehnten vollständig ausgerottet worden. Heute leben auf einem Quadratkilometer Wald rund fünf Wildschweine, ein tiefes Niveau, das stabil bleibt und professionell kontrolliert wird. Jährlich werden rund 327 Wildschweine durch Wildhüter entnommen, wobei bevorzugt Jungtiere geschossen werden, Leitbachen und grosse Eber werden aus ethischen Gründen explizit verschont: Wenn die säugende Mutter fehlt, sterben die Kleinen, und die Rotte verliert ihre soziale Stabilität.

Der Kanton hat heute einen stabilen Huftierbestand von rund 100 Rothirschen und 330 Rehen. Die Hasendichte zählt zu den Schweizer Spitzenreitern. Genf ist einer der letzten Bastione für Wildkaninchen und Rebhühner auf Schweizer Boden. Die Zahl winternder Wasservögel hat sich seit 1974 vervielfacht: von wenigen Hundert auf 30’000 Wintergäste. Tafeln- und Reiherenten, Hauben- und Zwergtaucher, Gänsesäger und verschiedene Entenarten haben sich im Kantonsgebiet etabliert. Im Nationalpark Engadin, wo seit 100 Jahren nicht mehr gejagt wird, ist der Gämsenbestand seit 1920 konstant bei rund 1’350 Stück, und die Vegetation hat eine vollständige Artenzusammensetzung entwickelt mit einer Verdopplung der Artenvielfalt.

Mehr dazu: Studien über die Auswirkung der Jagd auf Wildtiere und Jagd und Biodiversität: Schützt Hobby-Jagd wirklich die Natur?

Tierschutz als Systemmerkmal, nicht als Behauptung

Die Wildhüter in Genf arbeiten ausschliesslich nachts, mit Lichtverstärkern und Infrarot. Das erhöht die Treffsicherheit und minimiert das Leiden: «99,5 Prozent der geschossenen Tiere sind sofort tot», sagt Dandliker. Stress für nicht abgeschossene Tiere sei «minim». Es gibt praktisch keine Fälle, in denen Tiere einen Abschuss verletzt überleben. Treibjagden, Drückjagden, Aufscheuchen von Rudeln: Das gibt es in Genf nicht.

Das Kontrastbild ist täglich sichtbar. An der Grenze zu Frankreich und zum Kanton Waadt, wo intensive Milizjagd mit Treibjagden betrieben wird, suchen Wildtiere aktiv Schutz im jagdfreien Genf. Einige schwimmen dafür über die Rhône. Dandliker berichtet: «Wir haben hier regelmässig Gruppen von Wildschweinwaisen von der französischen Jagd, die ihre Mutter verloren haben und in die Dörfer kommen.» Die Folgen des Jagddrucks auf der anderen Seite der Grenze werden auf Genfer Boden täglich sichtbar. Und sie beweisen, was auf der Genfer Seite eben nicht stattfindet.

Mehr dazu: Warum die Hobby-Jagd als Populationskontrolle scheitert und Wildtiere, Todesangst und fehlende Betäubung

Wilderei als Spiegel der Nachbarschaft

Die Nähe zu Frankreich und zum Kanton Waadt bringt Genf nicht nur Wildtiere, die Asyl suchen, sondern auch Wilderer, die ihnen nachreisen. Im Kanton Waadt wurde 2024 ein illegal geschossener Wolf gefunden, ein 32 Kilogramm schwerer männlicher Wolf, erschossen mit einer Schusswaffe, eine Woche vor dem Auffinden. Der Täter wurde nie gefasst. Gleichzeitig dokumentierte die Gruppe Wolf Schweiz rechtswidrige Abschüsse der Leittiere der Rudel Marchairuz und Risoux im Waadtländer Jura.

Psychologisch ist dieser Kontrast aufschlussreich. Auf der einen Seite der Grenze: ein System, das Leittiere schützt, weil ihre soziale Funktion für die Stabilität der Gruppe verstanden und respektiert wird. Auf der anderen Seite: ein System, das Leittiere gezielt eliminiert, weil es Populationen destabilisieren und damit die Jagdpraxis vereinfachen will. Beide Systeme sind Ausdruck einer Haltung gegenüber Wildtieren, nicht einer technischen Notwendigkeit. Genf hat diese Haltungsfrage 1974 beantwortet. Die Antwort lautet: Wildtiere sind keine Zielscheiben.

Mehr dazu: Wilderei von Wolf im Kanton Waadt und Der Wolf in der Schweiz: Fakten, Politik und die Grenzen der Jagd

Die politische Reaktion: Totschweigen als Strategie

2004 sprachen sich in einer Umfrage des Instituts Erasm knapp 90 Prozent der Genfer Bevölkerung gegen eine Wiedereinführung der Hobby-Jagd aus. 2009 scheiterte ein entsprechender Vorstoss im Kantonsrat mit 71 zu 5 Stimmen bei 6 Enthaltungen. Die Bevölkerung schätzt die jagdfreie Umgebung, weil sie Wildtiere bei Spaziergängen erleben kann. Dieser Eindruck ist wissenschaftlich bestätigt: Eine kantonale Langzeitstudie dokumentiert eine starke Zunahme der Biodiversität.

In der nationalen Jagdpolitik ist das Genfer Modell dennoch weitgehend absent. Jagdverbände, Kantonsverwaltungen und Bundesbehörden, die über neue Jagdgesetze, Wolfsregulierungen und Schutzgebietsfragen entscheiden, zitieren Genf nicht. Der Grund ist offensichtlich: Ein funktionierendes Gegenmodell macht die Behauptung, die Milizjagd sei unersetzlich, politisch unhaltbar. Also wird es ignoriert, bis jemand es beim Namen nennt. Dieses Dossier tut das.

Mehr dazu: Die Schweiz jagt, aber warum eigentlich noch? und Jäger-Lobby in der Schweiz: Wie Einfluss funktioniert

10 Prozent ökologische Fläche als Pionierleistung

Genf ist nicht nur jagdfrei, sondern auch Pionier in der Flächenpolitik: 10 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen sind ökologische Kompensationsflächen, also qualitativ hochwertige Lebensräume für Biodiversität. Davon profitieren Rebhühner, Greifvögel und Beutegreifer wie Marder und Fuchs. Füchse, Marder und Dachse werden nicht reguliert: «Greiftiere sind breit vorhanden, führen aber zu keinem Problem», so Dandliker.

Das ist der entscheidende Unterschied zum Milizjagd-System: In Genf werden keine Tiere aus Jagdinteresse entnommen, sondern ausschliesslich dort, wo es ökologisch, tierschützerisch oder sicherheitstechnisch begründet ist. Die Jagd auf Vögel im Umfeld des Flughafens ist eine Sicherheitsmassnahme, keine Freizeitaktivität. Dieser kategorische Unterschied, Eingriff als Ausnahme statt Abschuss als Regel, ist der strukturelle Kern des Genfer Modells.

Mehr dazu: Alternativen zur Jagd: Was wirklich hilft, ohne Tiere zu töten und Wildtierkorridore und Lebensraumvernetzung

Was sich ändern müsste

  • Bundesrechtliche Anerkennung des Wildhütermodells als gleichwertige Alternative: Das eidgenössische Jagdgesetz muss das professionelle Wildtiermanagement nach Genfer Vorbild als vollwertige Alternative zur Milizjagd anerkennen. Kantone, die diesen Weg wählen, dürfen nicht als Sonderfälle behandelt werden. Mustervorstoss: Jagdverbot nach Vorbild Genf
  • Kantonale Pilotprojekte mit wissenschaftlicher Evaluation: Mindestens zwei bis vier Kantone testen das Wildhütermodell in definierten Gebieten, mit transparenter Kostenkalkulation, unabhängiger Erfolgskontrolle und Vergleich zu den Ergebnissen der Milizjagd im selben Zeitraum. Mustervorstoss: Wildhüter statt Hobby-Jäger
  • Gesamtkostenrechnung für die Milizjagd: Die externen Kosten der Hobby-Jagd werden erstmals vollständig erhoben: Wildunfälle, Verwaltungsaufwand, Jagdunfälle, Biodiversitätsverluste durch blockierte Schutzgebiete, Verbissschäden durch jagdbedingte Wildtierkonzentration. Erst mit einer ehrlichen Bilanz ist ein fairer Vergleich zum Genfer Modell möglich.
  • Leittierenschutz als Standardpraxis: Die Erfahrung aus Genf zeigt, dass der gezielte Schutz von Leitbachen und dominanten Tieren Populationen stabilisiert und Wildschäden reduziert. Diese Praxis muss als Mindeststandard in allen Kantonen gelten, nicht nur in Genf.
  • Öffentlichkeitsprinzip für Jagdentscheide: Abschusszahlen, Begründungen, Fehlerquoten und Kostenabrechnungen werden in allen Kantonen öffentlich zugänglich gemacht. Das Genfer Modell funktioniert unter voller Transparenz. Was die Milizjagd zu verbergen hat, muss sie offenlegen. Mustervorstoss: Transparente Jagdstatistik

Argumentarium: Was Hobby-Jäger über Genf sagen, und was stimmt

«Genf ist zu klein und zu urban, das Modell ist nicht übertragbar.» Genf ist mit 280 Quadratkilometern tatsächlich ein kleiner Kanton. Aber er ist dicht besiedelt, hat intensiven Weinbau, direkten Grenzverkehr zu Frankreich und einen internationalen Flughafen. Wenn Wildtiermanagement ohne Milizjagd in diesem Kontext funktioniert, spricht kein strukturelles Argument dagegen, dass es in grösseren, weniger dicht besiedelten Kantonen ebenso funktionieren würde.

«In Genf gibt es trotzdem Abschüsse.» Ja. Wildhüter schiessen, wo es nötig ist. Das ist kein Widerspruch zum Jagdverbot, sondern sein Kern: professionelle Eingriffe statt bewaffnetes Freizeitvergnügen. Der Unterschied liegt nicht darin, dass nie geschossen wird, sondern darin, wer schiesst, warum, wann, mit welchem Ziel und unter welcher Kontrolle.

«Genf hat ein Problem mit Wildschweinen.» Die Zahlen widerlegen das. Jährlich rund 327 Wildschweine entnommen, stabiler Bestand, Wildschäden mit 17’830 Franken beziffert. Die Wildschäden im Kanton Genf sind vergleichbar mit denen im Kanton Schaffhausen, obwohl in Schaffhausen die Jagd erlaubt ist.

«Das Modell ist zu teuer.» Eine Million Franken pro Jahr, eine Tasse Kaffee pro Einwohner. Zum Vergleich: Die externen Kosten der Milizjagd in anderen Kantonen, Wildunfälle, Verwaltungsaufwand, Jagdunfälle, Biodiversitätsverluste durch blockierte Schutzgebiete, werden nie vollständig bilanziert. Die Ehrlichkeit bei den Kosten fehlt ausschliesslich auf Seiten der Jagdlobby.

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Der Kanton Genf ist kein Sonderfall. Er ist ein Beweis. Ein Beweis dafür, dass Wildtierpopulationen ohne bewaffnete Freizeitlobby nicht kollabieren, sondern aufblühen. Dass professionelles Wildtiermanagement billiger, tierschutzgerechter und ökologisch wirksamer ist als ein dezentralisiertes Milizjagdsystem ohne einheitliche Standards. Und dass die Bevölkerung, die täglich mit Wildtieren lebt, das weiss und schätzt.

Die eigentliche Frage ist nicht, ob das Genfer Modell funktioniert. Die Frage ist, warum es in der nationalen Jagdpolitik seit 50 Jahren systematisch ignoriert wird. Die Antwort ist keine wissenschaftliche: Sie ist eine politische. Die IG Wild beim Wild dokumentiert das Modell, seine Zahlen und seine Konsequenzen, weil eine ehrliche gesellschaftliche Debatte über die Hobby-Jagd mit Genf beginnen muss. Dieses Dossier wird laufend aktualisiert, wenn neue Studien, Zahlen oder politische Entwicklungen es erfordern.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.