Hobby-Jagd als Event: Abschuss als Freizeitprogramm
Wer in den einschlägigen Jagdmagazinen in der Schweiz blättert, findet nicht einfach Termine. Man findet eine Erzählung. Jagd wird dort als Mischung aus Brauchtum, Familienausflug, Markt, Messe und Weiterbildung inszeniert. Mit Festwirtschaft, Tombola, Kinderprogramm und «Workshops» bekommt das Töten von Wildtieren einen Rahmen, der es harmlos und selbstverständlich wirken lässt.
Auffällig ist, wie breit das Spektrum reicht: Schiesstrainings und Weitschuss-Seminare, Trophäenschauen, Pelz- und Fellmärkte, Jagdmessen, Lotto, Jagdhornfeste.
Die Hobby-Jagd wird damit nicht nur als «Handwerk» behauptet, sondern als Kulturangebot, das gesellschaftliche Akzeptanz herstellen soll.
1) Schiessen als Normalität: Training, «Instruktion» und Weitschuss
Mehrere Termine drehen sich explizit ums Schiessen: ein Instruktionskurs in der Jagd- und Sportschiessanlage Selgis (13.12.2025) und ein öffentliches Wurfscheiben-Training (28.01.2026) in derselben Anlage.
Später folgen gleich zwei Seminare in Bülach: «Jagdlicher Weitschuss» (26.03.2026) und «Fangschuss mit Kurz- und Langwaffe» (29.03.2026). Hier zeigt sich die problematische Verschiebung: Statt über Wildruhe, Lebensräume oder Konfliktprävention zu sprechen, werden Reichweite, Technik und Trefferleistung zum Kerninhalt. Bei «Weitschuss» wird die Distanz sogar als Lernziel beschrieben. Genau dort beginnt die ethische Schieflage, weil mit jeder zusätzlichen Distanz die Kontrollmöglichkeiten abnehmen und das Risiko von Fehlabschüssen und vermeidbarem Leid steigt. Der Eventrahmen verschiebt den Fokus weg vom Tier und hin zur Leistung.
2) Pelz und Fell als Attraktion: Märkte, Prämierungen, Handel
Die Kalender listen eine Reihe von Pelz- und Fellmärkten: etwa den «Traditionellen Pelzfellmarkt» in Altstätten mit Prämierung der schönsten Fuchsfelle (05.02.2026), den «Zentralschweizer Fäälimärt» in Sursee (10.02.2026), den «Glarner Pelzfellmarkt» (14.02.2026), den «Zürcher Fellmarkt» (28.02.2026), den «Pelzfellmarkt der Aargauer Jagdaufseher» (28.02.2026), den «Oberwalliser Pelzfellmarkt» (28.02.2026) und den «Fellmarkt Thusis» (14.03.2026).
Die Botschaft ist deutlich: Tiere werden zu Rohstoffen, Felle zu Sammelobjekten, der Umgang damit wird folklorisiert. Wenn Fuchsfelle prämiert werden, wird ein totes Tier zum Schönheitswettbewerb umgedeutet. Das ist nicht «Tradition», das ist Ästhetisierung von Gewalt.
3) Trophäenschauen: Jagd als Ausstellung und Statussymbol
Im Kalender stehen mehrere Trophäenformate: die kantonal bernische Trophäenausstellung in Thun (31.01.2026), die Schwyzer Trophäenschau (28.02.2026), die Trophäenschau Nidwalden (07.03.2026) sowie die Urner Trophäenschau (21.03.2026, inkl. Urner Pelzfellmarkt).
Trophäen sind keine neutralen «Daten». Sie sind symbolische Beweise eines Abschusses. Wenn sie öffentlich ausgestellt werden, wird der Tod als Leistung präsentiert. Festwirtschaft und Tombola verstärken diesen Effekt: Das Ganze wird zum Dorffest, bei dem die moralische Kernfrage, warum ein fühlendes Wildtier zum Objekt gemacht wurde, im Lärm der Geselligkeit verschwindet.
Unabhängig davon, wie Jägerinnen und Jäger Hege und Regulierung begründen, zeigt der Eventkalender eine zweite Ebene: Jagd wird als Freizeit- und Kulturangebot inszeniert.
4) Messe, Markt, «Kulturabend»: Die Hobby-Jagd als PR-Offensive
Mit der «Jagdmesse Schweiz» in Spreitenbach (08.03.2026) wird Jagd als «Treffpunkt» samt Workshops und Vorträgen beworben. Solche Messen sind mehr als Handel. Sie sind Akzeptanzmaschinen: Ausrüstung, Kulinarik, «Tradition trifft Zukunft». Was dabei oft fehlt, ist Transparenz über Abschusszahlen, Fehlabschüsse, bleihaltige Munition, Störungen in Schutzgebieten, Wildtierstress durch Hunde, Treibjagddruck oder die Rolle von Hobby-Jagd im Konflikt mit Artenschutz und Tierschutz.
5) Religion und Brauchtum: Hubertusmesse und Jagdhornfest
Eine Hubertusmesse in Schlierbach (29.12.2025) und das Eidgenössische und internationale Jagdhornbläserfest in Liestal (30.05.2026) verbinden Jagd mit Ritual und Gemeinschaft. Das kann menschlich verbindend sein, keine Frage. Nur ist es auch eine Strategie: Wer Jagd religiös oder kulturell auflädt, immunisiert sie gegen Kritik. Dann wirkt Widerspruch schnell wie ein Angriff auf «Brauchtum», obwohl es in Wahrheit um Tierleid, ökologische Wirkung und demokratische Kontrolle geht.
6) Jagd wird Familienprogramm: Kinderkonzert und „Vormittagsprogramm“
Bei der Rothirsch-Hegeschau St. Gallen (07.03.2026) wird ein Familienprogramm erwähnt, inklusive Kinderkonzert. Wenn Jagd in Kinderformate eingebettet wird, entsteht früh ein Bild: Jagd sei Naturkunde, Volksfest und Abenteuer. Die Realität ist aber auch: Jagd bedeutet Angst, Flucht, Verletzung, Tod. Kinderprogramme an jagdlichen Ausstellungen sind deshalb keine harmlose «Aufklärung», sondern Framing.
7) Lotto und «Säulischiessen»: Der Tod als Spiel
Ein Jäger-Lotto (01.01.2026) und das Säulischiessen in Wittenbach (07.02.2026), kombiniert mit Metzgete und Fleischpreis, zeigen die nächste Stufe der Banalisierung. Hier wird die Hobby-Jagd endgültig zum Spiel- und Konsumformat. Besonders beim Säulischiessen fällt die Sprache der Punkte und Treffer auf. Was auf Scheiben geübt wird, endet draussen am Tierkörper.
Was wir als Öffentlichkeit tun können
Diese Events sind öffentlich oder halböffentlich, und genau deshalb sind sie gesellschaftlich relevant. Wer die Hobby-Jagd kritisiert, muss nicht wegschauen. Man kann hinschauen und konkrete Fragen stellen, höflich, aber hartnäckig:
- Welche Standards gelten gegen Fehlabschüsse und Nachsuchen, und wie werden sie kontrolliert?
- Wie wird Tierleid in der Ausbildung realistisch thematisiert, nicht nur Technik?
- Welche Rolle spielen Pelz- und Fellmärkte heute überhaupt noch, und warum werden Felle prämiert?
- Warum werden Trophäen ausgestellt, statt die Debatte über Ethik und Notwendigkeit zu führen?
- Wo sind unabhängige Tierschutzstimmen auf Podien, nicht nur jagdnahe Referate?
Die Eventkalender zeigen: Die Hobby-Jagd arbeitet aktiv an ihrem Image. Wer Tierschutz ernst nimmt, sollte diese Bühne nicht kampflos überlassen.
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