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Jagd

Schweiz könnte sich selbst ernähren, sagt Studie

Die Aussage klingt wie eine agrarpolitische Provokation: Die Schweizer Landwirtschaft könnte die gesamte Bevölkerung ernähren, sogar ohne Importe. Genau das legt eine neue Studie nahe, an der das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), die ETH Zürich und die Gesellschaft Ökologie und Landschaft (Ö+L) beteiligt sind.

Redaktion Wild beim Wild — 16. Dezember 2025

Doch wer genauer hinschaut, merkt schnell: Dieses Szenario ist kein Plädoyer für Abschottung, sondern eine Rechenübung mit einer klaren Bedingung.

Der Hebel liegt nicht in mehr Dünger oder mehr Intensivierung, sondern in einer anderen Nutzung der Flächen. Heute konkurrieren Ackerflächen in der Schweiz stark miteinander: Entweder produzieren sie Nahrung direkt für Menschen oder sie produzieren Futter für Tiere. Und genau diese Konkurrenz steht im Zentrum der Studie.

Der Knackpunkt: Acker für Tierfutter oder Acker für Menschen?

FiBL-Forscher Raphaël Charles beschreibt im SRF-Beitrag eine «bekannte Beobachtung»: Viehzucht sowie Fleisch- und Milchproduktion verbrauchen viele Ressourcen. Daraus ergibt sich die Leitfrage, wie Land primär zur Ernährung von Menschen eingesetzt werden kann.

Das klingt abstrakt, hat aber eine sehr konkrete Konsequenz: Ein bedeutender Teil der Anbauflächen dient heute der Produktion von Futtermitteln, etwa für Rinder, Schweine oder Geflügel. Würden diese Flächen stärker auf Kulturen umgestellt, die direkt in die menschliche Ernährung gehen, könnte die Schweiz laut Studie ihre Bevölkerung ernähren. Der Preis wäre jedoch ein tieferer Konsum von Fleisch und Milchprodukten.

Wichtig ist dabei, was die Studie ausdrücklich nicht sagt: Sie stellt die Rinderhaltung auf Weiden nicht grundsätzlich infrage. Charles betont im SRF-Beitrag, die Schweiz sei ein «Land der Weiden», Rinder hätten dort ihren Platz. Kritisch wird es dort, wo auf Ackerflächen Futter für Tiere angebaut wird, statt Nahrung für Menschen.

Selbstversorgung: Was die Zahlen zeigen und was sie verdecken

In der politischen Debatte wird häufig mit dem «Selbstversorgungsgrad» argumentiert. Offiziell wird dabei zwischen Brutto und Netto unterschieden. Netto bedeutet: Es wird korrigiert, wie stark die Schweizer Produktion auf importierten Futtermitteln basiert.

Im Agrarbericht wird beispielsweise für 2022 ein Brutto-Selbstversorgungsgrad von 53 Prozent und ein Netto-Wert von 46 Prozent ausgewiesen. Das zeigt: Ein Teil der tierischen Produktion ist indirekt an Importe gekoppelt, weil Kraftfutter und Proteinträger zugekauft werden müssen.

Wie importabhängig das System bei Proteinen ist, illustriert eine ZHAW-Arbeit: Rund 70 Prozent des Proteins im Kraftfutter stamme aus Importen, vor allem Soja. Genau hier setzt die Logik des neuen Autarkie-Szenarios an: Wenn weniger Tiere mit importiertem Protein gefüttert werden und Ackerflächen weniger Futter und mehr Nahrung produzieren, verschiebt sich die Bilanz.

Direktzahlungen als Systemsignal: Wer wird belohnt?

Die Studie berührt damit einen wunden Punkt, den Charles im SRF-Beitrag offen anspricht: Das heutige System der Direktzahlungen fördere die Tierproduktion stärker als die Pflanzenproduktion.

Das ist politisch brisant, weil Direktzahlungen nicht nur Einkommen sichern, sondern auch ein Signal senden, was als «gewünschte» Produktion gilt. Wenn Politik und Markt Tierbestände hochhalten, entstehen Folgefragen, die über Landwirtschaft hinausgehen: mehr Gülle, mehr Stickstoffeinträge, mehr Druck auf Biodiversität, mehr Konfliktpotenzial mit Wildtieren und Schutzgebieten. Die Studie ist damit weniger ein Kochrezept als ein Spiegel: Sie zeigt, welche Landwirtschaft wir mit unseren Anreizen faktisch organisieren.

Was würde sich ändern? Drei Verschiebungen, die wehtun können

1) Weniger Tierprodukte, mehr Direktverzehr
Die zentrale Bedingung ist eine Anpassung der Ernährung: weniger Fleisch und Milchprodukte, mehr Getreide und Hülsenfrüchte. Laut SRF-Beitrag nennt die Studie genau solche Verschiebungen als rasch umsetzbar und zugleich vorteilhaft für Klima und Biodiversität.

2) Flächen neu priorisieren
Nicht jede Fläche ist gleich. Weiden lassen sich nicht einfach in Ackerland verwandeln. Darum ist das Szenario kein «Alles pflanzlich»-Modell, sondern ein «Acker zuerst für Menschen»-Modell. Die Frage lautet: Wofür nutzen wir die knappen ackerfähigen Böden im Mittelland?

3) Agrarpolitik neu ausrichten
Wenn Direktzahlungen und Programme stärker die pflanzliche Ernährungssicherung, Bodenfruchtbarkeit, Biodiversität und echte Ressourceneffizienz belohnen, verschiebt sich die Produktion mittelfristig. Das wäre nicht nur ein technischer Umbau, sondern auch ein kultureller.

Die unbequeme Pointe: Autarkie ist kein Naturgesetz, sondern eine Entscheidung

Der SRF-Beitrag macht deutlich: Die Studie will keine Lösung diktieren. Sie liefert Fakten, um «die Agrarpolitik von morgen zu gestalten». Genau das ist die eigentliche Nachricht. «Könnten wir?» ist in diesem Fall weniger eine Frage der Erträge, als eine Frage der Prioritäten.

Denn das heutige System produziert nicht einfach Nahrung, es produziert auch Tierbestände, Importströme, Umweltfolgen und politische Abhängigkeiten. Wenn eine Studie nun zeigt, dass eine Vollversorgung rechnerisch möglich wäre, verschiebt sich die Debatte: weg von der Angstfrage «Reicht es?» hin zur Gestaltungsfrage «Wofür nutzen wir unsere Flächen, unsere Gelder und unsere Tiere?»

Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis: Ernährungssicherheit ist nicht nur eine Zahl, sondern eine Ethik. Eine, die entscheidet, ob Landwirtschaft vor allem Tiere füttert oder Menschen ernährt.

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