14. Mai 2026, 08:59

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Pfeil und Bogen auf Wildtiere: Hobby-Jagd-Lobby fordert Rückfall ins Mittelalter

In Deutschland macht die Hobby-Jagd-Lobby Druck auf die Politik: Die seit 1977 verbotene Bogenjagd auf Wildtiere soll legalisiert werden. Die Argumente klingen modern, die Realität ist archaisch: Pfeilschüsse ohne Schockwirkung, Verletzungsraten von über 50 Prozent und Tiere, die tagelang qualvoll verenden. Es geht nicht um Tierschutz, sondern um den Kick einer kleinen, lauten Lobby.

Auf der Dortmunder Messe «Jagd & Hund» präsentiert sich der Deutsche Bogenjagd Verband (DBJV) selbstbewusst.

Präsident Jan Riedel will die Hobby-Jagd mit Pfeil und Bogen, die in Deutschland seit 1977 in freier Wildbahn verboten ist, wieder erlauben lassen. Seine Verkaufsargumente: «rasiermesserscharfe» Pfeilspitzen, eine angeblich vergleichbare Tötungswirkung wie bei der Büchse und ein «besonders intensives Naturerlebnis». Der Tod eines Tieres als Erlebnispädagogik für Erwachsene.

Was in der Debatte gerne unterschlagen wird: Riedel selbst geht in Frankreich mit dem Bogen auf die Hobby-Jagd. Der DBJV-Präsident verkauft die Methode also nicht zufällig, sondern als jemand, der das eigene Hobby gerne ohne Auslandsticket ausüben würde. Das ist keine sachliche Debatte, das ist Interessenpolitik im Tarnanzug.

Die wissenschaftliche Faktenlage: Tierleid statt Tierschutz

Die Studienlage ist eindeutig, sie wird von der Hobby-Jagd-Lobby aber konsequent ignoriert. Eine Auswertung von rund zwei Dutzend Studien aus den USA durch PETA zeigt: 54 Prozent der mit Pfeil und Bogen beschossenen Tiere werden nicht sofort getötet. Verletzte Tiere können tagelang qualvoll verenden, oft auf der Flucht, oft nicht mehr auffindbar.

Eine Studie der Universität Oklahoma dokumentierte bei einer Bogenjagd auf 22 Weisswedelhirsche, dass 50 Prozent der Tiere lediglich angeschossen und zunächst nicht aufgefunden wurden. Der Pfeil verzeiht nicht die geringste Zielungenauigkeit und führt häufig zu Durchschüssen ohne garantierte Tötungswirkung.

Auch James Brückner vom Deutschen Tierschutzbund stellt klar: «Wegen fehlender Schockwirkung steht die tödliche Wirkung eines Pfeils sogar noch deutlich hinter der einer Büchsenpatrone zurück.» Genau das ist der entscheidende Punkt, den die Bogenjagd-Lobby mit Marketingbegriffen wie «Broadheads» und «modernen Compoundbögen» übertünchen will. Ein Pfeil schneidet, er schockt nicht. Ein verletztes Reh, ein verletzter Fuchs, ein verletztes Wildschwein flieht und stirbt erst, wenn der Blutverlust irgendwann zum Kollaps führt. «Keine zehn Sekunden bis zum Tod», wie Riedel behauptet, gilt unter Laborbedingungen, nicht im Feld.

Selbst Sven Herzog, Leiter des Lehrstuhls für Wildökologie an der TU Dresden und alles andere als ein Hobby-Jagd-Kritiker, räumt im Klartext ein: «Ein schlechter Bogenschütze kann noch mehr Tierleid verursachen als ein schlechter Schütze mit Feuerwaffe und ihrer hohen Wirksamkeit.»

Das Tarnargument: «Tierschutz» als Werbespruch

Besonders zynisch wirkt die rhetorische Wendung der Hobby-Jagd-Lobby, die Bogenjagd ausgerechnet als «tierschutzkonform» zu verkaufen. Eine Methode, bei der über die Hälfte der Tiere nicht sofort tot ist, soll plötzlich besser sein als die Büchse, weil der Pfeil leiser ist und das «Naturerlebnis» intensiver. Das ist die exakt gleiche Argumentationslogik, mit der in den letzten Jahren auch andere ethisch fragwürdige Praktiken hoffähig gemacht werden sollten: Man verpackt das eigene Interesse in das Vokabular der Gegenseite.

Wer ernsthaft den Tierschutz im Sinn hätte, müsste die Frage stellen, ob die Hobby-Jagd in ihrer heutigen Form überhaupt nötig ist. Die Antwort der Wissenschaft ist seit Jahren klar: Beutegreifer wie Wolf, Luchs und Bär regulieren Wildbestände ohne menschlichen Schussapparat, kostenlos und ökologisch sinnvoll. Stattdessen will eine Lobby zurück zu Pfeil und Bogen, weil ihr die Büchse zu sauber, zu unspektakulär, zu wenig «authentisch» geworden ist. Das ist keine Modernisierung, das ist Re-Inszenierung.

Schleichende Legalisierung: Wie das Tabu fällt

Der Vorstoss in Deutschland kommt nicht aus dem Nichts. Bereits 2019 erlaubte das brandenburgische Umweltministerium eine Ausnahmegenehmigung für die Bogenjagd auf Wildschweine in Stahnsdorf und Kleinmachnow. PETA befürchtete schon damals, dass mit dem Pilotprojekt ein Präzedenzfall geschaffen werden soll, um die archaische Jagdmethode wieder bundesweit zu legalisieren. Genau dieses Muster wiederholt sich nun: Ein kleiner Türspalt wird mit «innerstädtischen Wildschweinproblemen» begründet und dann systematisch erweitert.

Auch in der Schweiz versucht der Verband Schweizer Bogenjäger seit Jahren, die Legalisierung durchzudrücken. Selbst der Verband Jagd Schweiz hat zuletzt einen Fragebogen zur Bogenjagd lanciert. Die internationale Lobby arbeitet koordiniert, der deutsche Vorstoss ist Teil einer europaweiten Strategie. In Russland wurde die Jagd mit Pfeil und Bogen 2019 freigegeben, um das «Bild als Jagdmacht» aufzuwerten. In Simbabwe wird sogar die Trophäenjagd auf Kaffernbüffel und Löwen mit Pfeil und Bogen erlaubt, prominentestes Opfer war 2015 der Löwe Cecil, der erst nach einem Tag von seinem Leiden erlöst wurde.

Die juristische Grauzone in Deutschland

Was viele nicht wissen: Auf Bundesebene gibt es in Deutschland gar kein generelles Bogenjagd-Verbot. § 19 Abs. 1 Nr. 1 des Bundesjagdgesetzes untersagt Pfeile lediglich für Schalenwild, Wölfe (seit April 2026) und Seehunde. Niederwild wie Fuchs, Hase, Waschbär oder Marderhund fällt nicht darunter. Über § 19 Abs. 2 BJagdG dürfen die Länder das Verbot ausweiten, was rund die Hälfte der Bundesländer in ihren Landesjagdgesetzen auch getan hat. In den übrigen Ländern existiert eine rechtliche Grauzone, und die Hobby-Jagd-Lobby will diese Lücke gezielt ausnutzen.

Hinzu kommt der vom DBJV propagierte «Bogenjagdschein», eine vereinsinterne Zertifizierung ohne staatliche Grundlage. Das ist kein Qualitätsmerkmal, sondern eine Selbstlegitimation jener Verbände, die ein wirtschaftliches Interesse an der Legalisierung haben.

Die argumentative Schwäche der Lobby

Riedels Behauptung, ein Pfeil sei «vergleichbar wie ein Büchsenschuss mit Bleimunition», verschiebt das Argument auf eine bemerkenswerte Ebene. Bleimunition ist seit Jahren wegen ihrer Vergiftungsgefahr für Beutegreifer wie Steinadler und Bartgeier scharf kritisiert. Wer die Bogenjagd damit rechtfertigt, dass sie nicht schlechter sei als eine ohnehin problematische Munitionsart, argumentiert auf dem niedrigsten erreichbaren Niveau. Ein medizinischer Eingriff wird ja auch nicht dadurch besser, dass er nicht schlechter ist als ein anderer schlechter Eingriff.

Auch das beliebte «Stadtjäger»-Argument verfängt nicht. Die Idee, mit Pfeilen in Wohngebieten gegen Wildschweine vorzugehen, ist nicht sicherer, sondern wälzt das Problem nur ab. Wildschweine in Siedlungen sind ein Folgeproblem ungesicherter Mülltonnen, gefütterter Tiere und nicht naturnaher Landschaftsgestaltung. Wer hier mit dem Pfeil ankommt, behandelt Symptome mit dem falschen Werkzeug.

Ein Nein muss ein Nein bleiben

Die Wiederzulassung der Bogenjagd auf Wildtiere wäre ein Rückfall in eine Zeit, in der man Wild fing, weil man es essen musste. Heute essen die meisten Hobby-Jäger ihr Wild nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Identität. Die Bogenjagd ist deshalb kein technischer Fortschritt, sondern eine kulturelle Inszenierung, in der das «authentische» Töten zum Selbstzweck wird.

Wer Wildtiere ernsthaft schützen will, beendet nicht das Verbot der Bogenjagd, sondern verschärft die Hobby-Jagd insgesamt: Verbot von Bleimunition, Stopp der Beutegreifer-Verfolgung, Stärkung professioneller Wildhut nach Genfer Modell. Stattdessen verhandelt die Politik darüber, ob Tiere künftig wieder mit Pfeilen verbluten dürfen, weil sich eine kleine Lobby ein «intensiveres Naturerlebnis» wünscht. Diese Debatte sollte mit vier Buchstaben enden: Nein.

Wolfsabschuss in Staldenried: Bund verklagt das Wallis, Darbellay poltert weiter

Anfang Mai 2026 liess der Walliser Staatsrat einen Wolf in Staldenried abschiessen. Das Bundesamt für Umwelt hält den Abschuss für rechtswidrig und reicht Klage gegen den Kanton ein. Der Verantwortliche heisst Christophe Darbellay, ist Hobby-Jäger und steht einem Departement vor, das international für Wilderei traurige Berühmtheit geniesst.

Am 3. Mai 2026 wurde in der Gemeinde Staldenried ein Wolf erlegt.

Der Walliser Staatsrat hatte den Abschuss freigegeben, nachdem das Tier innert weniger Wochen sieben Nutztiere gerissen haben soll. Die kantonale Lesart: Es handle sich um einen Einzelwolf ohne Rudelzugehörigkeit, ein Fall für die kantonale Kompetenz.

Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) sieht das anders. Aus Sicht des Bundes war das getötete Tier ein Elternteil des Nanztal-Rudels. Damit wäre die Rechtslage glasklar: Über Rudeltiere entscheidet ausschliesslich der Bund, und Abschüsse sind nur zwischen Juni und Januar zulässig. Das BAFU hat deshalb beim Walliser Staatsrat formell Beschwerde eingereicht und will den Abschuss nachträglich als rechtswidrig feststellen lassen.

Darbellays Reflex: «Oberbürokratisch»

Statt sich der Rechtsfrage zu stellen, reagiert Christophe Darbellay im «Walliser Boten» mit der gewohnten Tonlage: «Das BAFU gebärdet sich oberbürokratisch, wir aber machen Entscheide im Terrain.» Die Aussage ist mehr als nur ein rhetorischer Seitenhieb. Sie ist eine programmatische Ansage gegen den Rechtsstaat. Wenn ein Departementsvorsteher öffentlich erklärt, dass kantonale «Terrain-Entscheide» über bundesrechtlichen Vorgaben stehen, dann ist das genau jene Haltung, die im Wallis seit Jahrzehnten zur Wilderei-Hochburg geführt hat.

Der Verweis auf «Biologen vor Ort», die angeblich die Rudelzugehörigkeit verneint hätten, ändert nichts an der Tatsache, dass es in der Schweiz Zuständigkeiten gibt. Das «Konzept Wolf Schweiz» schreibt seit Jahren vor, dass Genetik und Monitoring entscheidend sind, nicht das Bauchgefühl von Hobby-Jägern, die zufällig auch im Kantonsregierungsbüro sitzen.

Der Hobby-Jäger im Regierungsamt

Christophe Darbellay ist nicht irgendein Politiker, der Akten unterschreibt. Er ist selbst aktiver Hobby-Jäger und nimmt an Wolfsjagden teil. Diese Doppelrolle ist der Skandal hinter dem Skandal: Der politisch Verantwortliche für Abschussverfügungen gegen den Wolf ist Teil genau jener Hobby-Jagd-Lobby, deren Interessen er per Verfügung durchsetzt. In jedem anderen Politikfeld würde man das Befangenheit nennen.

Darbellays öffentlich erklärtes Ziel ist die Reduktion der Walliser Rudelzahl von elf auf drei. Das ist keine wissenschaftliche Grösse, sondern ein politisches Wunschdenken. Bereits in der Periode 2025/2026 hat sein Departement 27 Wölfe töten lassen, darunter sieben Jungtiere. Der Abschuss von Staldenried fügt sich nahtlos in dieses Muster ein.

Der Kanton mit dem weltweit schlechtesten Ruf

Das Wallis hat sich seinen Ruf hart erarbeitet. Die Universität Bern dokumentierte unter Leitung von Raphaël Arlettaz, dass die Luchsdichte im Kanton bei lediglich 0.32 Tieren pro 100 km² liegt. Als wahrscheinlichste Ursache: jahrzehntelang praktizierte Wilderei. Im Migrationskorridor ins Wallis wurden 17 Luchsfallen entdeckt, drei davon noch aktiv.

Ein anonymer Mitarbeiter der Walliser Jagdverwaltung zitierte gegenüber der welschen Presse die interne Maxime: «Ein guter Luchs ist ein toter Luchs.» Heute laute die Devise nur noch: Wer einen Luchs schiesst, soll allein sein, weil die Verwaltung den Schützen nicht mehr deckt, falls ein Naturschützer ihn erwische. Im Klartext: Geändert hat sich die Vorsicht, nicht die Haltung.

Dazu kommen die dokumentierten Fälle: zwölf Hobby-Jäger im Val d’Entremont angezeigt, 26 Wildtiere illegal erlegt. Ein junger Walliser nach «Blutbad» im Entremont-Tal zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Ein Walliser Wildhüter, der Steinadler misshandelt haben soll und mehrfach wegen Tierschutzdelikten auffiel. Eine staatliche Trophäenjagd auf Steinböcke, die jährlich 650’000 Franken in die Kantonskasse spült und von Trophäenjägern aus der ganzen Welt gebucht wird. Das ist kein Einzelfallproblem, sondern eine Kultur.

Bereits 2015: Gleiches Muster, gleiche Akteure

Wer glaubt, der Fall Staldenried sei ein Ausrutscher, irrt. Schon 2015 mussten WWF Schweiz und Pro Natura im Augstbord-Gebiet juristisch einschreiten, weil der Kanton Wallis Abschussbewilligungen erteilte, ohne dass der Herdenschutz umgesetzt worden war. Bereits damals hatte der Kanton sein Wolfsmonitoring per Grossratsbeschluss eingestellt, womit er aktiv den Nachweis von Jungwölfen verhinderte. Die Methodik hat Tradition: zuerst Datenlücken schaffen, dann diese Lücken als Begründung für Abschüsse nutzen.

Groupe Loup Suisse und Pro Natura Wallis haben 2024 systematische Mängel in den Walliser Regulierungsdossiers nachgewiesen. Ihre Analyse spricht von Unregelmässigkeiten, Kriminalität und einem Bruch internationaler Verpflichtungen.

Was auf dem Spiel steht

Das BAFU droht dem Kanton keine direkte Strafe an. Es geht um das «Feststellungsinteresse», also um die nachträgliche Qualifikation des Abschusses als rechtswidrig. Sollte das Bundesgericht in letzter Instanz dem BAFU folgen, müsste das Wallis künftig deutlich strengere Hürden für Einzelabschüsse hinnehmen. Genau das fürchtet Darbellay. Sein «oberbürokratisch»-Vorwurf ist nichts anderes als ein präventiver Versuch, die Diskussion vom Recht auf die Emotion zu verlagern.

Parallel läuft gegen die Schweiz ein Untersuchungsverfahren des Europarats wegen Verletzung der Berner Konvention. Die proaktiven Walliser Rudelregulierungen sind dabei ein zentraler Vorwurf. Was Darbellay als «Rettung der Landwirtschaft» verkauft, ist völkerrechtlich angreifbar und im konkreten Fall offenbar auch bundesrechtlich.

Die Klage des BAFU ist überfällig

Der Fall Staldenried ist keine Verwaltungsstreitigkeit. Er ist das logische Resultat einer Politik, in der ein Hobby-Jäger als Staatsrat über Leben und Tod streng geschützter Tiere entscheidet, in einem Kanton, der weltweit für Wilderei bekannt ist, und in dem die Behörden seit Jahrzehnten beim Auge zudrücken Routine entwickelt haben.

Dass der Bund nun klagt, ist nicht «Bürokratie». Es ist der Mindeststandard eines Rechtsstaats, der seine internationalen Verpflichtungen ernst nimmt. Wer die Berner Konvention unterzeichnet, kann nicht jeden gerissenen Schafbestand als Freibrief für eigenmächtige Abschussbefehle nutzen. Und wer als Hobby-Jäger eine Wolfspolitik gegen den Wolf führt, sollte sich zumindest die Frage gefallen lassen, ob er das richtige Amt bekleidet.

Das BAFU hätte längst klagen müssen. Mehrfach. Und zwar genau dann, als die Walliser «Terrain-Entscheide» zur Methode wurden.

Wildschwein-Sterilisation: Wenn die Hobby-Jagd am eigenen Versagen scheitert

In Frankreich wird erneut über die Sterilisation von Wildschweinen diskutiert. «Le Chasseur Français», eines der traditionsreichsten Sprachrohre der französischen Hobby-Jagd, greift das Thema auf und verrät dabei mehr über die Krise der Hobby-Jagd, als den Autoren lieb sein dürfte. Denn die Debatte um Kontrazeption beim Schwarzwild ist nichts anderes als das Eingeständnis, dass die Hobby-Jagd das selbst geschaffene «Wildschweinproblem» nach Jahrzehnten nicht in den Griff bekommt.

Forscher der Universitat Autònoma de Barcelona haben mit dem immuno-kontrazeptiven Impfstoff GonaCon Versuche an Wildschweinen in urbanen und periurbanen Räumen durchgeführt.

Der Wirkstoff aktiviert die Bildung von Antikörpern gegen das Hormon GnRH, das Eisprung und Spermatogenese steuert. Bei den behandelten weiblichen Tieren erwies sich die Methode laut den Forschern als zuverlässig wirksam, bei jungen, vorpubertären männlichen Tieren scheint die Hemmung sogar dauerhaft. Bei älteren Tieren ist eine Auffrischimpfung nötig.

Genau diese Perspektive sorgt in jagdaffinen Medien wie «Le Chasseur Français» für hörbares Knirschen. Denn würde sich GonaCon oder ein ähnlicher Wirkstoff in der Fläche etablieren, verlöre die Hobby-Jagd ihr wichtigstes Legitimationsargument: die «notwendige Regulierung» einer angeblich ausser Kontrolle geratenen Wildschweinpopulation.

Der Bumerang der eigenen Praxis

Die unbequeme Wahrheit, die in Hobby-Jagd-Kreisen ungern ausgesprochen wird: Die explodierenden Wildschweinbestände sind zu einem erheblichen Teil hausgemacht. Eine 22-jährige Studie der Wissenschaftlerin Sabrina Servanty, veröffentlicht im «Journal of Animal Ecology», hat es schwarz auf weiss belegt. In intensiv bejagten Gebieten ist die Fruchtbarkeit der Wildschweine deutlich höher als in kaum bejagten Regionen. Bei starkem Jagddruck tritt die Geschlechtsreife früher ein, sodass bereits Frischlingsbachen trächtig werden. Der hohe demografische Beitrag der Jungtiere zur Reproduktion ist demnach «sehr wahrscheinlich eher eine Folge von hohem Jagddruck als eine spezies-spezifische Überlebensstrategie».

Dazu kommt die Kirrung. Im rheinland-pfälzischen Landkreis Altenkirchen wurden im Jagdjahr 2006/07 in einem Hegering an 22 Kirrungen sage und schreibe 780 Kilogramm Mais pro erlegter Sau ausgebracht (Quelle: Wildökologie Heute, 2012). Die Hobby-Jagd füttert also massiv an, um anschliessend zu erlegen, und beklagt sich dann über zu hohe Bestände. Eine tschechische Studie hat eindrücklich gezeigt, dass die Kirrung in Mastjahren von Eiche und Buche die Reproduktion zusätzlich anheizt, weil das natürliche Nahrungsangebot durch künstliche Zufütterung ergänzt wird.

Zahlen, die ein Versagen dokumentieren

In Frankreich wurden in der Saison 1973/74 rund 36’000 Wildschweine erlegt. In der Saison 2020/21 waren es laut «Office Français de la Biodiversité» rund 800’000 Tiere. Eine Steigerung um mehr als das Zwanzigfache, und trotzdem ist die Population grösser denn je. In Deutschland stieg die jährliche Strecke von durchschnittlich 477’000 Tieren vor zehn Jahren auf 625’000 im Jagdjahr 2020/21. Der Bestand wird auf 1,5 bis 1,7 Millionen Tiere geschätzt, rund 500’000 mehr als vor einer Dekade.

Wer angesichts solcher Zahlen weiterhin behauptet, die Hobby-Jagd «reguliere» den Wildschweinbestand, betreibt entweder Selbsttäuschung oder bewusste Irreführung. Wenn die Bestände trotz Verzehnfachung der Strecken steigen, ist die Methode offensichtlich nicht das Problem der Tiere, sondern Teil davon.

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Die Drôme als unbequemes Beispiel

Besonders peinlich für die Hobby-Jagd ist ein Befund aus dem französischen Département Drôme. Dort ist die Wildschweinpopulation unproblematisch, weil der Wolf zurückgekehrt ist. Hobby-Jäger beklagen dort, es gebe «zu wenig» Wildschweine zum Bejagen. Damit entlarvt sich die angebliche Regulationsabsicht als das, was sie ist: ein Freizeitbedürfnis. Solange genug zu schiessen da ist, herrscht in der Hobby-Jagd Zufriedenheit. Sobald Beutegreifer wie der Wolf die Arbeit der vermeintlichen «Regulatoren» kostenlos und effizient erledigen, wird die Stimmung sauer.

Was die Hobby-Jagd-Lobby gerne verschweigt

Sobald das Thema Sterilisation aufkommt, ist die Reaktion der Hobby-Jagd-Lobby reflexhaft. Zu teuer, zu aufwendig, technisch unpraktikabel, jedes Tier müsse einzeln eingefangen werden. Diese Erzählung lässt sich mit einem einzigen Blick auf die Praxis bei Stadttauben widerlegen.

In Belgien ist der Wirkstoff Nicarbazin seit 2016 unter dem Namen R-12 zugelassen und an über 100 Standorten im Einsatz, getragen von Tierschutzorganisationen wie GAIA und Vets For City Pigeons. In Italien läuft das gleiche Mittel als Ovistop seit 2002. Auch Spanien, Frankreich, Ungarn, Malta und die Niederlande setzen es ein. In der Brüsseler Gemeinde Ixelles sank die Taubenpopulation in drei Jahren um 40 Prozent. In Zaventem in nur sieben Monaten um 10 Prozent. Eine katalanische Studie von 2024 wertete bis zu acht Jahre Nicarbazin-Einsatz in 24 Städten aus, mit klar positiven Ergebnissen. Mehr Hintergründe dazu im Artikel über die Taubenverhütung statt Abschuss.

Der Aufwand pro Standort ist überschaubar. Ein automatischer Futterautomat, fünf Tage pro Woche während der Fortpflanzungssaison mit beschichtetem Mais bestücken, fertig. Die Stadt Köln budgetiert dafür gerade einmal 23’000 Euro pro Jahr. Zum Vergleich: Allein das Zürcher Schwarzwildgewöhnungsgatter in Elgg verschlang 200’000 Franken an Investitionskosten, finanziert von Steuerzahlern. Wer da von «zu teuer» redet, hat eine eigenwillige Buchführung. Mehr zu diesem fragwürdigen Projekt im Beitrag «Jagd-Süchtige erhalten Wildschweingatter im Kanton Zürich».

Orale Köder gibt es längst, auch für Wildschweine

Auch das technische Argument, beim Wildschwein sei nur die Injektion möglich, hält keinem Faktencheck stand. Bereits 2010 entwickelten Giovanna Massei und ihr Team das Boar-Operated-System (BOS), einen artspezifischen Köderspender. Ein Metallpfosten mit perforierter Bodenplatte und einem beweglichen Kegel, den nur Wildschweine mit dem Rüssel anheben können. Andere Arten kommen nicht an die Köder. In Feldversuchen wurde der Köderverzehr durch Nicht-Zielarten zu 100 Prozent verhindert, während die Wildschweine den Apparat regelmässig nutzten.

Das spanische Forschungsinstitut IREC entwickelte zudem einen speziellen Wildschweinköder, der auch für Frischlinge geeignet und hitzebeständig ist. Die EU hat zudem langjährige Erfahrung mit oralen Köder-Impfungen, und zwar im Rahmen der erfolgreichen Bekämpfungsprogramme gegen die Klassische Schweinepest bei Wildschweinen in Deutschland und Frankreich. 2025 publizierten koreanische Forscher (Choe et al.) eine Studie zu einem oralen GnRH-Impfstoff für Wildschweine, der gleichzeitig gegen Schweinepest immunisiert. Auch phagenbasierte orale Kontrazeptiva sind nach Übersichtsarbeiten des Botstiber Institute for Wildlife Fertility Control eine realistische Option.

Mit anderen Worten: Was bei der oralen Tollwutimpfung der Füchse seit Jahrzehnten funktioniert, was bei Stadttauben mit Nicarbazin in mehreren europäischen Ländern funktioniert, ist beim Wildschwein technisch ebenfalls längst möglich. Was fehlt, ist nicht die Wissenschaft, sondern der politische Wille.

Kassel zeigt das wahre Muster

Wie reflexhaft die Hobby-Jagd-Lobby gegen jede Alternative anrennt, zeigt das Beispiel Kassel. Im Sommer 2025 startete dort der Bundesverband der Wildtierhilfen ein europaweit einzigartiges Pilotprojekt zur Sterilisation von Waschbären in der heimlichen «Waschbärenhauptstadt» Deutschlands, wo Schätzungen zufolge zwischen 10’000 und 30’000 Tiere leben. Bezahlt komplett vom Verband, ohne einen Cent Steuergeld, etwa 30’000 bis 50’000 Euro Gesamtbudget. Wissenschaftlich begleitet von der Universität Bonn. Durchgeführt mit Unterstützung von zehn Tierärzten und 30 Ehrenamtlichen, darunter ausdrücklich auch Hobby-Jäger und Wildtierhelfer.

Methodisch sauber: Die Tiere werden sterilisiert, nicht kastriert. Das ist ein entscheidender Unterschied. Die Geschlechtsorgane bleiben erhalten, nur die Samen- bzw. Eileiter werden durchtrennt. So bleibt das Revierverhalten der Tiere erhalten, und ihre Plätze werden nicht von zuwandernden, fortpflanzungsfähigen Artgenossen übernommen. Populationsbiologisch raffiniert und tierschutzfachlich vorbildlich.

Was geschah? Der Hessische Landesjagdverband legte sich quer, das Regierungspräsidium stoppte das Projekt nach wenigen Wochen. Die EU-rechtlichen Bedenken der Hobby-Jagd-Lobby hat das Bundesumweltministerium inzwischen ausdrücklich entkräftet. Die Sterilisation invasiver Arten ist mit der EU-Verordnung vereinbar. Trotzdem liegt das Projekt weiter auf Eis.

Das Argument der Hobby-Jagd-Verbände? Sterilisierte Tiere richteten «weiter Schäden an». Aber dasselbe gilt für jedes Wildschwein, jeden Fuchs und jeden Marder in deutschen Wäldern. Mit derselben Logik müsste man jedes Wildtier ausrotten. Was hier in Wahrheit verteidigt wird, ist nicht das Ökosystem, sondern das Monopol der Hobby-Jagd auf den Umgang mit «Schadtieren». Eine Hobby-Jägerschaft, die jahrzehntelang nicht in der Lage war, die Waschbär-Ausbreitung zu stoppen, sperrt sich gegen jede Alternative, die ihr Versagen sichtbar machen könnte.

Der Hamburger CDU-Senat prüft trotz Kasseler Stopp ein eigenes Sterilisationsprojekt. Auch in Berlin läuft seit 2022 das Projekt «Hauptsache Waschbär e.V.» mit Vorstudien zur Sterilisation. Andere Länder sind weiter: In Finnland, Schweden und Dänemark wurde die Methode erfolgreich beim Marderhund eingesetzt. In Italien bei Nutrias. Die EU-Plattform für invasive Arten attestiert dem Vorgehen ausdrücklich, dass es übertragbar ist. Was da geht, geht auch in Deutschland.

Das Muster ist immer dasselbe. Bei Wildschwein, Waschbär, Wolf oder Fuchs greift die Hobby-Jagd-Lobby reflexartig zum Vetorecht, sobald eine Alternative zur Schiesserei sichtbar wird. Die Begründungen wechseln, das Ergebnis bleibt: Nichts darf sich ändern, was die Position der Hobby-Jagd schwächen könnte. Selbst wenn engagierte Hobby-Jäger vor Ort, wie in Kassel, mit den Tierschutzvereinen kooperieren wollen, der Verbandsapparat blockiert.

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Sterilisation als Bestandteil eines modernen Wildtiermanagements

Ehrlicherweise ist auch die Sterilisation kein Wundermittel, das von heute auf morgen wirkt. Die kontrazeptive Wirkung setzt zwar bei den einzelnen Tieren binnen Wochen ein. Eine messbare Reduktion der Population entsteht jedoch erst über mehrere Reproduktionszyklen, weil die behandelten Tiere weiterleben und nur der Nachwuchs ausbleibt. Akute Schäden im Maisfeld werden durch die Impfung von heute also erst in einigen Jahren reduziert.

Aber genau hier ist der Punkt. In urbanen und periurbanen Räumen, in denen Schiessen aus Sicherheitsgründen ohnehin verboten oder nicht verantwortbar ist, gibt es keine schnelle Alternative. Eine stochastische Modellierung für den Collserola-Naturpark bei Barcelona hat ausserdem gezeigt, dass die wirksamste Strategie eine Kombination ist: Reduktion menschlich verursachter Nahrungsquellen (also kein Mais an Kirrungen, keine offenen Mülltonnen, kein Anfüttern durch Anwohner) und Kontrazeption.

Was wirklich helfen würde

Ein ernsthaft am Tier- und Naturschutz orientierter Umgang mit Wildschweinen sähe anders aus als die heutige Praxis. Ein konsequentes Verbot der Kirrung statt der heutigen Toleranz gegenüber Massenfütterungen. Eine Rückkehr zu wirksamen Schonzeiten, damit Bachen ihre Frischlinge aufziehen können und die Sozialstrukturen der Rotten nicht durch wahllose Abschüsse zerschossen werden. Mehr Vergrämungsmassnahmen wie Duftzäune, Elektrozäune um sensible Kulturen und akustische Signalgeber. Die Akzeptanz natürlicher Beutegreifer wie Wolf und Luchs, die nachweislich regulierend wirken. Und in urbanen sowie periurbanen Räumen die orale Kontrazeption über artspezifische Köderspender, wo Treibjagden mit Schusswaffen schlicht nicht verantwortbar sind.

Dass ausgerechnet diejenigen, die seit Jahrzehnten am Status quo verdienen, sich gegen jede dieser Massnahmen sperren, ist konsequent. Es offenbart aber auch, dass es bei der Hobby-Jagd nie primär um Regulierung ging, sondern um ein subventioniertes Freizeitvergnügen, das sich hinter einem dünnen Mäntelchen aus Ökologie-Rhetorik versteckt. Die Sterilisations-Debatte zieht dieses Mäntelchen ein Stück weiter beiseite. Das Beispiel Kassel zeigt, dass selbst die nationalen Verbände bereit sind, Tierschutzprojekte zu blockieren, die ihrem Berufsstand nicht ins Konzept passen. Vielleicht ist das der eigentliche Verdienst dieser Debatte. Sie macht sichtbar, wer hier wirklich woran festhält.

10-Millionen-Schweiz: Was Wildtiere dazu sagen würden

Am 14. Juni 2026 stimmt die Schweiz über die Nachhaltigkeitsinitiative der SVP ab, doch eine Stimmgruppe wird im Abstimmungskampf wie immer überhört: die heimische Tierwelt.

Die nüchternen Zahlen lassen wenig Spielraum für Beschwichtigungen.

Jährlich verschwinden in der Schweiz rund 17,6 Quadratkilometer Boden unter Asphalt, Beton und Gebäuden. Das entspricht knapp sieben Fussballfeldern pro Tag. Die Siedlungsfläche wuchs zwischen 1985 und 2018 um 31 Prozent, die Wohnareale sogar um 61 Prozent. Gleichzeitig gingen in derselben Periode rund 1’143 Quadratkilometer Landwirtschaftsfläche verloren, also über sieben Prozent.

Die ständige Wohnbevölkerung lag Ende 2025 bei rund 9,1 Millionen Personen. Seit Einführung der Personenfreizügigkeit im Jahr 2002 ist sie um etwa 1,7 Millionen Menschen gewachsen, hauptsächlich durch Zuwanderung. Die jährliche Nettozuwanderung entspricht in starken Jahren der Einwohnerzahl einer Stadt wie Luzern.

Eingezäunte Berge bis über die Waldgrenze

Während im Tal Quadratmeter um Quadratmeter verbaut wird, verschiebt sich der Druck ins Gebirge. Dort wartet eine andere Realität: Sömmerung und Hobby-Schafhaltung haben weite Teile der Alpweiden in eingezäunte Parzellen verwandelt, vielerorts bis über die Waldgrenze hinaus. Wo Schaf- und Rinderherden weiden, ist für Gämsen, Steinböcke und Hirsche oft kaum noch Platz oder Nahrung. Krankheiten können von Nutz- auf Wildtiere überspringen.

Selbst Pro Natura, eine Organisation mit traditionell wohlwollender Haltung gegenüber der Alpwirtschaft, hält in einer Einordnung von 2024 fest: Oberhalb der Waldgrenze, wo die Mehrzahl der Schafe gesömmert wird, gibt es keinen einwachsenden Wald, den es durch Beweidung zurückzuhalten gälte. Das ökologische Hauptargument für die Bestossung mit Nutztieren entfällt damit in der Höhenstufe, in der die Konflikte mit Wildtieren am grössten sind. Das gute Gras gehört per Konvention den Nutztieren. Die Wildtiere weichen aus, in steilere Hänge, in Wälder, in Lebensräume, die für sie suboptimal sind.

Wildtierkorridore: zwei Drittel beschädigt oder unterbrochen

Was am Boden eingezäunt wird, ist in der Fläche zerschnitten. Von den überregionalen Wildtierkorridoren der Schweiz ist nur noch rund ein Drittel intakt. 16 Prozent gelten als vollständig unterbrochen. Im dicht besiedelten Mittelland beträgt die durchschnittliche Maschenweite, also die Grösse zusammenhängender Flächen, gerade noch 2,7 Quadratkilometer. Allein zwischen 2014 und 2020 hat sich diese Zerschneidung um weitere sieben Prozent verschärft. Für Arten, die saisonal wandern, von Amphibien bis zum Rothirsch, ist das eine schleichende Katastrophe.

Der Bund subventioniert diese Entwicklung aktiv mit. Im Jahr 2024 identifizierte er rund zwölf Milliarden Franken an direkten Subventionen, die der Biodiversität schaden. Verteilt auf Landwirtschaft, Verkehr, Siedlung und Energieproduktion.

Vier Prozent für die Wildtiere

Wer das Kräfteverhältnis zwischen Mensch und Natur verstehen will, muss nicht zählen. Wiegen reicht. Eine in den «Proceedings of the National Academy of Sciences» publizierte Untersuchung von Bar-On, Phillips und Milo aus dem Jahr 2018, fortgeschrieben durch Greenspoon und Kollegen 2023, zeigt ein eindeutiges Bild. Auf der gesamten Erde stellen wilde Säugetiere noch rund vier Prozent der globalen Säugetier-Biomasse. Den Rest teilen sich der Mensch mit rund 36 Prozent und seine Nutztiere mit rund 60 Prozent.

In absoluten Zahlen: Nutztiere kommen weltweit auf etwa 630 Millionen Tonnen, der Mensch auf rund 390 Millionen Tonnen, alle wilden Landsäuger zusammen auf etwa 22 Millionen Tonnen. Seit 1850 hat sich die globale Säugetier-Biomasse insgesamt vervierfacht. Nicht durch mehr Wildtiere, sondern durch mehr Vieh und mehr Menschen.

Die Schweiz ist von diesem Trend kein Sonderfall, sondern eine zugespitzte Variante. Auf engstem Raum wachsen Bevölkerung, Bautätigkeit und Nutztierbestände, während Wildtierhabitate schrumpfen, sich zerstückeln und in suboptimale Höhenlagen abgedrängt werden. Ein Verhältnis von 96 zu 4 ist keine gesunde ökologische Balance. Es ist ein Befund.

Was eine Begrenzung auf zehn Millionen bedeuten würde

Die Nachhaltigkeitsinitiative verlangt, dass die ständige Wohnbevölkerung bis 2050 zehn Millionen Menschen nicht überschreitet. Notfalls mit Massnahmen im Asylbereich, beim Familiennachzug oder durch Kündigung des Personenfreizügigkeitsabkommens mit der EU. Aus rein ökologischer Optik ist das Argument arithmetisch: weniger Menschen, weniger Druck auf Boden, Wasser und Lebensraum. Jeder nicht überbaute Quadratmeter bleibt verfügbar als Habitat, als Wasserspeicher, als Filter.

Mitte-Ständerätin Heidi Z’graggen begründete ihr angekündigtes Ja zur Initiative im April 2026 in der NZZ mit dem Befund, es sei «schon wahnsinnig, wie eng und dicht alles geworden ist». Diese Wahrnehmung teilen Wildtiere ohne Worte, aber mit täglichen Verhaltensänderungen.

Was Bundesrat und Parlament dagegenhalten

Bundesrat und Parlamentsmehrheit lehnen die Initiative ab. Sie warnen vor wirtschaftlichen Schäden, vor der Gefährdung des bilateralen Wegs mit der EU und der humanitären Tradition der Schweiz. Sie verweisen auf gezielte Massnahmen gegen die Folgen des Bevölkerungswachstums in Raumplanung, Verkehr und Bodenstrategie. Die erste SRG-Umfrage vom Mai 2026 zeigt ein Patt: 47 Prozent würden Ja stimmen.

Aus der Optik der Wildtiere ist das Stimmverhalten klar: Sie würden die Hand heben, wenn sie könnten. Die Frage ist nicht, ob sie es können. Die Frage ist, ob die Stimmberechtigten ihre Interessen mit auf den Stimmzettel nehmen.

Mehr zu Lebensraum, Selbstregulation und der Rolle des Menschen im Wildtiermanagement im Dossier Selbstregulation von Wildpopulationen.

Quellen

  • Bundeskanzlei, Erläuterungen zur Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!», admin.ch, Stand Mai 2026
  • BAFU, Boden: Das Wichtigste in Kürze, sowie BAFU, Netto null beim Bodenverbrauch
  • BFS, Arealstatistik 1985 bis 2018, sowie BFS, Siedlungsflächen
  • Pro Natura, Der Wolf und die Biodiversität auf den Schweizer Alpen, eine Einordnung, 2024
  • Pro Natura, Der Landfrass in vier Zahlen, 2023
  • Forum Biodiversität Schweiz, Bericht 2026
  • Naturschutz.ch, Wie sieht es mit der Biodiversität in der Schweiz aus, April 2026
  • SRF, Erste SRG-Umfrage zu den Abstimmungen vom 14. Juni 2026
  • NZZ, Interview mit Heidi Z’graggen zur Nachhaltigkeitsinitiative, 25. April 2026
  • EJPD, Medienmitteilung Bundesrat zur Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz», 16. März 2026

Tessin: Hobby-Jagd, Gewaltmonopol und der Faktor-4-Mythos

Im Hotel Coronado in Mendrisio versammelten sich am 9. Mai 2026 ganze 83 Delegierte aus 28 Jagdgesellschaften zur Jahrestagung der Federazione cacciatori ticinese (FCTI).

Bei rund 3000 Jagdausübenden im Kanton entspricht das einer Anwesenheitsquote von 2,7 Prozent.

Ein Verband, der für sich Identität und Tradition reklamiert, mobilisiert also nicht einmal jeden vierzigsten Hobby-Jäger zu seiner Hauptversammlung. Trotzdem setzte die FCTI an diesem Tag rhetorisch ein neues Logo, einen neuen Slogan und eine alte Erzählung in Szene. Claudio Zali, Direktor des Departements für Territorium, lieferte parallel das Eingeständnis, das den ganzen Auftritt entkleidet: Hobby-Jäger sollen künftig der «braccio armato dello Stato» werden, der bewaffnete Arm des Staates. Genau das wirft drei Fragen auf, die in Mendrisio nicht beantwortet wurden, und eine, die nicht einmal gestellt wurde.

Was Claudio Zali in Mendrisio wirklich sagte

Zali kündigte an, dass das geplante «Gruppo di supporto» künftig auch ausserhalb der Jagdzeit und mit denselben Mitteln wie die Wildhut auf Wölfe schiessen soll. Er sprach in diesem Zusammenhang offen davon, dass die Hobby-Jäger damit erneut «un po‘ il braccio armato dello Stato» seien. Er hoffe, dass sie diese Bürde übernähmen. Und er kündigte für die Wolfsregulierung «nuove regole d’ingaggio» an, also neue Einsatzregeln. Das ist nicht das Vokabular einer Hobby-Jagd, das ist polizeiliches und militärisches Vokabular, übersetzt auf eine Freizeitausübung mit Schusswaffe. Wer so spricht, beschreibt keine Tradition, sondern eine Auslagerung.

Die 365-Tage-Erzählung, die im Tessin keine Grundlage hat

Davide Corti versuchte, diesen Befund einzudämmen. Er erklärte, ein Hobby-Jäger sei heute eine Person, die sich «365 Tage im Jahr» um Territorium und Wild kümmere, sonst könne er in einem so restriktiven Regelwerk gar nicht operieren. Diese Aussage klingt nach Hege und Verantwortung. Sie hält der einfachsten juristischen Prüfung nicht stand.

Der Kanton Tessin kennt die Patentjagd, nicht die Revierjagd. Im Patentsystem gibt es keine privaten Reviere und keine Revierhalter mit Hegepflicht. Hobby-Jäger erwerben jährlich ein Patent, das ihnen während definierter Hochjagd- und Niederjagdzeiten den Abschuss bestimmter Arten erlaubt. Das war es. Eine ganzjährige territoriale Verantwortung aller Hobby-Jäger, wie Corti sie suggeriert, existiert in der Tessiner Rechtsordnung nicht. Der Lebensraum gehört dem Kanton, das Wild gehört niemandem, und das Wildtiermanagement ausserhalb der Jagdzeit liegt bei der staatlichen Wildhut.

Wer dennoch behauptet, 365 Tage im Jahr für «sein» Territorium und «seine» Wildtiere verantwortlich zu sein, beschreibt entweder eine Tätigkeit, die das Tessiner Recht nicht kennt, oder er verlagert sie in jenen Bereich, den der Strafgesetzgeber als Wilderei bezeichnet. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht. Die Rhetorik der ganzjährigen Hege ist aus der Revierjagd entliehen, wo sie ihre rechtliche Verankerung hat. Im Tessin ist sie ein Importmythos, der die Selbstbeschreibung der Hobby-Jagd aufhübschen soll, ohne durch Recht und Praxis gedeckt zu sein.

Corti spricht zugleich von «passione» als Kern der Tätigkeit und von 365-Tage-Verantwortung. Das ist ein logischer Bruch in einem einzigen Satz. Passion gehört zum Hobby, ganzjährige Verantwortung zum Beruf. Beides gleichzeitig zu reklamieren, ist Etikettenschwindel.

Wer angeblich 365 Tage im Jahr für Territorium und Wild Verantwortung trägt, sollte einmal jährlich den Weg zur Verbandsversammlung finden, um sich zu informieren und weiterzubilden. 97,3 Prozent der Tessiner Hobby-Jäger taten das nicht. Das untergräbt die Selbstbeschreibung des Berufsethos noch deutlicher als die rechtliche Lage allein.

Cortis Widerspruch in der Statistik

Corti lieferte in derselben Rede die Zahl, die seine Erzählung sprengt. Als er den Jagdschein machte, seien im Tessin rund 1600 Huftiere pro Jahr erlegt worden, heute seien es etwa 7000. Eine Vervierfachung in einer Hobby-Jäger-Generation. Corti verbindet das mit Klima und verändertem Territorium. Diese Erklärung hält keiner empirischen Prüfung stand und sie widerspricht zusätzlich der Wildbiologie zu jenen Arten, die Corti regulieren will.

Der Klima-Test, den die Hobby-Jagd-Lobby nicht macht

Wäre der Klimawandel der Haupttreiber der Tessiner Bestandsentwicklung, müssten jagdfreie Gebiete in derselben Klimazone dieselbe Dynamik zeigen. Sie zeigen sie nicht. Drei Vergleichsräume liefern den empirischen Gegenbeweis seit über hundert Jahren.

Im Schweizerischen Nationalpark herrscht seit 1914 absolutes Jagdverbot. Bestände von Rotwild, Gämse und Steinbock sind stabil, der Wald regeneriert sich, die Artenvielfalt nimmt zu.

Im italienischen Nationalpark Gran Paradiso ist die Jagd seit 1922 verboten. Der wissenschaftliche Verantwortliche Bruno Bassano fasst die Bilanz nüchtern zusammen: Man habe nie Schäden gehabt und nie Bestände reduzieren müssen.

Im Kanton Genf entschied die Bevölkerung 1974 in einer Volksabstimmung über das Jagdverbot. Heute leben dort rund 60 Hirsche und 200 bis 300 Rehe in stabiler Population. Der Hase erreicht eine der höchsten Dichten der Schweiz, die überwinternden Wasservögel haben sich verzehnfacht. Faunainspektor Gottlieb Dandliker beschreibt das Resultat als funktionierende Selbstregulation, ganz ohne Hobby-Jäger.

Diese drei Räume haben dieselben milderen Winter, dieselben Hitzesommer und dieselben Vegetationsverschiebungen erlebt wie das Tessin. Sie zeigen keinen Faktor 4. Damit ist die Klimathese als Hauptursache empirisch widerlegt. Mehr dazu im Dossier zum Genfer Modell.

Der Klimawandel schadet den Berghuftieren, statt sie zu vermehren

Hier wird das Klima-Argument zusätzlich von der wildbiologischen Seite zerlegt. Die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) hat einen Datensatz mit über 230’000 Erlegungsorten aus Graubünden für die Jahre 1991 bis 2013 ausgewertet und im Fachblatt «Ecosphere» publiziert. Die Aufenthaltsorte der drei häufigsten alpinen Huftierarten haben sich im Spätsommer und Herbst messbar in die Höhe verschoben: beim Steinbock um durchschnittlich 135 Meter, bei der Gämse um 95 Meter, beim Rothirsch um 80 Meter. Studienautor Kurt Bollmann ordnet das so ein: Auch grosse warmblütige Tierarten reagieren auf den Klimawandel, nicht nur Pflanzen, Insekten und Reptilien. Die mittlere September- und Oktobertemperatur ist im untersuchten Gebiet in zwanzig Jahren um 1,3 Grad gestiegen.

Das ist die genaue Gegenbewegung zu dem, was die FCTI suggeriert. Wenn der Klimawandel Berghuftiere in immer höhere Lagen drängt, verkleinert er deren Lebensraum. Oben hört der Berg auf. Modellrechnungen prognostizieren für alpine Spezialarten wie den Schneehasen bis 2100 einen durchschnittlichen Lebensraumverlust von rund 35 Prozent.

Beim Steinbock kommt eine zusätzliche biologische Belastung hinzu. Er ist physiologisch an Kälte angepasst, friert erst ab etwa minus 20 Grad und kommt durch sein dichtes Winterfell und seine Fettreserven schon bei moderater Wärme rasch in Hitzestress. Wildbiologen dokumentieren die Reaktion: kürzere Äsungsphasen, Verlagerung der Aktivität in die Nacht, geschwächte Abwehrkräfte. Die genetische Vielfalt des Schweizer Steinbocks ist zudem extrem schmal, weil alle heutigen Tiere auf einen Ausgangsbestand von rund 100 Individuen aus dem Gran Paradiso zurückgehen.

Bei der Gämse zeigen sich Hitzeeffekte ebenfalls. In Hitzesommern verkürzt sie die Äsungszeit zugunsten der Thermoregulation, was Körpermasse und Reproduktionskraft kostet. Die Tessiner Streckenstatistik passt zu diesem Bild: 2022 wurden 511 Gämsen erlegt, deutlich weniger als die 642 des Vorjahres. Eine Saison ist kein Trend, aber die Richtung ist konsistent mit einem Bestand unter klimatischem Druck, nicht mit einer klimabedingten Bestandsexplosion.

Die FCTI-Erzählung dreht damit die Realität auf den Kopf. Wenn der Klimawandel der Haupttreiber des Tessiner Faktor 4 wäre, müssten Steinbock und Gämse besonders zulegen. Genau diese Arten zeigen aber Stresssignale, schrumpfende Habitate und Anpassungsverhalten. Wer den Klimawandel als Erklärung für die Vervierfachung der Strecke heranzieht, ignoriert nicht nur die jagdfreien Vergleichsgebiete, er ignoriert auch das, was Wildbiologie und WSL über die Klimasensitivität der betroffenen Arten dokumentieren.

Was den Faktor 4 wirklich erklärt

Die Wildbiologie kennt das Phänomen seit Jahrzehnten unter dem Begriff der kompensatorischen Reproduktionsdynamik. Bejagung greift in stabile Sozialstrukturen ein und löst biologische Gegenreaktionen aus. Familienverbände lösen sich auf, Schmaltiere werden früher geschlechtsreif, Wurfgrössen steigen, die reproduktive Hemmung durch Leittiere fällt weg. Beim Wildschwein pflanzt sich normalerweise nur die Leitbache fort. Wird sie geschossen, reproduzieren plötzlich alle weiblichen Tiere der Rotte. Beim Fuchs dokumentieren Untersuchungen aus dem Nationalpark Bayerischer Wald rund 1,7 Welpen pro Wurf in unbejagten Gebieten gegenüber einem Vielfachen in stark bejagten Revieren.

Übertragen auf das Tessin heisst das: Hoher Jagddruck zerlegt soziale Strukturen und produziert genau jene Bestände, deren Reduktion die Hobby-Jagd anschliessend als ihre Daseinsberechtigung verkauft. Die Spirale ist selbsttragend. Je mehr geschossen wird, desto mehr muss geschossen werden.

Was die 6000 Huftiere von 2025 zeigen und was nicht

In der Saison 2025 wurden im Tessin knapp 6000 Huftiere erlegt, deutlich weniger als in den beiden Vorjahren. Der Rückgang betrifft besonders Hirsche und Wildschweine. Diese einjährige Schwankung widerlegt den Langzeittrend nicht. Sie ist konsistent mit Belastungseffekten der Schweinepestmassnahmen, mit lokalen Erschöpfungseffekten und mit witterungsbedingten Streckenschwankungen. Die Vervierfachung in einer Generation bleibt der relevante Massstab.

Wenn die «Tradition» nachts ausgeschaltet wird

Corti zitierte in Mendrisio einen alten Leitsatz der traditionellen Bergjagd: «Die Nacht gehöre den Tieren». Im selben Atemzug räumte er ein, dass der nächtliche Jagddruck auf Wildschweine wegen der Schweinepest gestiegen sei. Die Tradition wird also genau dann ausser Kraft gesetzt, wenn ein konkretes Interesse im Spiel ist. Dasselbe Muster zeigt sich beim Wolf. Geduld und Tierrespekt werden beschworen, solange es um die Aussenwahrnehmung geht. Wo ein Beutegreifer als Konkurrent um Hirsch und Reh wahrgenommen wird, fordert die FCTI pragmatisch erweiterte Tötungsbefugnisse.

Das Gewaltmonopol gehört dem Staat, nicht der Hobby-Jagd

Hier verlässt der Tessiner Vorstoss den Bereich politischer Geschmacksfragen und betritt verfassungsrechtliches Gelände. Das staatliche Gewaltmonopol ist in der Schweiz implizit über das Rechtsstaatsprinzip in Art. 5 BV und explizit über Art. 57 BV sowie die Polizeigeneralklausel in Art. 173 und 185 BV verankert. Es umfasst die Kompetenz und Pflicht, staatlichen Zwang gegenüber Personen und Sachen ausschliesslich durch staatliche Organe ausüben zu lassen. Die staatsrechtliche Lehre ist in diesem Punkt eindeutig.

Der Wolfsabschuss aufgrund einer kantonalen Abschussverfügung ist ein Hoheitsakt. Er greift in den Schutzstatus eines unter der Berner Konvention und dem Jagdgesetz geschützten Tieres ein und stützt sich auf eine staatliche Verfügung. Wer diese Verfügung vollzieht, übt staatliche Gewalt aus, nicht private Freizeitausübung.

Wenn ein Departementsvorsteher öffentlich hofft, dass Privatpersonen eine staatliche Aufgabe übernehmen mögen, beschreibt er das Eingeständnis eines strukturellen Versagens, nicht ein Modell.

Die Delegation hoheitlicher Aufgaben an Private, juristisch als Beleihung bezeichnet, ist gemäss Art. 178 Abs. 3 BV nur unter engen Voraussetzungen zulässig. Es braucht eine formelle gesetzliche Grundlage, eine klar umgrenzte Aufgabe, dienstrechtliche Bindung sowie Transparenz und Kontrolle. Dieselben Massstäbe, die in der Debatte um private Sicherheitsfirmen seit Jahren angelegt werden, gelten hier umso mehr, weil es um den staatlich verfügten Tod geschützter Tiere mit Schusswaffe geht.

Zalis Sprachwahl illustriert das Problem: Er kündigte für die Wolfsregulierung «nuove regole d’ingaggio» an, also neue Einsatzregeln. Dieser Begriff stammt aus dem Polizei- und Militärrecht. Hobby-Jäger haben aber keinen polizeilichen oder militärischen Status. Sie sind Privatpersonen mit Freizeitschein. Wenn der Staat sie aktiv mit Tötungsaufgaben betraut, die er aus Personalmangel oder politischer Bequemlichkeit nicht selbst ausführen will, höhlt er das Gewaltmonopol genau dort aus, wo es am sichtbarsten gewahrt sein müsste: bei der Anwendung tödlicher Mittel im Auftrag der öffentlichen Hand.

Zalis offen geäusserte Hoffnung, die Hobby-Jäger mögen diese Bürde «übernehmen», ist deshalb mehr als ein politisches Detail. Sie ist die Bitte einer kantonalen Verwaltung an Privatpersonen, das zu erledigen, was eigentlich Aufgabe der Wildhut wäre. Die Bürde, von der hier die Rede ist, sind Tötungseinsätze. Eine ehrliche Debatte müsste die Frage stellen, ob ein Kanton überhaupt befugt ist, Hobby-Jäger zu wildhüter-äquivalenten Tötungseinsätzen zu beauftragen, ohne dafür ein formelles Gesetz mit klarer demokratischer Legitimation zu schaffen.

Die Beutegreifer-Lücke und was sie kostet

Mitteleuropas natürliche Bestandsregulatoren wurden über Jahrhunderte ausgerottet. Wolf, Luchs und Bär kehren zurück, werden aber gleichzeitig politisch gebremst, gerade im Tessin. In der Saison 2024/2025 wurden trotz vier kantonaler Abschussverfügungen und der Möglichkeit, im Rahmen der Rudelregulierung bis zu 20 Jungtiere zu töten, lediglich sechs Wölfe erlegt. Die 22 Tessiner Wildhüter wendeten dafür rund 3100 bezahlte Arbeitsstunden auf. Steuerfinanzierter Aufwand für sechs tote Tiere, während der einzige Akteur, der Huftierbestände dauerhaft, selektiv und kostenfrei reguliert, mit immer breiteren Mitteln zurückgedrängt wird. Die ökologisch wirksame Lösung wird strukturell blockiert. Mehr dazu im Dossier-Bereich.

Zali räumte in Mendrisio selbst ein, dass die bisherigen Abschüsse durch Hobby-Jäger kaum erfolgreich waren, weil dieser Beutegreifer tagsüber schwer aufzufinden sei. Die Konsequenz ist nicht, das Modell zu hinterfragen. Sie lautet, die «Einsatzregeln» zu erweitern, die Tageszeiten auszudehnen, und die Mittel anzugleichen. Die Logik ist eindimensional: Wenn das Töten nicht klappt, muss es einfacher werden, nicht überdacht.

Was eine ehrliche Wildtierpolitik bräuchte

Eine ehrliche Reform setzt an fünf Punkten an.

Erstens braucht jede Beleihung von Hobby-Jägern für hoheitliche Tötungseinsätze eine formelle gesetzliche Grundlage mit klarer demokratischer Legitimation, nicht nur eine kantonale Verfügung und einen Ausbildungskurs.

Zweitens müssen Beutegreifer ihre ökologische Rolle übernehmen dürfen, ohne dass jede Wiederbesiedlung mit erweiterten Abschussverfügungen ausgebremst wird.

Drittens müssen Schutzgebiete und Wildruhezonen ausgebaut werden, weil Genf, Gran Paradiso und der Schweizerische Nationalpark seit Jahrzehnten beweisen, dass Selbstregulation funktioniert.

Viertens gehört Wildtiermanagement in professionelle staatliche Strukturen mit Wildbiologie und transparentem Monitoring, nicht in die Freizeitausübung von Hobby-Schützen.

Fünftens muss die Sprache entgiftet werden. «Hege», «Pflege», «Regulation» und «365 Tage im Jahr» sind Marketingbegriffe ohne wildbiologische oder rechtliche Substanz im Patentsystem. Eine ehrliche Debatte beginnt mit ehrlichen Begriffen.

Fazit

Mendrisio war kein Triumph, sondern eine Selbstdemontage in mehreren Akten. 83 von rund 3000 Hobby-Jägern erschienen, der Verband stellte ein neues Logo vor, Corti reklamierte 365 Tage Verantwortung in einem System, das diese Verantwortung weder kennt noch zulässt, und Zali erklärte offen, dass die Hobby-Jagd zum bewaffneten Arm des Staates werden soll, mit neuen Einsatzregeln und ausserhalb der Jagdzeit.

Der Faktor 4 ist kein Klimaeffekt. Die Patentjagd kennt keine Reviere. Das Gewaltmonopol gehört dem Staat. Diese drei Sätze fassen zusammen, woran die Tessiner Hobby-Jagd-Erzählung zerbricht. Die jagdfreien Gebiete der Schweiz und Italiens beweisen seit über hundert Jahren, dass Wildtiere keinen Hobby-Jäger mit Waffe brauchen, um in Balance zu bleiben. Die Bundesverfassung wiederum lässt keinen Zweifel daran, wer in diesem Land tödliche Mittel im Namen der öffentlichen Hand einsetzen darf.

Zalis offenes Eingeständnis ist deshalb mehr als rhetorische Unschärfe. Es ist eine Aufforderung an Parlament, Bevölkerung und Justiz, hinzuschauen, bevor das Modell ab September 2026 als Faktum verkauft wird, das nicht mehr verhandelbar sei.

Genfs Faunainspektor Dandliker entlarvt das Patentargument

Wenn die Hobby-Jagd-Lobby in der Schweiz ihre Existenz verteidigt, fällt früher oder später ein bestimmtes Argument: «Wir bezahlen ja Patente, wir tragen uns selbst.» Genfs Faunainspektor Gottlieb Dandliker hat dieses Argument bereits 2013 in einem Vortrag an der Universität Basel mit einem einzigen Satz zerlegt. Und zwar nicht durch Polemik, sondern durch nüchterne Verwaltungsbuchhaltung.

Dandliker, seit 2001 Faunainspektor im Kanton Genf, ist Biologe, ehemaliger Mitarbeiter mehrerer Naturschutz-NGOs, kein Aktivist. Sein Befund nach vier Jahrzehnten Jagdverbot ist sachlich und bemerkenswert.

Insgesamt müsse der Kanton 1,2 Millionen Franken pro Jahr für das Wildtiermanagement aufbringen, das entspreche einer Tasse Kaffee pro Einwohnerin pro Jahr oder einer Subvention der Landwirtschaft von 3 Prozent. Im Vergleich dazu würde die Fischerei wesentlich mehr kosten, obwohl da Lizenzen verkauft werden.

Und an anderer Stelle: Die Organisation einer Patentjagd würde mehr als die Schwarzwildregulation kosten.

Diese beiden Sätze sind ein Hammer, weil sie das zentrale Verteidigungsargument der Hobby-Jagd in zwei Schritten ausser Kraft setzen.

Schritt eins: Patente decken die Kosten nicht

Die Vorstellung, Hobby-Jäger und Hobby-Fischer würden ihr Hobby «selbst finanzieren», beruht auf einer simplen Verwechslung. Patente decken einen Bruchteil der Verwaltungs-, Aufsichts-, Schadens- und Folgekosten. Sie sind eine Gebühr für die Erlaubnis, kein Vollkostenbeitrag.

Dandliker zeigt das am Beispiel der Genfer Fischerei. Sie verkauft Lizenzen, dennoch ist sie für den Kanton teurer als das Genfer Modell ohne Hobby-Jagd. Warum? Weil eine durch Patente bewirtschaftete Hobby-Tätigkeit Aufsicht, Bestandsmanagement, Besatzmassnahmen, Hege, Konfliktlösung, Datenerhebung und administrative Apparate erfordert, deren Kosten regelmässig die Patenteinnahmen übersteigen. Was der Kanton bei den Lizenzen einnimmt, gibt er beim Personal, bei Schadensregulierung und bei Bestandsstützung wieder aus, plus ein deutliches Minus.

Schritt zwei: Eine Patentjagd wäre teurer als das aktuelle Genfer Modell

Der zweite Satz ist noch entscheidender. Dandliker sagt klipp und klar: Würde Genf seine Wildschweinregulation in eine reguläre Patentjagd überführen, wie sie in den meisten anderen Kantonen üblich ist, würde das den Kanton mehr kosten, nicht weniger. Trotz Patenteinnahmen.

Der Grund liegt in der Struktur: Eine Patentjagd erfordert Verwaltungsarbeit (Pachtvergaben, Reviereinteilungen, Wildschadenkommissionen, Streitschlichtung), Schulung und Prüfungswesen, Wildschadenvergütungen mit nur teilweiser Beteiligung der Hobby-Jäger, intensive Kontrolle der Hobby-Jäger durch staatliche Wildhüter, Konfliktmanagement zwischen Pachtgesellschaften, Förstern und Landwirten. Würden wieder zweifelhafte Amateure im Wildtiermanagement tätig, wären die Kosten auch nicht tiefer, da sie ja wie in den anderen Kantonen intensiv betreut und kontrolliert werden müssten.

Mit anderen Worten: Hobby-Jäger sind im Behördenhaushalt nicht der Entlastungsfaktor, als der sie sich gerne darstellen. Sie sind der Kostentreiber.

Warum das auch die Fischerei betrifft

Das Patentargument ist in der Hobby-Fischerei genauso wackelig wie in der Hobby-Jagd. Kantone betreiben aufwendige Bestandserhebungen, Fischzuchten und Besatzmassnahmen, finanzieren Renaturierungsprojekte, Wanderhilfen, Wassertemperaturmonitoring, Krankheitskontrollen wie zur PKD und kümmern sich um Konflikte zwischen Sportfischerei und Naturschutz. Auch hier gilt Dandlikers nüchterne Bilanz: Die Lizenzeinnahmen decken die Verwaltungs- und Folgekosten regelmässig nicht. Der Steuerzahler subventioniert ein Hobby, das sich als Selbstfinanzierer präsentiert.

Hinzu kommen ökologische Folgekosten, die selten benannt werden. Besatzfische, oft aus Zuchtanlagen, schwächen die genetische Vielfalt der Wildpopulationen, was wiederum staatliche Renaturierungsprogramme nötig macht. Bleihaltige Fischereigewichte belasten Gewässer und Vögel und führen zu Sanierungskosten in geschützten Gebieten. Die Fischerei-Lobby reklamiert Ausnahmen vom Kormoranschutz und beim Fischotter, was wieder staatliche Verwaltung, Studien und Konfliktmanagement erfordert.

Das Muster ist immer dasselbe

Wer einmal angefangen hat, Hobbys über Patente zu administrieren, kommt aus der Subventionsspirale nicht mehr heraus. Die Patenteinnahmen wirken nach aussen wie eine Selbstfinanzierung, decken aber im Innenverhältnis nur einen Bruchteil der echten Vollkosten. Die Differenz trägt die Allgemeinheit, immer.

Genf hat aus dieser Erkenntnis eine ungewöhnliche Konsequenz gezogen. Bei der Hobby-Jagd hat der Kanton 1974 die Reissleine gezogen. Die Bevölkerung hat per Volksentscheid das Jagdverbot beschlossen. Die Fischerei hingegen läuft weiter im klassischen Patentmodell, mit den von Dandliker offen benannten Folgen: Sie kostet den Kanton mehr, als sie einbringt.

Wer ehrlich abrechnet, kommt zu einem klaren Schluss: Das Patentmodell rechnet sich für den Staat in keinem Bereich, in dem ökologische Folgekosten, Aufsicht, Schadensregulierung und Bestandsmanagement anfallen. Genf hat bei der Hobby-Jagd die billigere Variante gewählt: keine Patentvergabe, eine kleine professionelle Wildhut, Schadensprävention und Schadensregulierung in staatlicher Hand. Dandliker sieht die momentane Methode als die billigste Alternative für den Kanton und unkompliziert auf lange Sicht finanziell tragbar.

Was das für die nationale Debatte bedeutet

Wenn Hobby-Jagd-Verbände in der Schweiz künftig wieder mit dem Patentargument operieren, sollte die Antwort schlicht sein: «Das stimmt nicht», und es weiss seit über einem Jahrzehnt jeder Faunainspektor, der ehrlich rechnet. Patente decken die Kosten nicht. Sie sind ein Imageinstrument, kein Finanzierungsmodell.

Drei Konsequenzen folgen daraus.

Erstens: Vollkostenrechnung. Jeder Kanton sollte verpflichtet sein, einmal jährlich die Vollkosten der Hobby-Jagd offenzulegen. Patenteinnahmen, Pachtzinsen, Patentgebühren der Hobby-Fischerei stehen dabei den Verwaltungs-, Wildhüter-, Schadens-, Schutzwald-, Verkehrsschadens- und Beutegreifer-Regulierungskosten gegenüber. Diese Bilanz muss öffentlich sein.

Zweitens: Verursacherprinzip. Wo die Hobby-Jagd nachweislich Folgekosten produziert, etwa durch Bestände, die sie über Jahrzehnte aufgebaut hat, oder durch politische Blockaden gegen Beutegreifer, müssen die Verbände anteilig zur Kasse gebeten werden, nicht der allgemeine Steuerhaushalt.

Drittens: Modellwechsel als Option. Genf zeigt seit 1974, dass eine professionelle staatliche Wildhut ohne Hobby-Jagd günstiger sein kann als das klassische Patentmodell. Diese Erkenntnis verdient eine ernsthafte politische Debatte, nicht das reflexhafte Abwiegeln der Verbände.

Fazit

Dandlikers nüchterner Vergleich zwischen Genfer Hobby-Jagd-Modell und Genfer Fischerei ist eines der wirksamsten Argumente in der ganzen Debatte, gerade weil es so unaufgeregt formuliert ist. Patente sind keine Selbstfinanzierung, sie sind eine Gebühr. Die Vollkostenrechnung trägt der Kanton, also der Steuerzahler. Eine Hobby-Tätigkeit, die staatliche Aufsicht, Schadensregulierung und Bestandsmanagement nach sich zieht, kann durch Patente nie kostendeckend werden, weil die Logik dieser Hobbys gerade darauf beruht, dass die Allgemeinheit für die Folgen aufkommt.

Wer also das nächste Mal hört, die Hobby-Jagd «zahle sich ja selbst», kann ruhig auf Genf verweisen. Dort hat ein Faunainspektor mit vier Jahrzehnten Erfahrung diesen Mythos längst beerdigt. Es wäre an der Zeit, dass die übrige Schweiz hinhört.

Was die Hobby-Jagd den Steuerzahler kostet: eine Rechnung, die niemand offen vorlegt

Wer bezahlt eigentlich für die Folgen der Hobby-Jagd? Die nüchterne Antwort lautet: die Allgemeinheit. Und zwar in einer Grössenordnung, die in der öffentlichen Debatte fast nie auf den Tisch kommt. Wenn die Verbände von «Tradition» und «Hege» sprechen, sprechen sie nie von der Rechnung, die unten am Tisch liegt. Diese Rechnung soll hier offen ausgebreitet werden.

Rund die Hälfte des Schweizer Waldes erfüllt eine Schutzfunktion, das sind etwa 6000 Quadratkilometer.

Bund, Kantone und Nutzniesser stellen für die Schutzwaldpflege jährlich rund 150 Millionen Franken zur Verfügung. Allein der Bund trägt 40 Prozent dieser Kosten, also knapp 60 Millionen Franken pro Jahr. Im Wallis und im Tessin gelten knapp 90 Prozent der Wälder als Schutzwald.

Diese Mittel sind grundsätzlich sinnvoll. Schutzwald verhindert Lawinen, Steinschlag und Murgänge und ist zehnmal günstiger als technische Verbauungen. Doch ein erheblicher Teil dieser Kosten ist nicht naturgegeben, sondern eine Folge des Systems, das jahrzehntelang künstlich überhöhte Huftierbestände produziert hat.

Wenn Wildverbiss zum Milliardenrisiko wird

Die offizielle Datenlage ist eindeutig. Der Anteil an Schutzwald mit sehr wenig Verjüngung hat in den letzten zehn Jahren zugenommen und liegt inzwischen bei 30 Prozent der Schutzwaldfläche, in den Alpen bei 34 Prozent, auf der Alpensüdseite sogar bei 41 Prozent. Als Hauptursache nennt der Bund «unverändert hohen Verbiss der Jungbäume durch Rehe, Hirsche und Gämsen». Genau jene Bestände also, die die Hobby-Jagd zu regulieren behauptet und gleichzeitig massgeblich produziert.

Die finanziellen Folgen sind enorm. Ein einziges Fallbeispiel aus dem Bündner Disentis (Runfoppa) zeigt, dass zur Sicherung der Schutzwirkung in einem überschaubaren Gebiet bereits Investitionen von rund 180’000 Franken in Wildschaden-Verhütungsmassnahmen erforderlich sind. Hochgerechnet auf alle betroffenen Schutzwälder reden wir von zweistelligen, perspektivisch dreistelligen Millionenbeträgen. Der Bündner Wald droht in eine Entwicklung zu geraten, in der ohne Gegensteuern Milliardenkosten für Schutzbauten entstehen könnten.

Wildschadenvergütungen aus der Staatskasse

Hinzu kommen die direkten Wildschadenvergütungen. Im kleinen Kanton Thurgau allein beliefen sich die jährlichen Ausgaben für Wildschäden an Wald und landwirtschaftlichen Kulturen in den letzten fünf Jahren im Durchschnitt auf rund 432’000 Franken, 2023 auf knapp 440’000 Franken. Hochgerechnet auf alle 26 Kantone reden wir von zweistelligen Millionenbeträgen pro Jahr, die Bauern, Waldbesitzer und letztlich der Steuerzahler tragen.

Die Hobby-Jäger beteiligen sich daran symbolisch. Im Thurgau steuern Jagdgesellschaften 15 Prozent der Schäden bei Hirschen, Wildschweinen und Dachsen bei. Im Aargau ist die Beteiligung der Jagdvereine auf maximal 25 Prozent ihres Pachtzinses gedeckelt. Den Rest übernimmt der Kanton, also die Allgemeinheit.

25 Millionen Franken Sachschaden durch Wildunfälle

Die Hobby-Jagd verteidigt das künstlich überhöhte Wildbestandsniveau auch mit dem Argument der «Bestandsregulation». Die Statistik zeigt das Gegenteil. In der Schweiz kollidiert durchschnittlich jede Stunde ein Auto mit einem Reh. Daraus ergeben sich pro Jahr 20 000 verunfallte Tiere im Strassenverkehr. Dabei werden 60 Personen verletzt, der Sachschaden beläuft sich auf 25 Millionen Franken. Die Versicherungen zahlen, die Prämien zahlen alle.

Wildhüter im Dauereinsatz, finanziert von allen

Das Tessiner Beispiel führt vor Augen, wie viel staatliche Arbeit anfällt, sobald die Hobby-Jagd ihre angebliche Kernaufgabe nicht mehr erfüllt. Die 22 Tessiner Wildhüter wendeten 1200 Stunden für Einzelabschüsse von Wölfen und weitere 1’900 Stunden zwischen September und Januar für die Rudelregulierung auf. Nur sechs Wölfe wurden am Ende erlegt, trotz vier kantonaler Abschussverfügungen und der Erlaubnis, bis zu 20 Jungtiere zu töten. 3’100 Stunden bezahlte staatliche Arbeitszeit für sechs tote Beutegreifer. Bei einem realistischen Vollkostensatz für Wildhüter von rund 100 Franken pro Stunde ergibt das gegen 310’000 Franken Steuergeld, allein für diese Wolfsregulierung in einem einzigen Kanton in einer einzigen Saison.

Diese Zahlen sind bemerkenswert, weil die Hobby-Jäger selbst die Wölfe nicht erlegen. Hobby-Jäger-Verbandspräsident Davide Corti sagt offen, der gewöhnliche Hobby-Jäger könne nicht die Lösung des «Wolfsproblems» sein. Übersetzt heisst das: Die staatliche Wildhut wird zum Reparaturbetrieb für ein System, das die Hobby-Jagd selbst destabilisiert hat, indem sie über Jahrzehnte natürliche Beutegreifer politisch bekämpfte.

Was die Hobby-Jagd dem Staat einbringt: beinahe nichts

Dem stehen die Einnahmen aus dem Hobby-Jagd-System gegenüber. Patentgebühren, Pachtzinsen und Bewirtschaftungsbeiträge der Jagdgesellschaften sind in absoluten Zahlen marginal. Sie decken in keinem Kanton die direkten und indirekten Folgekosten. Die Jagdgesellschaften beteiligen sich an Wildschäden in einstelligen Prozentbereichen, an Schutzwaldkosten praktisch gar nicht, an den Verkehrsschäden überhaupt nicht. Die Hobby-Jagd ist ein Nettoempfänger von öffentlicher Subvention, nicht der zahlende Partner, als der sie sich gerne darstellt.

Hinzu kommen weitere indirekte Subventionen: Allein für die Aufsicht in Schutzgebieten gewährt der Bund 2,5 Millionen Franken pro Jahr, neu zusätzlich 2 Millionen Franken für Schutzmassnahmen bei Beutegreifern. Das sind Mittel, die ohne den jahrzehntelang künstlich aufgeblähten Wildbestand und ohne den politischen Kampf gegen Wolf und Luchs gar nicht in dieser Höhe nötig wären.

Beutegreifer arbeiten gratis. Rund um die Uhr.

Hier liegt der entscheidende Punkt für jeden Steuerzahler. Ein Wolfsrudel reguliert Huftierbestände dauerhaft, selektiv und ohne einen Rappen Lohn. Wölfe sind 365 Tage im Jahr im Einsatz, sie selektieren bevorzugt schwache, kranke und alte Tiere und tragen damit zur Gesundheit der Bestände bei. Sie verteilen den Druck auf den Wald, weil Beutetiere ihr Verhalten ändern und nicht stundenlang in derselben Verjüngungsfläche stehen. Sie schaffen Aas für Aasfresser und kurbeln Nährstoffkreisläufe an. Studien aus Yellowstone und Banff zeigen, dass die Rückkehr von Wölfen zu einer dramatischen Verminderung der Verbissschäden am Wald führte.

Anders gesagt: Was die Schweiz heute mit 150 Millionen Franken Schutzwaldpflege, Millionen Wildschadenvergütungen, Tausenden Wildhüterstunden und 25 Millionen Sachschaden im Strassenverkehr teilweise auffangen muss, würde durch eine intakte Beutegreifer-Population kostenlos und besser geleistet. Ein Wolfsrudel hat in einem Jahr keine Lohnnebenkosten, kein Pensionskassendefizit und keine Spesen.

Dasselbe gilt für den Luchs, der punktgenau Rehe in dichten Wäldern reguliert, also genau dort, wo Hobby-Jäger sie nicht erreichen. Der Luchs verursacht keine Verkehrsunfälle, keine Wildschadenvergütungen und keine Schutzbauten.

Die Bilanz, die niemand zieht

Stellt man die Posten zusammen, ergibt sich folgendes Bild. Der Steuerzahler bezahlt heute für ein System, das überhöhte Wildbestände produziert, mit den Folgen kämpft und gleichzeitig jene Akteure bekämpft, die das Problem auf natürlichem Weg lösen würden. Eine vorsichtige Schätzung ergibt für die Schweiz pro Jahr leicht eine Grössenordnung von mehreren hundert Millionen Franken an Kosten, die direkt oder indirekt dem System Hobby-Jagd zuzurechnen sind: anteilige Schutzwaldpflege wegen Verbiss, Wildschadenvergütungen, Wildverhütungsmassnahmen, Wildhütereinsätze für Beutegreiferregulation, Verkehrsschäden, Subventionen für Herdenschutzpläne, Forschung zur Konfliktlösung.

Dem stehen Patenteinnahmen und Pachterlöse in einer kleinen Bruchzahl dieser Summe gegenüber. Die Hobby-Jagd kostet den Schweizer Steuerzahler mehr, als sie einbringt. Wesentlich mehr.

Wenn die Hobby-Jagd-Lobby in der Schweiz ihre Existenz verteidigt, fällt früher oder später ein bestimmtes Argument: «Wir bezahlen ja Patente, wir tragen uns selbst.» Genfs Faunainspektor Gottlieb Dandliker hat dieses Argument bereits 2013 in einem Vortrag an der Universität Basel mit einem einzigen Satz zerlegt. Und zwar nicht durch Polemik, sondern durch nüchterne Verwaltungsbuchhaltung.

Die Vorstellung, Hobby-Jäger und Hobby-Fischer würden ihr Hobby «selbst finanzieren», beruht auf einer simplen Verwechslung. Patente decken einen Bruchteil der Verwaltungs-, Aufsichts-, Schadens- und Folgekosten. Sie sind eine Gebühr für die Erlaubnis, kein Vollkostenbeitrag.

Was sich ändern muss, damit der Steuerzahler profitiert

Beutegreifer ihre Arbeit machen lassen. Wolf, Luchs und Bär sind keine Konkurrenz zur staatlichen Wildhut, sondern ihre kostengünstigste Verstärkung. Jedes zusätzliche stabile Wolfsrudel reduziert mittelfristig Schutzwaldkosten und Verkehrsschäden.

Verursacherprinzip einführen. Wenn Hobby-Jagd-Verbände gegen Beutegreifer politisch lobbyieren und damit die staatliche Wildhut zum kostspieligen Ersatz machen, sollen sie die Mehrkosten anteilig tragen. Das gilt analog für Schutzwaldfolgen aus überhöhten Beständen.

Transparente Vollkostenrechnung. Jeder Kanton sollte einmal jährlich offenlegen, was Hobby-Jagd-System, Schutzwaldpflege wegen Verbiss, Wildschadenvergütungen, Verkehrsschäden und Wildhütereinsätze für Beutegreiferregulation summiert kosten. Die Bevölkerung hat ein Recht auf diese Zahl.

Schutzgebiete und Wildruhezonen ausbauen. Genfs Modell und der Schweizerische Nationalpark zeigen seit Jahrzehnten, dass die Natur ohne Hobby-Jagd nicht teurer wird, sondern günstiger. Stabile Bestände, weniger Verbiss, mehr Biodiversität, niedrigere Folgekosten.

Fazit

Die Bevölkerung wurde jahrzehntelang in dem Glauben gelassen, die Hobby-Jagd sei ein Beitrag der Privatpersonen an die Allgemeinheit. Die Zahlen erzählen eine andere Geschichte: Sie ist ein Hobby, dessen Folgekosten die Allgemeinheit trägt. Wer 150 Millionen Franken für Schutzwaldpflege bezahlt, 25 Millionen Sachschaden bei Wildunfällen, Wildschadenvergütungen in Millionenhöhe und Tausende Wildhüterstunden für die Bekämpfung der einzigen kostenlosen Regulatoren, der bezahlt für ein System, das ihm ohne Hobby-Jäger billiger käme. Beutegreifer arbeiten gratis. Sie sind keine Bedrohung für den Steuerzahler, sondern seine wirksamste Entlastung. Diese Botschaft gehört in jede Debatte, jede Abstimmung und jede Kostenanalyse zur Schweizer Wildtierpolitik.

«Tradition» als Feigenblatt: Wenn die Tessiner Hobby-Jagd ihre eigenen Widersprüche kultiviert

Davide Corti, seit zwei Jahren Präsident der Federazione cacciatori ticinese (FCTI), klagt im «Corriere del Ticino» über eine Hobby-Jagd, die Gefahr laufe, ihre «Identität und Tradition» zu verlieren. Es konsolidiere sich «eine Hobby-Jagd der Eindämmung», eine Richtung, die man nicht wünsche. Eine bemerkenswerte Aussage, denn sie offenbart einen Widerspruch, der sich quer durch die Tessiner Jagdpolitik zieht.

Corti führt selbst die entscheidenden Zahlen an: Als er den Jagdschein machte, wurden im Tessin rund 1600 Huftiere pro Jahr erlegt, heute sind es etwa 7000.

Eine Vervierfachung in einer einzigen Jäger-Generation. Wer nun aber meint, dieser Anstieg sei den Jägern aufgezwungen worden, irrt. Über Jahrzehnte haben Hobby-Jäger-Verbände in der Schweiz höhere Abschussquoten politisch eingefordert, mit dem Verweis auf «zu hohe Wildbestände», «Verbissschäden» und «Krankheitsrisiken». Genau diese Argumente nutzt Corti auch jetzt wieder.

Die Hobby-Jagd hat sich also nicht zufällig zu einer «Eindämmungsjagd» entwickelt. Sie wurde aktiv dazu gemacht. Wenn die FCTI nun Sorge um Tradition und «Werte» äussert, ist das weniger eine Selbstkritik als ein rhetorischer Spagat: Man möchte die hohen Abschusszahlen behalten, gleichzeitig aber das Image des bedächtigen, naturverbundenen Waidmanns pflegen.

Wenn der «Tradition» plötzlich der Wolf im Weg steht

Besonders aufschlussreich wird der Widerspruch beim Thema Wolf. In der vergangenen Jagdsaison haben die Tessiner Hobby-Jäger keinen einzigen Wolf erlegt, weil die Regeln zu komplex seien und das Risiko bestehe, bei Fehlern den Jagdschein zu verlieren. Corti sagt deutlich: Der Hobby-Jäger, der seiner normalen Tätigkeit nachgehe, könne nicht die Lösung des «Wolfsproblems» sein.

Hier wird die Logik vollends durchsichtig. Wo Jagdtradition gefährdet scheint, beruft man sich auf Werte, Geduld und den Respekt vor dem Tier. Wo es aber um Beutegreifer geht, die mit der Hobby-Jagd in Konkurrenz um Hirsche und Rehe stehen, fordert man pragmatisch erweiterte Befugnisse. Genau das passiert im Tessin: Das Tessiner Departement plant eine Art «Unterstützungsgruppe» aus ausgewählten Hobby-Jägern, die ausserhalb der Jagdzeit und mit denselben Mitteln wie die Wildhüter Wölfe töten dürfen sollen, möglichst ab September 2026.

Damit verlässt die Hobby-Jagd jenen «traditionellen» Rahmen, den Corti im selben Atemzug verteidigt. 2024 wurden 322 Hobby-Jäger für die Wolfsregulierung ausgebildet, 2025 kamen 119 weitere hinzu. Das ist keine Tradition, das ist eine systematische Aufrüstung gegen einen einzelnen Beutegreifer.

Die Bilanz der staatlichen Wolfstötung

Die im Artikel genannten Zahlen sprechen für sich. Trotz vier Abschussverfügungen für einzelne Wölfe und der Möglichkeit, im Rahmen der proaktiven Rudelregulierung bis zu 20 Jungtiere zu töten, wurden am Ende nur sechs Tiere erlegt. Die 22 Tessiner Wildhüter wendeten dafür 1200 Stunden für Einzelabschüsse und weitere 1900 Stunden zwischen September und Januar für die Rudelregulierung auf.

3100 Stunden bezahlte staatliche Arbeitszeit für sechs tote Wölfe. Das wirft eine Frage auf, die im Originalartikel nicht gestellt wird: Steht der ökologische, gesellschaftliche und finanzielle Aufwand in einem vernünftigen Verhältnis zum Ergebnis? Und wenn der Erfolg ausbleibt, lautet die Antwort offenbar reflexhaft: noch mehr Schützen, noch mehr Befugnisse, noch weniger Schutz für das Tier.

Stadtmenschen mit Jagdschein: ein Imageproblem, kein Generationenwechsel

Corti freut sich über den Nachwuchs und stellt fest, dass immer mehr Jägerinnen und Jäger aus den städtischen Zentren stammen, während die Hobby-Jagd früher überwiegend von Bewohnern der Tessiner Täler ausgeübt wurde. Das ist ehrlich, untergräbt aber genau das Narrativ der bäuerlich-bodenständigen Tradition, das die FCTI gleichzeitig pflegt. Wer aus Lugano oder Bellinzona an Wochenenden in die Berge fährt, um Hirsche zu erlegen, betreibt ein Hobby, keine kulturelle Praxis im Sinne der Voreltern.

Fazit: Wenn Tradition zum Argument für alles wird

Der Auftritt der FCTI vor der heutigen Jahresversammlung in Mendrisio ist ein Lehrstück darin, wie sich die Hobby-Jagd-Lobby in widersprüchlichen Selbstbildern bewegt. Tradition wird beschworen, wenn es um die Aussenwahrnehmung geht. Effizienz, neue Mittel und erweiterte Eingriffsbefugnisse werden gefordert, sobald konkrete Interessen im Spiel sind, allen voran die Reduktion eines unliebsamen Beutegreifers.

Eine ehrliche Debatte über die Hobby-Jagd im Tessin müsste anders ansetzen: Wie viele Wildtiere darf eine Freizeitbeschäftigung jährlich töten? Welche Rolle spielt die Hobby-Jagd in einem Ökosystem, in dem der Wolf längst wieder ein natürlicher Regulator wäre? Und warum übernimmt der Staat zunehmend Aufgaben, die Hobby-Jäger nicht erfüllen können oder wollen, finanziert mit Steuergeldern? Solange diese Fragen unbeantwortet bleiben, ist der Verweis auf «Wurzeln» und «Identität» vor allem eines: ein bequemer Vorhang vor unbequemen Realitäten.

Von 1600 auf 7000 erlegte Huftiere: Was die Tessiner Zahlen über das ganze System verraten

Davide Corti, Präsident der Federazione cacciatori ticinese, lieferte im «Corriere del Ticino» eine Zahl, die alles erklärt, was am System Hobby-Jagd faul ist. Als er den Jagdschein machte, wurden im Tessin rund 1600 Huftiere pro Jahr erlegt. Heute sind es etwa 7000. Eine Vervierfachung in einer Generation. Corti präsentiert dies als Sachzwang, als Folge eines veränderten Klimas und Territoriums. Doch die ehrliche Lesart ist eine andere und sie ist unbequem.

Was 7000 erlegte Huftiere wirklich aussagen

Wenn die Strecke um den Faktor vier steigt und die Hobby-Jäger gleichzeitig behaupten, sie würden «regulieren», dann stimmt etwas an der Erzählung nicht. Reguliert man, müssten die Bestände nach einigen Jahren intensiver Bejagung sinken und die Strecke ebenfalls. Stattdessen geschieht das Gegenteil: Die Bestände steigen, die Abschüsse steigen, der Druck steigt. Das ist keine Regulation, das ist eine Spirale.

Die Wildbiologie hat dafür einen präzisen Begriff: kompensatorische Reproduktionsdynamik. Wildtiere reagieren auf Bestandsverluste durch Bejagung mit erhöhter Geburtenrate, früherer Geschlechtsreife und grösseren Würfen. Beim Wildschwein pflanzt sich normalerweise nur die Leitbache fort. Wird sie geschossen, reproduzieren sich plötzlich alle weiblichen Tiere der Rotte. Beim Fuchs zeigen Untersuchungen aus dem Nationalpark Bayerischer Wald, dass die Geburtenrate ohne Bejagung bei rund 1,7 Welpen je Wurf liegt, in stark bejagten Revieren dagegen um ein Vielfaches höher. Die Hobby-Jagd schafft genau jene Bestände, deren Reduktion sie anschliessend als ihre Daseinsberechtigung verkauft.

Die Gründe, die nicht ausgesprochen werden

Corti verweist auf «Klima und Territorium». Beides spielt eine Rolle, erklärt aber den Faktor vier nicht annähernd. Die wirklichen Treiber liegen tiefer und werden in der offiziellen Kommunikation systematisch verschwiegen.

Erstens hat die Hobby-Jagd in Mitteleuropa über Jahrhunderte die natürlichen Beutegreifer ausgerottet: Wolf, Luchs, Bär. Genau jene Arten, die ein dauerhaftes ökologisches Gleichgewicht bei Huftieren herstellen würden. Zweitens werden bevorzugt die stärksten und erfahrensten Tiere erlegt, also genau jene Individuen, die soziale Strukturen stabilisieren und die Reproduktion der Gruppe regulieren. Drittens zerstört der Jagddruck Familienverbände, was zu früherer Geschlechtsreife und höheren Wurfgrössen führt.

Das Resultat ist ein selbsttragendes System: Die Hobby-Jagd erzeugt das Problem, das sie zu lösen vorgibt. Und je mehr sie schiesst, desto mehr muss sie schiessen.

Warum jagdfreie Gebiete das Gegenteil zeigen

Die Empirie ist eindeutig und seit Jahrzehnten verfügbar. Im Schweizerischen Nationalpark herrscht seit 1914 Jagdverbot. Die Wildtierbestände sind stabil, der Wald regeneriert sich, die Artenvielfalt nimmt zu. Auf Wildwechseln im Park wurden rund 30 Mal mehr Baumkeimlinge gefunden als ausserhalb, weil Hirsche Samen verbreiten. Im italienischen Nationalpark Gran Paradiso ist die Jagd seit 1922 verboten. Der zuständige Tierarzt Bruno Bassano fasst das Ergebnis nüchtern zusammen: Man habe nie Schäden gehabt und nie Bestände reduzieren müssen.

Im Kanton Genf entschied die Bevölkerung 1974 in einer Volksabstimmung über das Jagdverbot. Heute leben dort rund 60 Hirsche und 200 bis 300 Rehe in stabiler Population. Der Hase, vor dem Jagdverbot vom Aussterben bedroht, hat eine der höchsten Dichten der Schweiz. Die Zahl überwinternder Wasservögel hat sich mehr als verzehnfacht. Genfer Faunainspektor Gottlieb Dandliker, Biologe und Naturschützer, sagt: «Es findet also irgendwie eine Regulation statt».

Diese Regulation funktioniert über Nahrungsangebot, Witterung, Krankheiten, Territorialverhalten, soziale Strukturen und, wo vorhanden, Beutegreifer. Sie braucht den Hobby-Jäger mit Gewehr nicht. Sie braucht im Gegenteil seine Abwesenheit.

Wer das Tessin mit jagdfreien Vergleichsgebieten konfrontiert, erkennt, dass der Anstieg von 1600 auf 7000 erlegte Huftiere keine Naturkonstante ist. Er ist Ausdruck eines Managementsystems, das Bestände erzeugt, um sie reduzieren zu müssen.

Wird die Bevölkerung seit Jahrzehnten angelogen?

Die ehrliche Antwort lautet: Sie wird systematisch in die Irre geführt. Nicht durch eine einzelne Lüge, sondern durch ein Geflecht aus Halbwahrheiten, weggelassenen Kontexten und sprachlichen Tricks.

«Hege», «Pflege», «Regulation», «Naturschutz» sind die zentralen Begriffe der Hobby-Jagd-Kommunikation. Keiner von ihnen hält einer wildbiologischen Überprüfung stand. Wer Bestände durch Sozialstrukturzerstörung anwachsen lässt, betreibt keine Hege. Wer die stärksten Tiere herausschiesst, betreibt keine Pflege. Wer ohne Beutegreifer arbeitet und die Wiederkehr derselben politisch bekämpft, betreibt keine Regulation. Wer für eine Freizeitbeschäftigung 130’000 Wildtiere pro Jahr in der Schweiz tötet, betreibt keinen Naturschutz.

Auch die Tessiner Wolfspolitik gehört in dieses Bild. Trotz vier kantonaler Abschussverfügungen und der Möglichkeit, im Rahmen der proaktiven Rudelregulierung bis zu 20 Jungtiere zu töten, wurden in der Saison nur sechs Wölfe erlegt. Die 22 Wildhüter wendeten dafür 1200 Stunden für Einzelabschüsse und weitere 1900 Stunden für die Rudelregulierung auf. 3100 Stunden bezahlte Arbeitszeit für sechs tote Tiere, während gleichzeitig der einzige Beutegreifer, der Huftierbestände tatsächlich dauerhaft regulieren würde, mit immer neuen Mitteln zurückgedrängt wird. Der Widerspruch ist offensichtlich, wird aber medial selten benannt.

Die Bevölkerung erfährt seit Jahrzehnten, die Hobby-Jagd sei notwendig, weil sonst alles aus dem Ruder laufe. Sie erfährt selten, dass dieses «Ausdemruderlaufen» ein Konstrukt der Hobby-Jagd selbst ist. Sie erfährt selten, dass jagdfreie Gebiete in unmittelbarer Nachbarschaft das Gegenteil beweisen.

Was sich ändern muss

Eine ehrliche Reform der Wildtierpolitik in der Schweiz und im Tessin bräuchte mehrere Schritte.

Beutegreifer müssen ihre ökologische Rolle übernehmen dürfen. Wolf, Luchs und Bär regulieren Huftierbestände dauerhaft, selektiv und unentgeltlich. Jede Politik, die ihre Wiederkehr durch immer breiter gefasste Abschussverfügungen ausbremst, perpetuiert das System der Hobby-Jagd auf Kosten der Steuerzahler.

Schutzgebiete und Wildruhezonen müssen ausgeweitet werden. Genf und der Schweizerische Nationalpark sind Modelle, die seit Jahrzehnten funktionieren. Sie sind keine Ausnahmen, sie sind Beweise.

Wildtiermanagement gehört in professionelle staatliche Hände, nicht in die Freizeit von Hobby-Schützen. Wildhut, Wildbiologie und behördliches Monitoring sind die Strukturen, die ein modernes Land braucht. Wo Eingriffe notwendig sind, sollen ausgebildete Berufsleute sie nach wissenschaftlichen Kriterien vornehmen, transparent dokumentiert und politisch kontrolliert.

Die Sprache muss entgiftet werden. «Hobby-Jagd» ist der präzise Begriff für eine Freizeitbeschäftigung mit Gewehr. «Hege» und «Pflege» sind PR‑Vokabular. Eine ehrliche Debatte beginnt mit ehrlichen Begriffen.

Und schliesslich: Die Bevölkerung muss die Möglichkeit erhalten, über das System Hobby-Jagd abzustimmen. Genf hat es 1974 getan. Das Resultat ist seit fünfzig Jahren ein lebender Beweis dafür, dass die Natur den Hobby-Jäger mit Waffe nicht braucht.

Die Tessiner Zahl von 1600 auf 7000 ist kein Betriebsunfall, sie ist ein Geständnis. Sie zeigt, dass die Hobby-Jagd das Problem mitproduziert, dessen Lösung sie zu sein behauptet. Sie zeigt, dass die Erzählung von Tradition und Identität dann bemüht wird, wenn die Statistik die Glaubwürdigkeit unterläuft. Und sie zeigt, dass eine ehrliche Wildtierpolitik in der Schweiz endlich beginnen müsste, mit der Realität jagdfreier Gebiete zu rechnen, statt sie zu ignorieren. Die Bevölkerung hat ein Recht auf diese Debatte. Sie hat sie nur leider seit Jahrzehnten nicht in der nötigen Klarheit bekommen.