2. April 2026, 09:30

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Umwelt & Naturschutz

Internationales Jahr der Weiden 2026: Mehr Wolfsjagd oder endlich bessere Weidepolitik?

Wie Bauernverband und Hobby-Jagdlobby das UNO-Jahr der Hirten instrumentalisieren.

Redaktion Wild beim Wild — 1. April 2026

Die UNO hat 2026 zum «International Year of Rangelands and Pastoralists» erklärt.

Im Zentrum stehen Weidelandschaften als Lebensraum für Biodiversität, graslandbasierte Tierhaltung und die soziale Realität von Hirtinnen und Hirten weltweit. In der Schweiz versuchen Bauernverband und Hobby-Jagdlobby diesen Anlass bereits zu nutzen, um alte Forderungen nach mehr Wolfsabschüssen in ein modernes Kleid zu verpacken.

Was die UNO wirklich will

Laut FAO bedecken Weidelandschaften rund die Hälfte der Landfläche der Erde. Sie sichern Lebensgrundlagen, Nahrung, Klimaresilienz und vielfältige Ökosystemleistungen. Im Zentrum des UNO-Jahres stehen oft marginalisierte Gemeinschaften, die auf knappen und klimatisch sensiblen Flächen überleben müssen. Ziel ist es, politische Rahmenbedingungen zu fördern, die Zugang zu Land, faire Wertschöpfung und ökologische Tragfähigkeit sichern. International wird das Jahr genutzt, um auf die Verletzlichkeit von Hirtengesellschaften, die Gefährdung von Rangelands durch Klimakrise und Landnahme sowie auf die Bedeutung traditioneller Nutzungssysteme aufmerksam zu machen.

Schweizer Weide-Narrative: Schutzschilder für eine Problem-Politik

In der Schweiz springen Bauernverband und agrarnahe Organisationen erwartungsgemäss auf den UNO-Zug auf, allerdings mit sehr selektiver Lesart. Kampagnen wie «Weideland ernährt uns» stellen Weiden und Alpwirtschaft als quasi naturgegebenes Erfolgsmodell dar, das Ernährungssicherheit, Biodiversität und Klimaschutz garantiere. Umso deutlicher wird verschwiegen, dass gerade die aktuelle Praxis der subventionierten Weidehaltung Konflikte mit Beutegreifern systematisch produziert und in vielen Regionen auf einem dünnen ökologischen Fundament steht.

Parallel fordern Agrarvertreter im Parlament weitere Erleichterungen bei der Wolfsregulierung: Motionen sollen Abschüsse vereinfachen, Verteidigungsabschüsse durch bewaffnete Hirten werden geprüft, und Jagdbanngebiete geraten als angebliches Sicherheitsrisiko ins Visier. Der Wolf wird zur Projektionsfläche für Strukturprobleme, die politisch nie ernsthaft angegangen wurden: unausgereifte Herdenführung, fehlende Schutzhunde, schlechte Arbeitsbedingungen auf Alpen, Abhängigkeit von Direktzahlungen.

Weiden, Hirten und Wolf: Was die UNO meint und was die Schweiz verdrängt

Das UNO-Jahr der Weiden und Hirten ist keine Einladung, Beutegreifer selektiv zu dämonisieren, sondern ein Aufruf zu angepassten, sozial fairen und ökologisch tragfähigen Weidesystemen. Dazu gehören: Zugang zu Land und Ressourcen, der nicht durch einseitige Interessen verbaut wird. Angepasste Tierbestände statt Übernutzung sensibler Alpwiesen. Und faire Arbeitsbedingungen für Hirtinnen und Hirten, die nicht als «billiges Sicherheitsdispositiv» für eine politisch gewollte Wolfsfeindlichkeit herhalten sollen.

Im Schweizer Diskurs geht es dagegen erstaunlich selten um Arbeitsrechte, Sozialstandards oder ökologische Belastungsgrenzen und fast immer um Abschusskontingente, drohende Risse und vermeintlich «unkontrollierbare» Wolfsbestände. Der Wolf soll die Rolle des Sündenbocks übernehmen, damit eine Weidepolitik, die Klimakrise, Biodiversitätsverlust und Tierwohlprobleme verschärft, unangetastet bleiben kann.

Wenn der Wolf das Symptom ist und nicht die Ursache

Beispiele wie das Wallis zeigen, wohin diese Logik führt: Statt Weidewirtschaft und Herdenschutz ernsthaft zu reformieren, werden Wölfe im Dutzend reguliert und ganze Rudel ausgelöscht, politisch verkauft als nüchternes «Management». Die offizielle Bilanz listet Abschüsse wie Erfolgskennzahlen, während Jungtiere zum Kollateralschaden einer Strategie werden, die Konflikte eher zementiert als löst.

Genau das widerspricht dem Geist des UNO-Jahres: Wer Weiden wirklich als ökologische und soziale Lebensgrundlage sichern will, muss Weidesysteme so gestalten, dass sie mit Beutegreifern koexistieren können, statt sie als Vorwand für immer neue Ausnahmeregeln im Hobby-Jagd- und Schutzrecht zu nutzen. Es geht um resiliente Landschaften mit vielfältigen Funktionen, nicht um möglichst raubtierfreie Futterflächen für eine immer intensivere Fleisch- und Milchproduktion.

UNO-Jahr als Chance oder als PR-Fassade?

Wissenschaftliche Netzwerke und NGOs weltweit betonen die Notwendigkeit, Investitionen in nachhaltige Weidewirtschaft zu lenken, Mobilität von Hirtinnen und Hirten zu ermöglichen und Governance-Strukturen inklusiver zu gestalten. In der Schweiz besteht die Gefahr, dass diese globale Agenda auf ein nationales Imageprogramm reduziert wird: schöne Bilder von Weiden, Sennen und Käse, flankiert von Forderungen nach weiteren Wolfsabschüssen.

Gerade Wildtierschutzorganisationen und kritische Stimmen sind gefordert, die offizielle Weide-Narration mit den Schattenseiten zu konfrontieren: Subventionslogik, Tiertransporte, Überbeweidung, Hobby-Jagdprivilegien und die systematische Externalisierung von Risiken auf Wildtiere.

Was eine ehrliche Weidepolitik leisten müsste

Eine Weidepolitik, die dem UNO-Jahr wirklich gerecht wird, würde nicht zuerst den Abzug sichern, sondern: Herdenschutz als Standard einführen, technisch, finanziell und arbeitsrechtlich abgesichert. Bestandesgrössen und Produktionsziele an ökologische Tragfähigkeit und Klimaziele binden. Direktsubventionen an konkrete Biodiversitätsleistungen und Tierwohl knüpfen, nicht an pauschale Präsenz auf der Alp. Und die Hobby-Jagdpolitik von Lobbyinteressen entflechten, damit Konflikte mit Beutegreifern nicht reflexartig in Abschussprogramme münden.

Das Internationale Jahr der Weiden und Hirten ist eine Chance, diese Debatte offen zu führen, oder sie im Schatten neuer Wolfsjagd-Initiativen zu begraben. Wer sich ernsthaft auf die UNO beruft, kann sich nicht länger hinter der Mär vom «bösen Wolf» verstecken, während die eigentlichen Strukturprobleme der Weidewirtschaft unangetastet bleiben.

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