Jedes Jahr im November und Dezember ruft der Kanton Graubünden die Sonderjagd aus. Offiziell ist sie eine Massnahme zur Waldverjüngung und Bestandsregulierung. Was bei näherer Betrachtung sichtbar wird, ist ein Korrekturmodus, der zur institutionalisierten Routine geworden ist: Die Hochjagd im September verfehlt die Abschussziele, die Sonderjagd gleicht das aus, und dieser Kreislauf wiederholt sich seit Einführung des kantonalen Jagdgesetzes 1989. Was als Ausnahmeinstrument gedacht war, ist ein strukturelles Signal, das die Jagdplanung selbst in Frage stellt.
Graubünden ist ein Patentjagd-Kanton. Jährlich werden mehrere tausend Patente gelöst, die den Inhaberinnen und Inhabern der Hobby-Jagd den Zugriff auf das gesamte Kantonsgebiet erlauben – ohne dauerhaft zugewiesenen Lebensraum, ohne institutionell verankerte Flächenverantwortung, ohne langfristige Zuständigkeit für Wildtiere oder Biotope. Die Sonderjagd ist das sichtbare Symptom eines Systems, das seine eigene Planungslogik nicht einhalten kann – und dessen Mechanismus genau deshalb seit Jahren jagdpolitisch umstritten ist.
Dieses Dossier stellt die Sonderjagd in Graubünden systematisch infrage. Im Zentrum stehen nicht moralische Urteile, sondern überprüfbare Fakten: Zahlen, Abschussziele, Vollzugsrealität, biologische Wirkung und politischer Widerstand. Ergänzend bieten unsere kantonalen Analysen eine vertiefte Einordnung: Psychologie der Jagd im Kanton Graubünden, Bern, Wallis und Genf usw.
Was dich hier erwartet
- Hochjagd und Sonderjagd: Das System der Nachbesserung. Warum Graubünden seit Jahrzehnten auf die Sonderjagd angewiesen ist, was die Hochjagd im September leisten soll und regelmässig nicht leistet, und was das strukturell über das Bündner Patentjagdsystem aussagt.
- Was auf der Sonderjagd erlaubt ist – und was das bedeutet. Welche Abschüsse auf der Sonderjagd gestattet sind, die auf der Hochjagd verboten wären, warum trächtige Hirschkühe, Rehgeissen und ihre Jungen legal erlegt werden, und was das tierschutzrechtlich und jagdethisch bedeutet.
- Abschusszahlen 2025: Was der Abschussplan wirklich zeigt. Konkrete Zahlen aus dem Bündner Abschussplan 2025, Vergleich mit Vorjahren, Entwicklung der Hirschpopulation und was die Zahlen über den behaupteten Regulierungserfolg aussagen.
- Die Volksinitiative 2019 und ihre Nachfolge. Wie eine Initiative mit über 10’000 Unterschriften die Sonderjagd abschaffen wollte, warum der Grosse Rat sie mit 96:1 ablehnte, welche Informationen dem Parlament vorenthalten wurden und warum der politische Widerstand des Wildtierschutzes Schweiz weitergeht.
- Der Schweizerische Nationalpark: Wildtiere ohne Jagd im Kanton selbst. Was der jagdfreie Nationalpark seit über hundert Jahren zeigt, warum stabile Huftierbestände ohne Hobby-Jagd keine Ausnahme sind, und was Ex-Nationalparkdirektor Heinrich Haller dazu sagt.
- Wolf, Herdenschutz und institutionelles Versagen. Was das Calanda-Rudel empirisch über Wolfsregulierung zeigt, warum Wolfsabschüsse in Graubünden wissenschaftlich nicht belastbar begründet sind, und was der Fall Val Fex über den Vollzug der kantonalen Jagdverwaltung aussagt.
- Was sich ändern müsste. Konkrete Forderungen: Abschaffung der Sonderjagd, Neugestaltung der Hochjagd, Wildhüterstrukturen, konsequenter Herdenschutz, transparente Vollkostenrechnung und bundesrechtlicher Rahmen.
- Argumentarium: Antworten auf die häufigsten Rechtfertigungen der Bündner Sonderjagd.
- Quicklinks: Alle relevanten Beiträge, Studien und Dossiers auf einen Blick.
Hochjagd und Sonderjagd: Das System der Nachbesserung
Die Hochjagd in Graubünden dauert 21 Tage im September. Sie ist die zentrale jagdliche Veranstaltung des Kantons – und zugleich die folgenreichste in ihrer strukturellen Schwäche: Jährlich werden rund 1’000 Bussen und Anzeigen gegen Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger ausgestellt, mehr als in jedem anderen Kanton der Schweiz. Dennoch ist die Hochjagd offiziell das Instrument, mit dem der Kanton seine Abschussziele erfüllen soll.
Seit Jahrzehnten tut sie das nicht. Im Referenzjahr für die Initiative 2019 sah der Abschussplan vor, 5’430 Hirsche im September zu erlegen. Tatsächlich wurden 3’404 Tiere geschossen – rund 2’000 weniger als geplant. Diese Differenz musste auf der Sonderjagd im November und Dezember nachgeholt werden. Das Muster wiederholt sich seither jährlich: In der Hochjagd 2025 wurden 3’432 Rothirsche und 2’502 Rehe erlegt, ein Ergebnis leicht über dem 20-Jahres-Durchschnitt, und trotzdem schreibt der Kanton für November und Dezember eine weitere Sonderjagd aus.
Die Jagdstruktur begünstigt dabei männliche Trophäenträger, während Weibchen und Jungtiere auf der Hochjagd häufig geschont werden. Dadurch entsteht ein Selektionsfehler, der auf der Sonderjagd durch gezielten Abschuss von Weibchen und Jungtieren entsteht. Was als «Sonder»-Jagd bezeichnet wird, ist längst zur institutionalisierten Routine geworden: eine Nachbesserung, die zum Regelfall geworden ist und ein strukturelles Signal darstellt, das die Jagdplanung selbst in Frage stellt.
Mehr dazu: Psychologie der Jagd im Kanton Graubünden und Sonderjagden 2025: Mehr Abschüsse – statt auf den Wolf zu hören
Was auf der Sonderjagd erlaubt ist – und was das bedeutet
Die Sonderjagd in Graubünden erlaubt Praktiken, die auf der regulären Hochjagd verboten wären: den Abschuss von trächtigen und führenden Hirschkühen sowie Rehgeissen mit ihren Jungen, ganzen Familienverbänden und Sozialgruppen. Mit dem Abschuss tragender Hirschkühe sterben Föten im Mutterleib. Die Initianten der Volksinitiative 2019 bezeichneten diese Szenen als «moralisch, ethisch und jagdlich verwerflich» und sie sind nach eigenen Angaben selbst Hobby-Jäger und Tierfreunde.
Diese Praxis ist auch biologisch folgenreich. Wildtiere, deren Sozialstrukturen durch gezielte Entnahme von Leittieren und führenden Weibchen aufgebrochen werden, verlieren Orientierung, Territorienordnung und Kommunikationsgefüge. Hobby-Jäger, wie sie auf der Sonderjagd eingesetzt werden, hetzen Tiere in Panik durch Rückzugsräume, was zu erhöhtem Verbiss an Waldbäumen führt, nicht zu weniger. Die Sonderjagd produziert damit jenen Verbissdruck, den sie laut offizieller Begründung bekämpfen soll.
Hinzu kommt: Die Sonderjagd fällt in die Zeit der Winterruhe der Wildtiere, eine Phase reduzierter Nahrungsaufnahme, des Energiesparmodus und beginnender Trächtigkeit. Eingriffe in dieses besonders vulnerable Zeitfenster erzeugen laut Stressstudien besonders hohe Kortisol-Belastungen. Die Sonderjagd ist damit aus Tierschutzperspektive das Gegenteil eines kontrollierten Regulierungseingriffs.
Mehr dazu: Wildtiere, Todesangst und fehlende Betäubung und Studien über die Auswirkung der Jagd auf Wildtiere
Abschusszahlen 2025: Was der Abschussplan wirklich zeigt
Für die Sonderjagd 2025 plant die Bündner Jagdbehörde den Abschuss von 1’711 weiblichen Rothirschen und ihren Kälbern, 281 Rehen und 10 Gämsen. Die Abschusszahlen für Hirsche liegen unter dem Vorjahr, weil die Hirschpopulation seit 2020 leicht zurückgeht. Bei den Rehen soll hingegen mehr geschossen werden als 2024, weil auf der Hochjagd zu viele Böcke und zu wenige Weibchen erlegt wurden. Das zeigt paradigmatisch, wie die Planungslogik funktioniert: Selektionsfehler der Hochjagd werden auf der Sonderjagd durch den Abschuss von Weibchen und Jungtieren korrigiert.
Für Wildschweine existieren keinerlei Obergrenzen, sie dürfen in Graubünden ganzjährig bejagt werden, begründet mit angeblichen Schäden an Landwirtschaft und Wald. Das ist ökologisch paradox: Wildschweine sind Landschaftsgärtner des Waldes. Werden sie dort intensiv bejagt, weichen sie auf landwirtschaftliche Flächen aus, genau jene Zonen, in denen Schäden entstehen. Auch hier erzeugt das Jagdsystem Probleme, die es vorgibt zu lösen.
Der eigentliche Aussagegehalt der Abschusszahlen liegt im Trend: Trotz jahrelanger Hochjagd mit über 3’000 erlegten Rothirschen pro Saison stieg die Hirschpopulation in Graubünden zwischenzeitlich auf 16’500 Tiere. Wäre Abschuss echte Regulierung, wäre dieser Anstieg nicht möglich. Stattdessen zeigt er die kompensatorische Populationsdynamik in Echtzeit: Je intensiver die Bejagung, desto höher die Reproduktionsrate und desto grösser der Korrekturbedarf auf der nächsten Sonderjagd.
Mehr dazu: Warum die Hobby-Jagd als Populationskontrolle scheitert und Jagdmythen: 12 Behauptungen, die du kritisch prüfen solltest
Die Volksinitiative 2019 und ihre Nachfolge
Im Frühjahr 2019 reichte ein Komitee eine Volksinitiative zur Abschaffung der Sonderjagd in Graubünden ein – mit über 10’000 Unterschriften, einer Rekordbeteiligung für ein kantonales Jagdbegehren. Die Initiative verlangte nicht das Ende der Jagd, sondern eine sachliche Umgestaltung: Verlängerung der Hochjagd um vier auf 25 Tage, Erfüllung der Abschusspläne bis spätestens Ende Oktober, und verstärkte Bejagung in Wildschutzgebieten in diesem Zeitfenster. Die Grundlage lieferte die Studie «Rothirsch im Rätikon» (2015), die belegt, dass die allermeisten Hirsche im Oktober bereits im Kanton zurück sind.
Der Grosse Rat lehnte die Initiative mit 96:1 Stimmen ab – wobei dem Parlament wesentliche Informationen vorenthalten worden waren. Regierungsrat Mario Cavigelli (CVP) hatte nicht offengelegt, dass das BAFU zum Schluss gekommen war, die Initiative verstosse nicht gegen übergeordnetes Recht und es existierten durchaus Alternativen zum Status quo. Die IG Wild beim Wild erstattete daraufhin Strafanzeige gegen Cavigelli; die Initianten mussten den kostspieligen Rechtsweg bis ans Bundesgericht nehmen, damit die Abstimmung überhaupt stattfinden konnte. Die Volksinitiative scheiterte am 19. Mai 2019 knapp an der Urne. Initiator Christian Mathis verlangte vom Kanton rund 113’000 Franken Entschädigung für die entstandenen Verfahrenskosten; der Kanton zahlte nicht, der Fall wurde an das Verwaltungsgericht weitergezogen.
Der politische Widerstand ist damit nicht abgeschlossen. Der Wildtierschutz Schweiz lancierte eine Nachfolgeinitiative gegen die Sonderjagd. Die demokratische Auseinandersetzung um die Sonderjagd in Graubünden geht weiter und sie wird unter besseren Informationsbedingungen geführt werden müssen als 2019.
Mehr dazu: Graubünden: Ja, zur Abschaffung der Sonderjagd und Jagd in der Schweiz: Faktencheck, Jagdarten, Kritik
Der Schweizerische Nationalpark: Wildtiere ohne Jagd im Kanton selbst
Wer die These prüfen will, dass Wildtiere ohne Hobby-Jagd zwingend «aus dem Ruder laufen», muss nicht nach Genf schauen. Das stärkste Gegenbeispiel liegt mitten in Graubünden selbst: der Schweizerische Nationalpark. Dort ist die Hobby-Jagd seit über hundert Jahren verboten. Huftierbestände schwanken in natürlichen Bandbreiten – gesteuert durch Klima, Nahrungsverfügbarkeit, Krankheiten und Beutegreifer, nicht durch Abschusskontingente.
Ex-Nationalparkdirektor und Wildbiologe Heinrich Haller bringt es auf den Punkt: «Der Park ist ein Stück Wildnis, das sich selbst überlassen ist und wo niemand auf die Jagd geht. Das sei kein Problem. Auch ohne Jagd habe es nicht plötzlich zu viele Füchse, Hasen oder Vögel. Die Erfahrung zeige, die Natur könne man sich selbst überlassen.» Das ist kein romantischer Naturschutzgedanke, sondern das empirische Ergebnis von mehr als hundert Jahren Beobachtung im Kanton Graubünden selbst.
Der Nationalpark widerspricht dem zentralen Narrativ der kantonalen Jagdpolitik unmittelbar: dass intensive Bejagung notwendig sei, um ökologische Gleichgewichte zu erhalten. Wenn ein jagdfreier Raum im selben Kanton diese Gleichgewichte ohne Eingriff aufrechterhält, folgen die Eingriffe ausserhalb des Parks nicht aus wissenschaftlicher Notwendigkeit, sondern aus Institution, Tradition und politischem Durchsetzungswillen.
Mehr dazu: Alternativen zur Jagd: Was wirklich hilft, ohne Tiere zu töten
Wolf, Herdenschutz und institutionelles Versagen
Der Wolf ist in Graubünden der effektivste natürliche Regulator von Huftierbeständen und gleichzeitig das meistbekämpfte Tier der kantonalen Jagdpolitik. Das Calanda-Massiv liefert dafür den stärksten lokal verankerten Datenpunkt: Seit der Wiederansiedlung des ersten Wolfsrudels in der Schweiz 2011 nahm die Zahl der Hirsche im Wolfsgebiet um ein geschätztes Drittel ab – während die Hirschpopulation im gesamten Kanton Graubünden im selben Zeitraum um 18 Prozent zunahm. Das ist trophische Kaskade in Echtzeit: Wölfe verändern das Verhalten der Beutetiere, Hirsche meiden Risikozonen, junge Bäume können wachsen. Eine Studie der Universität Leeds (2025) beziffert den indirekten CO₂-Bindungseffekt eines einzelnen Wolfes – durch Reduktion von Verbissdruck und ermöglichte Waldregeneration – auf rund 6’080 Tonnen pro Jahr, entsprechend einem monetären Wert von rund 178’000 Franken. Die Studie wurde für die schottischen Highlands entwickelt; das Prinzip der trophischen Kaskade gilt jedoch auch für alpine Waldökosysteme wie jene in Graubünden.
Eine Studie über 3’000 Wolfslosungen zeigt zudem, dass über 96 Prozent der Beutereste von Rehen, Rothirschen und Wildschweinen stammten. Nutztiere machten weniger als 1 Prozent aus. Trotzdem wurden in Graubünden in der Saison 2024/25 allein 47 Wölfe getötet. Der Kanton begründet diese Eingriffe gleichzeitig mit «Schadensverhütung», «Scheu erhöhen» und «Sozialstrukturen erhalten», ein logischer Widerspruch: Wer Sozialstrukturen schützen will, muss erklären, warum der wiederholte Eingriff in Rudel inklusive Jungtiere das Risiko von Verhaltensveränderungen und Fehlanpassungen nicht erhöht.
Im Fall Val Fex (August 2025) spitzte sich das institutionelle Glaubwürdigkeitsproblem zu: Beim Wolfsriss auf einer Schafalp in der Gemeinde Sils im Engadin wurden 37 Schafe getötet oder notgetötet. Die kantonale Kommunikation behauptete, der Angriff habe sich «trotz getroffener Herdenschutzmassnahmen» ereignet. Recherchen zeigen jedoch: Zum Zeitpunkt des Angriffs waren weder Herdenschutzhunde noch wolfsabweisende Zäune vorhanden – die Tiere weideten in einem Bereich, der gemäss einzelbetrieblichem Herdenschutzkonzept ausdrücklich ohne Schutzmassnahmen vorgesehen war. Amtsleiter Adrian Arquint steht deswegen im Fokus von Strafanzeigen wegen mutmasslicher Falschinformation gegenüber der Öffentlichkeit. Wissenschaftliche Übersichtsarbeiten halten derweil fest, dass nicht-letale Massnahmen im Mittel überzeugender gegen Nutztierübergriffe abschneiden als letale Eingriffe – und die Evidenzbasis für «Töten hilft» schwach und widersprüchlich ist.
Mehr dazu: Psychologie der Jagd im Kanton Graubünden und Sonderjagden 2025: Mehr Abschüsse – statt auf den Wolf zu hören
Was sich ändern müsste
- Abschaffung der Sonderjagd als institutionalisierte Routinekorrektur: Eine Jagdplanung, die seit Einführung des Jagdgesetzes 1989 denselben Nachbesserungsbedarf erzeugt, funktioniert nicht. Der erste Schritt ist die ehrliche Analyse: Warum verfehlt die Hochjagd ihre Ziele systematisch? Solange diese Frage politisch nicht gestellt wird, bleibt die Sonderjagd das, was sie ist – ein Symptommanager ohne Ursachenbehebung.
- Verlängerung und ökologische Neugestaltung der Hochjagd: Die Volksinitiative 2019 hat einen sachlich begründeten Vorschlag gemacht: Verlängerung der Hochjagd um vier Tage, Nutzung des Monats Oktober, in dem die Hirsche laut Studie mehrheitlich zurück sind. Dieser Ansatz verdient eine ernsthafte politische Neubewertung, unabhängig von der Abstimmungsniederlage.
- Konsequenter, verpflichtender Herdenschutz vor jedem Abschuss geschützter Beutegreifer: Wolfsabschüsse ohne nachgewiesene und dokumentierte Ausschöpfung nicht-letaler Massnahmen sind rechtlich fragwürdig und wissenschaftlich nicht gerechtfertigt. Herdenschutz muss finanziert, kontrolliert und als Bedingung verankert werden – nicht als nachträgliches Feigenblatt.
- Unabhängige Kontrolle der kantonalen Jagdverwaltung: Die institutionelle Nähe zwischen Jagdverwaltung, Jägerschaft und landwirtschaftlichen Interessen in Graubünden macht eine unabhängige Kontrolle strukturell schwierig. Es braucht eine extern besetzte wissenschaftliche Kontrollinstanz für Abschussfreigaben, Herdenschutznachweise und die Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit.
- Pilotprojekte mit jagdfreien Zonen nach Nationalpark-Vorbild: Der Schweizerische Nationalpark zeigt, was in den Bündner Bergen ohne Hobby-Jagd möglich ist. Jagdfreie Zonen mit systematischem Wildtiermonitoring würden belastbare Vergleichsdaten liefern und die politische Debatte vom Narrativ auf die Empirie verlagern.
- Transparente Vollkostenrechnung der Sonderjagd: Was kostet die Sonderjagd inklusive Verwaltungsaufwand, Schadensentschädigungen, Vollzugskosten und juristischer Folgekosten? Wer die Sonderjagd als «kostenneutrales Regulierungsinstrument» verteidigt, muss eine ehrliche Gesamtrechnung auf den Tisch legen. Mustervorstösse: Mustertexte für jagdkritische Vorstösse und Graubünden: Ja, zur Abschaffung der Sonderjagd
Argumentarium
«Die Sonderjagd ist notwendig, weil die Hochjagd die Bestände nicht ausreichend reguliert.» Das ist das stärkste Argument für die Sonderjagd und zugleich das stärkste Argument gegen das Gesamtsystem. Wenn die Hochjagd seit über 30 Jahren ihre Ziele systematisch verfehlt und die Sonderjagd als jährlicher Korrekturmodus institutionalisiert ist, dann funktioniert das System nicht. Eine Regulierung, die ihren eigenen Bedarf permanent reproduziert, ist keine Regulierung.
«Ohne Sonderjagd würde der Wald unter Wildverbiss leiden.» Wildverbiss ist real – aber seine Ursache ist nicht zu viel Wild, sondern zu wenig ungestörter Raum. Drückjagden und Treibjagden drängen Hirsche und Rehe in Rückzugsräume, wo sie unter erhöhtem Stress verfügbare Vegetation abfressen. Der jagdfreie Nationalpark in Graubünden zeigt, dass stabile Wald-Wild-Systeme ohne Abschussquoten entstehen können, wenn natürliche Prädatoren und ungestörte Verhaltensräume vorhanden sind.
«Die Sonderjagd ist tierschutzrechtlich korrekt geregelt.» Trächtige und führende Weibchen zu erlegen, Föten im Mutterleib sterben zu lassen und Sozialstrukturen in der Winterruhe aufzubrechen, entspricht nicht dem Geist eines Tierschutzrechts, das «Würde der Kreatur» als Verfassungsgrundsatz kennt. Dass diese Praxis legal ist, zeigt die Grenzen des heutigen Tierschutzrechts – nicht ihre ethische Akzeptabilität.
«Die Volksabstimmung 2019 hat die Sonderjagd demokratisch bestätigt.» Die Volksabstimmung fand unter Bedingungen statt, in denen dem Parlament und der Bevölkerung entscheidende Informationen vorenthalten worden waren – namentlich die BAFU-Einschätzung, dass die Initiative nicht gegen übergeordnetes Recht verstosse. Ein demokratisches Verfahren auf Basis unvollständiger Information liefert keine inhaltliche Legitimation für das Abstimmungsergebnis.
«Wölfe sind das eigentliche Problem, nicht die Jagd.» Am Calanda-Massiv nahm die Hirschdichte im Wolfsgebiet seit 2011 um ein Drittel ab, während sie kantonal um 18 Prozent zunahm. Eine Studie über 3’000 Wolfslosungen zeigt, dass Nutztiere weniger als 1 Prozent der Beute ausmachen. Wölfe sind in Graubünden nicht das Problem, sie wären, würde man sie lassen, ein zentraler Teil der Lösung.
«Die Sonderjagd finanziert sich selbst.» Diese Berechnung ignoriert alle externen Kosten: Wildschadenentschädigungen, Schutzwaldsubventionen, staatliche Kontrollkosten, juristische Verfahrenskosten und Kosten durch jagddruckinduzierte Wildtierkonzentration und Verbiss. Eine ehrliche Gesamtrechnung steht aus – und die Jagdlobby hat kein Interesse daran, dass sie gemacht wird.
Quicklinks
Beiträge auf Wild beim Wild:
- Graubünden: Ja, zur Abschaffung der Sonderjagd
- Sonderjagden 2025: Mehr Abschüsse – statt auf den Wolf zu hören
- Sonderjagden und die Grenzen der Hobby-Jagd
- Psychologie der Jagd im Kanton Graubünden
- Initiative fordert «Wildhüter statt Jäger»
- Warum die Hobby-Jagd als Populationskontrolle scheitert
- Mustertexte für jagdkritische Vorstösse in Kantonsparlamenten
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- Jagd und Tierschutz: Was die Praxis mit Wildtieren macht
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- Treibjagd in der Schweiz
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- Baujagd
- Fallenjagd
- Passjagd
- Sonderjagd in Graubünden
Unser Anspruch
Die Sonderjagd in Graubünden ist kein Regulierungsinstrument. Sie ist der jährlich wiederkehrende Beleg dafür, dass das Bündner Jagdsystem seit Einführung des kantonalen Jagdgesetzes 1989 seine eigenen Planungsziele nicht erfüllen kann und dieses Scheitern institutionell verwaltet, anstatt es zu beheben. Die Volksinitiative 2019 hat gezeigt, dass zivilgesellschaftlicher Widerstand mit über 10’000 Unterschriften möglich ist, politisch aber unter Bedingungen unvollständiger Information gebremst wurde, und mit der Nachfolgeinitiative des Wildtierschutzes Schweiz ging dieser Widerstand weiter. Der jagdfreie Schweizerische Nationalpark und das Calanda-Rudel zeigen seit Jahren, dass stabile Wildtierpopulationen und natürliche Waldregeneration ohne Hobby-Jagd nicht die Ausnahme sind – sondern die Regel.
Die Konsequenz ist auch hier logisch: Wer echte Wildtierregulierung will, muss sie von jagdlichen Abschusskontingenten entkoppeln, auf wissenschaftliche Grundlagen stellen und einer unabhängigen Kontrolle unterwerfen. Die Sonderjagd ist nicht der Notausgang eines funktionierenden Systems, sie ist der sichtbare Beweis, dass das System grundlegend überdacht werden muss. Dieses Dossier wird laufend aktualisiert, wenn neue Zahlen, Studien oder politische Entwicklungen es erfordern.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.