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Jagd

Intensives Jagen zerstört Ökosysteme in Deutschland

Deutschland ist einerseits zweitgrösster Konsument von Jagdreisen weltweit, der Trophäen wegen, aber andererseits innerhalb der EU auch das Schlusslicht im Naturschutz!

Redaktion Wild beim Wild — 16. August 2024

Deutschland ist völlig „überhegt“, mit extrem grossen und unnatürlichen Wildtierbeständen.

‘Hege’ ist nichts anderes als eben Bejagung, nur mit dem Ziel, eine angeblich benachteiligte Wildtierart dann zu „schützen“, zu bevorteilen. Das dann gern nach menschlichen Wertmassstäben und nur auf eine kleine Geografie begrenzt.

Bejagung der Art wie in Deutschland, führt bewusst und auch gewollt zu immer mehr Wild, zu grösseren Reproduktionen (mehr Junge), stärkerer Populationsdynamik (z. B. frühere Geschlechtsreife) und grösseren Beständen. Nur deshalb werden die Jagdstrecken (Indikator für Bestand) immer grösser. Immer mehr Jäger erschiessen immer mehr Wildtiere. 

Auf diese Flächen Deutschlands mit ebendieser extremen menschengemachten unnatürlichen Wildtierdichte traf der Wolf vor über 20 Jahren. Deutschland ist weltweit das Land mit den schnellsten Ausbreitungen der Wölfe und den kleinsten Wolfsterritorien in Fläche, übertrifft bei Weitem damit sogar den Yellowstone National Park. Einzig der vollkommen unnatürlichen, jagdlich erreichten grossen Wildtierdichte ist das zu verdanken. Deutschland hat die höchste Wildtierdichte an Schalenwild.

Pro Territorium lebt grundsätzlich aber nur ein Wolfsrudel, niemals mehr. Auch ist ein Rudel, wenn keine Tiere (illegal oder legal durch angewiesene „Entnahme“) erschossen werden, immer nur eine Familie aus bis zu kurzzeitig drei Generationen, damit also aus 4 bis 12 Tieren bestehend. Wozu aber bis zu über 300 km² Territorium beanspruchen und gegenüber Artgenossen verteidigen, wenn so ein reich gedeckter Tisch an Schalenwild vorhanden ist, deutlich kleinere Territorien reichen aus Sicht des Wolfes in Deutschland oft aus, zum Fortbestand der eigenen Art. Deutschland und Österreich sind völlig  „über hegt“, (siehe auch Buchtipp Prof. Dr. Kurt Kotrschal: Wolf Hund Mensch, Link unten).

Tatsächlich ist die Jagd heute immer nur eine ‘Nutzung’, eine Ausnutzung der Natur, auch in Natur”nutz”gebieten. Deren ernsthafter Schutz käme weitgehend ohne jagdliche Aktivitäten aus, oder wäre ohne den Hobbyjagdanteil zumindest nicht schädigend, eine „Entnahme“, z. B. zum Verzehr, in Stückzahl auf Augenhöhe mit natürlichen Prädatoren also möglich, wenn auch in vollkommen anderer Selektionsart und deutlich kleinerer Stückzahl, eben in der Selektion naturidentisch und nicht nach Trophäe ausgerichtet.

Was ist heute eigentlich Jagd? Die Frage stelle ich mir oft, wenn ich auf meinen Spaziergängen in Naturschutzgebieten auf einen SUV im Wald treffe, der „Jäger“ 20 m weiter auf einer jagdlichen Einrichtung, den Abend zuvor den Platz mit Futter und/oder Lockstoff präpariert, dann nun wartend verweilt, ein Präzisionsgewehr im Anschlag, auslöst und völlig chancenlos ein Wildtierleben auf grösste Entfernung beendet. Wo ist da die Jagd, das Jagen, das Stellen, das Hinterherjagen? Auch unsere Vorfahren hatten zu Fuss die Tiere verfolgt, gestellt und Auge in Auge erlegt. Das Tier hatte eine Chance, die korrekte natürliche Selektion war vorhanden. Heute ist Jagd oft nur noch der Schuss eben, das eigentliche Ende der Handlung! Heute auch nachts mittels Vorsatzgeräte, Wärmebild und Restlichtverstärker.

Aber zurück zur Natur. Deutschland besteht heute zu 99,6 % aus „Kulturlandschaft“. Landschaft, die vom Menschen nach seinen Vorstellungen, meist Ertragsoptimiert in Holz- und Agrarwirtschaft, gestaltet und reguliert wird. Natur, oder gar Wildnis hat nach den Vorstellungen derer, die dafür einstehen, keinen Platz und wird als nicht realisierbar angesehen. In den versiegelten Flächen, ca. 14 % nur sind Stadt, gibt es heute schon mehr Biodiversität und Artenvielfalt als auf dem Land. Ca. 51 % der Flächen sind artenarme Agrarflächen. Der Rest, also über ein Drittel, kann echte und funktionierende Natur sein. Sie kann es nicht nur, sie muss es demnächst auch werden, dazu haben wir uns, hat Deutschland sich verpflichtet! Denn die EU-Biodiversitätsstrategie gibt das vor, sie ist Gesetz! 2020 verabschiedet und bis 2030 in einem Mindestmass umzusetzen. Nur mit der Jagdlobby an den Spitzen der zu treffenden Umsetzungen der dringend erforderlichen Veränderungen werden wir das nicht schaffen.

Im Beitrag verwies ich bereits auf die 30 % der geforderten Flächen eines jeden EU-Mitgliedes, auch auf die ‘verschwundenen’, zunächst geforderten 10 % der besonders geschützten Flächen sei hier noch mal verwiesen. Lediglich 10 %, es hätten Naturschutzgebiete und/oder Truppenübungsplätze sein können, in den dann nicht gejagt wird, keine Holzwirtschaft, kein Bergbau und keine Fischerei betrieben wird. Verschiedene Lobbyisten, auch insbesondere der Jagd strichen geschwind den Erstvorschlag, ersetzten ihn durch ‘Bäume pflanzen’. So gehört Deutschland weiterhin zu den wenigen EU-Mitgliedern, in denen, abgesehen von 14 % versiegelter Stadtflächen, absolut überall sonst gejagt wird.  Obgleich die Jagd auf diesem extremen Niveau von Tier- und Naturschützern wie auch in weiten Teilen der Gesellschaft sehr kritisch gesehen wird. Es stellt sich die Frage, ob Jagd für den Naturschutz tatsächlich notwendig ist, oder der Natur nicht nur massiv schadet. Die 10 % besonders geschützter jagdfreier Flächen hätte uns allen eine wissenschaftliche Antwort gegeben.

Die ursprüngliche Bedeutung der Jagd, wild lebende Tiere für die Ernährung des Menschen zu erbeuten, besteht nicht mehr seit der Sesshaftigkeit des Menschen. Die Erbeutung von Wildtieren ist seitdem zu einem Privileg von Einzelnen geworden und wird meistens zum Vergnügen oder als ‘Sport’ betrieben, abgesehen von ganz wenigen, die vorgeben, sich davon zu ernähren. Jagd ist immer eine Form der Naturnutzung, und da jede Nutzung zu den ökologischen Belastungen der Natur und damit zur Gefährdung unseres eigenen Lebensraumes beiträgt, ist es legitim, wenn überprüft wird, welchen Einfluss sie hat, ob sie aus ökologischer Sicht nachteilig, notwendig oder vorteilhaft für unsere Natur ist.

Unsere Landschaften haben als Erholungsraum für alle Menschen eine notwendige, eine essenzielle Bedeutung. Der Erholungswert einer Region für uns steigt, wenn die biologische Vielfalt hoch ist, d. h. wenn jeder in der Natur möglichst viele wild lebende Pflanzen und Wildtiere beobachten kann. Erholung-suchende Spaziergänger können unser aller Wildtiere (Wildtiere sind herrenlos, erst das erschossene Wildtier gehört dem Jäger) jedoch heute nur selten und nur in grosser Entfernung sehen, weil der hohe, heute oft 24/7 Jagddruck ihr Verhalten in Anpassung an die jagdlichen Aktivitäten extrem ändert. Fluchtdistanz und Fluchtverhalten heute vollkommen unnatürlich und übersensibel ablaufen. Wildtiere werden durch die Nachstellungen sehr scheu, ändern ihren Aufenthaltsraum, vergrössern die Fluchtdistanz oder werden nachtaktiv. Rotwild und Rehe ziehen sich in die Wälder zurück, der Fuchs, Luchs und der Wolf jagen nur noch in der Dämmerung und nachts.

Die Jagd, und der Anteil der Hobby- oder Spassjagd haben einen negativen Einfluss auf die stark abnehmende biologische Vielfalt, die eine entscheidende Voraussetzung für die volle Funktionsfähigkeit des gesamten ökologischen Systems ist, von dem auch wir Menschen abhängig sind. Ohne die Vielfalt sind Funktionen wie die Bereitstellung von sauberem Trinkwasser und sauberer Luft sowie von dauerhaft nutzbaren gesunden Böden nicht möglich. Durch die Jagd wird die natürliche Zusammensetzung der Fauna verändert, denn ca. 40 jagdlich interessante Wildtierarten wie Rehe werden gefördert, werden gehegt. Ihre Zahl nimmt zu, während ihre Feinde, also Beutegreifer, die von den Jägern als Konkurrenten empfunden werden, verfolgt und getötet werden, Wölfe sogar mittlerweile in grossem Masse illegal, die politisch zum Problemwolf erklärten und abgeschossenen Wölfe mitgezählt, wie durch das letzte klare EuGH am 11.07.2024 bekräftigte.

Wenn von Jägern fremde jagdbare Arten wie z. B. das aus den Steilhängen Korsikas stammende Mufflon zum Schiessspaß ausgesetzt oder verschwundene Arten wieder eingeführt werden, nimmt die Artenvielfalt dadurch nicht wirklich zu. Die Neulinge in unserer Fauna (Neozoen) sollen in erster Linie die Liste jagdbarer Arten verlängern, interessante neu und zusätzliche Trophäen bringen und auch die von Jagdkreisen wieder eingeführten Tiere wie das Birkwild, sollen schliesslich bei einer „Bestandserholung“ dann wieder geschossen werden. Man schiesst und erschiesst in den Hegemassnahmen zunächst alles andere an jagdbarem Wild, um dann diese sich im Bestand erholten Wildtiere zu erschiessen, so geht Naturschutz in vielen jagdlichen Betrachtungsweisen.

Jagd ist nicht zum Schutz der Natur erforderlich. Die von Jägern häufig geäusserte Behauptung, sie könnten durch den Abschuss von Tieren deren Populationen regulieren, ist aus ökologischer Sicht wissenschaftlich falsch. Jäger dezimieren zunächst nur die Zahl der Tiere, was später nur zu noch mehr Beständen führt. Die Regulation einer Population ist dagegen ein komplizierter, natürlicher Prozess, bei dem Reaktionen der Individuen einer Art und viele äussere, ökologische Faktoren eine viel entscheidende Rolle spielen als nur die temporäre Reduktion einer Bestandsgrösse. Der Jäger ist, so zeigt die Praxis der letzten Jahrzehnte, nur ein schlechter Ersatz für ehemalige jagdlich ausgerottete Raubtiere, weil er nicht zuvorderst kranke und schwache Individuen schiesst (deren Überlebensfähigkeit er draussen kaum selbst erkennen kann), sondern wahllos eingreift oder im Falle des Schalenwildes gern Männchen erlegt, um eine möglichst stattliche Trophäe zu erhalten, oder ein wie in den Jagdforen beschriebenes befriedigendes Erlebnis des Erschiessens.

Jagd ist also eine Nutzung und hat einen Einfluss auf die Natur in unserer Umwelt. Das bedeutet für einzelne Freude und Spass. Für die Mehrheit der Gesellschaft jedoch schränkt sie die Möglichkeiten bei der Naturbeobachtung ein. Für andere ist das Töten von hoch entwickelten Tieren, wie dem Fuchs in perfider Fallenjagd, eine Barbarei. So ist es verständlich, dass die Jagd zunehmend kritisch gesehen wird, zumal sich die Umweltparameter immer weiter ins Negative verschieben, wir heute katastrophale Holzplantagen (früher Wald genannt) vorfinden und das grösste Artensterben vorfinden.

Dabei wird die Jagd von einigen mit vielen Emotionen verteidigt, von anderen ebenso vehement abgelehnt. Die Argumente der Jägerschaft sind – wie bei der Thematik Regulation gezeigt, fernab moderner wissenschaftlicher Erkenntnisse. Die Jagd hat sich seit vielen Jahrzehnten nicht geändert, unsere Umwelt schon. Andere Argumente sind nicht verständlich, sie sind eine Ausrede, eben eine ‘Meinung’, z. B. „Jagd ist angewandter Naturschutz“, oder „in einer Kulturlandschaft ist die Bestandsregulierung erforderlich“ usw.

Leider zeigt sich die Jagd nur sehr begrenzt reformbereit. Immer noch herrschen die alten Gepflogenheiten, weshalb Trophäenträger überhegt werden. Des Weiteren fällt auf, dass in den Argumentationsketten der Jagdlobby Prädatoren wie Wolf und Fuchs keinen Platz finden; noch im Jahre 2000 sprach man offen und zumindest ehrlich von ‘Raubwildbekämpfung’, was heute Prädatorenmanagement heisst. „Raub“ wir rauben/stehlen, „Bekämpfung“, da nicht gewollt, und in der Betrachtungsweise bekämpft, gar ausgerottet werden muss. Warum eigentlich? Wie können in der Natur, in filigranen Gleichgewichten, durch jahrtausendealte Evolution geschaffene Wesen überflüssig sein? Warum masst sich der Mensch an, die komplexen Regularien, das filigrane Gleichgewicht herstellen zu können? Selbst heute noch, nach vielen Jahrzehnten des Scheiterns, dem historisch grössten Artensterben, möchte ein Grossteil der Jagenden nichts ändern, weiterhin lieber dem Eigeninteresse nachgehen. Möchten wir das zulassen?

Quelle: Guido Meyer

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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