Die Hobby-Jagd ist kein harmloses Naturerlebnis, sondern ein bewusster Umgang mit tödlichen Waffen in einer dicht genutzten Landschaft.
Seit Beginn der BFU-Statistik im Jahr 2000 wurden bis 2019 über 75 Menschen bei Jagdunfällen getötet. Rein rechnerisch passiert alle 29 Stunden ein Jagdunfall und ungefähr alle dreieinhalb Monate kommt ein Mensch ums Leben.
Im Mehrjahresdurchschnitt sind es in der Schweiz rund vier Hobby-Jäger, die während ihres Hobbys die ewigen Jagdgründe aufsuchen. Ab etwa dem 45. Lebensjahr steigt die Zahl der Unglücke deutlich an. Besonders betroffen ist die Altersgruppe der älteren Männer, also genau jene Gruppe, die im Wald mit Gewehr und scharfer Munition unterwegs ist.
Was offizielle Unfallstatistiken überhaupt erfassen
Die verfügbaren Zahlen stammen vor allem aus zwei Quellen: der BFU Statistik zu Nichtberufsunfällen und Spezialauswertungen der UVG-Daten der Unfallversicherer. Beide haben eines gemeinsam: Sie bilden nur einen Teil der Realität ab.
Eine Auswertung der UVG-Daten für die Jahre 2006 bis 2015 zeigt, dass es bei der Tätigkeit Hobby-Jagd jährlich rund 300 anerkannte Unfälle gibt. In diesem Zeitraum wurden etwa 2 Todesfälle pro Jahr und ungefähr 2 neue Invalidenrenten pro Jahr registriert. Nur ein kleiner Teil der tödlichen und schweren Unfälle geht auf Schüsse zurück. Viel häufiger sind Stürze und Abstürze im unwegsamen Gelände, ausgelöst durch hektische Jagdsituationen, Dunkelheit, schlechte Sicht und Zeitdruck.
Neuere Auswertungen der UVG-Daten für 2016 bis 2020 bestätigen dieses Bild: Bei der Tätigkeit Jagd werden durchschnittlich rund 300 Unfälle pro Jahr anerkannt, mit etwa einem Todesfall, zwei Invalidenrenten und jährlichen Kosten von rund 3,6 Millionen Franken. Die meisten schweren Unfälle geschehen durch Stürze und Abstürze draussen im Jagdgebiet.
Entscheidend ist, was diese Statistiken nicht erfassen: Die UVG-Statistik bezieht sich nur auf obligatorisch unfallversicherte Erwerbstätige. Kinder, Studierende, Hausfrauen und Hausmänner, Selbstständige und insbesondere die grosse Gruppe der pensionierten Hobby-Jäger fehlen vollständig. Gerade sie stellen aber einen erheblichen Anteil der Personen, die mit Jagdwaffen umgehen. Die tatsächliche Zahl der Jagdunfälle und Todesfälle liegt deshalb deutlich über den offiziellen UVG-Zahlen.
Dunkelziffer und Gefährdung Dritter
Die BFU-Zahlen beziehen sich auf klassische Jagdunfälle. Straftaten mit Jagdwaffen, häusliche Tragödien, Drohungen mit Schusswaffen, Suizide, aber auch viele Beinahe-Unfälle tauchen darin nicht auf.
Noch problematischer: Die Gefährdung unbeteiligter Dritter durch Hobby-Jäger lässt sich aus den Daten der Unfallversicherer kaum herauslesen. Dabei berichten Medien- und Tierschutzorganisationen seit Jahren immer wieder von Fällen, in denen Spaziergänger, Nachbarn oder andere Hobby-Jäger getroffen wurden.
Ein aktuelles Beispiel ist der tödliche Jagdunfall von Oulens sous Echallens im Kanton Waadt. Ende November 2024 wurde dort ein 64-jähriger Hobby-Jäger von einem Schuss eines Kollegen getötet, als eine Gruppe Hobby-Jäger versuchte, eine Rotte Wildschweine aus einem Dickicht herauszuschiessen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen eines Todesfalls, der bei einer Freizeitbeschäftigung mit Schusswaffen passiert ist.
Solche Ereignisse sind kein bedauerlicher Zufall, sondern systemimmanent. Wo mit Kugeln und Schrot in Wäldern, Feldern und in der Nähe von Wegen geschossen wird, geraten zwangsläufig auch Menschen und Haustiere in die Schusslinie. Die Hobby-Jagd verlagert das Risiko auf alle anderen, die den Wald einfach als Erholungsraum nutzen möchten.
Jagd als Hobby mit hohen gesellschaftlichen Kosten
Jagdwaffen sind nicht nur im Wald gefährlich. Immer wieder werden sie bei häuslichen Konflikten, Drohungen oder Suiziden eingesetzt. Jede im Schrank eines Hobby-Jägers gelagerte Waffe ist potenziell Teil einer späteren Tragödie. Tierschutz und Kriminologie weisen seit Jahren darauf hin, dass Schusswaffen im Privatbesitz das Risiko für tödliche Eskalationen im sozialen Umfeld deutlich erhöhen.
Dazu kommen die finanziellen Folgen. Allein die bei den Unfallversicherern abgerechneten Jagdunfälle verursachen laut UVG‑Auswertungen im Schnitt mehrere Millionen Franken pro Jahr. Diese Kosten trägt letztlich die Allgemeinheit, während es sich bei der Hobby-Jagd mehrheitlich um ein Hobby einer kleinen Minderheit handelt.
Hobby-Jäger als Risikogruppe
Im Kanton Graubünden ereignen sich besonders viele Unfälle auf der Hobby-Jagd, gefolgt von Jagdunfällen im Ausland. Es folgen die Kantone Tessin, Aargau, Wallis, St. Gallen und Bern. Alle seit dem Jahr 2000 auf der Jagd tödlich verunglückten Personen mit BFU-Eintrag waren in der Schweiz wohnhaft.
Die Statistik zeigt damit klar: Die Hobby-Jagd ist kein folkloristischer Restbrauch, sondern ein reales Sicherheitsrisiko, das vor allem von einer bestimmten Risikogruppe ausgeht. In der Praxis sind es überwiegend ältere Männer, die mit Jagdwaffen unterwegs sind, oft in anspruchsvollem Gelände und in Situationen, in denen Stress, Gruppendruck und Adrenalin eine Rolle spielen. Fehler haben dann tödliche Konsequenzen.
Jagdwaffen führen zu Missbrauch in unserem Sozialleben. Immer wieder kommt es zu Schusswaffensuiziden, Drohungen und tödlichen Tragödien. Jahr für Jahr werden Menschen durch Hobby-Jäger und Jägerwaffen getötet und verletzt, teilweise so schwer, dass sie im Rollstuhl sitzen oder ihnen Gliedmassen amputiert werden müssen. – IG Wild bei Wild
Wildhüter statt Hobby-Jäger
Seit dem Jahr 2000 wurden in der Schweiz Dutzende Menschen im Kontext der Hobby-Jagd getötet, dazu kommen Hunderte Schwerverletzte und eine unbekannte Dunkelziffer an Beinahe-Unfällen und Straftaten mit Jagdwaffen. Gleichzeitig existiert bis heute keine vollständige, zentral geführte Statistik über alle Todesfälle und Verletzungen, die direkt oder indirekt mit der Hobby-Jagd zusammenhängen.
Ein modernes, ethisches Wildtiermanagement braucht keine Hobby-Jäger, die in ihrer Freizeit mit tödlichen Waffen unterwegs sind. Professionelle, streng kontrollierte Wildhüter könnten Sicherheitsrisiken reduzieren und gleichzeitig den Schutz von Menschen und Wildtieren verbessern.
Solange die Hobby-Jagd in ihrer heutigen Form weiterläuft, bleibt die nüchterne Bilanz bestehen: Es sind nicht Wölfe oder andere Wildtiere, die ein Sicherheitsproblem darstellen, sondern eine kleine Risikogruppe bewaffneter Freizeitjäger.
Nach Auffassung der IG Wild beim Wild braucht es für Hobby-Jäger jährliche medizinisch-psychologische Eignungsgutachten nach dem Vorbild der Niederlande sowie eine verbindliche Altersobergrenze. Die grösste Altersgruppe unter den Hobby-Jägern ist heute 65+. In dieser Gruppe nehmen altersbedingte Einschränkungen wie nachlassende Sehfähigkeit, verlangsamte Reaktionszeiten, Konzentrationsschwächen und kognitive Defizite statistisch deutlich zu. Gleichzeitig zeigen Unfallanalysen, dass die Zahl schwerer Jagdunfälle mit Verletzten und Todesopfern ab dem mittleren Lebensalter signifikant ansteigt.
Die regelmässigen Meldungen über Jagdunfälle, tödliche Fehlhandlungen und den Missbrauch von Jagdwaffen verdeutlichen ein strukturelles Problem. Der private Besitz und Einsatz tödlicher Schusswaffen zu Freizeitzwecken entzieht sich weitgehend einer kontinuierlichen Kontrolle. Aus Sicht der IG Wild beim Wild ist dies nicht länger verantwortbar. Eine Praxis, die auf freiwilligem Töten basiert und zugleich erhebliche Risiken für Menschen und Tiere erzeugt, verliert ihre gesellschaftliche Legitimation.
Hobby-Jagd beruht zudem auf Speziesismus. Speziesismus beschreibt die systematische Abwertung nichtmenschlicher Tiere allein aufgrund ihrer Artzugehörigkeit. Er ist mit Rassismus oder Sexismus vergleichbar und weder kulturell noch ethisch zu rechtfertigen. Tradition ersetzt keine moralische Prüfung.
Gerade im Bereich der Hobby-Jagd ist kritische Prüfung unerlässlich. Kaum ein anderes Feld ist derart von beschönigenden Erzählungen, Halbwahrheiten und gezielter Desinformation geprägt. Wo Gewalt normalisiert wird, dienen Narrative oft der Rechtfertigung. Transparenz, überprüfbare Fakten und eine offene gesellschaftliche Debatte sind deshalb unverzichtbar.







