2. April 2026, 20:08

Geben Sie oben einen Suchbegriff ein und drücken Sie Enter, um die Suche zu starten. Drücken Sie Esc, um den Vorgang abzubrechen.

Umwelt & Naturschutz

Rütter, Silvester und die Jagd-PR

Martin Rütter teilt ein Instagram-Reel, eigentlich zum Thema Silvesterknallerei und Hunde an der Leine. Daraus wird innert Stunden eine Jagd-Debatte, weil Rütter den Bogen von Böllerei zur Jagd schlägt und dabei scharf formuliert. Ein Jagdmedium reagiert prompt: Rütter sei unsachlich, verdrehe Argumente, hetze gegen die Jägerschaft. Dazu wird eine Vertreterin eines Landesjagdverbandes zitiert, die behauptet, Jagd schütze Tiere und Umwelt, sei gesetzlich vorgeschrieben und ohne Jagd gehe es in unserer Kulturlandschaft nicht.

Redaktion Wild beim Wild — 3. Januar 2026

Hier wird gerne mit einem wahren Kern gearbeitet, um einen falschen Schluss zu ziehen.

Ja, im deutschen Bundesjagdgesetz ist mit dem Jagdrecht die Pflicht zur Hege verbunden. Das bedeutet aber nicht automatisch: Hobby-Jagd in ihrer heutigen Freizeitform sei «vorgeschrieben» oder alternativlos.

Hegepflicht ist ein juristischer Rahmenbegriff. Er sagt zunächst, dass Wildbestände und Lebensräume in einem bestimmten Zustand erhalten werden sollen und dass Wildschäden möglichst vermieden werden. Daraus folgt nicht, dass möglichst viel geschossen werden muss. Daraus folgt auch nicht, dass jede Jagdmethode, jede Jagdintensität und jedes jagdliche Selbstbild automatisch Naturschutz ist. Ob und wann Abschüsse geeignet sind, ist eine Managementfrage, keine automatische Konsequenz aus dem Hegebegriff.

Wer «gesetzlich vorgeschrieben» sagt, tut so, als gäbe es nur eine einzige praktikable Umsetzung: bewaffnete Freizeitjagd. Das ist ein politischer Claim, nicht einfach Fakt.

In der Praxis wird dieser Rahmen oft über private Pacht- und Reviermodelle umgesetzt. Das ist ein System, das nicht nur ökologische Ziele, sondern auch soziale, traditionelle und teils freizeitprägende Motive in sich tragen kann.

«Ohne Hobby-Jagd geht es in unserer Kulturlandschaft nicht.»

Diese Formel ist beliebt, weil sie Abschluss und Diskussion gleichzeitig liefert. Sie ist aber so pauschal, dass sie wissenschaftlich und praktisch kaum etwas erklärt.

Was stimmt: Viele Lebensräume sind vom Menschen geprägt, Landwirtschaft und Forstwirtschaft erzeugen Konflikte, und Wildtiere reagieren auf Futterangebot, Störung, Verkehr, Klima und Habitatqualität. Was umstritten ist: Ob Freizeitjagd wirklich das beste Instrument ist, oder ob sie teils selbst Probleme verstärkt, etwa durch Jagddruck, Störung, Verhaltensänderungen und Fehlanreize.

Jagdverbände kommunizieren sehr aktiv, dass Hobby-Jagd Naturschutz sei und Vorurteile zu entkräften seien. Genau deshalb braucht es in der öffentlichen Debatte das Gegengewicht: harte Fragen, transparente Daten, unabhängige Evaluation. Und nicht das reflexhafte «ohne uns geht es nicht».

Die eigentliche Debatte: Böllerei vs. Hobby-Jagd

Der Vergleich hinke, sagen Jagdstimmen, weil Böllerei sinnlos sei, Hobby-Jagd aber nütze. Man kann auch anders ansetzen:

Beides sind menschliche Handlungen, die Tiere stressen, verletzen oder töten können. Der Unterschied ist: Böllerei ist ein kurzfristiger Peak, Hobby-Jagd ist eine wiederkehrende Praxis mit planbarer Störung und realer Tötung.

Wer Böllerei als Tier- und Umweltschaden anerkennt, sollte logischerweise auch über jagdliche Störung, Nachsuchen, Fehlschüsse, Stress im Winter, Zerschneidung von Rückzugsräumen und über den Freizeitanteil der Hobby-Jagd sprechen. Genau diese Themen fehlen in der Jagd-PR meist oder werden sprachlich entschärft.

Martin Rütter mag polemisch formuliert haben. Das kann man kritisieren, ohne in Jagd-Mythen zu flüchten. Denn die Replik aus dem Jagdmilieu arbeitet mit drei typischen Tricks: grosse Behauptungen ohne Daten sind unverzichtbar, juristische Begriffe als moralischer Freipass für Hege, und Kritikabwehr per Label Hetze.

Wer Wildtiere ernst nimmt, sollte weniger über die Person Rütter reden und mehr über überprüfbare Punkte: Welche Ziele werden bei der Hobby-Jagd gesetzt, mit welchen Daten, mit welchen Nebenwirkungen, und wer kontrolliert das unabhängig?

Unterstütze unsere Arbeit

Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.

Jetzt spenden