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Umwelt & Naturschutz

Berns Wald-Wild-Strategie: Freipass für Hobby-Jäger

Der Kanton Bern zieht die Schraube an: Unter dem Titel «Strategie Wald–Wild–Lebensraum 2040» will die Regierung das angeblich gestörte Gleichgewicht zwischen Wald und Wild wiederherstellen.

Redaktion Wild beim Wild — 22. November 2025

Im Zentrum stehen eine neu organisierte Jagdplanung, mehr Abschüsse – explizit auch von weiblichen Tieren – sowie zusätzliche Massnahmen zur Wildschadenverhütung.

Mit anderen Worten: Die bisherige Hobby-Jagd hat die selbst gesteckten Ziele offenkundig bis heute nicht erreicht.

Auf den ersten Blick klingt das nach verantwortungsvoller Waldpolitik. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch ein altbekanntes Muster: Wildtiere werden zur Hauptschuldigen erklärt, während Jagdsystem, falsche Forstwirtschaft und intensive Nutzung der Landschaft weitgehend aus dem Fokus bleiben.

Was Bern konkret plant

Gemäss Medienmitteilung des Kantons umfasst die neue Strategie vier zentrale Handlungsfelder:

  1. Neu organisierte Jagdplanung
    Die Bestände von Reh, Gämse und Rothirsch sollen «gezielt» reguliert werden. Als entscheidend bezeichnet der Kanton, dass vermehrt weibliche Tiere erlegt und Abschussziele konsequent erreicht werden.
  2. Anreize für Waldeigentümerinnen und Waldeigentümer
    Die Bewirtschaftung der Wälder soll «naturnah» erfolgen und stärker auf natürliche Verjüngung setzen. Waldbesitzende sollen dafür beraten und finanziell unterstützt werden.
  3. Ausbau der Wildschadenverhütung
    Bäume in stark belasteten Gebieten sollen besser geschützt werden, etwa mit Einzelschutz. Gleichzeitig sollen Waldränder aufgewertet, Vernetzungselemente im Offenland geschaffen und Wildruhezonen ausgebaut werden.
  4. Regelmässige Erfolgskontrolle
    Alle zwei Jahre will der Kanton anhand des sogenannten Wildeinflussgutachten überprüfen, ob die Massnahmen wirken.

Am Tisch sassen Vertreter von Jagd, Waldbesitz, Landwirtschaft und Naturschutz. Auffällig ist jedoch: Tierschutz- und Wildtierschutzorganisationen spielen offiziell kaum eine Rolle, obwohl die Strategie tief in das Leben tausender Wildtiere eingreift.

Wie gross ist das Problem wirklich?

Die kantonalen Gutachten zeichnen ein dramatisches Bild. Laut dem Verband der Berner Waldbesitzer zeigt das Wildeinflussgutachten 2023 eine weitere Verschlechterung einer bereits seit Jahren «drastischen» Situation. Demnach können auf rund der Hälfte der Berner Waldfläche klimataugliche Baumarten kaum oder gar nicht aufwachsen, weil die Jungbäume von Schalenwild verbissen werden.

Diese Zahlen werden von der Regierung bestätigt. In der Kurzmitteilung des Kantons heisst es, dass die neu angewendete, stärker auf klimaresiliente Arten ausgerichtete Methode den Handlungsdruck nochmals erhöht.

Ein Blick auf die Schweiz als Ganzes zeigt jedoch ein differenzierteres Bild:

  • Eine Auswertung kantonaler Daten für die Jahre 2020 bis 2024 kommt zum Schluss, dass der Wildeinfluss zwar regional massiv ist, gesamtschweizerisch aber etwa die Hälfte der Waldfläche in unterschiedlichem Ausmass betroffen ist, nicht die ganze Schweiz.
  • Bereits eine frühere Übersichtsarbeit stellte fest, dass in rund zwei Dritteln der begutachteten Waldfläche die Verjüngung durch Reh, Gämse und Rothirsch nicht wesentlich beeinträchtigt wird.

Mit anderen Worten: Es gibt echte Hotspots mit massiven Problemen. Daraus wird politisch aber gerne eine generelle «Waldkrise durch zu viel Wild» konstruiert. Genau diesen Spin greift auch die Berner Strategie auf.

Was in der Debatte untergeht: Waldpolitik, Holzmarkt und menschliche Störungen

Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) hält in seiner Vollzugshilfe «Wald und Wild» klar fest, dass Wald-Wild-Konflikte nicht nur mit der Anzahl Tiere zu tun haben. Entscheidend sind auch:

  • die Qualität und Durchmischung des Lebensraums
  • Waldbewirtschaftung und Holznutzung
  • der Druck durch Freizeitnutzung, Tourismus und Forststrassen
  • die Verteilung des Wildes, die durch Störungen stark beeinflusst wird

Wird der Wald durch Hobby-Jäger permanent gestört, drängen Rehe und Hirsche aus der Deckung in ruhigere Bereiche. Dort konzentriert sich dann der Verbiss auf kleinen Flächen. Die Waldschäden werden sichtbar, die eigentliche Ursache – menschlich erzeugter Stress im Lebensraum – bleibt aber weitgehend tabu.

Auch der forstliche Umgang mit dem Wald spielt eine Rolle: Einseitige Fichten- oder Buchenbestände, mangelnde Struktur, zu wenig Totholz und über Jahrzehnte vernachlässigte Naturverjüngung machen die Bestände verletzlich. Gleichzeitig soll der Wald Holz liefern, Naturgefahren abwehren, Erholung bieten und Biodiversität schützen. Diese Zielkonflikte geraten in der öffentlichen Debatte regelmässig in den Hintergrund, sobald «das Wild» als bequemer Sündenbock bereitsteht.

Die Hobby-Jagd als Teil des Problems

Die Strategie des Kantons Bern baut auf der Annahme auf, dass mehr Jagd automatisch zu besserem Wald führt. Doch die Forschung zur Wald-Wild-Situation zeigt ein komplexeres Bild:

  • Eine gute Waldverjüngung hängt nicht allein von niedrigen Wildbeständen ab. In einer Auswertung positiver Beispiele stellten Fachleute fest, dass Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Forst und Jagd, ausreichend Licht im Wald und gezielte waldbauliche Massnahmen entscheidend sind.
  • Das BAFU weist darauf hin, dass Abschüsse eingebettet sein müssen in ein integrales Management von Lebensraum, Störungen und Wildtierpopulationen.

Trotzdem setzt der Kanton Bern nun stark auf eine Steigerung der Abschusszahlen, insbesondere bei weiblichen Tieren. Genau hier stellen sich aus Tierschutzsicht grundlegende Fragen:

  • Mehr Abschüsse von Hirschkühen und Rehgeissen treffen tragende oder führende Tiere und können Kälber und Kitze als Waisen zurücklassen.
  • Treib- und Drückjagden verursachen massiven Stress, der weit über die getöteten Tiere hinausgeht. Flucht, Verletzungen und hohe Energieverluste mitten im Winter sind kaum mit einem modernen Tierschutzverständnis vereinbar.
  • Eine stark jagdgeprägte Sozialstruktur kann zu unnatürlichen Alters- und Geschlechterverhältnissen führen und die Dynamik der Population verzerren.

Dass ausgerechnet das Jagdinspektorat die Strategie massgeblich mitformuliert, macht eine selbstkritische Analyse dieser Effekte wenig wahrscheinlich. Die Institution, die am System der Hobby-Jagd hängt, soll gleichzeitig dessen Problemlösung managen. Ein klassischer Interessenkonflikt.

Beutegreifer: ungeliebte Verbündete des Waldes

Eine unbequeme Wahrheit für die Jagdlobby lautet: In einem weitgehend intakten Ökosystem übernehmen Beutegreifer wie Luchs und Wolf einen Teil der Regulierung von Hirsch- und Rehbeständen.

Die Vollzugshilfen von Bund und Fachliteratur halten fest:

  • Luchs und Wolf können regional einen bedeutenden Einfluss auf Reh-, Gams- und Hirschbestände haben und müssen bei der Jagdplanung berücksichtigt werden.
  • Naturschutzplattformen weisen darauf hin, dass die Rückkehr von Luchs, Bär und Wolf zu einer Regulierung deutlich zu hoher Bestände von Reh und Hirsch beitragen kann.

In der Praxis wird dieser natürliche Regulierungseffekt jedoch durch politische Abschussbewilligungen, Bejagung von Beutegreifern und den Druck aus Landwirtschaftskreisen unterlaufen. Statt die Chance eines ökologischeren Gleichgewichts zu nutzen, verteidigt man die Logik der menschlichen «Bestandesregulierung» mit der Büchse.

In der politischen Debatte rund um Wald und Wild spielen Beutegreifer wie Wolf und Luchs bislang nur eine Nebenrolle. Auch die neue Berner Strategie stellt sie jedenfalls nicht ins Zentrum ihrer Lösungsansätze. Eine ernsthafte Debatte darüber, wie Wolf und Luchs langfristig als Verbündete des Waldes akzeptiert und geschützt werden könnten, bleibt aus.

Wissenschaft warnt, Politik verengt

Forschende der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL weisen seit Jahren darauf hin, dass in vielen Schweizer Schutzwäldern zu wenig Jungbäume nachwachsen und Rehe, Gämsen und Hirsche bevorzugt jene Baumarten fressen, die für den klimaresilienten Wald der Zukunft besonders wichtig wären.

Gleichzeitig zeigt die neuere nationale Auswertung des Wildeinflusses, dass die Situation regional sehr unterschiedlich ist. Sie legt nahe, dass punktgenaue Massnahmen in Hotspot-Gebieten sinnvoller sind als flächige Schiessoffensiven.

Genau hier verengt die Berner Strategie die Perspektive:

  • Statt integraler Lösungen, die auch Freizeitdruck, Waldstruktur, Beutegreifer und forstliche Praxis einbeziehen, rückt primär die Hobby-Jagd in den Mittelpunkt.
  • Statt unabhängige Tierschutzstimmen strukturell einzubinden, dominiert ein Gremium mit starken Nutzungsinteressen: Holz, Jagd, Landwirtschaft.
  • Statt die Frage zu stellen, wie viel Hobby-Jagd sich mit zeitgemässem Tierschutz vereinbaren lässt, wird Jagd als weitestgehend naturgesetzliches Steuerungsinstrument gesetzt.

Was eine wirklich zeitgemässe Wald-Wild-Politik leisten müsste

Eine moderne, wissenschaftlich fundierte und ethisch verantwortbare Waldpolitik müsste weitergehen als die aktuelle Berner Strategie. Nötig wären mindestens:

  1. Konsequente Einbindung des Tierschutzes
    Tierschutz- und Wildtierschutzorganisationen sollten mit gleichem Gewicht wie Jagd und Waldbesitzer am Tisch sitzen, wenn über tiefgreifende Eingriffe in Wildtierbestände entschieden wird.
  2. Klare Obergrenzen für jagdliche Grausamkeit
    Drückjagden mit grossen Gruppen, der Abschuss führender Muttertiere und Jagd in sensiblen Zeiten wie Winter und Setzzeit sollten massiv eingeschränkt oder verboten werden.
  3. Vorrang für Lebensraum statt Kugel
    Wo immer möglich müssen Waldumbau, Strukturreichtum, Lichtsteuerung im Bestand, Ruhezonen und Einschränkungen der Freizeitnutzung vor jagdlichen Eingriffen stehen.
  4. Ökologische Rolle der Grossraubtiere ernst nehmen
    Wolf und Luchs sind nicht bloss Konfliktfaktoren. Sie sind zentrale Akteure in einem funktionierenden Waldökosystem und müssen entsprechend geschützt und in die Planung einbezogen werden.
  5. Transparente Datengrundlage
    Wildeinflussgutachten, Abschussstatistiken und Monitoringdaten sollten offen zugänglich, leicht verständlich und unabhängig ausgewertet werden, statt primär den Argumenten einzelner Lobbys zu dienen.

Der Kanton Bern verkauft seine neue Wald-Wild-Strategie als ausgewogenen Kompromiss. Tatsächlich ist sie vorwiegend eines: ein weiterer Schritt in Richtung intensivierter Hobby-Jagdpolitik, legitimiert mit realen, aber einseitig interpretierten Waldproblemen.

Wer das Gleichgewicht zwischen Wald und Wild ernsthaft wiederherstellen will, muss zuerst das Machtgefälle zwischen Wildtieren und jenen Strukturen infrage stellen, die von ihrer Nutzung, Regulierung und ihrem Tod profitieren. Solange die Hobby-Jagd selbst Teil des Problems ist, wird sie kaum die ganze Lösung sein.

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