David Clavadetscher: Netzwerker der Hobby-Jagd
Als Geschäftsführer von JagdSchweiz ist David Clavadetscher seit Jahren eines der prägenden Gesichter der Schweizer Jagdlobby. Öffentlich tritt er als freundlicher Vermittler auf, als Kommunikationsprofi, der Jagd als zeitgemässe Form von Naturschutz verkauft. Hinter den Kulissen verbindet sich dieses Bild jedoch mit einem dichten Geflecht aus Verbandsinteressen, Lobbyarbeit bis nach Brüssel und einer Kommunikationsstrategie, die kritische Fragen zur Hobby-Jagd systematisch wegmoderiert.
Dieser Artikel zeichnet Clavadetschers Rolle anhand öffentlich zugänglicher Quellen nach und stellt seine zentralen Behauptungen der aktuellen Forschung zu Wildtieren, Jagd und Freizeitnutzung gegenüber.
Offiziell ist David Clavadetscher Geschäftsführer von JagdSchweiz, dem Dachverband der Schweizer Hobby-Jäger mit rund 30’000 Mitgliedern. Die Geschäftsstelle mit Clavadetscher an der Spitze ist in Zofingen angesiedelt.
Parallel dazu führt er die Sandona GmbH, eine Firma, die Verbände und Interessengemeinschaften kommunikativ betreut. Die Personalinserate von JagdSchweiz laufen über diese Firma, was deutlich zeigt, wie eng Verband und privates Unternehmen organisatorisch verzahnt sind.
Clavadetscher ist damit nicht einfach ein Hobby-Jäger, der irgendwann in eine Funktion hineingerutscht ist, sondern ein professioneller Verbandsmanager mit Kommunikationshintergrund. In Interviews beschreibt er selbst, wie das Mandat von JagdSchweiz zu seiner Firma nach Zofingen kam und wie er seither den Verband führt.
Aufstieg zum europäischen Jagdlobbyisten
Sein Einfluss endet nicht an der Schweizer Grenze. Die europäische Dachorganisation FACE (Federation of Associations for Hunting and Conservation of the EU), die in Brüssel die Interessen der Jagdverbände bündelt, führt Clavadetscher als Treasurer General im Vorstand.
FACE ist im EU-Lobbyregister erfasst und vertritt die Positionen der Jagdverbände gegenüber EU-Institutionen, wenn es etwa um Artenschutzrichtlinien, Waffenrecht oder die Regulierung geschützter Arten geht.
Damit ist klar: Clavadetscher agiert nicht nur als Sprecher eines nationalen Hobbys, sondern als Knotenfigur einer europäischen Lobbystruktur, die ein unmittelbares Interesse daran hat, Jagd zu normalisieren, zu romantisieren und politisch zu sichern.
Das Grundnarrativ: Hobby-Jäger als Nettozahler und Naturschützer
Ein Kernmotiv in Clavadetschers Kommunikation ist das Bild des Jägers als Wohltäter der Allgemeinheit. In einem NZZ-am-Sonntag-Artikel von 2013 mit dem Titel «Jäger geben mehr, als sie nehmen» werden erstmals Zahlen von JagdSchweiz zu den Abgaben der Jäger präsentiert. Dort wird Clavadetscher mit der Aussage zitiert, die Jäger würden «für ihre Passion deutlich mehr bezahlen, als sie herausholen», nämlich insgesamt 26 Millionen Franken an direkten Abgaben.
Dieses Finanznarrativ erfüllt mehrere Funktionen:
- Es soll die Hobby-Jagd als eine Art privatisierten Natur- und Sicherheitsdienst darstellen.
- Es verschiebt den Fokus weg von der Gewalt gegen Tiere hin zu vermeintlichen Dienstleistungen für den Staat.
- Es lenkt von der Tatsache ab, dass ein Grossteil dieser Zahlungen Gebühren und Kosten für ein Hobby sind, das erst durch die Hobby-Jäger selbst entsteht.
Dass Hobby-Jäger Gebühren zahlen, ist unbestritten. Ob daraus aber automatisch ein ethischer oder ökologischer Mehrwert folgt, ist eine andere Frage. Aus wildtierökologischer Sicht zählt nicht, wie viel jemand bezahlt, sondern welche Auswirkungen sein Handeln auf Populationen, Ökosysteme und einzelne Tiere hat. Die finanzielle Argumentation ersetzt diese Bewertung nicht, sondern überblendet sie.
Jagd als Lifestyleprodukt
In Gesprächen mit Regionalmedien betont Clavadetscher, die Jagd sei im Trend. Besonders junge Menschen und Frauen, darunter auch Städterinnen und Städter, würden sich vermehrt für den Jagdschein interessieren. Solche Aussagen finden sich etwa im Umfeld von Ausstellungen und Beiträgen zur modernen Jagdkultur.
Damit rückt er die Hobby-Jagd in die Nähe eines Lifestyleprodukts: authentische Naturerfahrung, Regionalität, Wildbret, Tradition. Jagd wird zur Marke, die man mit moderner Urbanität und Individualismus auflädt.
Was in dieser Darstellung fehlt, ist die Perspektive der Tiere: der Blick auf Fluchtreaktionen, Stress, Verletzungsrisiken, Beifang und Fehlabschüsse. Studien aus der Wildtierforschung zeigen seit Jahren, dass sowohl Freizeitaktivitäten als auch Jagd deutliche Stressreaktionen bei Wildtieren auslösen können und Lebensräume faktisch verkleinern.
In der öffentlichen Kommunikation von JagdSchweiz wird Jagd jedoch überwiegend positiv und heroisiert dargestellt. Kritische Aspekte werden eher randständig erwähnt, relativiert oder auf andere Akteure verschoben.
Die Gämsenkrise: Wenn Freizeitgesellschaft als Sündenbock dient
Ein Beispiel, das Clavadetschers Kommunikationsstil verdeutlicht, ist die Diskussion um den Rückgang der Gämsen in der Schweiz. 2021 berichtete SRF in Beiträgen wie «Sinkende Gämsenpopulation – Jäger dürfen weniger Gämsen schiessen» und «Wie die Gämsen gerettet werden sollen» über sinkende Bestände und kantonale Reaktionen, etwa reduzierte Abschusszahlen.
Clavadetscher räumte in diesem Zusammenhang ein, dass auch die Hobby-Jagd eine Rolle spiele. Verantwortlich gemacht wurden in seinen Stellungnahmen jedoch primär andere Faktoren, insbesondere die Freizeitgesellschaft mit ihrem wachsenden Druck auf die Berggebiete.
Die wissenschaftliche Diskussion zeichnet ein differenzierteres Bild. Fachleute verweisen auf ein Zusammenspiel aus Krankheiten, Klimawandel, Lebensraumveränderungen, Jagddruck und Freizeitnutzung. In einem SRF-Beitrag von 2017 über den Rückgang der Gamspopulation wird ausdrücklich erwähnt, dass sowohl Freizeitnutzung als auch Bejagung und Beutegreifer wie der Luchs zum Rückgang beitragen.
Kommunikativ reduziert Clavadetscher diese Komplexität häufig auf eine klare Botschaft: Die Hauptverantwortung liege bei anderen. Die Hobby-Jäger erscheinen im besten Licht, Tourismuserholung und Bergsport dienen als bequeme Projektionsfläche. Dass Jagdverbände selbst jahrelang hohe Abschusszahlen politisch verteidigt und forciert haben, kommt dabei kaum vor.
Der Wolf als Feindbild und das gescheiterte Jagdgesetz
Beim revidierten Jagdgesetz zeigte sich besonders deutlich, wie Clavadetscher argumentiert. Die Vorlage, die am 27. September 2020 zur Abstimmung kam, hätte präventive Abschüsse von Wölfen deutlich erleichtert. Das Bundesamt für Umwelt und Informationsplattformen wie easyvote legte dar, dass geschützte Arten wie der Wolf künftig schon vor konkreten Schäden reguliert werden könnten.
Umwelt- und Tierschutzorganisationen warnten vor einem «Abschussgesetz» zulasten geschützter Arten. JagdSchweiz, mit Clavadetscher als Geschäftsführer, stellte sich entschlossen hinter das Gesetz. Gleichzeitig positionierte sich der Verband in Papieren zur Regulierung der Wolfspopulation klar für ein konsequentes Bestandsmanagement von Wolf und Luchs, angelehnt an jagdbare Arten.
In TV-Sendungen und Medienauftritten präsentierte Clavadetscher die Revision als notwendigen Schritt zur Konfliktlösung im Alpenraum. Die grundsätzliche Frage, wie viel Raum grosse Beutegreifer in einer stark genutzten Landschaft überhaupt erhalten sollen und welche ökologische Funktion sie erfüllen, spielte dabei eine untergeordnete Rolle.
Die Stimmbevölkerung lehnte die Revision am 27. September 2020 ab. Offizielle Auswertungen und Medienberichte halten fest, dass der Wolfsschutz damit nicht gelockert wurde und das Gesetz vor allem wegen der weitgehenden Abschussmöglichkeiten für geschützte Arten scheiterte.
Die Grundhaltung in der Verbandskommunikation zu Wolf und Luchs hat sich seither kaum verändert: Der Wolf erscheint primär als Konfliktfaktor, dem man mit erleichterten Abschüssen begegnen müsse.
Konflikt mit Jagdkritik und IG Wild beim Wild
Die IG Wild beim Wild und JagdSchweiz stehen seit Jahren in einem offenen Konflikt. Mehrere Beiträge auf wildbeimwild.com kritisieren Clavadetscher und die Verbandspolitik sehr scharf, etwa seine Begriffsdebatte um «Hobby-Jäger» oder seine Öffentlichkeitsarbeit.
Laut IG Wild beim Wild kam es zu öffentlichen Angriffen auf Mitarbeitende der Organisation durch Veröffentlichungen von JagdSchweiz, woraufhin rechtliche Schritte eingeleitet wurden. JagdSchweiz wiederum weist Vorwürfe zurück und stellt die NGO als unsachlich dar.
Wichtig ist hier eine klare Trennung:
- Es gibt eine dokumentierte, harte Auseinandersetzung zwischen einem Jagdverband und einer jagdkritischen NGO, die bis in juristische Verfahren hineinreicht.
- Die gegenseitigen Vorwürfe sind parteiisch und bislang nicht flächendeckend gerichtlich aufgearbeitet.
Aus journalistischer Sicht kann festgehalten werden, dass JagdSchweiz unter Clavadetscher keine Strategie der Deeskalation verfolgt, sondern Konfrontation in Kauf nimmt, wenn Kritik an der Hobby-Jagd als überzogen oder rufschädigend wahrgenommen wird. Statt inhaltlich auf Argumente zur Tierethik und modernen Wildtierökologie einzugehen, werden Kritikerinnen und Kritiker teilweise persönlich angegriffen oder juristisch unter Druck gesetzt. Das passt zu einem Kommunikationsstil, der die Deutungshoheit über das Thema Hobby-Jagd verteidigen will, anstatt sich einer offenen, wissenschaftsbasierten Debatte zu stellen.
Doppelfunktion: Jagdlobbyist und Friedensrichter
Vor diesem Hintergrund wirkt Clavadetschers neues öffentliches Amt besonders bemerkenswert. 2025 wurde er zum Friedensrichter im Kreis XIV des Bezirks Zofingen gewählt. Der Kreis umfasst das Suhrental, das Uerkental und mehrere Gemeinden im Raum Zofingen. Regionale Medien wie das Zofinger Tagblatt und regionale Newsblogs berichten ausführlich über seine Wahl und seine Rolle.Oltner Tagblatt+3Zofinger Tagblatt+3Zofinger Tagblatt+3
In Interviews betont er die Bedeutung von Deeskalation, Neutralität und Konfliktlösung und erklärt, er wolle als Friedensrichter dazu beitragen, Konflikte aussergerichtlich zu entschärfen und damit Zeit, Geld und Kraft zu sparen.Zofinger Tagblatt+1
Gleichzeitig steht er als Geschäftsführer eines Lobbyverbandes an vorderster Front eines polarisierenden Dauerstreits um Wildtiere, Jagdgewalt und Waffenbesitz. Formal schliesst sich das nicht aus. Politisch und ethisch stellt sich jedoch die Frage, wie glaubwürdig jemand als neutrale Instanz auftreten kann, der beruflich eine Branche vertritt, in der es regelmässig um Konflikte mit Tierschutz, Naturschutz und öffentlichen Interessen geht.
Wer in einem staatlichen Vermittlungsamt tätig ist, muss besonders transparent machen, wie Interessenkonflikte vermieden und Rollen sauber getrennt werden. Im Fall Clavadetscher ist diese Spannung zwischen Lobbyrolle und Schlichtungsrolle zumindest offensichtlich.
Die Kombination von Friedensrichteramt und exponierter Lobbyfunktion ist rechtlich zulässig, wirft aber inhaltlich Fragen zur Rollentrennung auf. Wer beruflich eine polarisierende Interessengruppe vertritt, muss in einem staatlichen Vermittlungsamt besonders sichtbar machen, wie er Neutralität und Deeskalation sicherstellt.
Kein missverstandener Naturfreund, sondern strategischer Lobbyist
Die verfügbare Quellenlage zeigt:
- David Clavadetscher ist ein professioneller Verbands- und Kommunikationsmanager, nicht ein zufälliger Sprecher einer Randgruppe.
- Er wirkt massgeblich in nationalen und europäischen Strukturen, die Jagd politisch und gesellschaftlich absichern sollen.
- Seine Kommunikation folgt einem klaren Muster: Die Hobby-Jagd wird als Dienst an der Allgemeinheit und als Naturpflege verkauft, problematische Seiten wie Tierleid, Fehlabschüsse, Störungen und strukturelle Machtverhältnisse bleiben ausgeblendet oder werden anderen Akteursgruppen zugeschoben.
- Kritik aus der Zivilgesellschaft wird nicht als legitimer Teil einer demokratischen Auseinandersetzung behandelt, sondern häufig als Angriff, dem man mit Gegenpropaganda oder juristischen Mitteln begegnet.
Für eine moderne, aufgeklärte Wildtierpolitik braucht es jedoch anderes: Transparenz, Bereitschaft zur Selbstkritik, eine klare Trennung von öffentlichem Interesse und Hobbyinteressen und vor allem eine konsequente Orientierung an der Wissenschaft, die das Wohl der Tiere und die Funktionsfähigkeit von Ökosystemen ins Zentrum stellt.
Solange Figuren wie David Clavadetscher die öffentliche Debatte wesentlich prägen, bleibt Jagd in der Schweiz vor allem eines: ein professionell vermarktetes Hobby mit grosser politischer Schlagkraft, dessen tatsächliche Folgen für Tiere und Natur im öffentlichen Diskurs häufig marginalisiert werden.
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