Was ist die Baujagd und warum ist sie umstritten?
Bei der Baujagd werden speziell ausgebildete Jagdhunde – sogenannte Erdhunde – in unterirdische Fuchs- oder Dachsbauten geschickt, um die Tiere herauszudrängen, damit sie vom wartenden Hobby-Jäger erschossen werden können.
Tierschutzrechtlich ist die Baujagd eine der umstrittensten Jagdmethoden der Schweiz: Ein juristisches Gutachten im Auftrag des Schweizer Tierschutz STS hält fest, dass die Methode systembedingt den Tatbestand der Tierquälerei erfüllen kann – nicht durch einzelne Verstösse, sondern durch die Methode selbst.
Wie funktioniert die Baujagd im Detail?
Die Baujagd läuft in der Regel folgendermassen ab: Der Hobby-Jäger lokalisiert einen aktiven Fuchs- oder Dachsbau, meist durch Spurensicherung oder mit Hilfe eines Erdhundes. Ein Erdhund wird in den Bau eingeführt. Er folgt dem Geruch des Wildtiers durch die engen, oft verzweigten Röhren des Untergrundbaues. Im Bau kommt es zur direkten Konfrontation: Der Hund bedrängt das Wildtier und versucht, es in Richtung Ausgang zu drängen oder es in einer Sackgasse zu stellen. Das Wildtier flüchtet entweder nach draussen – wo es erschossen wird – oder bleibt im Bau, während der Hobby-Jäger den Bau ausgräbt.
Im Untergrund, in engen Röhren ohne Ausweichmöglichkeit, entstehen Situationen extremer Angst und Panik für das Wildtier. Der Dachs, eine territorial verankerte Art, die ihren Bau oft seit Generationen bewohnt, erlebt die Baujagd als extremen Übergriff auf ihren einzigen sicheren Rückzugsort. Für Jagdhunde ist die Baujagd ebenfalls mit erheblichem Risiko verbunden: Bisse und Kratzverletzungen, eingeklemmte Gliedmassen und Orientierungsverlust im Untergrund sind keine Ausnahme.
Welche Hunderassen werden bei der Baujagd eingesetzt?
Als Erdhunde werden spezifische Rassen gezüchtet und trainiert, die klein genug sind, um in enge Baurohren zu passen, und gleichzeitig mutig genug, um im Untergrund mit Wildtieren konfrontiert zu werden. Die häufigsten Rassen sind:
- Dachshund (Dackel): Die namensgebende Rasse. Der Dackel wurde historisch speziell für die Baujagd gezüchtet. Verschiedene Grössen (Standard, Zwerg, Kaninchen-Dackel) erlauben unterschiedlich enge Röhren.
- Foxterrier: Robuste, mutige Rasse, die traditionell für die Baujagd eingesetzt wird.
- Jagdterrier (Deutscher Jagdterrier): Eine in Deutschland entwickelte Spezialisierungsrasse für die Baujagd.
- Weitere Terrierassen: Verschiedene britische Terrierassen (Cairn, Lakeland, etc.), die ebenfalls für die Baujagd trainiert werden.
Tierschutzorganisationen kritisieren nicht nur das Schicksal der Wildtiere bei der Baujagd, sondern auch das der Hunde: Erdhunde werden auf eine Tätigkeit trainiert und konditioniert, die sie biologisch und psychisch unter extremen Stress setzt. Verletzungen durch Bisse und Kratzer sind bei Baujagdhunden berufstypisch. Mehr zu Jagdhunden im Dossier zu Jagdhunden – Einsatz, Leid und Tierschutz.
Das STS-Gutachten: Systembedingte Tierquälerei
Der Schweizer Tierschutz (STS) hat ein juristisches Gutachten zur Baujagd in Auftrag gegeben. Das Gutachten kommt zum Schluss, dass die Baujagd aus tierschutzrechtlicher Sicht mehrfach den Tatbestand der Tierquälerei erfüllen kann. Die entscheidende Formulierung: Das Leid entsteht nicht durch einzelne Verstösse oder Fahrlässigkeit, sondern durch die Methode selbst.
Im Einzelnen werden folgende tierschutzrechtlich problematische Aspekte genannt: extremer Stress und Panik – das Wildtier ist im Bau gefangen und kann nicht fliehen; Verletzungsrisiko für das Wildtier durch Bisse und Kratzverletzungen; Zerstörung des Lebensraums – Dachs- und Fuchsbauten, die bei der Baujagd ausgegraben werden, sind oft aufwendig angelegte Bauten, die Generationen gedient haben; langdauernde Belastung – Baujagden können sich über Stunden hinziehen. Das STS-Gutachten ist eine der wenigen unabhängigen rechtlichen Analysen der Baujagd in der Schweiz. Mehr zum Thema Jagd und Tierschutz in unserem Dossier.
Schliefanlagen: Wildtiere als Trainingsgeräte
Eng mit der Baujagd verbunden sind die sogenannten Schliefanlagen. Das sind künstlich angelegte unterirdische Röhrensysteme, in denen lebende Füchse oder Dachse gehalten werden, damit Erdhunde an ihnen «geschlieft» – also trainiert – werden können. Das Wildtier ist dabei in einer Lage, aus der es nicht entkommen kann, und muss wiederholte Begegnungen mit Hunden über sich ergehen lassen.
Schliefanlagen sind aus tierschutzrechtlicher Sicht noch problematischer als die Baujagd selbst, weil hier kein jagdlicher Zweck verfolgt wird – das Wildtier wird ausschliesslich als «Trainingsgerät» instrumentalisiert, ohne danach getötet zu werden. Der STS hat Schliefanlagen als besonders schwere Form der Tierquälerei qualifiziert. Tierschutzorganisationen fordern ein schweizweites Verbot aller Schliefanlagen ohne Ausnahme.
Kantonsweiser Verbotsstand: Wo die Baujagd schon verboten ist
Der Verbotsstand der Baujagd auf Kantonsebene hat sich in den letzten Jahren deutlich entwickelt. Zürich hat die Baujagd seit dem 1. Januar 2023 verboten. Bern hat seit 2024 ein weitgehendes Verbot mit engen Ausnahmen eingeführt. Die Waadt verbot die Baujagd seit dem 15. Dezember 2021. Thurgau hat sie seit 2017 stark eingeschränkt. Basel-Landschaft erlaubt sie nur noch mit Bewilligung. In den übrigen Kantonen ist die Baujagd noch erlaubt (Stand 2025).
Die kantonale Flickerei-Decke zeigt, dass die Baujagd-Frage politisch eine Mehrheit für ein Verbot findet, sobald sie konkret und öffentlich diskutiert wird – wie die Verbote in ZH, BE und VD belegen. Das Problem: Die Jagdlobby bekämpft jedes kantonale Verbot mit erheblichem Aufwand und nutzt föderale Strukturen, um ein gesamtschweizerisches Verbot zu verhindern.
Motion 23.3303: Das parlamentarische Anliegen
Auf Bundesebene ist die Motion 23.3303 «Verbot der tierquälerischen Baujagd» hängig. Die Motion fordert ein schweizweites Verbot der Baujagd auf Bundesebene, das die bisherige kantonale Flickerli-Decke ersetzen würde. Die Diskussion im Parlament ist politisch umkämpft: Jagdverbände lobbyieren intensiv dagegen, Tierschutzorganisationen unterstützen die Motion.
Ein bundesweites Verbot wäre aus jagdkritischer Sicht wichtig, weil es verhindert, dass Hobby-Jäger aus Verbotskantonen einfach in Erlaubniskantone ausweichen. Momentan ist genau das möglich: Wer in Zürich nicht mehr die Baujagd praktizieren darf, fährt in einen Nachbarkanton, wo sie noch erlaubt ist.
Verletzungsrisiken im Detail
Die Baujagd birgt erhebliche Verletzungsrisiken für das Wildtier (Fuchs oder Dachs): Bisswunden durch den Hund; Kratzer und Schürfwunden bei Fluchtversuchen in engen Röhren; Verletzungen durch Ausgrabungsarbeiten; extremer psychischer Stress mit massivem Cortisol-Ausstoss; Vergiftungsgefahr, wenn Röhrengase sich anreichern; Tod durch Erschöpfung, wenn das Wildtier tagelang im Bau eingeschlossen bleibt.
Für den Jagdhund bestehen folgende Risiken: Bisswunden von Fuchs und Dachs (der Dachs hat besonders starke Kiefer); Eingeschlossensein im Bau bei Einsturz oder Verirren; Überhitzung in engen, schlecht belüfteten Röhren; psychische Traumatisierung bei besonders intensiven Konfrontationen; chronische Verletzungsfolgen bei regelmässigem Einsatz. Mehr zur Situation von Jagdhunden im Dossier zu Jagdhunden.
Internationale Vergleiche: Wie andere Länder mit der Baujagd umgehen
Die Schweiz ist in Westeuropa eines der letzten Länder, das die Baujagd noch – zumindest in einigen Kantonen – erlaubt. Im internationalen Vergleich haben die Niederlande, Belgien und Schweden die Baujagd verboten oder stark eingeschränkt. In Grossbritannien wurde Fox hunting (Fuchsjagd zu Pferd) 2004 verboten; Erdhundearbeit im Bau ist in England und Wales stark eingeschränkt. In Deutschland ist die Baujagd zwar legal, wird aber zunehmend von Tierschutzorganisationen bekämpft.
Die Tendenz in Europa ist klar: Immer mehr Länder schränken die Baujagd ein oder verbieten sie. Die Schweiz bewegt sich in diese Richtung, aber langsam – und nur dort, wo kantonale Mehrheiten den politischen Druck der Jagdlobby überwinden können.
Die «Tradition»-Argumentation: Ein schwäches Argument
Befürworter der Baujagd argumentieren häufig mit «Tradition» und «Kulturerbe». Dieses Argument ist aus mehreren Gründen problematisch: Tradition ist kein Rechtfertigungsgrund für Tierquälerei. Auch Bärenhetze, Hahnenkampf und andere historische Praktiken waren «Traditionen» – sie wurden verboten, weil sie mit modernem Tierschutzrecht unvereinbar sind.
Zudem wird «Tradition» von der Jagdlobby selektiv eingesetzt: Neue Technologien wie Wärmebildkameras und Nachtzieltechnik werden ohne Zögern übernommen, während alte Methoden als «Tradition» verteidigt werden, wenn sie unter Druck geraten. Mehr dazu im Dossier zu Nachtjagd und Hightech-Jagd.
Was Tierschutzorganisationen fordern
Die Forderungen von Tierschutzorganisationen zur Baujagd sind klar: ein schweizweites Verbot der Baujagd ohne Ausnahmen auf Bundesebene; ein Verbot aller Schliefanlagen; Transparenzpflichten für Behörden in Kantonen, die noch Baujagd erlauben; und konsequente Strafverfolgung bei Verstössen gegen bestehende Verbote. Auf kantonaler Ebene haben Tierschutzorganisationen in Zürich, Bern und der Waadt bereits Erfolge erzielt. Der nächste Schritt ist ein bundesrechtliches Verbot.
Fazit: Die Baujagd hat keinen Platz in einer modernen Tierschutzgesellschaft
Die Baujagd verursacht systembedingt Leid – bei Wildtieren und bei Hunden. Sie dient keinem ökologischen Zweck, der nicht durch andere Mittel erreichbar wäre. Sie ist in mehreren Schweizer Kantonen bereits verboten und wird von der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt. Was sie am Leben hält, ist die politische Macht der Jagdlobby und die föderale Struktur der Schweiz, die es ihr ermöglicht, bundesweite Verbote zu verhindern. Ein Bundesverbot der Baujagd, wie es die Motion 23.3303 anstrebt, wäre ein überfälliger Schritt.
Weiterführende Inhalte auf wildbeimwild.com:
- Dossier: Baujagd
- Dossier: Jagdhunde – Einsatz, Leid und Tierschutz
- Dossier: Jagd und Tierschutz
- Dossier: Warum Tierschutzrecht an der Waldgrenze endet
- Dossier: Jagdgesetze und Kontrolle
Mehr Hintergründe zur aktuellen Jagdpolitik in der Schweiz findest du in unserem Dossier auf wildbeimwild.com.
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