Der Anlass: Die kantonale Jagdinspektorin Nicole Imesch treibt eine Revision der Berner Jagdverordnung voran, die eine Umstellung auf Blockjagdzeiten für die meisten Tierarten vorsieht.
Was aus wildbiologischer Sicht als sinnvolle Strukturierung des Jagdbetriebs gilt – weniger Dauerdruck auf das Wild, gezieltere Bestandsregulierung –, trifft bei der organisierten Hobby-Jägerschaft auf massiven Widerstand. Anstatt diese Regelung inhaltlich zu bekämpfen, richtet die Basis ihren Zorn gegen den eigenen Präsidenten.
Hobby-Jäger möchten mehr Mitsprache beim Abschuss
Vordergründig lautet der Vorwurf: Hess habe die Basis nicht früh genug einbezogen, er habe den Draht zu den Vereinen verloren. Hinter verschlossenen Türen geht es aber um etwas anderes. Die geplanten Änderungen bedeuten konkret: weniger freie Jagdtage, mehr Fokus auf weibliche Tiere und Jungtiere statt auf Trophäenstücke, und eine strengere zeitliche Strukturierung der Jagdausübung. Das widerspricht dem, was viele Hobby-Jäger unter «ihrer» Jagd verstehen – dem möglichst freien Zugang zum Revier während möglichst langer Saison.
Der Präsident des Jägervereins Seeland und ehemalige Zolldirektor Christian Bock spricht in seinem Schreiben an Regierungsrat Ammann von einem «fehlenden Einbezug» der Jägerschaft und «intransparenter Information». 17 identische Briefe wurden von 29 Vereinen eingereicht – eine koordinierte Kampagne, die auf den ersten Blick wie eine basisdemokratische Revolte aussieht. Auch Hess‘ Vorgänger Peter Zenklusen mischte sich Anfang Februar ein und schrieb im Namen «altgedienter Berner Jagdfunktionäre» an Ammann – jener Zenklusen, der laut Hess selbst noch in jüngster Vergangenheit eine stärkere Jagdregulierung gefordert hatte.
Wildbiologin zwischen Vernunft und Verbandslobby
Nicole Imesch trat am 1. Februar 2024 das Amt der Jagdinspektorin an. Die Wildtiermanagerin und Wald-Wild-Spezialistin verfügt über langjährige Erfahrung beim Bundesamt für Umwelt. Ihre fachliche Qualifikation ist unbestritten. Und doch: Kaum beginnt sie, jagdliche Praxis mit wissenschaftlich fundierter Wildtierverwaltung in Einklang zu bringen, werden ihre Reformen als «überhastete Verordnungsrevision» bezeichnet. Eine KI-Karikatur, die in der Berner Jagdszene kursiert und Hess an der Leine von Imesch zeigt, illustriert, wie weit die persönlichen Angriffe reichen.
Das Muster ist bekannt: Sobald eine Verwaltung ernsthaft versucht, den Wildtierschutz zu stärken oder den Jagdbetrieb ökologisch sinnvoller zu gestalten, formiert sich die organisierte Jägerschaft gegen die Umsetzenden und benutzt dabei demokratisch klingende Argumente wie «Partizipation» und «Transparenz», die in Wirklichkeit Blockade bedeuten.
Ein Mann, viele Rollen und ein Fuchs
Hess ist kein unbeschriebenes Blatt. 2018 sorgte er schweizweit für Schlagzeilen, als ein Video auftauchte, das ihn beim Erschlagen eines angeschossenen Fuchses mit einem Holzstock zeigte. Hess‘ eigene Begründung: Sein Gewehrlauf sei mit Erde verstopft gewesen. Tierschutzorganisationen reagierten mit Entsetzen. Die Weltwoche schrieb damals von einem «militanten Nationalrat auf psychopathischer Fuchsjagd». Wer heute hört, Hess sei Opfer einer «faktenfreien Stimmungsmache», sollte diesen Kontext kennen.
Auf nationaler Ebene hat Hess mit parlamentarischen Vorstössen konsequent daran gearbeitet, den Abschuss von Beutegreifern zu erleichtern: Wolf, Luchs, Fuchs – die Reihe ist lang. Gleichzeitig vereint er laut Lobbywatch ein Dutzend Mandate. Und er hat sich explizit gegen eine Promillegrenze für bewaffnete Hobby-Jäger ausgesprochen – obwohl für Piloten, Lokführer und Polizisten selbstverständlich Nüchternheitspflicht gilt. Die Frage, wen Hess als Verbandspräsident eigentlich vertritt – die Basis, die Hobby-Jäger, die Jagdindustrie oder sein eigenes politisches Profil – ist damit nicht nur rhetorisch.
Was Hess über Genf behauptet und was stimmt
Im TeleBärn-Streitgespräch zur Interpellation «Gewaltfreie Alternativen zur Jagd in Bern» behauptete Hess, Genf habe ein «Heer an staatlichen Jägern». Die Realität sieht anders aus: Seit dem Jagdverbot 1974 teilen sich im Kanton Genf rund ein Dutzend Wildhüter gerade einmal 3 Vollzeitstellen – und erledigen damit vorbildlich, was früher rund 420 Hobby-Jagdpatente «erledigten». Es gibt Jahre, in denen im Kanton Genf kein einziges Reh, kein Fuchs, kein Hase erschossen wird. Die Biodiversität ist messbar gestiegen.
Im Kanton Bern hingegen werden jährlich rund 2’500 Füchse und 1’600 Rehe von Hobby-Jägern erschossen. Dass Hess dieses Modell als alternativlos verteidigt und dabei nachweislich falsche Behauptungen über das Genfer Modell verbreitet, zeigt, wie weit sich der Berner Jägerverband von einer sachlichen Wildtierverwaltung entfernt hat.
Strukturelles Versagen, kein Einzelfall
Was im Berner Jägerverband gerade sichtbar wird, ist kein bedauerlicher Betriebsunfall. Es ist das logische Ergebnis eines Systems, in dem Jagdpräsidenten nicht aufgrund ökologischer Kompetenz gewählt werden, sondern aufgrund politischer Vernetzung. Hess steht dabei exemplarisch für das schweizweite Muster: ein ausgebildeter PR-Berater und Nationalrat mit einem Dutzend Mandaten, der gleichzeitig Verbandspräsident ist.
Psychologisch erklärt sich der interne Aufruhr im BEJV auch durch Tradition als sozialen Abwehrmechanismus: Wer im Kanton Bern aufgewachsen ist und seit Kindheit jagt, erlebt Kritik an der Hobby-Jagd als Angriff auf die eigene Identität. Solange das so ist, werden wildbiologisch sinnvolle Reformen wie die Blockjagd reflexartig bekämpft – und der Unmut richtet sich nicht gegen die Jagd selbst, sondern gegen jene, die die Botschaft überbringen: die Jagdinspektorin, den Verbandspräsidenten, die Wissenschaft. Die Tatsache, dass die grosse Mehrheit der Kritiker in der Basis anonym bleibt, ist bezeichnend.
Was auf dem Spiel steht
Hess ist noch bis 2027 im Amt gewählt und hat angekündigt, nicht ein fünftes Mal zu kandidieren. Die entscheidende Frage ist nicht, ob er vorzeitig zurücktritt. Die entscheidende Frage ist: Wer setzt sich am Ende durch – eine fachlich fundierte Jagdverwaltung, die Wildtierschutz und Bestandsregulierung ernst nimmt, oder eine Verbandslandschaft, die jede sinnvolle Reform als Angriff auf ihre Tradition versteht?
Laut einem UNO-Biodiversitätsbericht ist die Schweiz das Land mit dem höchsten Anteil bedrohter Arten. Und es sind Jagdlobbyisten wie Lorenz Hess, die Biodiversitätsinitiativen und eine faktenbasierte Wildtierverwaltung an vorderster Front bekämpfen. Für das Wild im Kanton Bern wäre die Antwort wichtiger als jeder interne Verbandskrieg.
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