2. April 2026, 07:41

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Wildtierkorridore: Wildbrücken wirksamer als Abschüsse

In der Schweiz existieren 303 überregionale Wildtierkorridore. Davon sind heute 47 – rund 16 Prozent – weitgehend unterbrochen und für Wildtiere nicht mehr nutzbar. Über die Hälfte der verbleibenden Korridore sind in ihrer Funktionstüchtigkeit nennenswert bis stark beeinträchtigt. Jedes Jahr sterben auf Schweizer Strassen und Schienen knapp 21’000 mittlere bis grosse Wildtiere, darunter über 8’000 Rehe – statistisch also jede Stunde ein Reh. Über 100’000 Amphibien werden jährlich überfahren. Jährlich werden über 100 Menschen verletzt, und der Sachschaden liegt im zweistelligen Millionenbereich.

Was die Hobby-Jägerschaft daraus macht, ist bemerkenswert: Sie erklärt sich selbst zur Lösung des Problems. Abschüsse, so das Argument, reduzieren Wildpopulationen und damit Wildunfälle. Wildschadenverhütung an Strassen gilt als Legitimationsformel für die Hobby-Jagd, gerade dort, wo andere Rechtfertigungen nicht mehr tragen. Dabei zeigen Wissenschaft, Praxis und Erfahrung aus der Schweiz und aus Europa klar: Die wirksamen Antworten auf Lebensraumzerschneidung und Wildunfälle heissen Wildbrücken, Wildtierpassagen, Duftzäune, Wildwarnanlagen und konsequente Raumplanung – nicht Abschüsse.

Dieses Dossier zeigt, warum die Zerschneidung von Lebensräumen ein strukturelles Problem ist, das strukturelle Antworten braucht, warum die Hobby-Jagd das Problem nicht löst, sondern teils verschärft, und warum die Schweiz trotz gutem gesetzlichem Fundament Jahrzehnte hinter dem Bedarf zurückliegt.

Mehr Hintergründe zu Lobby-Argumenten der Hobby-Jagd findest du im Dossier Jagdmythen: 12 Behauptungen, die du kritisch prüfen solltest.

Was dich hier erwartet

  • Lebensraumzerschneidung: Was sie bedeutet und warum sie das zentrale Wildtierproblem der Gegenwart ist. Wie Strassen, Siedlungen und Bahnlinien Tierlebensräume in immer kleinere Inseln zerschneiden, was das für Populationen, Genetik und Überlebenschancen bedeutet und welche Arten besonders betroffen sind.
  • 303 Korridore, 47 unterbrochen: Der Zustand der Schweizer Wildtierkorridore. Was das BAFU-Inventar zeigt, wo die grössten Lücken liegen, warum Nationalstrassen die grösste Barriere bilden und wie weit die Sanierung vorangeschritten ist.
  • Wildbrücken und Wildtierpassagen: Was sie können – und was die Forschung sagt. Warum Grünbrücken für alle terrestrischen Tiergruppen wirksam sind, was 2’300 Wildtiere pro Brücke und Jahr bedeuten und welche Faktoren über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.
  • Wildunfälle: 21 000 Tote pro Jahr und das Dunkelfeld. Was die Schweizer Wildunfallstatistik zeigt: welche Personengruppen zu Schaden kommen, welche Kosten entstehen und warum die offiziellen Zahlen systematisch zu tief sind.
  • Das Jagd-Argument: «Abschüsse verhüten Wildunfälle.» Warum diese Behauptung wissenschaftlich nicht hält, wie Drückjagden und Nachtjagd Wildunfälle kausal erhöhen und was Studien zu Populationsdynamik und Verkehrssicherheit zeigen.
  • Alternativen, die wirken: Duftzäune, Reflektoren, Wildwarnanlagen, Temposenken: Welche nicht-tödlichen Massnahmen in Studien bis zu 80 Prozent weniger Wildunfälle zeigen, wie technische Wildwarnanlagen funktionieren und warum Tempo 60 auf kritischen Strecken Leben rettet.
  • Raumplanung als Lösung: Was konsequente Lebensraumvernetzung bedeutet: wie Pro Natura, BAFU und Kantone Korridore sichern, was der Aktionsplan Biodiversität vorsieht und warum die Sanierung der Schweizer Wildtierkorridore noch Jahrzehnte dauern wird.
  • Was sich ändern müsste: Konkrete politische Forderungen: Sanierungspflicht mit Frist, Pflicht-Wildwarnanlagen, Temposenken, Raumplanungsvorbehalt.
  • Argumentarium: Antworten auf die häufigsten Rechtfertigungen der Hobby-Jagd-Lobby.
  • Quicklinks: Alle relevanten Beiträge, Studien und Dossiers auf einen Blick.

Lebensraumzerschneidung: Das zentrale Wildtierproblem der Gegenwart

Wildtiere brauchen zusammenhängende Lebensräume. Sie wandern täglich zwischen Nahrungs- und Ruheplätzen, saisonal zwischen Sommer- und Wintereinständen, und über Generationen hinweg, damit Jungtiere abwandern, Populationen sich austauschen und Arten neue Gebiete besiedeln können. Was früher selbstverständlich war, ist heute für viele Arten in der Schweiz und in Mitteleuropa nicht mehr möglich: Strassen, Bahnlinien, Siedlungen, kanalisierte Gewässer und intensiv genutzte Landwirtschaftsflächen haben die Landschaft in immer kleinere Inseln zerschnitten.

Die Folgen sind gravierend. Isolierte Populationen verlieren genetische Vielfalt, weil kein Austausch mit Nachbarpopulationen mehr stattfindet. Lokale Ereignisse – ein harter Winter, eine Krankheit, ein Extremereignis – können ganze Bestände auslöschen, wenn keine Zuwanderung aus benachbarten Gebieten möglich ist. Arten, die grossflächige Lebensräume benötigen oder auf saisonale Wanderungen angewiesen sind, verlieren mit jeder neuen Strasse und jedem neuen Siedlungsgebiet weitere Optionen. Der Strassenverkehr ist heute die häufigste Todesursache für wildlebende Säugetiere in der Schweiz, er tötet rund die Hälfte jener Wildtiere, die nicht durch die Hobby-Jagd ums Leben kommen.

Das ist kein Nischenproblem des Naturschutzes. Es ist das strukturelle Grundproblem der Wildtierökologie in der Schweiz, und es wird durch keinen einzigen Abschuss gelöst. Wer ernsthaft über Wildtierschutz, Artenerhalt und Verkehrssicherheit reden will, muss hier anfangen – nicht beim Jagdpatent.

Mehr dazu: Die Schweiz jagt, aber warum eigentlich noch? und Jagd und Tierschutz: Was die Praxis mit Wildtieren macht

303 Korridore, 47 unterbrochen: Der Zustand der Schweizer Wildtierkorridore

Das BAFU hat für die Schweiz 303 überregionale Wildtierkorridore inventarisiert. Diese Korridore verbinden Waldgebiete, Gewässer und naturnahe Flächen und bilden das Rückgrat der Wildtiermobilität in der Schweiz. Das Ergebnis der aktuellen Bestandsaufnahme ist ernüchternd: Nur rund 28 Prozent der Korridore funktionieren weitgehend uneingeschränkt. 47 Korridore – 16 Prozent – sind vollständig unterbrochen und für Wildtiere nicht mehr nutzbar. Über die Hälfte, nämlich 171 Korridore, sind in ihrer Funktionstüchtigkeit nennenswert bis stark beeinträchtigt.

Die grösste Barriere bilden die Nationalstrassen. Das Bundesamt für Strassen (ASTRA) arbeitet seit 2003 gemeinsam mit BAFU und Kantonen an der Sanierung jener Wildtierkorridore, die Nationalstrassen queren – insgesamt 41 Korridore von überregionaler Bedeutung. Der Fortschritt ist langsam: 2021 gab es in der Schweiz 44 Wildbrücken; die ersten wurden 1992 im Kanton Thurgau über die neue A7 gebaut. Weitere Passagen, Unterführungen und spezialisierte Kleintierdurchlässe kommen hinzu, doch die Sanierung läuft auf Jahrzehnte, nicht auf Jahre, hinaus. Im Kanton Zürich umfasst das aktuelle Sanierungsprogramm 50 Wildtierkorridore und ist auf drei Etappen über 24 Jahre ausgelegt, von 2024 bis 2044.

Diesen Zustand hat keine Wildtierpopulation verursacht, und kein Abschuss wird ihn beheben. Er ist das Ergebnis von Jahrzehnten raumplanerischer Versäumnisse und er verlangt raumplanerische Korrekturen.

Mehr dazu: BAFU: Wildtierkorridore und Wildtierpassagen und Pro Natura: Freie Bahn für Wildtiere

Wildbrücken und Wildtierpassagen: Was sie können – und was die Forschung sagt

Wildbrücken und Wildtierpassagen funktionieren. Das ist nicht die Meinung von Naturschutzverbänden, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Forschung. Eine Metaanalyse, die Grünbrücken in Deutschland, den Niederlanden, Frankreich und der Schweiz ausgewertet hat, kommt zum Schluss: Grünbrücken sind für alle terrestrischen Tiergruppen geeignet, um Zerschneidungseffekte der Verkehrsinfrastruktur mindestens lokal zu kompensieren. Am wirksamsten sind sie, wenn sie nicht nur als enge Querungskorridore dienen, sondern in den Aktionsraum der jeweiligen Arten integriert werden.

Die Zahlen sind beeindruckend: Auf einer Grünbrücke über die Autobahn A11 in Brandenburg wurden zwischen Mai 2005 und April 2006 fast 2’300 Wildtiere registriert. Die Passage wurde nicht nur von grösseren Wildtieren genutzt, sondern auch von wirbellosen Tieren wie Faltern, Spinnen und Käfern. Ein Monitoring der Forstlichen Versuchsanstalt Baden-Württemberg an 66 Wildtierpassagen – von grossen Überführungen bis zu Kleintierdurchlässen – dokumentiert, dass Brücken als Querungshilfe und Lebensraum für verschiedenste Artengruppen geeignet sind und einen bedeutsamen Beitrag zur Vernetzung leisten. Für die Europäische Wildkatze in Luxemburg konnte via DNA-Analyse belegt werden, dass mindestens 9 verschiedene Individuen eine einzige Wildbrücke als Wanderkorridor nutzten.

Entscheidend für den Erfolg: Breite. Je breiter eine Brücke ist, desto besser wird sie angenommen. Schmale Brücken ohne Deckung werden von scheuen Arten gemieden. Eine Brücke von mindestens 50 Metern Breite mit naturnaher Bepflanzung erzielt deutlich höhere Nutzungszahlen als enge «Sparmodelle». Das hat Konsequenzen für die Planung: Wer bei Wildbrücken spart, spart an der Wirksamkeit.

Mehr dazu: Kanton Zürich: Wildtierkorridore und BAFU Funktionskontrolle von Wildtierpassagen (PDF)

Wildunfälle: 21 000 Tote pro Jahr und das Dunkelfeld

In der Schweiz sterben gemäss offizieller Statistik jährlich knapp 21 000 mittlere bis grosse Wildtiere im Strassenverkehr – darunter über 8 000 Rehe, dazu Füchse, Dachse, Feldhasen, Wildschweine und gelegentlich Hirsche. Über 100’000 Amphibien – vor allem Frösche und Kröten – werden jährlich überfahren. Rund 90 Prozent der Unfälle ereignen sich auf der Strasse, der Rest auf Schienen. Zusätzlich werden jährlich über 100 Menschen verletzt, der Sachschaden liegt allein für gemeldete Versicherungsfälle im zweistelligen Millionenbereich: Versicherer wie AXA und Helvetia melden jährlich Tausende Schadenmeldungen.

Diese Zahlen sind mit einem entscheidenden Vorbehalt zu lesen: Sie sind Unterschätzungen. Erfasst werden nur jene Unfälle, die einem Jagdaufseher oder einer Behörde gemeldet werden. Kleinere Tiere, nachtaktive Arten und Unfälle auf Nebenstrassen fehlen häufig. Im Kanton Zürich allein starben 2023 rund 2 800 Wildtiere im Strassenverkehr – und das umfasst nur gemeldete Fälle. Die Dunkelziffer dürfte schweizweit erheblich höher liegen als die offiziellen 20 000. Besonders unfallträchtig sind die Regionen Jura, Freiburg und Graubünden, sowie in Zürich das Weinland und die Seegemeinden.

Was diese Zahlen auch zeigen: Das Problem betrifft nicht primär Wildpopulationen als abstrakte Bestände, sondern konkrete Einzeltiere, die in der Nacht auf einer Strasse sterben – oft nach einem langen Agonieprozess, weit weg von jedem Tierarzt, unbemerkt von Behörden und Öffentlichkeit. Rund die Hälfte der auf der Strasse gefundenen Tiere zeigt Bisswunden oder andere Vorverletzungen durch die Jagd, was darauf hindeutet, dass Fluchtreaktionen durch Jagddruck und Treibjagden kausal zum Strassentod beitragen.

Mehr dazu: Dossier Jagd und Tierschutz und Wildtiere, Todesangst und fehlende Betäubung

Das Jagd-Argument: «Abschüsse verhüten Wildunfälle»

Das Argument ist alt und wird beharrlich wiederholt: Weniger Wildtiere bedeuten weniger Wildunfälle. Also seien Abschüsse ein Mittel der Verkehrssicherheit. Auf den ersten Blick klingt das plausibel. Bei näherer Betrachtung hält es empirisch und ökologisch nicht stand.

Erstens zeigen populationsökologische Studien, dass intensive Bejagung Wildtierpopulationen kurzfristig dezimieren, aber nicht dauerhaft reduzieren kann, weil Verluste durch erhöhte Reproduktionsraten kompensiert werden. Genau das gilt insbesondere für Rehe und Wildschweine: Die Population reguliert sich selbst durch die Ressourcenkapazität des Lebensraums, nicht durch Abschusszahlen. Wer jagt, schafft kurzfristig Raum für Jungtiere – und erhöht damit die Reproduktionsrate. Zweitens zeigt die Forschung, dass Treibjagden und Drückjagden Wildtiere aktiv aufscheuchen und in Panik versetzen. Gejagte Tiere queren in Todesangst Strassen, die sie sonst meiden würden. PETA hält fest: «Die Jägerschaft ist mitverantwortlich für viele Wildunfälle. Bei der Jagd, besonders bei grossen Treibjagden, werden die Tiere aufgescheucht. Dabei flüchten sie und rennen in Todesangst über Strassen und in Siedlungen.»

Drittens ist das Abschuss-Argument dort am deutlichsten widerlegt, wo der Kanton Genf seit 1974 ohne jede Hobby-Jagd auskommt: Die Wildunfallzahlen im Kanton Genf sind nicht höher als in bejagten Kantonen. Was den Unterschied macht, sind strukturelle Massnahmen: Temposenken, Wildwarnanlagen, Lebensraumplanung. Das zeigt: Verkehrssicherheit und Wildtierschutz sind Planungsaufgaben, keine Jagdaufgaben.

Mehr dazu: Jagdmythen: 12 Behauptungen, die du kritisch prüfen solltest und Jagd und Tierquälerei

Alternativen, die wirken: Duftzäune, Reflektoren, Warnanlagen, Temposenken

Zwischen dem Extrempol «nichts tun» und «Wildtiere abschiessen» liegt ein breites Spektrum wissenschaftlich erprobter, nicht-tödlicher Massnahmen zur Reduktion von Wildunfällen, die in ihrer Gesamtwirkung weit effizienter sind als Abschüsse.

Duftzäune und Wildreflektoren zeigten in einer Langzeitstudie, die ADAC und Deutscher Jagdverband gemeinsam durchgeführt haben, auf gut gesicherten Versuchsstrecken eine Reduktion von Wildunfällen um bis zu 80 Prozent. Die Wirkung ist auf bestimmte Streckentypen und Tierarten fokussiert und setzt regelmässige Wartung voraus – doch der Effekt ist messbar und reproduzierbar. Akustische Wildwarnanlagen, die auf Fahrzeugbewegungen reagieren und Ultraschallsignale abgeben, haben sich an neuralgischen Hotspots bewährt. Im Kanton Zürich wird am Zürichsee ein verbessertes Warnsystem erprobt, das gezielt auf die unfallträchtigsten Streckenabschnitte ausgerichtet ist.

Geschwindigkeitsbegrenzungen auf kritischen Strassenabschnitten – insbesondere Tempo 60 nachts auf bekannten Wechselstrecken – sind einfach umsetzbar und reduzieren sowohl die Kollisionswahrscheinlichkeit als auch die Unfallschwere erheblich: Ein Reh von 20 Kilogramm hat bei Tempo 100 ein Aufschlaggewicht von rund einer Tonne. Wildschutzzäune entlang von Nationalstrassen verhindern zwar Querungen, verstärken aber gleichzeitig die Lebensraumzerschneidung – sie sind deshalb immer nur in Kombination mit Wildtierpassagen sinnvoll, nie als alleinige Massnahme. Akustische Vergrämungsmethoden wie der von der ZHAW geprüfte «Wildschweinschreck» zeigen in der Landwirtschaft vielversprechende Ergebnisse und könnten strassennahes Wildverhalten nachhaltig beeinflussen, ohne ein einziges Tier zu verletzen.

Mehr dazu: Alternativen zur Jagd: Was wirklich hilft, ohne Tiere zu töten und Initiative fordert «Wildhüter statt Jäger»

Raumplanung als Lösung: Was konsequente Lebensraumvernetzung bedeutet

Wildtierkorridore sind im Schweizer Recht verankert: Das Netz der Korridore ist gesetzlicher Auftrag, ihre Sanierung ist Teil des Aktionsplans zur Biodiversitätsstrategie des Bundes. Das BAFU, ASTRA und die Kantone arbeiten zusammen. Die Grundlagen sind gut.

Das Problem ist das Tempo. Die Sanierung der 51 unterbrochenen Korridore an Nationalstrassen läuft seit 2003 – also seit über 20 Jahren – und ist noch immer nicht abgeschlossen. Im Kanton Zürich ist das Sanierungsprogramm für 50 Korridore auf 24 Jahre ausgelegt. Pro Natura fordert seit Jahren, dass beeinträchtigte oder unterbrochene Korridore wieder durchgängig gemacht werden, und dass bei der Planung neuer Infrastrukturen die Bewegungsbedürfnisse der Wildtiere von Anfang an verbindlich berücksichtigt werden. Das Bundesamt für Umwelt beschleunigt die Sanierungsprogramme im Rahmen der Biodiversitätsstrategie – ein Schritt in die richtige Richtung, der aber nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass für jede sanierte Passage neue Zersneidungen entstehen, solange Raumplanung und Baurecht kein konsequentes Korridor-Schutzprinzip verankern.

Was ein wirklich konsequenter Ansatz bedeuten würde: ein bundesrechtlich verbindlicher Korridor-Vorbehalt bei allen raumwirksamen Projekten, ein beschleunigtes Sanierungsprogramm mit klaren Fristen statt Jahrzehntplänen, eine Pflicht zur Wildwarnanlage an allen statistisch unfallkritischen Strecken, und die konsequente Stärkung naturnaher Landnutzung in Korridorzonen, um die Durchgängigkeit der Wanderwege auch zwischen Brücken und Passagen zu gewährleisten.

Mehr dazu: BAFU: Wildtierkorridore und Kanton Luzern: Wildtierkorridore und Wildtierpassagen

Was sich ändern müsste

  • Bundesrechtlich verbindlicher Korridor-Vorbehalt bei Infrastrukturprojekten: Heute müssen Wildtierkorridore bei neuen Strassen-, Bahn- und Siedlungsprojekten berücksichtigt werden – doch die Verbindlichkeit ist lückenhaft. Es braucht eine klare gesetzliche Grundlage, die neue Zerschneidungen bestehender oder geplanter Korridore grundsätzlich verhindert und Ausnahmen an strenge Kompensationspflichten knüpft.
  • Beschleunigtes Sanierungsprogramm mit Fristen: Die laufende Sanierung der 51 unterbrochenen Nationalkorridor-Stellen muss verbindliche Abschlussfristen erhalten. Ein 24-Jahres-Plan ist kein Sanierungsprogramm, sondern eine Vertröstung. Beim aktuellen Tempo werden unterbrochene Korridore Jahrzehnte zu spät wiederhergestellt.
  • Obligatorische Wildwarnanlagen an unfallkritischen Streckenabschnitten: Die Kantone führen Wildunfallstatistiken. Diese Daten müssen systematisch ausgewertet und an unfallhäufigen Streckenabschnitten zum Anlass für Pflicht-Wildwarnanlagen, Duftzäune oder Temposenken genommen werden. Ein Wildunfall-Hotspot ohne Massnahme ist eine vermeidbare Entscheidung.
  • Temposenken auf Wechselstrecken: An Strassenabschnitten, die bekannte Wildwechsel kreuzen, insbesondere in Dämmerungs- und Nachtstunden, muss Tempo 60 als Standardgeschwindigkeit gelten. Die Reduktion des Aufschlaggewichts senkt Unfallschwere für Tiere und Menschen gleichermassen.
  • Integriertes Wildtiermanagement statt Abschusskontingente: Kantonale Jagdbehörden und Raumplanungsbehörden müssen enger zusammenarbeiten. Wildtiermanagement darf nicht länger bedeuten, Abschusszahlen festzulegen. Es muss bedeuten, Lebensräume zu vernetzen, Pufferzonen zu schaffen und nicht-tödliche Konfliktlösungen systematisch zu priorisieren.
  • Öffentlich zugängliche, vollständige Wildunfallstatistiken: Nicht alle Kantone veröffentlichen vergleichbare Wildunfallzahlen. Ein einheitliches, öffentlich zugängliches Monitoring mit verbindlichen Meldepflichten schafft die Datenbasis, die es für evidenzbasierte Massnahmen braucht.
  • Mustervorstösse: Mustertexte für jagdkritische Vorstösse und Schutzwälder vor Hobby-Jagd schützen

Argumentarium

«Weniger Wild durch Abschüsse bedeutet weniger Wildunfälle.» Das stimmt kurzfristig und lokal in einzelnen Konstellationen. Langfristig kompensieren Wildtierpopulationen Verluste durch erhöhte Reproduktionsraten; der Bestand erholt sich rasch. Zudem zeigen Treibjagden und Drückjagden kausale Verbindungen zu erhöhten Wildunfallzahlen: Aufgescheuchte Tiere queren in Todesangst Strassen, die sie sonst meiden würden. Kanton Genf hat seit 1974 keine Hobby-Jagd und keine vergleichsweise höheren Wildunfallzahlen. Das ist die klarste empirische Widerlegung des Arguments.pronatura+1

«Wildbrücken sind zu teuer – Jagd ist viel billiger.» Eine Wildbrücke kostet je nach Breite und Standort mehrere Millionen Franken. Doch sie hält Jahrzehnte, verbessert die Biodiversität, reduziert Unfälle dauerhaft und schafft keine neuen Probleme. Abschüsse sind periodisch, erzeugen Folgekosten durch erhöhte Reproduktion und lösen das Grundproblem – die Zerschneidung des Lebensraums – überhaupt nicht. Wer Wildbrücken als zu teuer bezeichnet, muss sich die Frage stellen, warum er Jagdkosten, Wildunfallschäden im zweistelligen Millionenbereich und langfristige Biodiversitätsverluste nicht dagegen aufrechnet.watson+1

«Wildtierkorridore nützen nichts, wenn die Tiere sie nicht annehmen.» Die Forschung zeigt das Gegenteil: Wildbrücken werden von allen terrestrischen Tiergruppen genutzt, von grossen Säugetieren bis zu Wirbellosen. Entscheidend sind Breite, Bepflanzung und der Anschluss an naturnahe Flächen beidseitig der Passage. Schmale oder schlecht angelegte Brücken funktionieren tatsächlich weniger gut – das ist ein Argument für bessere Planung, nicht gegen Wildbrücken an sich.wikipedia+1

«Die Jagd reguliert Wildbestände, die sonst überhand nehmen.» Keine Wildtierpopulation «nimmt überhand», ohne dass Menschen ihren Lebensraum, ihre Feinde oder ihre Nahrungsgrundlage verändert haben. Wo Wildtierbestände tatsächlich Probleme verursachen, sind nicht-tödliche Massnahmen – Duftzäune, Vergrämungssysteme, Habitatanpassungen – oft wirksamer und dauerhafter als Abschüsse, die das Grundproblem nicht beheben.peta+1

«Pro Natura und andere Naturschutzverbände unterstützen die Jagd als Instrument.» Pro Natura setzt sich konsequent für Wildtierkorridore, Grünbrücken und Raumplanung ein. Wo Naturschutzverbände einzelne Bejagungsmassnahmen nicht grundsätzlich ablehnen, ist das keine Unterstützung der Hobby-Jagd, sondern das Ergebnis pragmatischer Kompromisse in einem System, das keine bessere Alternative anbietet. Sobald nicht-tödliche Alternativen vorhanden sind, verliert das Jagd-Argument im Naturschutz seinen Boden.

«Die Schweiz hat eines der besten Wildtierkorridorsysteme der Welt.» Die Schweiz hat ein gutes Inventar und ein gutes gesetzliches Fundament. Doch 47 vollständig unterbrochene und 171 stark beeinträchtigte Korridore bei 303 überregionalen Verbindungen sind kein Erfolg. Das Sanierungsprogramm läuft seit 2003 und ist auf Jahrzehnte angelegt. Es braucht mehr Tempo, mehr Mittel und mehr politischen Willen – nicht Selbstbeglückwünschung.bafu.admin+1

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Unser Anspruch

Wildtierkorridore, Wildbrücken und konsequente Raumplanung sind keine romantischen Naturschutzideen – sie sind die einzigen Antworten, die das Grundproblem der Lebensraumzerschneidung tatsächlich angehen. Abschüsse lösen dieses Problem nicht. Sie kaschieren es bestenfalls temporär und schaffen neue Probleme: erhöhte Reproduktionsraten, Stress-induziertes Fehlverhalten, Panikflucht über Strassen, und – wie der Kanton Genf seit 1974 zeigt – keine messbaren Vorteile gegenüber einer jagdfreien, raumplanerisch konsequenten Alternative.

Eine Wildtierpolitik, die Biodiversität und Verkehrssicherheit ernst nimmt, investiert in Wildbrücken, beschleunigt die Sanierung unterbrochener Korridore, schreibt Wildwarnanlagen an Unfallhotspots vor und hört auf, Abschüsse als Universalwerkzeug für Probleme anzubieten, die strukturelle Lösungen verlangen. Die Schweiz hat das rechtliche Fundament und das wissenschaftliche Wissen dazu. Was fehlt, ist politischer Wille und Tempo. Dieses Dossier wird laufend aktualisiert, wenn neue Studien, Planungsberichte oder politische Entscheide es erfordern.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.