Wie viele Wölfe gibt es in der Schweiz?
Im Monitoringjahr 2025/26 wurden in der Schweiz 43 bestätigte Wolfsrudel gezählt – zwei mehr als im Vorjahr.
Davon leben 32 Rudel vollständig in der Schweiz, elf nutzen auch Gebiete im benachbarten Ausland.
Die Gesamtzahl der Wölfe wird auf mehrere hundert Tiere geschätzt. Damit hat die Schweiz nach Jahrzehnten der Ausrottung wieder eine bedeutende Wolfspopulation aufgebaut – gleichzeitig steht sie unter massivem politischen Druck, diese Population drastisch zu reduzieren.
Die Rückkehr des Wolfes: Geschichte seit 1995
Der Wolf war in der Schweiz seit Ende des 19. Jahrhunderts ausgerottet. 1995 wanderte aus dem Apenningebirge ein erstes Tier über die Grenze: «M1», ein junger Rüde, wurde im Wallis nachgewiesen – das erste bestätigte Exemplar seit über 100 Jahren. Zunächst blieben die Tiere Einzelgänger. Erst 2012 entstand am Calanda – dem Bergstock zwischen Graubünden und St. Gallen – das erste Wolfsrudel der Schweiz seit der Ausrottung. Das Calanda-Rudel wurde zum Pilotfall: Es lebte in unmittelbarer Nähe von Siedlungen und Alpweiden und zeigte, dass Mensch und Wolf unter bestimmten Bedingungen koexistieren können. Herdenschutzprogramme, die damals anliefen, reduzierten die Risse deutlich. Zwischen 2012 und 2020 wuchs die Population langsam. Ab 2021 beschleunigte sich das Wachstum stark: Die Rudelzahl verdoppelte sich innerhalb von zwei Jahren.
Wie werden Wölfe in der Schweiz gezählt? Die KORA-Monitoring-Methoden
Für das Wolfsmonitoring in der Schweiz ist die Stiftung KORA – Raubtierökologie und Wildtiermanagement zuständig. KORA betreibt ein schweizweites Netzwerk von Monitoring-Instrumenten:
- Fotofallen (Wildkameras): Tausende automatisch ausgelöste Kameras in bekannten Wolfsgebieten liefern Bildnachweise. Anhand von Fellzeichnung und Körpermerkmalen können Individuen unterschieden werden.
- DNA-Analysen: Kotproben, Urin und Haarproben werden an der Universität Lausanne genetisch ausgewertet. Jeder Wolf hat ein einzigartiges genetisches Profil, das eine Individualisierung erlaubt. So werden auch Tiere erfasst, die nicht auf Kamera erscheinen.
- Rissgutachten: Jeder gemeldete Nutztierriss wird von geschulten Wildhütern untersucht. Bissmuster, Verhaltensweise beim Fressen und Spuren erlauben Rückschlüsse auf die Verursacherart.
- Telemetrie: Einzelne Wölfe werden mit GPS-Halsbändern ausgestattet, um Streifgebiete, Wanderbewegungen und Rudelzugehörigkeit zu dokumentieren.
- Sichtbeobachtungen: Meldungen von Landwirten, Wanderern und Berufsjägern werden systematisch erfasst und bewertet.
Da Wölfe kantonale Grenzen ignorieren und grosse Streifgebiete haben, werden grenzüberschreitende Rudel in der Statistik als anteilige Rudel gerechnet. Das Dossier «Wolf in der Schweiz» zeigt die aktuelle Verbreitung und Rudelkarte.
Aktuelle Zahlen: Rudel, Welpen, kantonale Verteilung
Im Monitoringjahr 2025/26 dokumentierte KORA – Raubtierökologie und Wildtiermanagement 43 bestätigte Wolfsrudel mit insgesamt 148 beobachteten Welpen. Die grösste Wolfsdichte besteht in den Alpenkantonen:
- Graubünden: Der wolfsreichste Kanton mit rund einem Drittel aller Rudel. Das Calanda-Rudel und zahlreiche Nachfolgepopulationen haben sich etabliert.
- Wallis: Stark besiedelt, politisch aber am aggressivsten gegenüber dem Wolf. Die Behörden genehmigen regelmässig grossflächige Regulierungen.
- Tessin, Uri, Bern, Glarus: Zunehmende Wolfspräsenz. Einzeltiere und neue Rudel breiten sich aus.
- Mittelland und Jura: Einzelwölfe auf der Durchreise, noch keine festen Rudel.
Das Calanda-Rudel: Pionier und Vorbild
Das Calanda-Rudel gilt als wichtigstes Schweizer Wolfsforschungsprojekt. Seit 2012 lebt es auf dem Bergstock zwischen Chur und dem Rheintal. Auf der Calandalp wurden über 1’500 Schafe gealpt – mit konsequentem Herdenschutz konnten die jährlichen Risse auf unter 40 Tiere in fünf Jahren reduziert werden. Das Rudel zeigte, dass Koexistenz möglich ist, wenn Herdenschutz von Beginn an konsequent umgesetzt wird. Das Dossier «Herdenschutz» dokumentiert die Details dieser Erfahrungen.
Wie viele Wölfe wurden abgeschossen?
In der Regulierungsperiode 2024/25 wurden 92 Wölfe präventiv abgeschossen, bevor grössere Schäden entstanden waren – eine neue Dimension der staatlichen Wolfsjagd. Das BAFU hatte Abschüsse von rund 125 Tieren genehmigt. In der Saison 2025/26 wurden laut SRF 89 Wölfe erlegt; Graubünden (35) und Wallis (24) standen dabei an der Spitze. Nach der Regulierung 2024/25 schrumpfte die Rudelzahl von 41 auf 36 – ein Rückgang, der Naturschutzorganisationen alarmiert.
Auswirkungen der Regulation auf die Rudelstruktur
Der Abschuss von Leittieren – dem Alphapaar eines Rudels – hat weitreichende Folgen. Ohne erfahrene Leittiere verlieren Rudel ihre Territorialität und können sich in kleinere, schwerer kontrollierbare Gruppen aufspalten. Jüngere Tiere ohne soziale Einbindung sind risikofreudiger und reissen eher ungeschützte Nutztiere. Paradoxerweise kann die Regulierung damit die Schäden erhöhen, die sie eigentlich verhindern soll – ein Effekt, den Forschende bestätigen. Das Dossier «Wald-Wild-Konflikt» ordnet diese Dynamik in den grösseren Kontext ein.
Berner Konvention und Schutzstatus des Wolfes
Der Wolf ist in Europa durch die Berner Konvention von 1979 geschützt – ein völkerrechtlich verbindliches Abkommen, das die Schweiz ratifiziert hat. Auf EU-Ebene steht der Wolf unter dem strengen Schutz der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (Anhang IV). Abschüsse sind nur unter strengen Bedingungen erlaubt: wenn andere zumutbare Lösungen ausgeschöpft sind und wenn der günstige Erhaltungszustand der Population gewährleistet bleibt. Die Schweiz bewegt sich mit ihrer Regulierungspraxis am Rand des völkerrechtlich Erlaubten. Im November 2024 beschloss der Ständige Ausschuss der Berner Konvention eine Herabstufung des Schutzstatus – ein politisch motivierter Schritt, der von Naturschutzorganisationen scharf kritisiert wurde.
Die politische Debatte: Regazzi, Rösti und die Wolfspolitik
In der Schweizer Wolfspolitik stehen sich zwei Lager gegenüber. Bundesrat Albert Rösti (SVP, UVEK) steht für eine grosszügige Regulierungspraxis und hat die gesetzlichen Grundlagen für Präventivabschüsse mitgeprägt. Mitte-Nationalrat Fabio Regazzi setzt sich ebenfalls für erleichterte Abschüsse ein und repräsentiert die agrarische Lobby. Auf der anderen Seite stehen Organisationen wie Gruppe Wolf Schweiz, Pro Natura und WWF, die auf Herdenschutz setzen und die Regulierungspraxis als mit dem Schutzstatus des Wolfes unvereinbar kritisieren. Bundesgerichtsentscheide haben einzelne Abschussverfügungen 2025 aufgehoben und damit klare rechtliche Grenzen gesetzt.
Gefährdet die Regulation den Wolfsbestand?
Das BAFU betont, der Bestand dürfe nicht gefährdet werden. Naturschutzorganisationen weisen jedoch darauf hin, dass die Genehmigungspraxis zunehmend grosszügig ist und das Ziel einer stabilen Population untergräbt. Wenn jährlich 89 bis 92 Tiere geschossen und gleichzeitig nur 148 Welpen dokumentiert werden, ist die Reproduktionsrate kaum ausreichend, um Verluste auszugleichen. Hinzu kommen Wilderei und Verkehrsunfälle als weitere Mortalitätsfaktoren. Die Frage ist nicht, wie viele Wölfe es heute gibt – sondern wie viele es in zehn Jahren noch geben wird, wenn die aktuelle Praxis anhält.
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