Mitten in dieser Szenerie steht eine kleine Gruppe von Menschen mit Signalwesten und Notizblöcken.
Angeführt werden sie von Hunt-Watch-Aktivistin Anna-Katharina Egli. Ihr Auftrag: beobachten, dokumentieren, präsent sein.
Während der Treibjagd am Samstag, 29. November 2025, im Kanton Thurgau passiert etwas, das auf herkömmlichen Jagden selten ist: Es fallen keine Schüsse im Revier, Wildtiere werden aufgescheucht und gesehen, aber während der Anwesenheit von Hunt Watch wird kein Tier erschossen. Die Hobby-Jäger wirken auffallend zurückhaltend, Entscheidungen werden länger abgewogen, die Atmosphäre ist angespannt, aber kontrollierter als üblich.
Für die Aktivisten ist der Tag ein Erfolg, für sie selbst und für die Tiere im Gebiet. Und er wirft eine grundsätzliche Frage auf: Was passiert in Wäldern, wenn niemand hinschaut?
Ein System im Schatten der Öffentlichkeit
Genau hier setzt die Kritik an der Hobby-Jagd an. Bürger haben kaum eine Chance, das Geschehen im Revier zu verfolgen. Jagdtage sind in der Regel nicht öffentlich, und auch die Statistik bildet nur einen Teil der Realität ab.
Der Schweizer Tierschutz STS weist seit Jahren darauf hin, dass die offizielle Jagdstatistik das Leid angeschossener Tiere unterschätzt. In einer Medienmitteilung spricht der STS von «hunderten verendeten Wildtieren mit Schussverletzungen» pro Jahr, die gefunden werden, und benennt diese Funde explizit als «Spitze des Eisbergs». Viele verletzte Tiere sterben unbemerkt im Wald. Die Erfolgsquote von Nachsuchen liegt je nach Kanton nur zwischen 35 und 65 Prozent.
Gerade weil die Hobby-Jagd im Verborgenen stattfindet, öffnet sie Tür und Tor für Tierquälerei. Eine Form der Jagd steht dabei besonders im Fokus: die Bewegungsjagd, also Treib- und Drückjagden.
Bewegungsjagd: Stressfaktor und Risikojagd
Der STS hat in seinem Report «Streifschüsse und Nachsuchen auf der Schweizer Jagd» systematisch untersucht, unter welchen Bedingungen schlechte Treffer besonders häufig sind. Das Ergebnis: Die Kombination aus Schuss auf bewegte Ziele, mangelnder Schiesspraxis, Stress, schwierigen Licht- und Witterungsverhältnissen sowie Gruppendruck führt zu einer klar erhöhten Fehlerquote. Eine Jagdart wird ausdrücklich als besonders anfällig beschrieben: die Bewegungsjagd auf Rehe, Füchse und Wildschweine.
Während Ansitz- oder Pirschjagd dem Schützen theoretisch Zeit lassen, sich zu konzentrieren, zwingen Treibjagden zu Sekundenentscheidungen. Tiere springen plötzlich ins Schussfeld, laufen schräg oder in wechselnder Geschwindigkeit. Oft wird aus dichten Beständen heraus geschossen, mit eingeschränkter Sicht und zusätzlichen Risiken für Hunde und Mitjäger.
Die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (TVT) bewertet Bewegungsjagden seit Jahren kritisch. In der aktuellen Stellungnahme zu «Tierschutz und Bewegungsjagden» spricht sie von erheblichen Tierschutzproblemen. Sekundärquellen, die diese Stellungnahme auswerten, berichten, dass bei Drückjagden je nach Auswertung bis zu rund 70 Prozent der beschossenen Tiere nicht sofort tot sind, sondern verwundet fliehen und später an ihren Verletzungen sterben.
Mit anderen Worten: Fehl- und Wundschüsse sind in Treibjagden kein bedauerlicher Ausnahmefall, sondern ein strukturelles Problem dieser Jagdform.
Was die Forschung zu Fehlschüssen und Fluchtdistanzen zeigt
Auch die wissenschaftliche Literatur bestätigt, dass Bewegungsjagden deutlich häufiger zu längeren Leidensphasen führen. In einer grossen Studie in Deutschland hat ein Forscherteam um Anja Martin mehr als 2000 Abschüsse von Reh- und Schwarzwild ausgewertet. Untersucht wurden unter anderem Schussentfernung, Treffersitz, Munition und vor allem die Fluchtdistanz als Indikator für die Tötungswirkung.
Wichtige Punkte aus dieser Arbeit:
- Nur ein Teil der Tiere bricht am Anschuss zusammen. Je nach Art und Munitionstyp fliehen 30 bis 40 Prozent der Tiere nach dem Treffer noch deutlich weiter als zehn Meter.
- Die Analyse zeigt, dass nicht nur der Treffersitz, sondern auch die Jagdart eine Rolle spielt. Bei getroffenen Rehen, die in Kopf oder Thorax beschossen wurden, waren die Fluchtdistanzen bei Bewegungsjagden signifikant länger als bei Ansitz- oder Pirschjagd.
Längere Fluchtstrecken bedeuten in der Praxis: mehr Verletzungen im Gelände, schwer auffindbare Tiere, längeres Leiden.
Der STS spricht deshalb offen von «tierischen Kollateralschäden» der Hobby-Jagd und stellt die ethische Frage, ob der behauptete Zweck der Hobby-Jagd ein solches Niveau an Leid überhaupt rechtfertigen kann.
Fuchs- und Dachsjagd im Fokus: viel Leid, wenig Nutzen
Auf Treibjagden wird in der Schweiz nicht nur auf Rehe und Wildschweine geschossen, sondern oft gezielt auch auf Füchse und Dachse. Begründet wird das mit Seuchenvorsorge, Schutz von Bodenbrütern oder «Bestandsregulierung». Ein Blick in die Forschung zeichnet ein anderes Bild.
In Europa wurde die Fuchstollwut nicht durch intensivere Jagd, sondern durch grossangelegte Impfprogramme mit Impfködern unter Kontrolle gebracht. Eine Auswertung von 22 europäischen Programmen zeigt, dass die orale Immunisierung der Schlüssel zur Tilgung der Tollwut bei Füchsen war, während frühere Strategien mit verstärkter Jagd und Vergiftung als ineffizient gelten.
Parallel dazu weisen populationsökologische Studien darauf hin, dass lokale Fuchskontrollprogramme meist nur kurzfristige Effekte haben. Populationslücken werden durch Zuwanderung und höhere Reproduktionsraten rasch wieder aufgefüllt, sodass die Bestände sich schnell erholen.
Wenn also im Rahmen von Treibjagden Füchse geschossen werden, erzeugt das für die betroffenen Tiere massiven Stress und ein hohes Risiko von Wundschüssen, ohne dass damit eine nachhaltige Seuchen- oder Populationskontrolle erreicht wird.
Krieg und Terror aus Sicht der Wildtiere
Für die Wildtiere im betroffenen Gebiet fühlt sich eine Treibjagd wie Krieg an. Auf einmal dringen Menschenreihen in Rückzugsräume vor, Hunde hetzen durch Dickichte, Schüsse fallen aus verschiedenen Richtungen. Rehe, Wildschweine, Füchse oder Dachse flüchten panisch, Familienverbände werden auseinandergerissen.
Die STS-Unterlagen beschreiben ausführlich, wie gerade Schüsse auf flüchtende Tiere technisch heikel sind und wie leicht es dabei zu Streif- und Wundschüssen kommt. Besonders problematisch sind schräge Schusswinkel, weite Distanzen, schlechter Kugelfang und schwierige Lichtverhältnisse.
Die Folge sind genau die Bilder, über die auch wildbeimwild.com in eigenen Recherchen berichtet: zerstörte Unterkiefer, zerschossene Läufe, Tiere, die tagelang mit inneren Blutungen durch den Wald schleppen, Nachsuchen, die oft zu spät kommen – oder gar nicht erst stattfinden.
Wenn Aktivistinnen eine solche Treibjagd als «Krieg und Terror» für die Wildtiere bezeichnen, ist das keine reine Rhetorik, sondern lässt sich mit Zahlen und Studien hinterlegen.
Jagdbegleitung als praktischer Tierschutz
Zurück in den Ostschweizer Wald.
Die Begleiterinnen von Hunt Watch sind keine Statisten. Sie sind bei Vor- und Nachbesprechungen der Jagd anwesend, stellen Fragen, sprechen ihre ethische Haltung klar an und erinnern daran, dass hier fühlende Lebewesen betroffen sind, die Schutz und Respekt verdienen.
Ihre Erfahrung: Allein die Tatsache, dass kritische Beobachter vor Ort sind, wirkt offenbar hemmend. Schüsse werden sorgfältiger abgewogen, riskante Gelegenheiten eher ausgelassen, Diskussionen über Tierschutz und Ethik finden ungewohnt offen statt.
Das deckt sich mit einer einfachen, aber wirksamen Idee: Wo Öffentlichkeit hinschaut, sinkt die Wahrscheinlichkeit von Grenzüberschreitungen. Bei der Jagd bedeutet das konkret, dass eine Begleitung zumindest zeitweise protektiv für die Waldbewohner sein kann.
Transparenz statt Hobby-Jagd im Blindflug
Die Bilanz aus Studien, Tierschutzberichten und konkreter Beobachtung ist ernüchternd:
- Bewegungsjagden sind statistisch und fachlich klar mit einem erhöhten Risiko von Fehl- und Wundschüssen verbunden.
- Hunderte Wildtiere werden jedes Jahr angeschossen und sterben unentdeckt, weil Nachsuchen scheitern oder gar nicht stattfinden.
- Die intensive Bejagung von Füchsen und Dachsen ist aus Sicht der Seuchenbekämpfung schlecht belegt und steht im Widerspruch zu modernen, wissenschaftlich fundierten Alternativen wie Impfprogrammen und Habitatmanagement.
Vor diesem Hintergrund wirkt es fast zynisch, wenn die Jagd sich als unverzichtbares Instrument des Naturschutzes inszeniert. Die Daten zeigen vor allem eines: ein System mit strukturellem Tierleid, hohen Dunkelziffern und fragwürdigen Rechtfertigungen.
Hunt Watch und andere Jagdbeobachtungs-Initiativen setzen genau hier an. Sie holen die Jagd aus der Dunkelzone, machen sie sichtbar, stellen Fragen, dokumentieren.
Nichts auf der Welt rechtfertigt Gewalt gegen unschuldige, fühlende Lebewesen, die einfach nur in Frieden leben möchten. Solange die Hobby-Jagd dieses grundlegende Recht systematisch verletzt, braucht es Menschen, die sich dem friedlich entgegenstellen – im Wald, im politischen Raum und in der öffentlichen Debatte.






