Doch dieselben Tiere werden wenige Monate später für die Hobby-Jagd freigegeben.
Parallel dazu explodieren in vielen Bergregionen die Kosten für Schutzwaldpflege, Verjüngungszäune und Wildschadenverhütung, die mehrheitlich von der Öffentlichkeit getragen werden.
Der vermeintliche Frondienst entpuppt sich bei genauer Betrachtung als teures Hobby mit hohen Folgekosten für Steuerzahlerinnen, Steuerzahler und Wälder.
Rehkitzrettung als perfekte PR-Kulisse
Die Rehkitzrettung mit Drohnen hat sich in der Schweiz zu einer professionell organisierten Bewegung entwickelt. Der Verein Rehkitzrettung Schweiz meldet, dass in den letzten Jahren bereits über 25’000 Rehkitze mit Multikoptern und Wärmebildkameras vor dem Mähtod gerettet wurden. In der Saison 2025 waren es laut Medienberichten rund 6’500 Jungtiere, so viele wie noch nie.
Gleichzeitig weisen offizielle Statistiken immer noch rund 1’500 beim Mähen getötete Rehkitze pro Jahr aus, Fachleute gehen von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus.
Die Bilder der Rettungsaktionen eignen sich hervorragend als Imagekampagne für die Hobby-Jagd. Es entsteht der Eindruck, hier seien Menschen unterwegs, die sich aufopferungsvoll und unentgeltlich für Wildtiere einsetzen. In der öffentlichen Wahrnehmung verschwindet dabei, dass dieselben Problem-Jäger wenige Monate später genau diese Art bejagen und nach behördlich vorgegebenen Abschussplänen zu Tausenden töten.
Zehntausende erlegte Rehe pro Jahr
Ein Blick in die eidgenössische Jagdstatistik zeigt die Dimension: Im Jagdjahr 2024 wurden in der Schweiz 42’404 Rehe erlegt, ohne Fallwild und Spezialabschüsse. In dieser Zahl sind auch immer rund 10’000 Rehkitze inkludiert. Gleichzeitig leben gemäss Bundesamt für Umwelt rund 135’000 Rehe in der Schweiz.
Die Hobby-Jagd ist also kein Randphänomen, sondern ein jährlich wiederkehrender massiver Eingriff in die Rehpopulation. Jagdverbände argumentieren, diese Eingriffe seien nötig, um Wildschäden in Wald und Landwirtschaft zu begrenzen. Kritiker halten dagegen, dass das System gerade jene Probleme mit erzeugt, die es zu lösen vorgibt. Dazu gehört der eskalierende Wald-Wild-Konflikt im Schutzwald.
Schutzwald: Milliardenwert, Millionenkosten
Rund die Hälfte des Schweizer Waldes gilt als Schutzwald. Er bewahrt Siedlungen, Verkehrswege und Infrastrukturen vor Lawinen, Steinschlag, Rutschungen und Murgängen. Fachstellen schätzen den Wert dieser Schutzleistung auf etwa 4 Milliarden Franken pro Jahr.
Damit der Schutzwald diese Funktion erfüllen kann, muss er gepflegt und verjüngt werden. Die dafür ausbezahlten öffentlichen Beiträge von Bund und Kantonen beliefen sich im Jahr 2020 auf etwas mehr als 160 Millionen Franken, deutlich weniger als der Wert der erbrachten Leistung, aber immer noch ein beträchtlicher Betrag aus Steuergeldern.
Konkrete Beispiele zeigen die Dimension:
- Im Kanton Graubünden sind für die Schutzwaldpflege rund 16 Millionen Franken pro Jahr budgetiert.
- Allein 2023 erhielten Waldeigentümerinnen und Waldeigentümer im Bündner Schutzwald für die Pflege von etwa 1 750 Hektaren Beiträge von Bund und Kanton in der Höhe von 14,54 Millionen Franken.
Finanziert wird die Schutzwaldpflege im Grundsatz von Bund, Kantonen, Gemeinden und Nutzniessern. In der Realität stammt ein grosser Teil dieser Mittel aus allgemeinen Steuertöpfen.
Wildverbiss im Schutzwald: Wenn Hirsche den Wald von morgen auffressen
Parallel zur Klimakrise geraten Schutzwälder zunehmend durch Wildverbiss unter Druck. Eine Auswertung von Verbissdaten zeigt, dass besonders jene Baumarten leiden, die für die Zukunft der Wälder wichtig wären.
- Bei Esche und Ahorn beträgt die landesweite Verbissintensität 14 beziehungsweise 19 Prozent, in gewissen Alpenregionen werden diese Arten sogar zu 35 bis 47 Prozent verbissen.
- Die Eidgenössische Forschungsanstalt WSL hält fest, dass Eiche, Vogelbeere, Eibe und Waldföhre vielerorts ohne Schutzmassnahmen kaum eine Chance haben, aufzuwachsen.
- Ein aktueller Überblick zu Wildeinfluss und Baumverjüngung auf Basis kantonaler Daten zeigt, dass in einem Teil der Schweizer Wälder der Verbiss die Zielverjüngung deutlich gefährdet.
Gerade im Gebirgswald ist die Lage kritisch. Forstleute berichten, dass in Schutzwäldern der Jungwuchs vielerorts dünn ist oder aus den falschen Baumarten besteht. Die Folge: Schutzwälder werden instabil, ihre Schutzwirkung nimmt ab, und es müssen teure technische Schutzbauten errichtet oder verstärkt werden. Eine Studie zu Wildverbissfolgen am Putzer Berg im Prättigau zeigt, wie Wildschäden im Schutzwald zu langfristigen Mehrkosten für zusätzliche Schutzbauten führen können.
Ein aktueller Beitrag zum Bündner Schutzwald bringt es auf den Punkt: Schutzwälder verjüngen sich teilweise kaum, empfindliche Baumarten verschwinden, und es drohen langfristig Milliardenkosten für Schutzbauten, wenn der Wildeinfluss nicht reduziert wird.
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Jagd, Wilddichte und der Faktor Mensch
Jagdlobby und Behörden verweisen regelmässig auf die Jagd als Lösung gegen übermässigen Wildverbiss. Wo der Rotwildbestand stark zugenommen hat und Schutzwälder bedroht sind, werden Abschusszahlen erhöht und Interventionsjagden propagiert.
Gleichzeitig zeigt die Praxis:
- In vielen Regionen bleiben die Bestände von Reh und Rothirsch trotz Jagd hoch. In mehreren Kantonen wird von anhaltend kritischen Verbisssituationen berichtet.
- Behörden betonen, dass hohe Schalenwildbestände in Schutzwäldern den natürlichen Aufwuchs wichtiger Baumarten verhindern und damit nicht nur die Biodiversität, sondern ausdrücklich auch die Schutzfunktion des Waldes gefährden.
Jagdkritiker argumentieren, dass das Jagdsystem selbst Teil des Problems ist. Insbesondere in Revieren mit hohem Jagddruck verlagern Rehe und Hirsche ihre Aktivität stärker in die Nacht und weichen tagsüber in schwer zugängliche, deckungsreiche Lagen aus. Genau dort liegen häufig Schutzwälder. Untersuchungen und Leitfäden zur Wald-Wild-Problematik betonen, wie stark das Verhalten des Wildes von Störungen, Jagdregimen und Waldstruktur beeinflusst wird.
Das führt zu einem paradoxen Bild:
- Der Jagddruck drängt das Wild in unzugängliche Schutzwaldhänge, wo es konzentriert frisst.
- Die entstehenden Verbissschäden werden mit Verjüngungszäunen, Schutzmassnahmen und teurer Schutzwaldpflege bekämpft.
- Diese Massnahmen werden zum grossen Teil aus öffentlichen Geldern finanziert.
Wild beim Wild kritisiert seit Längerem, dass die Amateur-Jagd genau jene Waldprobleme mit erzeugt, für deren Bewältigung sie später als angeblich unentbehrlicher Partner auftritt.
Was die Steuerzahlenden wirklich finanzieren
Wer die Finanzierungslinien verfolgt, erkennt schnell, wie stark die Allgemeinheit für die Folgen des Jagdsystems zahlt:
- Schutzwaldpflege und Waldleistungen
Hundert Millionen Beiträge von Bund und Kantonen pro Jahr fliessen in Pflege, Verjüngung, Erschliessung und Stabilisierung von Schutzwäldern. - Wildschadenverhütung und Zäune
Kantone wie Zürich oder Schwyz fördern aufwendige Wildschadenverhütungsmassnahmen im Wald, inklusive Verjüngungszäune, deren Erstellung, Unterhalt und Rückbau öffentlich mitgetragen werden. - Technische Schutzbauten als Folge von Verbiss
Wo Schutzwälder ihre Aufgabe wegen ausbleibender Verjüngung nicht mehr erfüllen können, müssen zusätzliche Lawinenverbauungen, Dämme und andere Bauwerke erstellt oder verstärkt werden. Studien zu Verbissfolgen im Schutzwald zeigen, dass dadurch erhebliche Mehrkosten entstehen können. - Indirekte Subventionen des Jagdsystems
Jagdorganisationen profitieren von der Infrastruktur, von Wildschadenregimes, von Schutzwaldprogrammen, von der polizeilichen und administrativen Jagdverwaltung und von Imageprojekten wie der Rehkitzrettung, deren gesellschaftliche Akzeptanz das Hobby Jagd absichert.
Die Rechnung zahlen Bürger, die mit der Hobby-Jagd oft wenig anfangen können, aber über Steuern, Abgaben und Gebühren an den Folgekosten beteiligt sind.
Die Behauptung, dass die Amateur-Jäger die Biodiversität fördern, ist schon fast dreist. Im besten Fall wird sie vielleicht nicht beschädigt. So werden zum Beispiel immer noch Feldhasen bejagt. Der Feldhase steht auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten. Was dieser Dienst der Jägerschaft für die Allgemeinheit sein soll, erschliesst sich dem gesunden Menschenverstand auch nicht. Die höchste Dichte an Feldhasen wurde im Jahr 2016 mit 17,7/100 ha im jagdfreien Kanton Genf ermittelt. Dort, wo sich professionelle Wildhüter um das Wildtiermanagement kümmern. Dies ist die erste Dichte über 17 Feldhasen/100 ha seit 2006 in der ganzen Schweiz.
Ungeachtet des Tierschutzgesetzes begehen die Amateur-Jäger unter Ausschluss der Öffentlichkeit, abscheuliche Tierquälereien und sogar Straftaten.
Rehkitzrettung der Hobby-Jäger ist kein Frondienst
Vor diesem Hintergrund bekommt die Debatte um den angeblichen Frondienst der Hobby-Jäger eine andere Färbung.
- Wer Rehkitze im Frühsommer mit Drohnen rettet, präsentiert sich als Lebensretter.
- Wer im Herbst und Winter dieselbe Art in fünfstelliger Zahl schiesst, übt ein Hobby aus, das von einem staatlichen System getragen und verwaltet wird.
- Wer behauptet, damit unentgeltlich der Allgemeinheit zu dienen, verschweigt, dass die Kosten für Wildverbiss, Schutzwaldpflege, technische Schutzbauten und Wildschadenverhütung mehrheitlich bei der öffentlichen Hand landen.
Freizeitjäger können Rechnungen für Einsätze bei Wildunfällen stellen, Wildbret, Felle und Trophäen verkaufen und sich günstige Jagdreviere sichern. Von uneigennützigem, selbstlosem Frondienst zu sprechen, ist vor diesem Hintergrund irreführend.
Jagdsystem auf den Prüfstand
Die Frage ist nicht, ob Rehkitzrettung sinnvoll ist. Selbstverständlich ist es besser, Kitze vor der Mähmaschine zu retten. Die Frage lautet vielmehr:
Wie glaubwürdig ist ein System, das Tiere erst aufwendig rettet, sie dann als Abschussquote verwaltet, gleichzeitig Wälder durch hohe Wilddichten unter Druck setzt und die Folgekosten den Steuerzahlenden überlässt.
Wenn Schutzwälder milliardenwertig sind, die Verbissschäden zunehmen und Kantone bereits vor möglichen Milliardenkosten für Schutzbauten warnen,ist es legitim, nicht nur über mehr Hobby-Jagd, sondern auch über weniger Hobby-Jagd zu sprechen.
Statt die Jagd als Frondienst zu verklären, braucht es eine ehrliche Debatte darüber, wie ein modernes Wildtiermanagement aussehen soll, das den Schutz der Wälder, die Interessen der Gesellschaft und das Wohl der Wildtiere in den Mittelpunkt stellt. Dabei wird systematisch ausgeblendet, dass natürliche Prädatoren wie der Fuchs eine wichtige Rolle in der Regulation der Rehpopulation übernehmen könnten.
Die Hobby-Jäger sind seit Jahrzehnten nichts anderes als eine permanent kostenintensive Baustelle, Flickenteppich und Streitpunkt für die Politik, Forst, Landwirtschaft, Verwaltungen, Justiz, Krankenkassen, Versicherungen, Tierschutzorganisationen, Umwelt- und Naturschutzorganisationen, Polizei, Bund, Medien usw. Dieser Aufwand und Kosten würden mit ein paar Wildhütern grösstenteils wegfallen.
Der Fuchs als natürlicher Regulator der Rehbestände
Untersuchungen in verschiedenen Ländern und zu unterschiedlichen Zeitpunkten zeigen, dass der Rotfuchs einen relevanten Einfluss auf die Rehpopulation hat. Für das Berner Mittelland wird geschätzt, dass ein Fuchs in den Monaten von Mai bis Juli durchschnittlich bis zu elf Rehkitze erbeuten kann. Damit erfüllen Füchse eine natürliche Regulationsfunktion im Ökosystem, die aus wildbiologischer Sicht sinnvoll ist und seit Jahrtausenden besteht.
Trotzdem werden in der Schweiz jedes Jahr Zehntausende gesunde Füchse von Hobby-Jägern im Rahmen eines Freizeitvergnügens erlegt. Diese systematische Verfolgung ignoriert sowohl den Stand der Wissenschaft als auch Grundsätze des Tierschutzes und der Ökologie. Sie dient weder dem Schutz der Rehe noch der Biodiversität, sondern in erster Linie einem überholten Feindbild und einem Hobby, das sich als Hege verkauft.
Indem die Jagdlobby den Fuchs als Sündenbock für angebliche Wildschäden und «zu viele Rehe» darstellt, werden natürliche Zusammenhänge ausgeblendet. In Wirklichkeit ersetzt die Flinte des Hobby-Jägers die ökologische Rolle des Prädators nicht, sondern verschiebt die Balance zusätzlich zuungunsten der Beutetiere: Wo Füchse intensiv bejagt werden, greifen Menschen noch stärker mit Gewehr und Abschussplänen in die Rehbestände ein.
Eine derart übermässige Bejagung des Rotfuchses ist kein Frondienst, sondern ein ökologisch fragwürdiger und ethisch problematischer Zeitvertreib. Sie widerspricht modernen Erkenntnissen der Wildbiologie, den Ansprüchen einer aufgeklärten Gesellschaft und den Zielen von Umwelt- und Tierschutz. Von uneigennützigem Dienst an der Allgemeinheit zu sprechen, wenn Beutegreifer aus Spass an der Freizeitjagd massenhaft beseitigt werden, ist irreführend.
Eine präzise Analyse ergibt, dass die Tätigkeit von Hobby-Jägern keineswegs als unentgeltliche Dienstleistung für die Öffentlichkeit oder gar für die Wildtiere zu werten ist. Wildtiere hegen keine Zuneigung für Freizeitjäger. Man muss zwangsläufig ganz andere Begriffe als Frondienst verwenden, wenn man ganze Landstriche über eine Pacht zu einem Spottpreis für ein Hobby kaufen kann, um dort Wildtiere ohne nachweisbaren ökologischen Nutzen zu töten oder durch Baujagd, Treib- und Drückjagden usw. zu quälen. Wenn Hobby-Jäger nicht töten dürften, würden sie keinen «Frondienst» erbringen. Das hat überhaupt nichts mit dem Geist der selbstlosen Frondiensttätigkeit zu tun.
Die Hobby-Jagd ist auch kein wissenschaftliches, wildbiologisch sinnvolles oder professionelles Wildtiermanagement.






