2. April 2026, 05:57

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Passjagd

Passjagd ist eine Form des Ansitzes: Eine jagende Person positioniert sich an einem vorher ausgewählten Ort – an Wildwechseln, Übergängen, Waldrändern oder Schneisen – und wartet auf Wildtiere in Schussdistanz. Sie gilt als ruhige, kontrollierte Jagdform, weil keine Treibergruppen eingesetzt werden. Bei genauer Betrachtung zeigt sich: Auch passive Präsenz erzeugt Stress. Und auf der Schweizer Passjagd passiert noch mehr: Wölfe, Luchse und Goldschakale wurden in den vergangenen Jahren an Luderplätzen auf der winterlichen Passjagd irrtümlich erschossen, weil sie mit Füchsen verwechselt wurden – der eigentlichen Zielart.

Die Forschung ist eindeutig: Wildtiere reagieren auf menschliche Präsenz stärker als auf natürliche Prädatoren. Eine Studie aus polnischen Wäldern, die Stresshormone in Gebieten mit und ohne Beutegreifer verglich, kam zum verblüffenden Ergebnis: Die höchsten Kortisolwerte wurden in Gebieten ohne Beutegreifer , aber mit starkem menschlichem Einfluss durch Jagddruck, Strassen und Siedlungen, gefunden. Passjagd ist ruhig für die jagende Person. Für das Wildtier ist sie eine chronische Bedrohung.

Was dich hier erwartet

  • Was Passjagd ist und wie sie sich von anderen Jagdformen unterscheidet: Methode, Ablauf und das strukturelle Merkmal der passiven Gewalt.
  • Wiederholung als Stressfaktor: Was Verhaltensökologie zeigt: Wie wiederkehrende Präsenz an fixen Wechselstellen Wildtierverhalten dauerhaft verändert.
  • Stresshormone und menschliche Präsenz: Was die Forschung misst: Kortisol-Studien, die zeigen, dass Stress auch ohne Schuss entsteht.
  • Fehlabschüsse und geschützte Arten: Das Schweizer Problem an Luderplätzen: Wölfe, Luchse und Goldschakale als Opfer der Passjagd – Dokumentation und Einordnung.
  • Kugelfang, Sicherheitswinkel und Risiken für Dritte: Was kantonale Vorschriften zur Schusssicherheit sagen – und wo sie nicht reichen.
  • Ethische Fragestellungen: Wenn Effizienz über Empathie gestellt wird: Was Jagdethikforschung und Wildtierscutzorganisationen zur Passjagd sagen.
  • Forderungen: Was echte Kontrolle und Transparenz bei der Passjagd bedeuten würden.
  • Argumentarium: Antworten auf die häufigsten Rechtfertigungen.
  • Quicklinks: Alle Belege, Studien und Dossierbeiträge.

Was Passjagd ist und wie sie sich unterscheidet

Passjagd ist eine Ansitzform, die sich durch ihren Ort definiert: Nicht der Hochsitz in der Waldmitte, sondern der Wechsel – der natürliche Bewegungskorridor, den Wildtiere regelmässig benutzen. An Waldrändern, Schneisen, Übergängen und Luderplätzen wartet die jagende Person in Deckung auf vorbeiziehende Tiere. In der Schweiz wird Passjagd besonders in der Niederjagd eingesetzt, hauptsächlich auf Füchse. Die Passjagd wird häufig in den Abend- und Nachtstunden und im Winter ausgeübt, wenn Fuchsbestände aktiv und Sichtbedingungen eingeschränkt sind.

Der Unterschied zur Treibjagd: Das Tier kommt aus eigenem Antrieb. Der Unterschied zum Hochsitz im Bestand: Die jagende Person sitzt nicht im Lebensraum, sondern am Rand einer natürlichen Bewegungsroute. Genau das macht die Methode tierschutzrelevant auf eine spezifische Art: Tiere, die regelmässig denselben Weg gehen, erfahren an eben diesem Weg wiederholt eine Bedrohung. Das verändert ihr Raumverhalten – nicht durch einen Schuss, sondern durch die Präsenz.

Mehr dazu: Ansitzjagd: Warten, Technik und Risiken und Jagd in der Schweiz: Zahlen, Systeme und das Ende eines Narrativs

Wiederholung als Stressfaktor: Was Verhaltensökologie zeigt

Wildtiere erkennen wiederkehrende Muster in ihrer Umgebung. Wenn an einem Wildwechsel regelmässig Personen erscheinen, beginnt ein Prozess der Verhaltensanpassung: Tiere weichen aus, ändern Aktivitätszeiten, verlagern Routen. Eine Abschlussarbeit aus dem Jagdwirtschaftskontext (Haller 2021) hält fest: «Wildtiere sind durch die neuen Gegebenheiten wesentlich stärker unter Druck als früher und reagieren auf diese zusätzlichen Beunruhigungen mit Stress. Dieser kann sich in einer höheren Scheuheit und weniger Sichtbarkeit ausdrücken, mit dramatischen Auswirkungen.»

Eine aktuelle Studie (2025) zeigt: Die ständige menschliche Präsenz in Wildtierlebensräumen erzeugt eine dauerhafte Quelle der Angst. Tiere versuchen zwar, sich von Menschen fernzuhalten – aber weil der Mensch fast überall ist, befinden sie sich in einem Kreislauf ständiger Anspannung. Diese anhaltende Belastung kann die Population destabilisieren, selbst ohne direkten Jagdabschuss. Verhaltensanpassung kostet Energie: Mehr Wachsamkeit bedeutet weniger Ruhezeiten, kürzere Fresszeiten, mehr Fluchtwege – gerade im Winter, wenn jede Kalorie zählt.​

Mehr dazu: Studien über die Auswirkung der Jagd auf Wildtiere und Jäger und Jagd und Tierschutz: Was die Praxis mit Wildtieren macht

Stresshormone und menschliche Präsenz: Was die Forschung misst

Die Stressphysiologie liefert klare Messdaten. In polnischen Wäldern wurden Stresshormone in Huftieren in Gebieten mit Beutegreifern und ohne Beutegreifer verglichen. Das Ergebnis: Die höchsten Kortisolwerte fanden sich in Gebieten ohne Beutegreifer, dafür mit hohem menschlichem Jagddruck, hoher Strassendichte und starkem Siedlungseinfluss. Menschen erzeugen für Wildtiere mehr Stress als Wölfe und Bären.

Eine Studie zu Rotwild (2022) zeigt, dass der Beginn der Jagdsaison das Verhalten und die räumliche Verteilung von Rotwild stärker verändert als andere saisonale Faktoren. Weisswedelhirsche passen ihr räumliches Verhalten nachweislich an menschliche Bedrohungen an. Eine Meta-Analyse zu Fluchtreaktionen von Huftieren bei menschlicher Störung (Stankowich & Blumstein 2008) bündelt diese Befunde: Jagddruck und menschliches Annähern hängen konsistent mit Flucht- und erhöhtem Distanzverhalten zusammen.

Wichtig für eine ausgewogene Darstellung: Eine Studie zu Mufflons 2024 kommt zum Ergebnis, dass Pirsch in der untersuchten Population keinen starken Langzeit-Wohlfahrtseffekt zeigte – und diskutiert mögliche Gewöhnung. Das zeigt: Nicht jede Jagdform erzeugt bei jeder Art unter jeder Bedingung denselben Stresseffekt. Gleichzeitig bedeutet fehlender messbarer Langzeiteffekt nicht, dass kein Stress entsteht – Kurzzeitstress ist auch dann tierschutzrelevant, wenn keine Langzeitwirkung messbar ist.

Mehr dazu: Wildtiere, Todesangst und fehlende Betäubung und Jagdmythen: 12 Behauptungen, die du kritisch prüfen solltest

Fehlabschüsse und geschützte Arten: Das Schweizer Problem an Luderplätzen

Die Gruppe Wolf Schweiz dokumentiert einen spezifischen, schwerwiegenden Nebeneffekt der Schweizer Passjagd: In den vergangenen Jahren wurden an Luderplätzen auf der winterlichen Passjagd wiederholt Wölfe, Luchse und Goldschakale irrtümlich erschossen, weil sie mit Füchsen – der Zielart – verwechselt wurden.

Die Einordnung der Gruppe Wolf ist klar: In Relation zur Gesamtzahl erlegter Füchse ist die Zahl der Fehlabschüsse geschützter Arten gering. Für Beutegreifer mit kleinen Beständen wirken aber auch einzelne Fehlabschüsse deutlich negativ. Das ist kein hypothetisches Szenario – es ist dokumentierte Schweizer Praxis. Wer auf Fuchs wartet, schiesst im schlechten Licht auf ein Tier, das sich bewegt. Dass dabei Tiere mit ähnlicher Silhouette und ähnlichem Bewegungsmuster verwechselt werden, ist kein individuelles Versagen. Es ist ein strukturelles Risiko der Jagdform.

Der Wildtierschutz Schweiz geht weiter: Er beschreibt Niederjagd und Passjagd als Jagdformen, die «aus einer anderen Zeit stammen und dennoch bis heute Realität sind», und fordert, grausame Jagdpraktiken in der Schweiz zu beenden.

Mehr dazu: Wolf: Ökologische Funktion und politische Realität und Fuchsjagd ohne Fakten: Wie eine Tradition wissenschaftliche Grundlagen ignoriert

Kugelfang, Sicherheitswinkel und Risiken für Dritte

Passjagd findet häufig entlang von Waldrändern und Übergängen statt – also dort, wo Wanderwege, Forstwege und Siedlungen nicht weit sind. Der kantonale Leitfaden für sichere Schussführung im Kanton Solothurn hält fest: «Jeder Schuss muss einen geeigneten Kugelfang (gewachsener Boden) aufweisen, welcher das Geschoss vollständig bindet.» Ein Auftreffwinkel flacher als 5° gilt auch bei gutem Kugelfang als problematisch – und dieser Winkel wird im topfebenen Gelände bereits ab 60 Metern Schussdistanz unterschritten.

Passjagd auf Fuchs findet häufig in der Dämmerung oder in der Nacht statt. Sichtverhältnisse, Restlicht und die Dynamik eines sich bewegenden Tieres machen Schusswinkel und Kugelfang schwerer kalkulierbar als am Ansitz am hellen Tag. Die Forderung nach sicherem Schiessen ist deshalb keine rein deklaratorische Aussage – sie ist eine Anforderung an Ausbildung, Erfahrung und Situation, die nicht immer zuverlässig erfüllt wird.

Mehr dazu: Jagdunfälle in der Schweiz: Zahlen, Risiken und strukturelles Versagen und Jagd und Waffen: Eine unregulierte Verbindung

Ethische Fragestellungen: Effizienz über Empathie

Aus tierschutzethischer Sicht stellt sich bei der Passjagd nicht primär die Frage, wie kontrolliert ein Schuss sein kann, sondern warum Töten überhaupt die Standardantwort ist. Die Passjagd an Luderplätzen funktioniert über ein Anlockprinzip: Tiere werden durch Köder oder Tierkadaver an einen bestimmten Ort gelockt und dort erschossen. Das Anlockprinzip erzeugt dasselbe ethische Problem wie Kastenfallen mit Geruchsköder: Ein Tier wird durch ein Signal angezogen, das Nahrung und Sicherheit verspricht – und trifft auf Bedrohung und Tod.

Wildtiere sind fühlende Wesen mit eigenen Interessen. Wenn in der Wildtierforschung gemessen wird, dass menschliche Präsenz mehr Stress erzeugt als natürliche Prädatoren, ist das ein Befund, der gesellschaftlich diskutiert werden muss. Nicht der Schuss allein ist das Problem. Es ist das System: die wiederkehrende Präsenz an natürlichen Bewegungsrouten, die Normalisierung von Bedrohung als Jagdinstrument und die strukturelle Unsichtbarkeit des Leidens, das damit verbunden ist.

Mehr dazu: Fallenjagd: Die grausame Praxis hinter dem Euphemismus und Psychologie der Jagd

Was sich ändern müsste

  • Verbot der Passjagd an Luderplätzen in Gebieten mit Beutegreifer: Wo Wölfe, Luchse und andere geschützte Arten präsent sind, stellt die Passjagd auf Fuchs ein inakzeptables Fehlabschussrisiko dar.
  • Transparenzpflicht zu Fehlabschüssen: Jeder irrtümliche Abschuss einer geschützten Art wird unverzüglich und öffentlich gemeldet. Kein Verfahrensanreiz zur Nicht-Selbstanzeige durch weiche Strafpraxis.
  • Unabhängiges Monitoring der Passjagd in Schutzgebieten: In Gebieten mit erhöhter Schutzrelevanz (Wildtierkorridore, Schutzgebiete, Beutegreiferhabitate) findet Passjagd nur mit vorgängiger behördlicher Bewilligung und begleitendem Monitoring statt.
  • Keine Luderplätze ohne amtliche Genehmigung: Lokale Anlockstellen für Passjagd werden registriert, kontrolliert und in jagdlichen Transparenzberichten ausgewiesen.
  • Priorität für nicht-tödliche Alternativen: Bei Konflikten mit Füchsen im Siedlungsraum hat Prävention (Sicherung von Hühnergehegen, Abfallmanagement, baulicher Schutz) Vorrang vor Passjagd als Reaktion. Mustervorstösse: Mustertexte für jagdkritische Vorstösse und Verbot tierquälerischer Fallen- und Lockjagd

Argumentarium

«Passjagd ist die tierschonendste Jagdmethode, weil keine Störung erzeugt wird.» Das Tier wird nicht aktiv gestört – aber der Ort seiner natürlichen Bewegung wird zur Gefahrenzone. Wiederkehrende Präsenz an fixen Wechselstellen verändert das Raumverhalten, erhöht den Energieverbrauch und erzeugt physiologisch messbaren Stress. Kein Schuss, kein Hund, keine Treibergruppe – aber trotzdem chronische Bedrohung.

«Fehlabschüsse geschützter Beutegreifer sind seltene Ausnahmen.» Sie sind dokumentiert und wiederholt eingetreten. Für Wölfe und Luchse mit kleinen Beständen ist jeder Fehlabschuss populationsrelevant. Dass die Mehrheit der Jägerinnen und Jäger die Methode korrekt anwendet, ändert nichts am strukturellen Risiko: Wer nachts auf ein sich bewegendes Tier mit ähnlicher Silhouette schiesst, kann bei eingeschränkter Sicht falsch liegen – und muss damit rechnen.

«Passjagd auf Fuchs ist nötig, weil Füchse Niederwild schädigen.» Diese Aussage verlangt Belege: Welche Population leidet in welchem Revierbereich unter welchem messbaren Einfluss welcher Fuchspopulation? In den meisten Fällen fehlt dieser Nachweis. Fuchspopulationen regulieren sich in der Regel selbst. Und dort, wo ein echter Konflikt besteht, sind Prävention und Lebensraumverbesserung für das betroffene Niederwild wirksamer und nachhaltiger.

«Passjagd ist in der Schweiz legal und normiert.» Dass etwas legal ist, bedeutet nicht, dass es ethisch vertretbar ist. Bis heute fehlen eine unabhängige Statistik zu Fehlabschüssen auf der Passjagd, ein öffentliches Register der Luderplätze und ein Monitoring des Einflusses auf Wildtierpopulationen in Schutzgebieten. Legale Praxis ohne Transparenz ist kein Tierschutzstandard.

Beiträge auf Wild beim Wild:

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Unser Anspruch

Die Passjagd gilt als die ruhigste Form der Hobby-Jagd. Dieses Dossier zeigt, warum «ruhig» nicht «harmlos» bedeutet: Wiederkehrende Präsenz an natürlichen Bewegungsrouten erzeugt physiologisch messbaren Stress, Luderplätze schaffen strukturelle Fehlabschussrisiken für geschützte Arten, und die wissenschaftliche Datenlage belegt, dass menschlicher Jagddruck für Wildtiere belastender ist als die Präsenz natürlicher Beutegreifer. IG Wild beim Wild fordert Transparenz, unabhängiges Monitoring und den Vorrang nicht-tödlicher Alternativen. Wer einen konkreten Fall aus der Passjagd kennt oder eine Frage zur Rechtslage hat, kann sich an uns wenden: Kontakt.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.